Heinz-Walter Hoetter

Der tollpatschige Riese

Der Riese Löwenzahn war ein richtiger Tollpatsch. Überall hinterließ er eine regelrechte Katastrophe. Wenn er durch die Landschaft stapfte, verwandelte er nicht selten schon mal hier und da ein Haus in einen hässlichen Trümmerhaufen oder knickte aus lauter Unachtsamkeit Laternen oder große Bäume um, sodass die Leute jedes Mal die Flucht ergriffen und sich vor ihm in Sicherheit brachten.

 

Gott sei Dank konnte man ihn schon kilometerweit hören, wenn er auf seinem Weg durch Wald, Wiesen und Felder polterte.

 

Die Leute machten sich bald große Sorgen um den Riesen Löwenzahn, der eigentlich früher mal ein ganz netter Kerl gewesen war. Irgendwas stimmte schon seit einiger Zeit mit ihm nicht mehr. Aber die Menschen in Stadt und Land wussten nicht, was mit ihm los war. Deshalb konnten sie ihm auch nicht helfen.

 

Glücklicherweise kam eines Tages ein Doktor in die Stadt und die Bewohner baten ihn sofort darum, dem Riesen Löwenzahn einen Besuch abzustatten, um ihn zu fragen, was er wohl hätte und wie man ihm vielleicht am besten helfen könnte.

 

Also ging der Doktor schon bald in aller Herrgottsfrühe los und besuchte den einsam gewordenen Riesen in seiner komfortabel eingerichteten Höhle am Rande eines großen Gebirges.

 

Guten Morgen, Riese Löwenzahn! Die Leute schicken mich zu dir, weil sie sich Sorgen um dich machen. Sie glauben, dass es dir nicht gut geht, weil du in letzter Zeit so tollpatschig durch die Gegend läufst und so viele Sachen dabei kaputt machst. Zum Glück ist bis jetzt noch kein Mensch zu Schaden gekommen, aber um das tunlichst zu verhindern, möchte ich gerne von dir wissen, was mit dir los ist.“

 

Ach, Herr Doktor“, jammerte der Riese seufzend, „ich will ja niemanden ärgern oder absichtlich schlimmen Schaden zufügen. Doch wie kann ich das verhindern? Ich muss ja auch mal raus aus meiner Höhle, um meine tagtäglichen Besorgungen zu machen.“

 

Ja, ja, das ist in Ordnung, aber ich würde dich trotzdem gerne mal untersuchen. Vielleicht finde ich heraus, warum du so tollpatschig geworden bist.“

 

Der Riese Löwenzahn nickte zustimmend mit dem Kopf und der Doktor führte ein paar Test an ihm durch. Nach einer Weile sagte er: „Jetzt weiß ich, was mit dir los ist. Deine Augen sind das Problem. Du siehst einfach nicht mehr gut genug und brauchst unbedingt eine Brille.“

 

Aber so eine große Brille gibt es doch nicht für mich. Wie soll das gehen, Herr Doktor? Und wo bekommen ich die her?“ fragte der Riese Löwenzahn betrübt.

 

Ich werde mit den Menschen in der Stadt reden und ihnen sagen, was dir fehlt. Vielleicht können wir dir gemeinsam helfen und das Problem lösen“, antwortete ihm der Doktor und machte sich wieder auf den Weg.

 

In der Stadt angekommen, berichtete er den Leuten, warum der Riese Löwenzahn so tollpatschig geworden ist und dass er dringend eine Sehhilfe bräuchte. Nur, so eine große Brille gab es nirgendwo. Was also tun?

 

Wir werden ihm eine bauen“, sagten die freundlichen Menschen und schon bald strömten sie herbei aus Stadt und Land, um sich an der gemeinsamen Arbeit zu beteiligen.

 

Und tatsächlich. Es dauerte eigentlich nicht sehr lange, da war die Riesenbrille auch schon fertig. Alle haben dabei mitgeholfen, so auch eine Glaserei, die beide Brillengläser anfertigte. Am Ende kam ein richtiges Meisterstück dabei heraus.

 

Auf einem großen Volksfest draußen vor dem Stadttor überreichten schließlich die Bürgerinnen und Bürger an einem schönen sonnigen Tag dem sichtlich gerührten Riesen seine neue Brille, die sie eigens für ihn gemacht hatten.

 

Sie war zwar kein besonders schönes Stück, aber der Riese Löwenzahn konnte mit ihrer Hilfe jedenfalls wieder so gut sehen, dass er ab jetzt nicht mehr so tollpatschig durch die Gegend polterte und ein Menge Dinge dabei unabsichtlich kaputt machte, nur weil er schlecht gesehen hat.


 

Das war aber jetzt mit der neuen Brille vorbei.

 

Von nun an war er wieder ganz der Alte und der glücklichste Riese auf der Welt.

 

Und wenn er mal wieder zu den Menschen ging, da half er ihnen aus echter Dankbarkeit heraus, wo er nur konnte – natürlich ohne tollpatschig zu sein, dank seiner neuen Brille, die er von seinen kleinen aber riesenfreundlichen Landsleuten geschenkt bekommen hatte.

 

 

ENDE

 

 

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