Ingo R. Hesse

Ganz ehrlich?

 

Zum ersten Mal hörte ich den Begriff als kleiner Junge. Ich mag so um die fünf Jahre alt gewesen sein. Der Inhaber eines der im Rückblick recht viel erscheinenden Tante-Emma-Läden in unserem Dorf, verwendete ihn. Er, den jeder mit seinem Vornamen ansprach und der somit eigentlich der Betreiber eines Onkel-Otto-Ladens war, wartete nicht immer in seinem Geschäft auf Kundschaft, ..das machte seine Frau. (OK, insofern war es also vielleicht ein Tante-Elli-Laden!)

 

Onkel Otto fuhr zweimal pro Woche die höchstens 2 Kilometer Luftlinie, die jedes Haus im Dorf von seinem Laden entfernt war, mit einem weißen, umgebauten Mercedes-Kastenwagen umher. Dort, also vor jedem Haus, ließ er diese glänzende, messingfarbene Glocke erklingen. Er hielt sie stets auf die gleiche Weise, noch im Fahren an ihrem kunstvoll geschwungenen (heute würde man sagen „ergonomisch geformten“), schwarzen, hölzernen Griff aus dem Fenster. Und dann gönnte er ihr, mit der Öffnung gen Himmel, vier-, fünfmal keine Gnade.

 

Nachdem er das zum ersten Mal getan hatte, wünschte ich mir jahrelang zu jedem Geburtstag, zu Weihnachten und anderen Gelegenheiten, eine solche Glocke. Aber wie so vieles, bekam ich auch sie nicht.

 

An einem Tag, ich hatte meine Mutter zu diesem so interessanten Wagen begleitet um wieder einmal das Öffnen des Seitenschlages zu bewundern, der nach oben geklappt wurde und dann als Dach für die Kunden diente, hörte ich diesen Begriff zum ersten Mal.

 

Onkel Otto hatte sich nämlich scheinbar überlegt, dass er in einem Dorf, in dem es noch etliche Landwirte mit Viehhaltung gab, mit dem Verkauf von frischer Milch auf Dauer nicht zwingend Millionär werden würde. So hatte er schon seit einiger Zeit sein Sortiment um verschiedene Lebensmittel erweitert. Aber heute bot er allen die es hören wollten eine ganz besondere Gelegenheit. Auch denen, die es nicht hören wollten.

 

Es ging um niegelnagelneue Arbeitsschuhe. Solche mit jeweils vier Reihen Krampen und ebenso vielen Reihen Ösen. Insofern nichts Neues. Aber sie waren schwarz-glänzend. Etwas schöner als die braunen, die schon jeder im Dorf, der arbeitete sein eigen nannte. Aber das war nicht Onkel Ottos Hauptargument. Auch nicht die im Kontrast dazu stehenden, dicken Sohlen mit tiefem Profil aus hellbraunem Speckgummi, in das ich gerne hinein gebissen hätte. Die nicht nur immun gegen Diesel, Benzin, Kuhfladen und Kopfsteinpflaster, ...nein, sie seien auch, und dann kam es:

 

ATMUNGSAKTIV!

 

Also, die Füße würden ausdünsten können, bei gleichzeitiger absoluter Dichtheit gegen jegliche Flüssigkeiten von außen. Donnerwetter!

 

Ich weiß nicht mehr, ob meine Mutter für meinen Vater oder meinen Bruder ein Paar von diesen Wunderdingen gekauft hat. Aber für mich war der Damm gebrochen. Seither begegnen mir in der Werbung in jeder Form, Farbe, Größe und Ausstattung Gegenstände, die ich nicht nur kaufen soll, weil sie können was sie üblicherweise können müssen. Nein, ich soll sie auch kaufen, weil sie ..atmungsaktiv sind.

 

Was man bei den jeweiligen Gütern darunter versteht, wurde mir über die Jahrzehnte nicht immer ganz klar. Bis vor einiger Zeit, da ich eine dünne Herbst-Jacke aus Fake-Textil käuflich erworben hatte. Wie schnell man in diesem Hauchdünnen Tuch aus Vollplastik ins Schwitzen kommt, ist fast schon rekordverdächtig. Da bringt die zweifellose Wasserdichtigkeit von außen überhaupt nichts. Im Gegenteil.

 

Also, ich habe verstanden! Aber hin und wieder stoße ich doch auf Waren und Güter, bei denen ich mich frage, wie es zu verstehen ist, dieses „Atmungsaktiv“. Ich gebe zu, wenn mir wieder mal eine hochtechnisierte Matratze begegnet, und ich mich frage, wie laut sie atmen wird und ob ich dabei schlafen kann, verlaufen diese Gedanken recht schnell im Sande. Auch wenn ich mir überlege, ob ich wasserdichte aber atmungsaktive Farbe vielleicht mit Links auftragen sollte, damit die richtige Seite dem Wetter trotzen kann.

 

Nicht wieder los werde ich hingegen die Frage, wie das mit der Vaginalsalbe ist, die seit einiger Zeit immer in den Abendstunden, just wenn ich mein Abendbrot vor dem Fernseher platziert habe, beworben wird. Denn auch sie ist angeblich, ..ja ..atmungsaktiv.

 

Vielleicht ist es ja überhaupt nicht wichtig für mich. Und ich bin schon davon überzeugt, dass es Bedeutenderes gibt, an das ich denken und über das ich mir meinen Kopf zerbrechen könnte. Aber das ist leichter gesagt als in die Tat umgesetzt.

 

Mein Problem dabei ist nicht so sehr, dass ich mir eine gewisse Atem-Lautstärke vorstelle, die mich eventuell stören könnte. Nein, mein Problem ist eher phantasie-visueller Art. Ich möchte das nicht vertiefen, denn es könnten ja Kinder mitlesen. Und nichts wäre mir unangenehmer als in fünfzig Jahren von einem Mann beschimpft zu werden, der sich, so wie ich mir damals die Glocke, über Jahre hinweg, … .

 

Nein! Ich beende das jetzt hier. Aber die Frage bleibt. Ehrlich? Ganz ehrlich?

 

Atmungsaktiv?

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.01.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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