Claudia Savelsberg

Ein sanfter Tod

Doris fuhr mit Jürgen ins Krankenhaus, um seine alte Mutter zu besuchen. Jürgen hatte sich zuerst geweigert; denn er hasste Besuche im Krankenhaus. Die ganze Atmosphäre dort, die typischen Gerüche, die sich zusammensetzten aus Desinfektionsmitteln und dem Essen aus der Großküche. Niemand besucht gerne ein Krankenhaus. Niemand besucht gerne seine todkranke alte Mutter.

Doris und Jürgen waren kein Paar, sie waren sehr gute Freunde. Doris liebte Jürgens Mutter, die von allen Lotti genannt wurde. Sie war eine zauberhafte alte Dame, und sie liebte Doris wie eine Tochter. Einmal sagte sie: „Ich habe ja leider nur drei Söhne. Ich hätte gerne eine Tochter gehabt. Willst du nicht Mutti zu mir sagen?“ Fortan sagte Doris Mutti, und die alte Dame strahlte glücklich.

Lotti konnte bisweilen schwierig sein und richtig bockig werden. Die alte Dame hatte eben einen Dickkopf, an den sich Doris, die in bestimmten Situationen auch bockig sein konnnte, schnell gewöhnte. Sie kaufte für Lotti, die das Haus kaum noch verlassen konnte, ein. Sie machte ihr jeden Morgen Frühstück, und abends schaute sie nach ihr, schüttelte das Bett auf und stellte ihr Mineralwasser auf den Nachttisch. Sie putzte die Wohnung und die Fenster. Sie war da, wenn der Arzt einen Hausbesuch machte. Sie lackierte ihr die Fingernägel und legte ihr Ohrringe an. Wenn Lotti einen Termin bei einem auswärtigen Arzt hatte, dann musste sie im Rollstuhl sitzen. Anders hätte sie das Haus nicht mehr verlassen können. Doris begleitete sie und schob den Rollstuhl durch endlos lange Gänge. Einmal sagte sie: „Mutti, wir haben mit dem Rollstuhl hier freie Bahn. Soll ich mal richtig Gas geben?“ Lotti genoss es, und wenn man Doris für ihre Tochter oder Schwiegertochter hielt, dann widersprach sie nicht. Doris liebte Lotti wie eine Mutter, und Lotti liebte Doris wie eine Tochter.

Doris hatte Jürgen geradezu zu dem Krankenhausbesuch genötigt; denn sie hatte ein ungutes Gefühl. Mittlerweile waren bei Lotti alle medizinischen Maßnahmen ausgeschöpft, und es konnte keine neue Diagnose mehr gestellt werden. Die Ärzte wollten die alte Dame auch nicht mehr belasten. Jürgen verdrängte diese Tatsache. Doris schwieg lieber, weil sie ihrem Freund nicht sagen wollte, was sie ahnte.

Jetzt saßen sie zusammen an Lottis Bett. Die alte Dame starrte teilnahmslos an die Decke und schwieg. Jürgen verließ das Krankenzimmer, weil er sich beim behandelnden Arzt erkundigen wollte, ob man seine Mutter am nächsten Tag wieder nach Hause holen konnte. Im Krankenhaus konnte man ihr offensichtlich nicht mehr helfen.

Doris setzte sich an den Bettrand und sagte: „Mutti, schau mich doch bitte an.“ Und Lotti schaute sie an. Doris nahm ihre Hand: „Wir wollen dich wieder nachhause holen.“ Die alte Dame lächelte plötzlich. Doris fuhr mit sanfter Stimme fort: „Wenn du wieder zuhause bist, dann komme ich jeden nachmittag und dann trinken wir einen Cappucino, und dann hole ich dir vom Bäcker einen Bienenstich, den du so sehr magst. Und ich kaufe dir wieder deine Zeitschriften.“ Die alte Dame lächelte wieder. Doris drückte ihre Hand: „Und dann machen wir uns beide mal richtig hübsch. Ich lackiere dir die Fingernägel, und dann bekommst du die schönen Ohrringe, und dann geben wir beide mit dem Rollstuhl nochmal richtig Gas.“ Die alte Dame lächelte und erwiderte den Händedruck. Doris wusste, dass Lotti das Krankenhaus nicht mehr verlassen würde, aber sie sprach mit sanfter Stimme weiter und steichelte ihre Hand. Die Bettnachbarin sagte zu Lotti: „Sie haben wirklich eine ganz zauberhafte Schwiegertochter.“

Jürgen kam zurück in das Krankenzimmer und drängte auf einen schnellen Aufbruch. Es ging über seine Kräfte. Sie verabschiedeten sich von Lotti. Doris drückte ihre Hand, streichelte ihre Wangen und küßte sie zart auf den Mund. In der Tür des Krankenzimmers drehte sie sich noch einmal um. Die alte Dame lächelte noch immer.

Auf dem Flur sagte Jürgen: „Die Ärzte haben gesagt, dass meine Mutter die Nacht nicht überleben wird.“ Schweigend drückte Doris seine Hand. Die alte Dame starb um vier Uhr früh. Die Ärzte teilten Jürgen mit, dass sie ohne Kampf und Schmerzen eingeschlafen war. Ein sanfter Tod!

Doris trauerte um Lotti, die sie wie eine Mutter geliebt hatte. Aber gleichzeitig fühlte sie so etwas wie Erleichterung; denn die alte Dame hatte nicht leiden müssen. Sie war einfach eingeschlafen. Ein sanfter Tod!

Vielleicht hatte Lotti an diesem Tag ihren Tod vorausgeahnt. Vielleicht hatte sie den Worten von Doris nicht mehr geglaubt, weil sie wusste, dass sie nicht mehr nachhause kommen würde. Aber vielleicht waren die sanften Worte von Doris doch noch in ihrer Seele angekommen. Capuccino trinken und Bienenstich essen. Lackierte Fingernägel und mit dem Rollstuhl noch einmal Gas geben. Vielleicht hatte ihr dies zu einem sanften Tod verholfen.

Bei der Beerdigung gab Doris der alten Dame, die sie wie ein Mutter geliebt hatte, eine rote Rose mit ins Grab. Dabei erinnerte sie sich an das Lächeln, das Lotti ihr geschenkt hatte. Es war alles gut. Sie war sanft eingeschlafen. Mehr kann man einem Menschen, den man liebt, nicht wünschen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.01.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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