Herrmann Schreiber

Sprachunterricht vom Baum

Das erste Mal war ich in Griechenland vor 76 Jahren. Wenn Sie nachrechnen, in welchem Jahr das war, dann werden Sie feststellen, dass man damals oft in einer grauen Uniform und mit allerhand Kriegsgerät behängt reiste – ohne das Ziel der Reise selbst bestimmen zu können.

Die Erwachsenen Griechen waren uns natürlich nicht besonders freundlich gesinnt, aber die Kinder waren, wie sich das für Kinder gehört, neugierig, uns fremdartige Wesen etwas näher kennen zu lernen. Die Mädchen durften uns zwar nur aus einiger Entfernung zuschauen, aber die Buben versuchten manchmal sogar mit uns zu reden. Dabei merkte ich, dass von meinem in der Schule gelernten Altgriechisch noch erstaunlich viel gültig war. Ich versuchte, einiges davon anzubringen. Manches hatte sich nur wenig verändert, die Kinder verstanden mich, korrigierten mich und lernten mir so die neue Form manchen Wortes. Sie hatten bald herausbekommen, dass ich ihre Sprache lernen wollte – und machten begeistert mit. Meine jungen Lehrer gaben sich so viel Mühe, dass ich mich nach einiger Zeit gut mit ihnen unterhalten konnte. Einschließlich Schimpfworte.

Auch den erwachsenen Dorfbewohnern fiel das auf – vielleicht nicht die Schimpfworte, aber die Unterhaltung – und wenn sie ein Anliegen an die Besatzungsmacht hatten, wendeten sie sich an mich. Ich versuchte immer, der mir gestellten Aufgabe so gut wie möglich gerecht zu werden. Manche Gesuche mussten dem Bataillonskommandanten vorgetragen werden. Wenn mir die Anliegen, die ich vorzutragen hatte, besonders wichtig und gerechtfertigt erschienen, gab ich mir besonders viel Mühe. Der Herr Major ließ mich dann manchmal – mit freundlichem Lächeln – wissen, dass ich mich wie ein Verteidiger der Bittsteller benehme, aber das war keine Kritik. Der Major ließ mich immer rufen, wenn etwas zu übersetzen war.

Einmal fragte mich ein Dorfbewohner, wo ich denn so schön Griechisch gelernt hätte. Von den Kindern, sagte ich ihm. Einige Kinder, die, wie üblich, um uns herumstanden, hatten das gehört und erzählten es den anderen. Die empfanden das als unerwartetes Lob und waren von da an noch freudlicher zu mir.

Besonders am Anfang gelang mir das Lernen oft nur über unvorhergesehene Umwege. Ein Erlebnis ist mir besonders im Gedächtnis geblieben:

Ich war bei einer Nachrichteneinheit. Eigentlich als Fnker, aber mit Telefonkabel hatte ich auch oft zu tun. Als wir in unserem ersten Quartiersdorf ankamen – wir blieben dort acht Monate – mussten Telefonleitungen verlegt werden. Dazu hatten wir „schweres Feldkabel“, das mit langen Drahtgabeln von einem Baum zum anderen der Straße entlang gespannt wurde. Wenn sich in der Belegung des Dorfes etwas änderte, musste das Kabel abgenommen, eingerollt und wieder anders verlegt werden. Da passierte es einmal, dass das Kabel im dichten Geäst eines Olivenbaums hartnäckig hängen blieb.

Wie üblich, standen da mindestens zehn Kinder um uns drei Soldaten herum. Sie äußerten sich nicht etwa spöttisch über die Vertreter der ruhmreichen deutschen Wehmacht, die nicht imstande waren, mit ihrer Telefonstrippe fertig zu werden. Nein, sie schauten mit Interesse zu. Einer bot sogar seine Hilfe an.

Sein Angebot auch mündlich vortragend, deutete er nacheinander auf den Baum, auf mich und auf sich, machte dann eine Bewegung, die „eine Person hochheben“ bedeuten sollte, und eine andere, mit der er das Ergreifen des Kabels andeutete. Ich verstand: wenn du mich zum ersten Ast des Baumes hochhebst, klettere ich bis zum Kabel weiter und befreie es mit der Hand aus dem Ästegewirr.

Ich hob ihn also bis zum ersten Ast, er kletterte behände weiter, zog geschickt das Kabel aus dem Ästegewirr, hielt es in der Hand und fragte dann:

„Ti tha kano tora?“

Das verstand ich damals schon: Was soll ich jetzt tun? Das Kabel loslassen sollte er, dann würde es, von da wo er stand, auf einen Ast fallen. Dann konnten wir es leicht mit unserer Drahtgabel aufnehmen, ohne ihm mit diesem Instrument in gefährliche Nähe zu kommen. Aber ich wusste (noch) nicht, wie „loslassen“ auf Griechisch heißt. Also machte ich die entsprechende Handbewegung.

„N’aphiso?“ fragte der Junge zurück.

Der Ausdruck war mir unbekannt. Aber ich würde ja gleich lernen, was damit gemeint war. Ich brauchte dem Jungen nur zu bedeuten, das zu tun, was er gesagt hatte. Und tatsächlich, er ließ das Kabel los. Während meine Kameraden es mit der Drahtgabel aufnahmen und aufspulten, half ich dem Helfer vom Baum und bedankte mich für das befreite Kabel und für das gelernte Wort. Er hieß Konstantinos.

Die beschriebene Lernmethode ist wirkungsvoll und sehr nachhaltig. Jetzt, nach 76 Jahren, weiß ich das Wort noch und sogar de Namen dessen, der es mir gelehrt hat. Es ist nur leider etwas umständlich, Kinder auf Bäume klettern zu lassen, um eine Sprache zu lernen.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.01.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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