Christiane Mielck-Retzdorff

Überwürzte Familiensuppe

 

 

Pia wurde an einem Sonntag 18 Jahre alt, was den Vorteil hatte, dieses Fest entspannt im Kreise der Familie begehen zu können. Allerdings musste mit einer großen Anzahl von Gästen rechnet werden, da sich ihre Eltern vor einigen Jahren scheiden ließen und sich neue Partner suchten. Deswegen meinten die Verwandten und Paten sich besonders fürsorglich um die Opfer der zerrütteten Familie kümmern zu müssen und Pias Vater lud alle zu einer Kaffeetafel in einem Gasthof ein.

Auch wenn die junge Frau an diesem Tag volljährig wurde, maß sie diesem Ereignis wenig Bedeutung bei. Schon als sich ihre Eltern trennten, entschied sich Pia, anders als ihre zwei Jahre jüngere Schwester Simone, beim Vater zu bleiben. Der war als Architekt viel beschäftigt, weswegen sie schon früh ihren Alltag ohne seine Einmischung gestalten konnte.

Ihr Vater Günther verließ seine Ehefrau einst wegen einer sehr viel jüngeren Kollegin, was Pias Mutter noch immer wütend machte. Sie entwickelte eine Abneigung gegen alle Männer und hatte mittlerweile sogar ihre Lebensgefährtin Babette geheiratet. Bei diesem lesbischen Paar lebte Simone.

Nach der Trennung der Eltern genoss der Vater erstmal sein freies Leben mit diversen sexuellen Abenteuern. Pia gewöhnte sich daran, dass ständig neue Frauen in das Haus ein- und wieder auszogen. So traute sich niemand ihre Freiheit einzuschränken. Sein gelegentlich auftretendes schlechtes Gewissen ob seines unsteten Lebenswandels betäubte der Vater durch Großzügigkeit. Doch seit einigen Monaten hatte sein munteres Treiben ein Ende, denn seine 20 Jahre jüngere Geliebte Martina war schwanger geworden und der Mann entschied sich, wieder zu heiraten. Pia nahm auch das gelassen hin, denn seine neue Ehefrau versucht gar nicht, ihr als neue Mutter gegenüberzutreten.

Die Großeltern väterlicherseits, Oma Bine und Opa Heiner, himmelten, genauso wie deren zweites Kind Susanne, den erfolgreichen Günther an, freute sich, dass er nun endlich ein neues Glück mit sich ankündigendem Nachwuchs gefunden hatte. Zwei weitere Enkelkinder aus der Ehe ihrer Tochter mit Horst gab es bereits. Nun freuten sich die Großeltern auf Nummer fünf.

Die Eltern von Pias Mutter, Monika und Fried, standen deren lesbischer Beziehung mit sorgfältig verborgener Ablehnung gegenüber. Umso stolzer waren sie auf ihren Sohn Jörg, der mit seiner Frau Irene die Familie ebenfalls schon durch zwei Kinder bereichert hatte.

Dann wollten natürlich auch noch die Großtante Wilma mit ihrem Mann Peter und der Großonkel Hans mit seiner Frau Sophie gratulieren. Dazu kamen noch die drei Paten von Pia, die Tanten Marlies und Corinna sowie der Onkel Franz. Letztere waren einst Freunde des Ehepaars gewesen, das schon lange keines mehr war.

Selbst Pia konnte sich nicht alle Namen der Gäste merken, denn die meisten kannte sie kaum und sah diese mehr als selten. Das letzte Mal trafen sich alle zur Beerdigung von Großonkel Heribert, einem sehr, sehr reichen Mann, der schon zu Lebzeiten die Familienangehörigen mit großzügigen Geldgeschenken bedacht hatte. Da war es natürlich selbstverständlich, dass alle durch Anwesenheit ihr Bedauern ausdrückten und hofften, noch beim Erbe bedacht zu sein. Außerdem hatte Onkel Heribert diverse gemeinnützige Organisationen unterstützt, was die Medien bei der Beerdigung mit gebührender Aufmerksamkeit belohnten. So erfüllte sich auch noch der Wunsch der Teilnehmer durch das traurige Ereignis wenigstens einmal auf einem Foto in der Zeitung oder gar in einem Beitrag im Fernsehen zu erscheinen.

Zu ihren Cousinen und Cousins hatte Pia kaum Kontakt, obwohl sie alle im Alter nicht weit auseinander waren. Nur mit Saskia verband sie ein nie ausgesprochenes Abkommen, was sich darin begründete, dass Pia Geheimnisse zuverlässig für sich behielt. Schon als Kind entwickelte die Cousine einen unheimlichen Wissensdurst, der sich aber nicht auf das Erlagen von Bildung bezog, sondern sich in dem Forschen nach Geheimnissen ihrer Mitmenschen ausdrückte.

Saskia war sehr klug, konnte genau beobachten und verfügte über eine grandiose Merkfähigkeit. Ihr Vater, Onkel Horst, arbeitete als Gynäkologe. Sie entdeckte, dass dieser vor seinen beiden Kindern sorgsam einige Zeitschriften verbarg. Als die Eltern einmal nicht zuhause waren, entdeckte sie das Versteck und wunderte sich, warum ihr Vater diese, in denen nur Bilder von nackten Frauen zu sehen waren, in einer abgeschlossenen Schublade aufbewahrte. Wo sich deren Schlüssel befand hatte sie natürlich vorher herausgefunden.

Eines Tages verschwanden die Zeitschriften im Keller, aber auch ihr dortiges Versteck blieb vor Saskia nicht verborgen. Mittlerweile war ihr bewusst geworden, dass es sich dabei um Pornohefte handelte. Bald entdeckte sie, dass ihr Bruder Moritz, inzwischen zum Teenager gereift, einige dieser Hefte stahl und nun in seinem Zimmer versteckte. Doch diese zeigten nur unheimlich fette, nackte Weiber. Die Fotos widerten Saskia an. Ihre Mutter Susanne hatte eine beinahe knochige Figur. Konnte es sein, dass Moritz sich als Kleinkind so oft an deren Knochen gestoßen hatte, dass er nun gut gepolsterte Frau bevorzugte?

Als auch Saskia auf dem Weg zur Erwachsenen war, streifte sie gern durch abgelegene Viertel der Großstadt, weil sie dort in die Abgründe der Gesellschaft blicken konnte. Junge Menschen kauften und verkauften Rauschmittel, Mädchen in ihrem Alter boten schon ihre Körper feil. Dabei entdeckte sie in einer schummrigen Ecke ihren Onkel Jörg in inniger Umarmung mit einem jungen Mann. So erreichte Saskia die Erkenntnis, dass dieser schwul war.

Sie war sehr sorgfältig in ihren Forschungen, doch verschwieg deren Ergebnisse. Nur Pia zog sie stets ins Vertrauen. So wussten beide schon bei der Geburtstagsfeier, dass Onkel Jörg sich geoutet hatte, die Ehe mit Irene gescheitert war. Das permanente, dämliche Grinsen, eine Mischung aus Ungläubigkeit und Verzweiflung, das die Frau an der Kaffeetafel zur Schau trug, bestätigte dieses. Aber noch versuchten beide ein glückliches Ehepaar zu spielen.

Auch die Eltern von Pias Mutter Karin wussten schon etwas von der Entwicklung. Die Tatsache, dass ihr eines Kind lesbisch und das andere schwul war, sich beide nun sogar dazu bekannten, erschütterte das Ehepaar tief. Aber bei dieser Geburtstagsfeier strahlten sie Harmonie und Fröhlichkeit aus.

Saskia hatte auch herausgefunden, dass die Lebensgefährtin von Pias Mutter nicht lesbisch sondern eher bisexuell war. Immer wenn Karin als Chirurgin Nachtdienst hatte, empfing Babette einen Mann, der einige Stunden blieb und von dem sie sich mit einem leidenschaftlichen Kuss verabschiedete. Dessen Auto ließ die Vermutung zu, dass der Mann nicht sehr wohlhabend war. Also wäre es von Babette, die erfolglos ein Nagelstudio betrieb, dumm gewesen, sich von ihrer sehr gut verdienenden Ehefrau zu trennen.

Außerdem wusste Saskia, dass der Großonkel Heiner pleite war, seine Frau sich schon länger mit einem Geliebten verlustierte. Die Cousins Max und Florian waren vor Beginn ihres Studiums im Ausland regelmäßige Gäste in einem Bordell gewesen und berauschten sich gern am Kokain. Saskias Bruder Moritz verheimlichte seine Beziehung zu einer enorm fetten, älteren Dame. Patenonkel Franz gab noch nicht zu, dass auch seine dritte Ehe gescheitert war. Die Patentanten Corinna und Marlies arbeiteten gemeinsam als Steuerberaterinnen vornehmlich für Russen, die eine enge Verbindung zur Mafia hatten und standen schon mit einem Bein im Gefängnis.

Saskia hasste Gerüchte, weswegen sie ihre Nachforschungen stets sehr gewissenhaft und zeitaufwendig betrieb. Erst wenn sie ganz sicher sein konnte, dass sich ihre Verdacht bestätigte, zog sie Pia ins Vertrauen. Doch beide schwiegen eisern über ihr Wissen, das hatten sie einander versprochen.

Pia hatte früh gelernt, ihr Leben allein zu meistern. Diese scheinbar so harmonische Familie mit ihren ganzen Abgründen interessierte sie nicht. Deswegen hielt sie es auch nicht für nötig, irgendjemandem, nicht mal Saskia, mitzuteilen, dass sie schon eine ganze Weile ihre Freizeit beim Westernreiten verbrachte. Dabei lernte sie den Texaner John kennen, der sich für ein Jahr als Reitlehrer in dem Stall verpflichtet hatte. Beide wurden ein Liebespaar. Doch dann musste John in seine Heimat zurück.

Gemeinsam fassten sie den Plan, dass Pia ihm nach dem Erreichen der Volljährigkeit folgen sollte. Dank der großzügigen Zuwendungen des verstorbenen Großonkels Heribert hatte die junge Frau schon ein kleines Vermögen auf ihrem Sparbuch angesammelt. Nun war die einzige Absicht, die sich hinter dieser Geburtstagsfeier mit den vielen Gästen verbarg, möglichst viele Geldgeschenke zu bekommen.

Also hatte sie mit der Einladung die Lüge verbreitet, sie wolle Europa bereisen, um die Architektur anderer Länder zu studieren, um dann den gleichen beruflichen Weg wie ihr Vater einzuschlagen. Diese Reise sollten die Gäste finanzieren. Die Vorstellung, Pia würde die Universität besuchen, um dann in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten, vermittelte den Gästen den Eindruck von Normalität und Beständigkeit. Das würde ihre Portemonnaies öffnen.

Der Plan ging auf. Als Pia am Abend endlich allein die vielen Briefumschläge mit den auf Postkarten festgehaltenen guten Wünschen für ihre Zukunft öffnete, fielen ihr, selbst von dem Pleitegeier Großonkel Heiner, Geldscheine mit hohen Beträgen entgegen. Sie strahlte, denn ihr Flug nach Dallas war bereits für morgen gebucht. Niemand ahnte etwas von ihrem Vorhaben. Wenn sie dann still und heimlich verschwunden war, fügte sie sich hervorragend in das Bild ihrer merkwürdigen Familie.

Das Handy klingelte. Es war Saskia, die Pia eine gute Reise wünschte und sie bat, sich oft aus Texas zu melden. Die junge Frau bedankte sich grinsend. Saskia entging wirklich nichts, doch bewahrte zuverlässig jedes Geheimnis.

 

 

 

 

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Buch von Christiane Mielck-Retzdorff:

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Die Töchter der Elemente: Teil 1 - Der Aufbruch von Christiane Mielck-Retzdorff



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