Corinna König

Josie - Mein Leben und ich TEIL 13

Ich kann es gar nicht fassen und falle ihm überschwänglich um den Hals. "Was machst du denn hier?" "Ich bin wieder zurück." "Wie zurück? Ganz? Du lebst wieder hier?", meine Freude kann ich nur schlecht verbergen und mein Gehampel bringt ihn erneut zum Schmunzeln: "Ja, ich seh mir gleich in der Nähe irgendwo eine Wohnung an." "Das gibts ja nicht. Ich wohn hier auch gleich um die Ecke." "Ach was? Dann... geb ich dir am besten mal meine Nummer. Vielleicht können wir ja mal nen Kaffee trinken gehen. Und du zeigst mir dann einfach die Gegend.", total lässig nimmt er einen Notizblock aus seiner Tasche und kritzelt mir seine Handynummer auf. "Klar, gerne. In welcher Straße ist denn die Wohnung, die du dir anschaust?" "In der...", er fummelt wild nach irgendwelchen Unterlagen, "...in der Gartenstraße." Langsam komme ich wirklich nicht mehr klar. "Hör auf! In der wohne ich auch. Mit Linda zusammen. Kennst du Linda noch?" "Jaaa jaja. Kenn ich noch." Vor unserem Haus verabschieden wir uns. Adrian nimmt mich dabei fest in den Arm und säuselt mir ins Ohr: "So ein Zufall. Ich bin seit vier Stunden wieder im Lande und der erste Mensch, der mir begegnet bist du. Ich hab mich sehr gefreut, dich wiederzusehen. Meld dich bei mir, ja?" "Klar, das mache ich." Entweder brauche ich einfach gerade die Nähe oder ich drehe langsam durch, aber seine Umarmung fühlt sich einfach toll an.

 

 

Ich renne zu Linda in die Wohnung rauf und stürme in ihr Zimmer: "Was meinst du, wem ich grade begegnet bin?" Halb zu Tode erschreckt sackt sie in ihrem Schreibtischstuhl zusammen. "Josie! Hast du mich erschreckt! Was?? Wem denn??" "Adrian!", posaune ich und zappele dabei wild auf der Stelle. "Adrian? Meinst du... meinst du DIESEN Adrian?" "Jaaa!" "Den Auslands-Adrian?" "Genau den! Er ist wieder zurück und schaut sich grade gegenüber eine Wohnung an." "Du veräppelst mich!" "Nein wirklich nicht. Es stimmt." "Oh mann... Dann hat Ben ja jetzt ausgeschissen." "Wie meinst du das denn?" "Jetzt schau dich doch mal an. Du bist ja ganz aufgeregt! Deinem Adrian konnte bislang niemand das Wasser reichen." Ich lehne mich ganz lockerflockig gegen den Türrahmen und sage: "Ich hab eben nicht damit gerechnet, dass ich ihn sehe. Jemals wieder!" Ich war quasi meine ganze Kindheit und Teenie-Zeit über in Adrian verliebt. Wir sind in der Grundschule in die gleiche Klasse gegangen und es war sofort um mich geschehen. Seitdem hab ich ihn angeschmachtet, wo ich nur konnte. Leider hat er nie wirklich Notiz von mir genommen. Doch auf einer Geburtstagsfeier vor vier Jahren hat es dann doch gefunkt. Wir haben rumgeknutscht und ich war im siebten Himmel. Doch leider hat er mir ein paar Tage später erzählt, dass er für seine Ausbildung ins Ausland geht. Für drei Jahre - wenn nicht sogar länger. Ich war am Boden zerstört und konnte es gar nicht fassen: Endlich will mein Traummann was von mir wissen und dann macht er sich aus dem Staub. Der Kontakt ist ziemlich schnell abgebrochen. Seitdem hab ich Adrian weder gesehen, noch mit ihm gesprochen oder was von ihm gehört. Bis heute. "Apropos Ben. Wieso bist du hier? Und nicht bei Ben... im Bett?" Ich laufe knallrot an und frage erschrocken: "Wie bitte?" "Na du wolltest doch nochmal mit ihm reden. Ich dachte, heut sagst du ihm endlich, dass du dich in ihn..." "Ich habs ihm nicht gesagt.", erwidere ich und blicke dabei traurig auf den Boden. Linda steht auf und legt ihren Arm um mich: "Warum denn? Was ist passiert?" Ich will mich umdrehen und Linda mit einem "Nichts. Alles gut." abspeisen, aber sie hält mich am Pullover fest: "Hier geblieben. Sag schon. Du warst doch so euphorisch. Was war denn?"

 

Wir setzen uns zusammen an den Esstisch und ich erzähle ihr, dass Juliane dort war und was sie mir alles an den Kopf geworfen hat. "Was?? Und sie hat wirklich gesagt, dass sie miteinander schlafen?" Niedergeschmettert nicke ich. "Das glaub ich nicht. Die lügt doch. Ben ist doch nicht bescheuert." "Linda, es ist eindeutig." "Nur weil diese dumme Gans das behauptet? Glaub der kein Wort. Hast du Ben denn nicht drauf angesprochen?", schlägt sie wild mit den Armen um sich. "Das ist gar nicht nötig. Ich war neulich beim Bäcker. Es war noch ganz früh. Da sind die beiden zusammen dort gewesen und zusammen wieder abgedampft." "Aber... wirklich?" Ich kann Linda ansehen, dass sie das niemals von Ben erwartet hätte. Sie grübelt, um es mir irgendwie schön zu reden. Aber vergebens. "Außerdem war die Macke an Bens Lippe nicht von einer Tür oder sonst was." "Sondern?" "Die war von Julianes Ehemann. Er hat scheinbar von der Affäre erfahren und war bei Ben. Er hat ihm eine Backpfeife gegeben und Ben ist die Lippe aufgeplatzt." "Woher weißt du das?" "Ich war dort. Ich habs mit eigenen Augen gesehen." "Warum hat Ben uns denn dann angelogen? Wenn du doch sowieso die Wahrheit kennst." "Er hat nicht mitbekommen, dass ich dort war." "Und dann... warst du jetzt gar nicht mehr bei ihm?" "Doch. Aber ich hab ihm gesagt, dass wir besser Freunde bleiben. Nicht mehr." "Das... das ist doch absurd.", springt sie vom Tisch auf und läuft nachdenklich auf und ab, "Ich kann mir das nicht vorstellen. Ben ist doch nicht so einer." "Aber Linda. Es liegt doch auf der Hand. Deshalb ist er auch so abweisend zu mir, sobald sie in der Nähe ist." "Ich weiß. Es passt alles zusammen. Aber... ich weigere mich... das zu glauben. Soll ich mal mit Dave reden? Der weiß sicherlich mehr." Doch das will ich auf gar keinen Fall. "Nein! Bitte. Halt Dave da raus. Ich will einfach nicht mehr drüber nachdenken. Bitte nicht." "Okay. Wie du willst. Aber... wie läuft das denn jetzt? Faucht ihr euch wieder ständig gegenseitig an oder wie darf ich mir das vorstellen?" "Nein, ich bin ganz normal zu ihm. Das hab ich ihm auch gesagt. Aber gekuschelt, geknutscht oder sowas in der Art wird eben... nicht mehr." "Oh mann, ich hab mich so für dich gefreut.", fällt sie mir mit mitleidigem Blick um den Hals. Ich tippe ihr tröstend auf den Rücken und meine schließlich mit zittriger Stimme: "Das wird schon."

 

 

Ich gehe noch duschen und wasche den Tag von mir ab. Meine Gedanken kreisen im Dauerlauf um Ben, Juliane und glücklicherweise auch um Adrian. Es hat richtig gekribbelt, als ich ihn gesehen hab. Im Bademantel tapse ich in mein Zimmer und suche in meiner Jackentasche nach dem Zettel mit Adrians Nummer. Als ich ihn - unbemerkt lächelnd - in der Hand halte, meldet sich mein Handy. Ich hab es unter mein Kopfkissen gelegt, nachdem Ben immer wieder versucht hat, mich anzurufen. Natürlich ist auch die Nachricht von ihm: >Wende dich ruhig von mir ab. Aber ich hoffe, dir ist bewusst, dass ich bei diesem Quatsch nicht mitmache. Und wenn ich dich in Zukunft in den Arm nehmen will, dann mach ich das. Das weißt du. So schnell wirst du mich nicht los. Schlaf gut. Ben.< Seine Worte bringen mich schließlich zum Weinen. Ach Ben, warum machst du es mir noch schwerer?!

 

 

Wenige Tage später gehen Linda, Sara und ich nach der Arbeit in die Stadt um Weihnachtsgeschenke zu kaufen. Wir sind voll in unserem Element zwischen Duftkerzen, Schaumbädern, Schals und Scherzartikeln. Ich lade mehr und mehr auf. Bis ich das ganze Zeug irgendwann fast nicht mehr tragen kann. Dass wir im Anschluss noch über den Weihnachtsmarkt laufen wollten, um uns einen Glühwein und einen Crepe zu genehmigen, war wohl keine besonders gute Idee. Mit den tausend Tragetüten quälen wir uns durch die Menge. Dauernd rutscht mit dabei meine Mütze ins Gesicht, sodass ich halb blind jammere: "Mädels! Kann mir eine von euch mal die Mütze aus dem Gesicht ziehen. Ich seh fast nix mehr." Anstatt kurz anzuhalten, laufe ich lieber im Stechschritt weiter, weil mein ungeheurer Hunger mich treibt. Urplötzlich hält mich jemand an meiner Kapuze fest und brüllt: "VORSICHT!!!" Auch die Mädels schrillen laut auf: "JOSIE!!!" Wie vom Donner gerührt lasse ich die Tüten fallen und ziehe meine Mütze hoch. Da stehe ich doch tatsächlich mit der Nase 3 cm von einem Glühweinhäuschen entfernt. Ich kann gar nichts sagen und drehe mich mit großen Augen um. Ich kann es nicht glauben, aber da steht Adrian. Selbstverständlich lacht er mich aus und meint: "Josie. Das war wirklich knapp." "Jetzt hast du mich schon das zweite Mal gerettet.", stottere ich und werde mal wieder rot. Die Mädels stellen sich neben mich und mosern rum, dass ich so tollpatschig bin und man mich besser immer an die Hand nehmen sollte, da rafft Linda, wer ihr gegenübersteht. "A... Adrian? Josie! Das ist Adrian! Da steht Adrian!" "Linda, hallo." Die beiden umarmen sich kurz. Ich bin höflich und mache Sara und Adrian bekannt: "Das ist unsere Freundin Sara. Sara, das ist Adrian. Wir kennen ihn schon seit der Grundschule." "Hallo. Ich hab schon... viel von dir gehört.", blamiert sie mich. Schnell starte ich ein Ablenkungsmanöver: "Was ist denn aus der Wohnung geworden?" "Die nehm ich. Klasse Lage und der Preis ist auch okay." "Wirklich? Dann sind wir ja bald Nachbarn. Sag mal, was kann ich dir Gutes tun, dafür, dass du mich jetzt schon zweimal gerettet hast?!", scherze ich nervös an meiner Mütze zupfend. "Najaaa... du könntest zum Beispiel dein Wort einhalten und mich anrufen." Ertappt verziehe ich mein Gesicht. "Jaaa... das... ääähm..." "Du hast dich noch nicht gemeldet." "Stimmt. Weißt du, ich bin noch nicht dazu gekommen. Aber ich ruf dich noch diese Woche an, okay?!" Die Mädels sehen gespannt zu, wie ich hier rumhantiere und mich um Kopf und Kragen rede. Aber Adrian geht nicht auf mein Spielchen ein: "Das ist mir zu ungenau. Ich geh lieber auf Nummer Sicher. Los, her mit deiner Nummer." Die Mädels starren sich ungläubig an. Letzten Endes gebe ich nach und schreib ihm meine Nummer auf. "Danke. Ich werd mich dann... spätestens morgen bei dir melden. Und unseren Kaffee hast du doch hoffentlich nicht vergessen, oder?" "Nein, natürlich nicht. Ich hab nur viel um die Ohren momentan. Weihnachtsstress, du weißt schon...", druckse ich grinsend herum. Er zwinkert mir zu: "Verstehe. Dann ist es ja erst Recht Zeit, dich auf andere Gedanken zu bringen. Kann ich die Damen zu einer Tasse Glühwein einladen?" Und im Chor posaunen wir: "Klaaar!" Wir bleiben noch ca. zwei Stunden mit Adrian am Stand stehen und haben viel Spaß mit ihm. Auch Sara ist er gleich sympathisch. Er erzählt uns von seinem Auslandsaufenthalt und wir lachen über Anekdoten aus unserer Grundschulzeit. Bei der Verabschiedung umarmt er mich wieder ganz innig und flüstert mir ins Ohr: "Hoffentlich bis bald." Einen kleinen Seufzer auf dem Nachhauseweg kann ich mir nicht verkneifen. Linda grinst über beide Ohren und zeigt mit dem Finger auf mich: "Mensch Josie! Und schon ist Ben abgeschrieben! Wusste ich doch. Einmal Adrian. Immer Adrian." Sara versteht natürlich nur Bahnhof: "Wie meinst du das?" "Josie hat sich in Adrian verknallt, als sie ihn das erste Mal gesehen hat. Und da waren wir gerade mal 5 oder 6 Jahre alt. Jahrelang hat sie ihn angeschmachtet. Jedes Jahr hat sie mir gesagt, wann er Geburtstag hat. Weißt du es noch, Josie?!", stellt sie mich auf die Probe. "Am 15.05.!", muss ich schmunzeln. "Aaahaha, du weißt es noch. Du bist ja eine.", amüsiert sie sich und tänzelt wie ein betrunkener Flamingo um mich herum. "Tja. Und dann war er plötzlich weg.", starre ich nachdenklich auf den Gehweg.

 

 

Zuhause angekommen bekomme ich umgehend eine Nachricht von Adrian: "Wenn du Lust hast, würd ich dich morgen Abend gern zum Essen einladen. Würd mich freuen. Adrian." Ich betrachte mein Display und dabei entwischt mir ein freudiges Kichern. Doch die Freude verfliegt, als ich just im gleichen Moment eine Nachricht von Ben bekomme: >Hey Mäuschen. Sehen wir uns morgen in der Bar? Ich hab nen neuen Cocktail zum testen. Und Sehnsucht. ; ) Schlaf schön. Ben.< Was ich davon halten soll, weiß ich wirklich nicht. Aber ich werd ihm absagen müssen. Denn ich nehme Adrians Einladung an.

 

 

Und so kommt es, dass ich am nächsten Tag fix und fertig vor dem Kleiderschrank stehe und nicht weiß, was ich für das Essen anziehen soll. Linda kann ich auch nicht fragen, die ist mit Dave unterwegs. Da klingelt es schon an der Tür. Mein Gott, er ist ja überpünktlich. Ne halbe Stunde zu früh. Ich haste also aus meinem Zimmer, schnappe mir meinen Bademantel und öffne die Türe. "Komm doch rein, ich brauche noch einen Mom... BEN?!?!" Damit hatte ich nicht gerechnet. "Was tust du denn hier?" Er beäugt mich und lacht: "Die Frage lautet: Wieso hast du nichts an?!" Ehe ich eine plausible Erklärung dafür finde, legt er seinen Arm um mich: "Los, zieh dir was an. Ich nehm dich mit in die Bar." "Was? Aber... Tut mir leid. Ich kann heut nicht." Da fällt Bens Kinnlade runter und knallt auf den Boden: "Aber ich hab dir doch extra geschrieben!" Seine Schnute ist fast zum Niederknien. "Tut mir leid. Ich wollte dir eigentlich direkt antworten und absagen, aber irgendwie hab ichs dann ganz vergessen. Ich komm morgen in die Bar und teste deinen Cocktail, okay?!", biete ich ihm mit hektischen Handbewegungen in alles Himmelsrichtungen an. Aber dumm ist der liebe Ben ja nicht: "Was hast du denn so Wichtiges vor heute?" Ich schiebe ihn Richtung Türe: "Tschüss Ben." "Etwa Herrenbesuch?!" "Machs guuut!", muss ich lächeln. Im Türrahmen dreht er sich nochmal um und bettelt: "Aber morgen kommst du sicher. Versprochen?!" "Ja doch. Versprochen." "Super. Ich freu mich." In Windeseile drückt er mir ein Küsschen auf den Mund und verschwindet schließlich im Hausflur. Sein Auftritt verwirrt mich, doch ein kurzer Blick auf die Uhr lässt mich der Realität wieder ins Auge blicken: Ich muss mich echt beeilen. Adrian könnte jeden Moment hier sein.

 

 

Es dauert nicht lange, da klingelt Adrian schon an der Türe. Ich hab mich für ein kurzes graues Strickkleid, eine blickdichte Strumpfhose und eine Fellweste entschieden. Die Haare trage ich offen, das mochte Adrian schon immer am liebsten. "Du siehst umwerfend aus. Schön, dass du meine Einladung angenommen hast." "Danke schön. Natürlich nehm ich deine Einladung an. Ich hab mich sehr darüber gefreut." Er führt mich zu einem kleinen schnuckeligen Italiener ganz in der Nähe aus. Super leckeres Essen. Aber so unheimlich kleine Portionen. Hoffentlich knurrt mein Magen nicht unentwegt. "Ich kenn mich hier in der Ecke noch nicht so aus. Aber an dem Laden bin ich schon öfter vorbeigefahren." "Ja gute Wahl. Ich war hier ab und an schon mal." Während des ganzen Essens - was bei den winzigen Portionen ja leider nicht so lange dauert - unterhalten wir uns viel. Er erzählt, dass er Oldtimer aufpoliert und weiterverkauft. Im Ausland bekommt man teilweise noch viel mehr von ihnen zu sehen als hier. Ein wahnsinnig interessanter Beruf - ich hänge förmlich an seinen Lippen. Wir verbringen einen schönen Abend und haben riesig Spaß. Bis ich unbeabsichtigt die Komik aus dem Gespräch nehme: "Was hat denn nun dazu geführt, dass du wieder hier bist?" Er schaut in sein Glas und senkt den Kopf. Natürlich verstehe ich sofort: "Oh, blödes Thema. Sorry." Er legt seine Hand auf meine und beruhigt mich: "Nein, nein. Schon in Ordnung. Es ist... ich bin wieder zurück, weil meine Freundin sich vor einiger Zeit von mir getrennt hat. Da hat sich mir unweigerlich irgendwann die Frage gestellt, was mich dort noch hält und wieso ich nicht wieder zurückkomme. Es hat... einfach nicht mehr gepasst zwischen uns. Nur noch Streitereien und böses Blut." "Oh, das tut mir leid." "Das muss es nicht, Josie. Ich denke, alles was passiert, ist Schicksal. Sieh es so: Ich würde hier nicht mit dir sitzen, wenn das nicht geschehen wäre." "Ja, das stimmt.", werfe ich ihm ein Lächeln zu. "Und bei dir?" Auf diese Frage war ich Dussel nicht vorbereitet und fange natürlich an, zu stottern: "Ich, also... Frag lieber nicht." Er nimmt einen Schluck Wein und muss lachen: "Was denn?! So schlimm?!" "Es war einfach sehr kompliziert in letzter Zeit. Ich war lange vergeben, aber das hat in einem Desaster geendet. Danach dachte ich, ich wäre wieder soweit, aber da ergaben sich dann auch Probleme. Und jetzt.... Hab ich erst mal die Schnauze voll." Verdutzt und ein wenig enttäuscht starrt er mich an. Doch ich wechsle einfach das Thema. Immerhin stimmt, was ich gesagt hab: Ich hab nicht vor, in nächster Zeit jemanden allzu nah an mich ran zu lassen. Die Sache mit Ben ist ja noch lange nicht verdaut. "Wie läuft es denn eigentlich mit dem Umzug? Du musst es nur sagen, wenn du Hilfe brauchst.", lenke ich also ab. Adrian blickt mir in die Augen, lächelt schelmisch und greift erneut nach meiner Hand. Er säuselt: "Süß, wenn du versuchst, unbemerkt das Thema zu wechseln." Ich halte mir den Kopf und flüstere: "Ertappt! Ich will uns nur den Abend nicht versauen. Jetzt, wo wir uns so lange nicht gesehen haben, sollten wir Spaß haben und keine Trauermienen ziehen." "Du hast ja Recht. Und deswegen lade ich dich jetzt noch auf einen Absacker ein. Was sagst du dazu?" "Ja gern.", willige ich freundlich ein. "Sehr schön, dann zahlen wir hier und verziehen uns. Ich weiß auch schon, wohin." Wir verlassen zusammen das Restaurant. Adrian hält mir die Tür auf. Gut erzogen. Auch die Autotür hält er für mich auf. Ich muss sagen, ich bin angetan. Aber das war ich bei Adrian schon immer. Im Auto - ein Oldtimer natürlich- reden wir weiter. Ich kann es immer noch nicht fassen, dass ich mit Adrian im Auto sitze. Auf einem... ja sowas wie ein Date. Was hätte ich vor vier Jahren darum gegeben, in dieser Situation zu sein?! Leider merke ich erst viel zu spät, dass ich ihn förmlich angaffe. Aber er sieht einfach so umwerfend gut aus. Wie früher, nur etwas männlicher, breiter, stärker. Seine dunkelblonden strubbeligen Haare liegen perfekt. Er hat in den vergangenen Jahren auf jeden Fall trainiert. Das sieht man. Auch der Dreitagebart steht ihm super. Macht ihn noch ein bisschen männlicher. Sein Kleidungsstil war schon immer extravagant - natürlich im positiven Sinne. Das hat er beibehalten. Plötzlich starrt er mich mit seinen blau-grünen Augen an. "Josie?! Wir sind da!" Da "wache ich auf" und stammle rum: "Sorry, ich war in Gedanken." Er steigt aus, läuft ums Auto und hilft mir beim Aussteigen. Ich sehe mich um und kann es kaum glauben: "Ein Dönerstand?!?!" Adrian hält sich den Bauch und lacht laut los: "Tut mir leid, aber ich MUSS noch was essen. Die Portionen beim Italiener waren so klein." Da klopfe ich ihm auf die Schulter und breche halbwegs ab vor Lachen: "Hahaha! Bestell mir auch einen mit!" Zusammen amüsieren wir uns über die Rentnerportionen und genießen unseren Döner. Da sage ich: "Weißt du was?! Du hast dich so gut wie gar nicht verändert. Du bist noch genauso witzig. Einfach Adrian. Der gute alte Adrian." Er nimmt einen Happen von seinem Döner und meint: "Und du bist noch hübscher geworden." Sein Kompliment kommt völlig unvermittelt und lässt mich knallrot anlaufen. "Jetzt werd nicht gleich rot. Ich sag nur die Wahrheit.", witzelt er und legt seinen Arm in meine Taille. Beklommen starre ich auf den Boden, scharre mit dem linken Bein und piepse: "Das ist lieb. Danke." "Genießt du den Abend?" "Natürlich. Setz dich nicht unter Druck. Und ich sag dir was:", hänge ich mich bei ihm ein, "Der Döner macht den Abend noch viel schöner." Unser Gelächter hört man bestimmt noch drei Straßen weiter. Irgendwann bittet er mich dann doch um Hilfe: "Du hattest ja vorhin gesagt, dass du mir beim Umzug helfen möchtest. Das wäre wirklich gut. Zumindest beim Streichen vielleicht. Den Rest erledigen die Möbelpacker." "Klar. Gar kein Problem. Wann soll ich denn vorbeikommen?" "Morgen Vormittag? So gegen 10:00 Uhr? Wär das okay?" "Ja klar. Soll ich was mitbringen oder hast du alles?" "Ich denk, ich hab alles." Nachdem wir unsere Döner weggeputzt haben, machen wir uns auf den Heimweg. Als ich gerade aus dem Auto aussteigen will, bekomme ich eine Nachricht von Ben: "Schlaf gut, Mäuschen." Ich finde es echt total süß von ihm, dass er mir jeden Abend schreibt. Aber ich packe mein Handy wieder weg, ehe Adrian noch was mitbekommt. Muss ja nicht sein. Artig bedanke ich mich für den schönen Abend. "Dann sehen wir uns morgen um 10:00 Uhr, ja?" Adrian zwinkert mir zu und antwortet: "Ich freu mich."

 

 

Summend steige ich die Treppen nach oben und betrete schließlich unsere Wohnung. Linda und Dave sitzen auf dem Sofa und schauen einen Film. "Mensch, das hat ja lange gedauert, Josie. Es ist schon fast 1:00 Uhr." "Jaaa, es war auch schön." Natürlich versteht Dave nur Bahnhof. Aber das soll erst mal auch so bleiben. Ich hab mit Linda abgesprochen, dass die Jungs nicht unbedingt mitbekommen müssen, dass ich mich zum Essen mit Adrian verabredet hab. Ich hab den Verdacht, dass das nur Ärger geben könnte. Also hat Linda Dave erzählt, dass ich mich mit einer Freundin von früher treffe. Trifft ja auch FAST zu...

 

 

Am nächsten Morgen stehe ich pünktlich auf, um Adrian wie versprochen zu helfen, seine Wohnung zu streichen. In der Küche warten Dave und Ben auf Linda. In meinen ältesten und verlebtesten Klamotten komme ich aus meinem Zimmer und gehe an den Kühlschrank, um nach etwas Essbarem zu suchen. Doch Ben stellt sich demonstrativ in den Weg. "Guten Morgen... Sexy...", mustert er mich von oben bis unten. "Was hast du denn vor?" Ich stemme meine Hände in die Hüften und scherze: "Wieso?! Gefällt dir mein Outfit nicht?! Ich dachte ich sollte mal meinen Stil überarbeiten!" "Najaaa... gewöhnungsbedürftig würd ich sagen.", grübelt Ben, während Dave sich kaputtlacht. "So und jetzt rutsch mal auf die Seite, ich hab Hunger." Zuvorkommend wie Dave ist, merkt er an: "Da drin wirst du wohl nicht fündig werden. Komm doch mit in die Bar. Linda frühstückt doch auch dort." Mit dem Kopf im Kühlschrank winke ich dankend ab: "Ich würde gerne. Aber ich bin schon verabredet. Daher auch die sexy Wäsche." Da wird Ben hellhörig: "Verabredet?" Doch ehe er weitere Fragen stellen kann, schnappe ich mir meine Schlüssel und husche aus der Tür: "Dann geh ich noch kurz zum Bäcker. Viel Spaß euch." Ich schließe die Wohnungstüre und kann Ben fragen hören: "Trifft sie sich etwa mit jemandem?" "Keine Ahnung. Das hätten wir doch mitbekommen. Linda hätte es mir erzählt." "Bist du sicher?" "Mensch, jetzt mach dir nicht ins Hemd." Irgendwie freut mich Bens Sorge, aber ich will nicht zu viel reininterpretieren. Immerhin hat er was mit seiner Ex laufen...

 

 

Nachdem ich beim Bäcker zwei Kaffee und zwei belegte Brötchen geholt habe, stehe ich vor Adrians Tür: "Da bist du ja schon. Guten Morgen.", begrüßt er mich freudig. "Und ich hab Verpflegung dabei." Als er mich reinbittet und ich die Wohnung sehe, flippe ich halbwegs aus. "Oh mein Gott! Das ist ja ein Schloss!!!" "Ja, sie ist geräumig. 150 qm. Sieh dich nur um." 150 qm! In der Lage! Mann, Adrian muss sich in den letzten Jahren wirklich ein goldenes Näschen verdient haben. Ich bin geradezu sprachlos. Zwei Bäder. Die Küche nagelneu. Eine Dachterrasse auf der ein Hubschrauber landen könnte. "Ich fasse es nicht." "Jaaa ganz billig ist sie tatsächlich nicht. Aber ich lege viel Wert auf mein Zuhause." "Aber Adrian, das ist doch hier alles frisch renoviert wie es aussieht. Was sollen wir denn da streichen?", frage ich blöd nach. "Ich hätte hier und da gern ein paar Farbtupfer. Einfach, dass nicht alles so steril weiß ist." "Verstehe, ja." Ich schnappe mir einen Farbeimer und eine Farbrolle und bin voller Tatendrang: "Also dann los." Knappe vier Stunden später lässt meine Motivation leider deutlich nach. Meine Arme tun weh und ich bin über und über mit dunkeltürkiser Farbe bekleckert. "Du siehst ein bisschen fertig aus.", stichelt Adrian. "Ach Quaaatsch. Los. Nächster Raum." Warum spiele ich ihm eigentlich die sportliche, motivierte und überaus disziplinierte Josie vor, die ich zuletzt in der 8. Klasse war?! Als mir hierauf keine Antwort einfällt, knicke ich ein: "Oder auch nicht?! Du hast mich erwischt! Ich bin im Eimer." Er schmunzelt, legt seinen Arm um mich und macht den besten Vorschlag, den er nur hätte machen können: "Los, ich lad dich auf ein XXL-Stück Pizza ein. Wir streichen die eine Wand hier noch zu Ende und dann sind wir ohnehin fertig." "Bin dabei." Während ich auf einer Trittleiter stehe, um auch ganz oben an die Wand ranzukommen, streicht Adrian vorsichtig um die Türrahmen. Wie nicht anders zu erwarten war, stoßen wir schließlich irgendwann zusammen. Ich komme ins Wackeln und beginne bereits zu kreischen, da hält Adrian mich fest. Dass eine Hand dabei direkt auf meinem Hintern und die andere nur knapp unter meiner Brust landet, fällt ihm scheinbar nicht auf - zumal er gar nicht mehr loslässt. Oder lässt er vielleicht gerade deshalb nicht los?! "Hoppla Vorsicht. Nicht dass ich direkt die erste Leiche hier in der Bude hab.", scherzt er. "Tut mir leid, ich hab nicht gesehen, dass du schon so nah bist. Bei mir. Also..." Sein Gestammel finde ich irgendwie süß. Ich sage nichts, sondern blicke nur auf seine Hand und grinse ihn an. Ohne Umschweife lässt er los und ich kann es gar nicht fassen, dass er rote Wangen bekommt. "Sorry, ich wollte dich nur auffangen. Dass du dich nicht verletzt." Ich klopfe ihm auf die Schulter und beruhige ihn: "Kein Problem. Vielen Dank. Hättest du mich nicht gehalten, wäre ich wohl schnurstracks nach unten gesegelt." "Auf den Schreck kriegst du jetzt aber sofort deine Pizza." "Deal." Wir machen uns also auf den Weg - fertig, verzottelt und farblich super aufeinander abgestimmt. Die Pizza ist natürlich im Handumdrehen verschlungen. Arbeit macht eben hungrig. "Dann werd ich dich mal nach Hause bringen." "Nicht doch. Ich helfe dir noch beim Aufräumen." "Nein Josie. Das schaff ich schon alleine. Dass du überhaupt geholfen hast, war schon eine Erleichterung für mich." "Das hättest du wohl gerne. Natürlich helfe ich dir noch." Da ich keinerlei Widerrede dulde, stapfe ich ihm hinterher bis in den fünften Stock. Zusammen ist das Chaos schnell beseitigt. Wir ruhen uns auf den ausgelegten Zeitungen auf dem Boden noch kurz aus, da fällt mir auf, dass ein getrockneter Farbtropfen an Adrians Haar hängt. Lachend ziepe ich daran rum und reiße Witze: "Tja weißt du, wir wären sicherlich deutlich schneller gewesen, wenn du die Farbe an die Wand und nicht über deinen Kopf gekippt hättest." Unbemerkt reiße ich ihm dabei ein paar Haare aus. "Aua! Sag mal! Das musst du gerade sagen, du bist über und über voll mit Farbe." Er fängt an, mich zu kitzeln. "Hör auf. Ich bin so kitzelig. Hör aaahahahah!" Ich kringle mich wahrhaftig auf seinem Fußboden. Da lehnt er sich zurück und streicht mir übers Ohr: "Sogar hier hast du Farbe." Wir sehen uns tief in die Augen. Ich weiß gar nicht, wie mir geschieht. Mit leiser Stimme haucht er: "Es ist so schön, dass wir uns getroffen haben. Wieder. Nach so langer Zeit." Seine Hand streicht dabei weiterhin über mein Ohr und meine Wange. Unsere Blicke füreinander werden intensiver. Ich lege meine Hand auf seine und antworte sanft: "Nach zu langer Zeit." Er kommt näher und näher. Er schließt seine Augen. Ich kann seinen Atem bereits spüren. Zwar sträube ich mich innerlich dagegen, doch die ganze Sache wird mir zu heiß und ich springe wie von der Tarantel gestochen auf. "Also wenn wir dann jetzt fertig sind, werd ich mal... gehen." Adrian reißt die Augen auf und fährt sich mit der Hand durchs Haar: "Tut... tut mir leid. Ich wollte dich nicht verprellen oder so. Das ist einfach..." Ich unterbreche ihn: "Schon gut. Das war jetzt einfach... keine Ahnung. Wir kennen uns schon so lange und... Schon gut." Er bringt mich noch zur Tür. "Josie, sorry nochmal. Ich es war irgendwie eine Kurzschlussreak..." "Schon gut, Adrian. Jetzt mach dich nicht nass. Ist doch nichts passiert." Aber so wirklich aufgeben will er nicht: "Hättest du vielleicht heute Abend Lust auf Kino?! Oder was trinken gehen? Oder einen Döner?!" Ich muss lachen und freue mich auch wirklich über seine Einladung, aber das würde mir für den Moment etwas zu viel werden, also sage ich dankend ab. "An sich eine gute Idee - vor allem der Döner. Aber ich kann heute leider nicht." "Achso, dann..." "Vielleicht telefonieren oder schreiben wir die Tage einfach mal.", falle ich ihm erneut ins Wort. "Alles klar, Josie. Dann danke nochmal und bis bald." Er umarmt mich und ich ertappe mich dabei, dass ich während der Umarmung meine Augen schließe. Doch in Windeseile bin ich wieder bei mir und gehe geradezu hektisch nach Hause. Ich muss erst mal verdauen, dass Adrian einen Annäherungsversuch nach dem anderen startet. Mein Adrian. Von dem ich so lange geschwärmt hab. Und zu dem ich mich nach so langer Zeit irgendwie noch hingezogen fühle.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 31.01.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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