Herrmann Schreiber

Beim Barras

Warum gerade der Name eines französischen Generals als wenig respektvolle Bezeichnung für die deutsche Wehrmacht verwendet wurde, habe ich nie begriffen. Aber ich war ab 1942 dabei. Erst Ausbildung, als Funker, dann, nach einigen Monaten Tschechien, Anfang 1943, Einsatz in dem Land, welches damals Jugoslawien hieß. Zunächst waren wir in Požarevac. Später ist diese Stadt als der Geburtsort von Slobodan Milošević, serbischer Diktator, bekannt geworden. Geboren ist er 1941, also war er damals zwei Jahre alt. Vielleicht bin ich ihm begegnet?

Jugoslawien wurde damals regiert von General Nedić, der die deutsche Kriegsführung unterstützte. Als Gegner im eignen Lande hatte er die Royalisten, die Kommunisten unter Tito, die Tschetniks unter Mihailović, und andere, kleinere Gruppen. Um sie zu bekämpfen, hatte er, mit deutscher Unterstützung, eine eigene Truppe gebildet, die „Srpski Dobrovolski Vojniči“ (serbische freiwillige Soldaten). Diese Truppe hatte jedoch weder Funkgeräte noch dafür ausgebildete Leute. Diese wurden von der deutschen Wehrmacht gestellt.

Beim deutschen Heer wurden, vom Regiment an aufwärts, spezielle Kompanien für den Funkbetrieb eingesetzt. Bei den Bataillonen gab es jeweils meist nur drei Funktrupps. Jeder bestand aus drei Mann, einer der Trupps war beim Bataillonsstab, die anderen zwei wurden zu den Kompanien geschickt, bei denen sie gebraucht wurden. Genauso war das bei den verbündeten Serben organisiert. Neun Mann wurden zu dem bei Požarevac stationierten serbischen Bataillon abkommandiert. Drei Mann, mit einem Unteroffizier, für den Bataillonsstab, zwei der Trupps zu drei Mann zu zweien der Kompanien.

Als Gefreiter hatte ich den einen Trupp zu leiten. Wir hatten einen Dolmetscher, er hatte im Import/Export gearbeitet und sprach recht gut deutsch. Ich glaubte seinen Andeutungen entnehmen zu können, dass er auf Grund einer begangenen Indelikatesse Zuflucht zur Armee genommen hatte. Ich nahm an, dass er so etwas wie den Import in seine Tasche betrieben hatte. Er hielt sich nur bei unserem Funktrupp auf, wenn es einen Funkspruch zu übersetzen gab, und das war nicht oft.

Die serbische Truppe bestand nur zu einem sehr geringen Teil aus politisch Überzeugten. Manche waren aus Abenteuerlust gekommen, die meisten wohl aus rein wirtschaftlichen Gründen. Angenommen wurden sie ab dem Alter von 14 Jahren. Die Jüngsten blieben allerdings beim Tross, ich sah nur solche ab 16. Alle waren sehr freundlich zu uns, und ich wollte gern verstehen, was sie mir zu sagen hatten. Ich schrieb also meinem Vater um ihn zu bitten mir einen Sprachführer zu schicken. Mit ihm, und der Hilfe der serbischen Soldaten, lernte ich bald so viel, dass ich mich einigermaßen verständigen konnte.

In meinem Sprachführer hatte ich gelesen, dass es im Serbischen sieben Deklinationsfälle gäbe. Außer den vier bei uns üblichen, war da einen Vokativ, einen Lokativ und einen Instrumental. Den Vokativ kannte ich aus der Schule, von Latein und Griechisch. Der Lokativ – ich hatte schon bemerkt, dass auf die Frage „wo“ etwas kam, das in der Regel mit „u“ aufhörte, wie „u Beogradu“ – in Belgrad.

Nur der Instrumental blieb mir ein Rätsel. Im Sprachführer war nur von einer Wortendung „om“ die Rede. Dann wurden wir eines Tages zu einer anderen Kompanie verlegt. Dort fragte mich einer der „Waffenbrüder“ (intern auch mit „Beutegermanen bezeichnet), mit welchem Transportmittel wir gekommen seien. Ehe ich die Frage verarbeitet hatte, legte er nach; ‚kamionom?’ Kamion (Lastwagen) mit Wortendung ‚om?’ Sofort wurde mir die Bedeutung des ‚Instrumentales’ klar: der Lastwagen war das Instrument, mit dem wir transportiert worden waren.

Auf solche nicht konventionelle Weise lernte ich viel Wörter und Grammatik. Das ging viel schneller und viel nachhaltiger als das Lernen in der Schule.

*

Wir zogen von Dorf zu Dorf, um etwaige Partisanen zu vertreiben. Manchmal wurde die Kompanieführung zum Abendessen eingeladen und, sobald ich einigermaßen mitreden konnte, wurde ich aufgefordert, als Vertreter der Macht, mitzukommen. Einmal gab es am Spieß gebratenen Hammel, mit einer dicken Salzkruste bedeckt und auch sonst gut gewürzt. Dazu ein Getränk, das man mir, mit geheimnisvollem Lächeln als ‚srpski čaj’ (serbischer Tee) bezeichnete. Zu dessen Aufguss war sicher mehr Slivowitz als Wasser verwendet worden.

Feindberührung hatten wir nur einmal. Wir blieben mit unserem Funkgerät im sicheren Hintergrund, als die Kompanie ein Lebensmittellager stürmte. Zu Schaden kam niemand, der Gegner ergriff die Flucht. Aber die Beute war beträchtlich. Geräuchertes Fleisch, Butter, Hülsenfrüchte und eine große Anzahl von Flaschen. Volle Flaschen.

Über Funk kam dann die Nachricht – auf Deutsch – dass wir Gefahr liefen, eingekesselt zu werden. Ich suchte den Dolmetscher – und fand ihn vom Alkoholgenuss betäubt unter einem Busch liegen. Das war also die „Indelikatesse“ die er begangen hatte. Er war nicht wach zu bekommen. Also ging ich zum Kompaniechef und teilte ihm die Funknachricht mit. „Umzingeln“ wusste ich nicht, aber mit umständlicher Umschreibung und mit den Händen konnte ich es erklären. Wir zogen uns zurück.

Dann blieben wir wieder lange Zeit am gleichen Ort. Ab und zu hörte ich was die serbischen Soldaten erzählten. Einer berichtete, er sei gegen den Willen seiner Familie zur Armee gegangen, ein anderer, noch recht junger, war von seinem Stiefvater, der ihn loswerden wollte, im Rekrutierungsbüro eingeschrieben worden.

Besonders auffällig war Radovan. Er sprach oft, laut und deutlich, von seinen politischen Überzeugungen. Soweit ich das verstehen konnte, war da vom „baldigen und endgültigen Sieg der serbischen Erde“ die Rede, oder vom „nutzlosen Streit der bolschewistischen Horden“, auch von der „nicht zu unterschätzenden Stärke der zu vernichtenden politischen Gegner“ und ähnliches irres Zeug. Die anderen Soldaten hörten ihm gern zu, ohne ihn ernst zu nehmen und erklärten mir, was ich nicht verstand.

Dann war Radovan mehrere Wochen nicht mehr da, was mir zunächst gar nicht auffiel. Seinen Namen hörte ich erst wieder von drei seiner Kameraden, die eines Abends von einer ganztägigen Abwesenheit zurückgekommen waren. Blass, traurig, niedergeschlagen, enttäuscht berichteten sie, sie hätten, weil sie Radovans Freunde waren, bei dessen standrechtlicher Erschießung zusehen müssen. Er hätte zwar immer geleugnet, ein feindlicher Spion zu sein, aber erdrückende Beweise lägen gegen ihn vor. Er habe laufend mit feindlichen Agenten verkehrt, man habe bei ihm feindliches Propagandamaterial gefunden, er habe bei seiner Dienststelle wichtige geheime Schriftstücke entwendet um sie dem Feind zukommen zu lassen, und anderes mehr.

Als er dem Hinrichtungskommando gegenüberstand, berichteten seine Kameraden, hätte Radovan noch erklärt, dass er nur mit den feindlichen Agenten gesprochen hätte, um sie zu bekehren, dass die aus seiner Dienststelle entwendeten Dokumente die friedlichen Absichten seiner Miliz beweisen sollten. Gewiss, er sei unvorsichtig und gutgläubig gewesen. Wenn er deswegen den Tod verdient hätte, würde er ihn gern hinnehmen, denn seine Kameraden müssten gewarnt werden. Auch seine Familie wolle er um Entschuldigung bitten, hätte er angefügt, seine Brüder sollten nicht so handeln wie er. Zuletzt hätte er gesagt: „So, nun schießt!“

Vielleicht habe ich da manches falsch verstanden. Aber ich hatte den Eindruck, dass Radovan viel zu naiv war, um ein absichtlicher Verräter sein zu können, und zu wenig intelligent, um ein Spion zu werden. Oder wollten die serbischen Militärs nur ein „Exempel statuieren“ um die „Moral der Truppe“ zu heben?

Zu mir haben meine serbischen Mitstreiter nicht über die Angelegenheit gesprochen. Vielleicht betrachteten sie den Vorfall als rein serbisches Problem, vielleicht wollten sie nur ungern eingestehen, dass so etwas bei ihnen geschehen konnte. Solche Dinge sollen jedoch auch anderweit vorgekommen sein.

Ich hoffte später noch Einzelheiten über den Fall Radovan zu erfahren, aber dem sollte nicht so sein. Im August 1943 wurden wir nach Griechenland verlegt. Die Italiener, die bis dahin das Land besetzt hatten, machten nicht mehr mit. Also musste ich nun Griechisch lernen, ohne mein Serbisch zu vergessen. Denn das konnte ich auf dem Rückweg noch gut gebrauchen!

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.01.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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