Ralph Bruse

Das fünfte Haus

Das fünfte Haus
  
Im Winter, wenn es duster wird und schneit, sitzt Herr Wittfoth*
in seinem morschen Anbau. Er hat alles im Blick - das Dorf, den
Teich, den Weg rauf, zur Straße. Ein halber Kilometer etwa, bis
zur Busbude, an der Straße - für ihn ein langer Marsch. Zu lang.
Den schenkt er sich. Weil seine Regungen ohnehin keinem D-Zug
ähneln; nicht mal einem Bummelzug und weil es so schön rie-
selt, da draußen, bleibt er lieber drinnen und sieht den Flocken  
beim Trudeln zu. Er trudelt auch etwas. Sein Kopf, genauer ge-
sagt. Kein Wunder, wenn man Stunde um Stunde im Kabuff sitzt
und nichts tut, außer dösen und ab und zu jemanden grüßen.
Nur:  wen  grüßt er? Da draußen war heut’ jedenfalls noch keiner.
Und gestern auch nicht. Vor einem Jahr hätte er winken sollen; da

hätte sicher jemand seinen Gruß erwidert. Aber jetzt ist Stille....
Sieben Häuser. Alle leer. Nur drüben, im zweiten Haus, gleich ne-
ben dem halbverfallenen Konsum - da brennt noch Licht. Doch da
wohnt niemand. Das Licht brennt nur, weil die einstigen Bewohner
vergaßen, es auszumachen. Und Herr Wittfoth hat keine Lust, es
auszuknipsen. Wozu auch? Er denkt zwar öfter dran, mal aufzuste-
hen, um dem gelben Gefunzel endlich den Stromfluss zu kappen -
meist im Sommer. Jetzt ist aber tiefster Winter, und die Nächte
sind ewig lang. Da macht sich das Licht, gegenüber, schon ganz gut.
Wirklich nützlich ist es nicht, weil ja keine Menschenseele was da-
von hat - außer ihm natürlich. Kann sein, daß er es als den letzten,
magischen Stern sieht - als gelobtes Land in naher Ferne, das ihm
allein gehört. So muß es sein...Er ist Käptn in seinem unbewegli-
chen Kahn und hält stramm Kurs. Welchen Kurs genau, das weiß

er nicht. Was er jedoch weiß ist, daß er sich nicht rühren wird, so-
lang’ da draußen keiner seinen Gruß erwidert - ist ja mal klar - 
jedenfalls für ihn. Soviel Stolz sollte ein Käptn einfach haben.
  
Zu dunkler Stunde - also in jenen ewig langen Nächten, als es
fast ununterbrochen schneite - da kam doch endlich jemand an
seinem, dem fünften Haus, vorbei. Der oder die Fremde hob den
Arm und winkte dem Mann im Anbau, als würden sie sich kennen.
Der dösende Herr Wittfoth wiederum war so perplex, daß ihm Ell-
bogen und Hände unter’m aufgestützten Kinn wegsackten. Seit  
Tagen, oder Wochen, sitzt er nun hier und keiner strolcht vorbei.
Und plötzlich läuft da einer durch den Schnee - ein Mensch; noch
dazu ein Bekannter - zumindest scheint es so. Da gilt die Devise:
jetzt aber hurtig!
Er springt vom Stuhl. Na ja, springen ist zuviel gesagt. Er versucht,
zu springen, was aber misslingt; Herr Wittfoth kippt nämlich erst-
mal nach vorn, wegen der mächtig dicken Wampe, die nach unten
zieht. Er hat Glück, daß sein Kopf nicht ans Fenster schlägt, oder
schlimmer: direkt hinein. > Zu lang’ gefaulenzt, alter Knabe, < nu-
schelt er, bevor er auf den Dielenboden kracht. Im gleichen Mo-
ment ist ihm, als wolle jemand seine Worte bestätigen, denn er  
hört rauhe Stimmen an der Tür. Schließlich öffnet sich die Tür mit
knirschendem Gequietsche. Schnee stiebt herein. Er liegt noch am
Boden; reisst die Augen auf; kneift sie wieder; erkennt, daß zwei
Hände im Halbdunkel auf ihn zukommen - nur diese Hände sieht
er - und dahinter keine konkrete Gestalt, sondern eine, die sche-
menhaft und flüchtig daherkommt...  
Ihn packt blankes Grauen!
Dann aber werden die Kontouren des Fremden feiner. Funkelnder
Schnee auf dunkler Kleidung... Noch kein Gesicht auszumachen...
Nur Hände, die ihm hochhelfen...Er kann einfach nicht genug er-
kennen, im Halbdunkel. Das wurmt ihn. Dennoch bedankt er sich
für die Hilfe; oder: will es gerade tun. Die Worte ersticken schon
im Ansatz.
Er sieht besser...Der Fremde ist eine Frau. Von ihrem Mantel
tropft Nässe. Die dunklen Kleider der Fremden sind seine eige-
nen, und von draußen weht böig der Wind herein.
Weg. Da ist niemand mehr. Vielleicht war da auch niemand.
> Spinner, elender! Hast se ja nicht mehr alle!, < mault er. > Zu-
viel Schnaps, zu wenig Schlaf. Das hält kein Gaul nich’ aus. <
Er kämpft sich hoch; stolpert zur sperrangelweit aufstehenden
Tür; schlägt sie zu. > Geschafft! <  
  
Einstweilen verstummt der eisige Wind. Und Herr Wittfoth ver-
stummt. Er latscht in die Küche; öffnet ein Glas mit wabbeligem
Inhalt. Sauerfleisch. Hat Margret vor zwei Jahren eingekocht.  
> Nu’ isse nich’ mehr, die Gute...Na, wenigstens hat se genug
Proviant dagelassen. <  
Er langt ins Glas; mit der Hand; ganz ungeniert; zieht Schwarte  
und klare Wackelmasse hoch; schmatzt ausgiebig; lässt während-
dessen den Blick rein zufällig und doch einer Eingebung folgend,  
ans Fenster wandern; nach draußen, am Dorfteich lang, den zu-
gewehten Weg, hoch, zur Straße - wieder zurück, zum Haus, ge-
genüber...Halt! Das Licht ist aus...Da drüben ist es stockfinster!
Ehe er die Tatsache richtig wahrnimmt, geht in seinem Anbau
grelles Festtagslicht an...Das Glas mit dem Sauerfleisch kracht
zu Boden. Und eine Stimme sagt: > Wer ist da?! <
Seine Stimme.  
Urplötzlich ist da aber noch eine zweite Stimme - viel leiser; säu-
selnd fast, und warm - ja warm. Er kann diese Wärme spüren;  
doch er sieht nichts, weil das grelle Licht blendet. Natürlich fürch-
tet er sich; jedoch nicht wesentlich mehr, als sonst. Er ist vielmehr
gespannt auf das, was da kommt. Ist unheimlich gespannt...! Er  
kann warten. Nichts leichter, als das. Warten ist seine Stärke.
Vermutlich hat sich die unheimliche Frau wieder ins Haus ge-
schlichen.
So wird es sein. Sie ist da....Gut so.
Schnaufend bückt er sich nach den Scherben. In dem Augenblick
zerberstet ein hartes Etwas auf seinem Hinterkopf.
Aus. Das Leben ist vorbei, Jörg Wittfoth. Schlagartig vorbei - in
wahrstem Wortsinn.
  
Morgens; früh; kommt er zu sich. Das Haus sieht geplündert aus.
Hier sieht es seit langem geplündert aus, aber jetzt ist es ganz
schlimm. Sämtliche Möbel sind weg. Nur der schäbige Stuhl im
Anbau ist noch am alten Platz. Den wollte offenbar keiner, weil
man ihm von Weitem ansieht, daß er vom Sperrmüll ist.
Gähnende Leere im Haus. Erstmals fühlt sich Herr Wittfoth wirk-
lich verlassen. Draußen, der Ort: ebenso verlassen. Das Licht, ge-
genüber: aus. Nur er ist noch da; hält hier die Stellung; steuert  
sein unbewegliches Schiff nach Nirgendwo; vielleicht in Rich-
tung Untergang. Wenn’s denn so sein soll: fertig, zum Untergang!
Der Käptn verlässt als Letzter den sinkenden Kahn.
  

2.
Soweit die Geschichte meines Großvaters. Daß sie kein Happy
End hat, ist nicht meine Schuld - und seine erstrecht nicht.
Manchmal besuche ich ihn im Pflegeheim, oder: Komödiensta-
del, wie er es nennt. Von dem Schlag am Kopf (übrigens ohne je-
de Fremdeinwirkung entstanden) ist ein Dachschaden geblieben.
Trotzdem erzählt er seine Geschichte mindestens - wenn nicht  
noch öfter - präzise und ohne Aussetzer: erzählt von jenen Winter-
nächten, als es schneite - so schön schneite; daß er die Nähe der
wundersamen Frau ganz deutlich spürte. Ganz weiss war sie, schon
halb erfroren, und er holte sie rein.  
> Deine Oma is’ immer gut, für ‘ne Überraschung, Jung’, < sagte   

er voller Überzeugung.
  
Fast wär sein inniges Rufen wahr geworden, Oma zurückzuholen.
Doch dann stellte er fest, daß mit ihr auch andere Untote ins Dorf
kamen.  
> Die war’n mit auf dem Schiff, das neulich Nacht einlief...Lauter
Piraten, garantiert! Die Lumpen haben alles vermasselt!, < schwor
er.
Mensch, Opa.
  
Letzte Woche ist er eingeschlafen. Als sein Atem anhielt, heulte
ich, wie unsere Werftsirene.
> Nehm’ wir halt das nächste Schiff, < meinte er lächelnd, ehe
seine Hände seitwärts fielen.
>  Welches Schiff, Opa???, < schrie ich ihm nach.
Doch da reiste er schon.
  
  

 (c) Ralph Bruse
https://dichterstube.jimdo.com




(* Name geändert)


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.01.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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