Heinz-Walter Hoetter

Die Arche Noah der Tahleikonier

Das gigantische Kugelraumschiff durchflog mit irrsinniger Geschwindigkeit die unendlichen Weiten des Alls. Vorbei ging der einsame Flug an riesige, intergalaktische Nebel, die wie bunte Schleier leuchteten und die Sicht auf die Sterne verdeckten.

 

Dann tauchte plötzlich ein System mit einer Anzahl Planeten auf, von denen einige aussahen wie riesige Eisbälle, die zudem noch von glitzernden Ringen aus Eiskristallen umgeben waren. Sie befanden sich weit weg vom heißen Mittelpunkt ihres Zentralgestirns, irgendwo da draußen schon fast am Rande des Nichts, wo kein wärmender Sonnenstrahl den toten Permafrostboden ihrer Planetenoberfläche erreichen konnte.

 

Im Zentrum des Systems befand sich eine rötlich aussehende Riesensonne mit einer Korona, deren äußere Gasschichten kontinuierlich in die interplanetarische Materie übergingen. Das Sonnensystem lag offenbar in Agonie.

 

Der Kugelraumer raste unbeeindruckt davon an der Sonne samt ihren peripheren Eisplaneten vorbei – und der Flug ging weiter durch nahezu leere Systeme, wie durch jene, die noch ihrer Entstehung harrten.

 

Das gewaltige Raumschiff erhöhte kontinuierlich seine Geschwindigkeit, bis es nahezu so schnell wie das Licht selbst war und ganz plötzlich, von einer Sekunde auf die andere, in einem kurzen, grell aufleuchtenden Lichtblitz verschwand.

 

Millionen Lichtjahre entfernt tauchte es ebenso abrupt wieder in der unmittelbaren Nähe eines blauen Planeten auf, der mit einem Mond zusammen in einer elliptischen Bahn um ein helles Zentralgestirn dahinzog.

 

***

 

Es war ein herrlich schöner Sommertag mit einem Tinten blauen, wolkenlosen Himmel, einer sanften, angenehmen Brise aus östlicher Richtung. Manchmal trug der säuselnde Wind das leise Hintergrundrauschen eines Meeres herüber.

 

Ich glaube, da ist es“, sagte eine weibliche Stimme, die von FEHM stammte

 

Wo?“ fragte MHAS, die männliche Stimme zurück.

 

Dort!“

 

MHAS benötigte einige Momente und blickte gespannt nach oben.

 

Ja, jetzt sehe ich das Raumschiff auch. Du hast wirklich gute Augen FEHM.“

 

Ich weiß“, antwortete diese etwas einsilbig.

 

Der Punkt am Zenit des Himmels wurde schnell größer und größer. Er war fast so hell wie ein Stern, raste so schnell wie ein Meteor und zog einen langen Kondensstreifen hinter sich her. Während das kugelförmige Flugobjekt immer näher kam, wurden dafür umso mehr seine riesenhaften Dimensionen offenbar.

 

Nach einigen weiteren Augenblicken hatte der fallende Meteor bereits die Ausmaße eines kleinen Mondes angenommen und lautes Donnergetöse erfüllte die Atmosphäre.

 

Der gewaltige Kugelraumer setzte erstaunlich sanft auf. Das dumpfe Grollen der Antimaterie-Triebwerke versiegte mehr und mehr zu einem leisen Surren, bis es schließlich verstummte.

 

FEHM drehte sich um und verließ MHAS, der ihr aber kurz darauf folgte. Sie hatten vielleicht gerade mal die halbe Strecke bis zu dem Kugelraumschiff zurückgelegt, als mitten zwischen den riesigen Öffnungen der Triebwerke eine Art Rampe herausgefahren wurde. Sie erreichte den Boden, setzte sanft auf und verweilte dort regungslos. Oben öffnete sich ein riesiges Schott, und aus der dahinter sichtbar werdenden gelblich roten Dämmerung trat ein alter Mann in einem langen weißen Gewand hervor, der mit ungewöhnlich forschen, weit ausholenden Schritten auf FEHM und MHAS zuzueilen begann.

 

General KIRION!“ rief FEHM und begann zu laufen. Auch MHAS wurde schneller und lief seiner Raumschiff-Kommandantin hinter her.

 

Der alte Mann hob warnend den rechten Arm als Aufforderung der respektvollen Zurückhaltung der beiden ihm gegenüber und begann mit einer klärenden Feststellung.

 

FEHM und MHAS, ihr habt wirklich gute Arbeit geleistet. Seit über einhundert Sonnenumläufen irdischer Zeitrechnung haben wir nichts mehr von euch gehört, bis eure Erfolgsnachrichten plötzlich unsere Hyperraum-Empfänger erreichten. Wir waren mehr als nur überrascht, denn die meisten der hinaus geschickten Planetensucher sind nicht zurück gekehrt und blieben im Universum verschollen. Doch ihr habt es geschafft. Die menschliche Rasse ist, Dank unserer tödlich wirkenden Mikroorganismen, völlig ausgelöscht worden. Jetzt sind wir die Herren dieses Planeten. Ich bringe heute unsere eigene Flora und Fauna mit, die sich bereits im Zustand der intelligenten Anpassung befindet und bald den ganzen Planeten erobern wird. Weitere Raumschiffe sind unterwegs mit Millionen erwartungsvoller Kolonisten an Bord. – Der Rat von Tahleikon I ist euch zu großem Dank verpflichtet. Ihr seid zu Helden geworden und habt unsere Rasse dazu verholfen, weiterexistieren zu können. Lasst uns jetzt weitere Einzelheiten der Besiedelung der Erde besprechen, die wir den Namen Tahleikon II geben werden.“

 

Das Raumfahrerpärchen nickte bestätigend und beide gingen kurz darauf mit dem alten Mann zurück in den Kugelraumer.

 

Das folgende Missionsbriefing war alles andere als kurz und beanspruchte den Rest des Tages. Der Plan, den der tahleikonische Generalstab ausgearbeitet hatte, enthielt unter anderem die sofortige Freisetzung ganz bestimmter Pflanzen und Tiere, die den Tahleikoniern als Grundnahrungsmittel dienten. Viele der mitgebrachten Tierarten konnte man sogar mit den vorhandenen Tieren auf der Erde genetisch kreuzen, was ein großer Vorteil war.

 

Der Countdown lief. Die Szene war historisch denkwürdig.

 

Das Raumschiff öffnete rundherum ein Dutzend mächtiger Schleusentore und bald verließ ein ununterbrochener Strom seltsam aussehende Tiere den Bauch des gigantischen Kugelraumers. Neugierig und ängstlich nach allen Seiten blickend schwärmten sie hinaus in eine Welt, die einmal vor langer Zeit die Heimat des Homo sapiens sapiens war.

 

Aber das war einmal und ist schon lange her.

 


ENDE

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