Heinz-Walter Hoetter

Der luzide Traum

Es war letztes Jahr an einem herrlichen Sommertag.


 

Ich saß in unserem schönen Stadtpark und beobachtete nebenbei einen alten Mann, der mir durch sein seltsames Verhalten aufgefallen war. Er war nicht sehr groß, vielleicht an die 1,50 Meter oder so. Dass er klein war lag auch daran, dass sein Rücken völlig verkrümmt war, was den alten Mann dazu zwang, ständig gebückt herumzulaufen.


 

Er trug auf seinem Kopf einen schwarzen Hut mit einigen seltsam undefinierbaren Abzeichen daran, deren Bedeutung ich mir nicht erklären konnte.


 

Außerdem trug er einen ziemlich zerschlissenen Filzmantel, der mir viel zu groß erschien, da er runter bis zum Boden reichte und sogar beim Gehen die schmutzigen Stiefel verdeckte.


 

Nun, an diesem Sommertag fing es plötzlich leicht zu regnen an, obwohl am Horizont komischerweise noch die Sonne schien. Ich war nicht überrascht darüber, denn ich hatte mir am frühen Morgen noch schnell den Wetterbericht angehört, wobei tagsüber mit etwas Regen zu rechnen sei, wie der Nachrichtensprecher sagte. Deshalb hatte ich mir vorsorglich einen Regenschirm mitgenommen, den ich jetzt aufspannte, um unter seinem Schutz meine unmittelbare Umgebung weiterhin beobachten zu können.


 

Ich persönlich sitze gerne etwas abseits vom allgemeinen Trubel, was aber nicht heißen soll, dass ich nicht das bunte, farbenfrohe Treiben der Menschen um mich herum mag oder schlimmer noch, vielleicht sogar ablehne. So ist es nicht.


 

Wie gesagt, beobachtete ich gerade einen alten Mann, der nicht unweit von mir auf einer Wiese mitten im Regen stand, der ihm allerdings nichts auszumachen schien.


 

Doch ganz unerwartet kam er plötzlich auf mich zu und stand nur wenige Augenblicke später vor mir. Ich war ein wenig verwirrt und bot ihm sogleich aus Verlegenheit einen Platz unter meinem Regenschirm auf der Bank an.


 

"Möchten Sie sich vielleicht setzen? Nehmen Sie ruhig Platz neben mir!"


 

"Ist der Platz auch wirklich frei?" fragte er mich mit ausgesuchter Höflichkeit.


 

Erst jetzt erkannte ich beim näheren Hinsehen sein völlig verrunzeltes Gesicht, das mit tiefen, hässlichen Furchen durchzogen war. Ich erschrak ein wenig und zuckte unwillkürlich zusammen, wobei ich mich instinktiv nach hinten an die Bank lehnte, um meine innere Abscheu zu überspielen. Nur seine Stimme stand komischerweise ganz im Gegensatz zu seinem abstoßenden Äußeren, denn sie war angenehm sanft, weich und klang sehr vertrauensvoll.


 

"Dieser Platz ist frei. Ich sitze hier ganz allein auf der Parkbank. Kommen Sie! Nehmen sie doch einfach Platz! Außerdem können Sie sich unter meinen Schirm setzten!" entgegnete ich ihm zuvorkommend.


 

Der alte Mann stutzte ein wenig.


 

"Nun setzen Sie sich doch schon!", forderte ich ihn ein weiteres Mal auf, weil er mir jetzt auf einmal irgendwie leid tat.


 

"Danke! Ich weiß es zu schätzen, wenn man höflich zu mir ist. Das kommt nicht oft vor. Die meisten Menschen sind zu mir arrogant und frech. Vielleicht liegt es auch nur an meinem unsympathischen Äußeren, vor dem sie sich fürchten."


 

"Ach was, kommen Sie schon und setzen Sie sich einfach neben mich!" forderte ich ihn nochmals auf, denn langsam kam mir die ganze Situation doch etwas anstrengend vor.


 

Endlich nahm der alte Mann auf der Bank Platz. Mittlerweile hatte es aufgehört zu regnen. Ich war irgendwie erleichtert darüber und klappte den Schirm wieder zusammen.


 

Es dauerte nicht lange, da fing der Alte auch schon an, mir seine Lebensgeschichte zu erzählen. Ob sie der Wahrheit entsprach, wusste ich allerdings nicht. Dennoch hörte ich ihm einfach zu.


 

Ich muss zugeben, es war keine gute Geschichte. Sie handelte eigentlich nur von Tod, Verlust, Gewalt, Leid und entsagter Liebe. Sein Vater war im Krieg gefallen. Seine Mutter hatte sich kurz nach Ende des Krieges das Leben genommen, als sie von einer Horde Soldaten vergewaltigt worden war. Er kam schließlich in ein Heim, weil es keine Verwandten mehr gab, die ihn vielleicht hätten aufnehmen können. Mit etwa dreißig Jahren wurde er schließlich arbeitslos. Er fing an zu trinken und wurde zum Alkoholiker. Heute morgen, so erzählte er mir, aß er aus einer Abfalltonne ein Stück Brot und einen ziemlich verfaulten Apfel. Dazu trank er den restlichen Wodka aus einer schmutzigen Flasche, die er ebenfalls in dieser stinkenden Tonne gefunden hatte.


 

Wie er das so sagte, fing er plötzlich laut zu lachen an. Anscheinend fand er sein völlig kaputtes Leben auch noch lustig, was ich nicht so recht verstand.


 

Dann blickte er mir plötzlich tief in die Augen. Ich hatte das seltsame Gefühl, als suchte er in meinem tiefsten Innern nach dem Ort meiner Seele.


 

"Mann oh Mann! Was erzähle ich hier eigentlich? Sie haben ja keine Ahnung!" rief er auf einmal und lachte laut und ungehemmt weiter.


 

"Wirklich! Sie haben nicht die geringste Ahnung. Und fragen Sie mich nicht warum. Ich weiß es eben. Ihr habt alle keine Ahnung, was in dieser Welt um euch herum wirklich los ist. Ihr alle seid ein ahnungsloser Haufen von Ignoranten!" schrie er mit lauter Stimme, wobei er auf einmal seinen rechten Zeigefinger erhob, der ein ziemlich krummes Ding war und aussah, als wäre er aus schwarzer Erde geformt worden.


 

Zuerst dachte ich, der alte Mann wollte mir etwas oben am Himmel zeigen. Die vorbei ziehenden Wolken vielleicht oder etwas anderes. Doch bevor ich überhaupt richtig schauen konnte und verstand, was eigentlich los war, da bohrte sich etwas aus seinem krummen Zeigefinger heraus, das sich wild hin und her schlängelte, etwa so wie ein fetter Regenwurm, dessen schlanker Körper sich suchend und windend nach allen Seiten aus einem Loch im Boden quälte.


 

Der hässliche Wurm wurde länger und länger. Dabei hatte ich den seltsamen Eindruck, dass er nach etwas suchte, was sich offenbar ganz in seiner unmittelbaren Nähe befinden musste.


 

Dann erschrak ich bis ins Knochenmark.


 

Der Wurm hielt plötzlich inne, drehte sich zuckend zu mir herüber und wollte scheinbar meinem Gesicht einen Besuch abstatten.


 

Während das geschah, zeigte der Alte neben mir auf der Bank keinerlei Regungen mehr. Er saß wie erstarrt da.


 

Der Wurm kam mittlerweile näher und näher.


 

Was sollte ich tun? Panik kroch in mir hoch, ließ mir allerdings nichts anmerken und riss mich zusammen, so gut ich nur konnte.


 

Erst als dieses widerliche Geschöpf schon fast bei mir war, sprang ich auf und stürzte dabei seitlich über die hervor stehenden Sitzbretter der Bank, sodass ich nach hinten weg kippte und rücklings im Schotter des Fußweges landete. Kleine Steine spritzten unter mir davon und die Schulter brannte auf einmal fürchterlich. Aus einer Fleischwunde auf meiner Stirn rann Blut, denn ich war mit dem Kopf voran auf den angrenzenden Randstein gefallen.


 

Während ich noch ganz benommen auf dem Boden lag, suchten meine verzweifelten Blicke nach dem Wurm. Ich entdeckte ihn auf dem Schotterweg direkt vor mir. Der Alte saß noch immer wie versteinert auf der Bank und grinste mich jetzt aber unverhohlen an.


 

Ich drückte in haltloser Panik meine beiden Füße in den losen Schotter des Weges und schleuderte mich mit letzter Kraft von diesem unheimlichen alten Mann weg. Der Wurm aus seinem Zeigefinger verfolgte mich aber immer noch.


 

Ich fühlte mich wie in einer Sackgasse. Ich versuchte trotzdem aufzustehen und schaffte es sogar. Dann, mit dem Mut der Verzweiflung, stürzte ich auf den alten Mann zu, der wie zu einer Salzsäule erstarrt war. Entgegen meinen Vorstellungen konnte der Wurm meine Bewegung nicht so schnell mitmachen. Er suchte nach mir noch eine Weile, fand mich aber nicht.


 

Wie von Sinnen schlug ich plötzlich auf den Alten ein. Eisig kalte Luft umströmte meinen aufgeheizten und schwitzenden Körper. Zuerst brach ich ihm den krummen Zeigefinger, aus dem immer noch der endlos erscheinende Wurm kroch. Erst als der abgeschlagene Finger auf dem Boden lag, hörte das endlose Wachsen auf. Der übrige Rest des kriechenden Monsters zerfiel urplötzlich zu Staub.


 

Angestachelt durch diesen überraschenden Erfolg riss ich dem Alten beide Oberarme aus seinem zuckenden Körper, dann schlug ich ihm mit der Faust brutal auf den Kopf, der sich sogleich spaltete. Schließlich brach ich ihm eine Rippe nach der anderen aus seinem verfallenden Körper, der bald nur noch wie die zerfetzte Rinde eines morschen Baumes stinkend zu meinen Füßen lag.


 

Draußen war es mittlerweile dunkel geworden. Ich taumelte nach Hause, ging ins Badezimmer und duschte mich. Dann trank ich kurz hinter einander zwei Schnäpse und legte mich ins warme Bett. Bald war ich eingeschlafen.


 

***


 

Ich träumte von einem Spaziergang in dem nicht weit von meiner Wohnung gelegenen Stadtpark. Ich sah, wie ich einen alten Mann beobachtete, der bald auf mich zukam. Als er direkt vor mir stand, schrie er mich an: "Sie haben ja keine Ahnung, was in dieser Welt um euch herum los ist! Keine Ahnung habt ihr!" schrie er mit lauter Stimme, wobei er auf einmal seinen rechten Zeigefinger erhob, der ein ziemlich krummes Ding war und aussah, als wäre er aus schwarzer Erde geformt worden.


 

Dann erblickte ich voller Schrecken diesen hässlichen Wurm, der sich wie eine kleine Schlange aus seinem Zeigefinger wandte und schließlich auf mich zu gekrochen kam.


 

Ich war wie gelähmt vor Angst und ein heilloser Schrecken durchfuhr meine Knochen. Ich wollte aus diesem fürchterlichen Alptraum irgendwie entkommen, aber ich wurde einfach nicht wach.


 

Der hässliche Wurm wurde länger und länger. Bald hatte er mich erreicht, schlängelte sich um meinen nackten Hals und würgte mir die Seele aus dem zuckenden Leib. Ich fing wie von Sinnen zu schreien an und wachte plötzlich schweiß gebadet in meinem Bett auf.


 

***


 

Es war letztes Jahr an einem herrlichen Sommertag.


 

Ich saß in unserem schönen Stadtpark und beobachtete nebenbei einen alten Mann, der mir durch sein seltsames Verhalten aufgefallen war. Er war nicht sehr groß, vielleicht an die 1,50 Meter oder so. Dass er klein war lag auch daran, dass sein Rücken völlig verkrümmt war, was den alten Mann dazu zwang, ständig gebückt herumzulaufen.


 

Er trug auf seinem Kopf einen schwarzen Hut mit einigen seltsam undefinierbaren Abzeichen daran, deren Bedeutung ich mir nicht erklären konnte.


 

Außerdem trug er einen ziemlich zerschlissenen Filzmantel, der mir viel zu groß erschien, da er runter bis zum Boden reichte und sogar beim Gehen die schmutzigen Stiefel verdeckte.


 

Nun, an diesem Sommertag fing es plötzlich leicht zu regnen an, obwohl am Horizont komischerweise noch die Sonne schien. Ich war nicht überrascht darüber, denn ich hatte mir am frühen Morgen noch schnell den Wetterbericht angehört, wobei tagsüber mit etwas Regen zu rechnen sei, wie der Nachrichtensprecher sagte. Deshalb hatte ich mir vorsorglich einen Regenschirm mitgenommen, den ich jetzt aufspannte, um unter seinem Schutz meine unmittelbare Umgebung weiterhin beobachten zu können.


 

Wie gesagt, beobachtete ich gerade einen alten Mann, der nicht unweit von mir auf einer Wiese mitten im Regen stand, der ihm allerdings nichts auszumachen schien.


 

Der Alte drehte sich plötzlich zu mir herum, kam direkt auf mich zu und lachte mich dabei freundlich an.


 

Als er schließlich vor mir stand, schaute er mich an und sagte: "Vielen Dank dafür, dass Sie mir freundlicherweise den Platz auf der Bank angeboten haben. Wissen Sie, Ihre ungewöhnliche Freundlichkeit hat Ihnen das Leben gerettet. Ich habe es mir hinterher doch noch anders überlegt. Nun, ich bin Gevatter Tod und in der Regel kann mir niemand entkommen, den ich ins Jenseits bringen soll, es sei denn, ich habe es mir aus ganz bestimmten Gründen noch einmal überlegt, wie bei Ihnen. Leben Sie wohl, mein Freund. Irgendwann werden wir uns in Zukunft ja doch wiedersehen. Aber das kann noch ein Weilchen dauern. Wie ich weiß, schreiben Sie doch gerne Geschichten – oder? Na, wie wäre es mit dieser hier?"


 

Während der Alte zu mir sprach, deutete er mit seinem Zeigefinger auf mich, der so aussah, als wäre er aus schwarzer Erde geformt worden. Der Ansatz eines ekelhaften Wurmes schien daraus hervor zu kriechen und ich bekam eine fürchterliche Angst. Im nächsten Moment aber war der alte Mann auch schon wieder verschwunden, als hätte es ihn nie gegeben.


 

***


 

„Hallo aufwachen! Wachen Sie endlich auf oder wollen Sie die ganze Nacht hier im Park verbringen?“ drang eine besorgte Stimme in meine Ohren. Mit schläfrigen Augen blickte ich um mich und sah einen alten Mann vor mir stehen, der an meinem rechten Arm rüttelte.


 

„Sie sind eingeschlafen, mein Herr. Ich habe mir schon große Sorgen um Sie gemacht, weil Sie einfach nicht aufwachen wollten. Ich bin hier nur durch Zufall vorbei gekommen. Außerdem wird es schon langsam dunkel draußen und Sie sollten jetzt besser nach Hause gehen. In diesem Park ist es in der Nacht nicht mehr ganz so sicher, wie am Tage. Das wollte ich Ihnen nur sagen. Auf Wiedersehen und machen Sie es gut, mein Freund!“


 

Ich nickte noch ganz verschlafen mit den Kopf, erhob mich schleunigst von der Bank, verließ den Park und machte mich auf den Weg nach Hause.


 

Unterwegs fiel mir plötzlich dieser komische Traum wieder ein, den ich auf der Parkbank geträumt hatte. Ich nahm mir vor, daraus eine Kurzgeschichte zu machen mit dem Titel:
 

„Der luzide Traum“.


 

So kam es dann auch.


 

ENDE


 

(c)Heinz-Walter Hoetter

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.01.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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