Claudia Savelsberg

Ein Bulle auf zwei Beinen

Meine Freundin Silvia, ausgebildete Sozialpädagogin, ist Hobbylandwirtin und hat dreizehn Rinder. Ich liebe Hunde, und ich liebe Pferde, aber vor Kühen habe ich Angst. Trotzdem begleitete ich meine Freundin zur Weide, um ihr beim Füttern der Tiere zu helfen. Auf Zuruf setzte sich die Herde in Bewegung. Allen voran ein Koloss, der auf das Gatter zulief. Es war eine Bulle namens Egon. Silvia sagte: „Wenn ein ausgewachsener Bulle angetrabt kommt, kann man schon mal das Gefühl haben, dass ein Kleinwagen auf einen zurollt.“ Ihre Worte konnten mir leider keine Sicherheit vermitteln. Ich zog es vor, mich fünf Meter vom Gatter zu entfernen und dieses massige Tier lieber aus sicherer Entfernung anzuschauen. Silvia war offensichtlich amüsiert.

Einige Wochen später war Egon nicht mehr auf der Weide, und ich fürchtete, dass man ihn in der Zwischenzeit zu Wurst oder Gulasch verarbeitet hätte. Meine Freundin Silvia gab Entwarnung. Egon hatte auf der Weide gewissenhaft seine männliche Pflicht bei allen Kühen erfüllt. Ein Bulle muss tun, was ein Bulle tun muss. Jetzt hatte sie Egon auf eine andere Weide gebracht. Ich schaute blöd, was ich in bestimmten Situationen gut kann. Fragezeichen in den Augen. Silvia sagte: „Auf der neuen Weide sind ja auch Kühe.“ Ich schaute immer noch blöd, und meine Freundin erklärte es mir gewissermassen kindgerecht: „Ein Bulle muss regelmäßig seinem Geschlechtstrieb folgen können.“ Da hatte ich es kapiert. Meine Freundin ist eben ausgebildete Sozialpädagogin.

Ich lernte einen netten und charmanten Mann kennen, in den ich mich Hals über Kopf verliebte. Wir hatten in jeglicher Beziehung viel Spaß, um es dezent auszudrücken. Manchmal muss ein Mann tun, was ein Mann tun muss. Ich hatte auch nichts dagegen. Aber unsere Vorstellungen harmonierten nicht. In meiner grenzenlosen Verliebtheit wünschte ich mir eine feste Beziehung, was offensichtlich nicht sein Ding war. Wenn wir verabredet waren, ließ er mich einfach sitzen und meldete sich auch nicht. Nach zwei Wochen wollte er mich dann doch wiedersehen, aber ich hatte den Eindruck, dass es ihm dabei nur um eine bestimmte Art von körperlicher Betätigung ging, um es wiederum dezent auszudrücken.

Ich hatte Liebeskummer und heulte Silvia die Ohren voll. Warum hatte der Mensch mir nicht einfach offen und ehrlich gesagt, dass ich für ihn nur eine Affaire war? Sie sagte nur: „Der Kerl ist ein Arschloch.“ Damit hatte sie es auf den Punkt gebracht, aber sie ist ja auch eine ausgebildete Sozialpädagogin.

Ich bin eine Frau, und ich bin blond. Aber ich kann tatsächlich denken. Unfassbar, oder? Dieser Kerl benahm sich auch nicht anders als Egon, er war quasi ein Bulle auf zwei Beinen. Als er sich wieder einmal mit mir treffen wollte, schickte ich ihn auf eine andere Weide. Ich bin doch keine dumme Kuh. Sollte er doch woanders sein „Egon-Ego“ austoben. Auf diese Formulierung war ich dann richtig stolz, jawoll!

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.01.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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