Jakob Kappert

Seilbahn


Es ist ein Uhr morgens. Ich sitze in meiner Kammer im dritten Stock am Schreibtisch und versuche schon seit Tagen meine durchaus verzwickten Gefühle zu Papier zu bringen. Doch der Schreibtisch wird seinem Namen nicht gerecht. Noch immer sitze ich vor einem leeren Blatt. Nicht ein Wort entlockt sich dem erwartungsvoll über dem Tintenfass kreisenden Federkiel in meiner Hand. Die Tinte trocknet bereits ein. Es liegt an meinen Gedanken. Sie verfremden alles, spielen Stille Post mit den Gefühlen, machen es unmöglich diese angemessen zu verbalisieren.

Über meine Unfähigkeit die Haare raufend, beobachte ich, wie ein Seil durch das spaltbreit geöffnete Fenster hereingekrochen kommt. Schlangenähnlich gleitet es über den verstaubten Fenstersims, den Tisch, das leere Blatt langsam auf mich zu, windet sich um meinen Hals, die Schläfe, bis in den Mund, bahnt sich seinen Weg die Kehle hinab und weiter entlang der verschlungenen Innereien.

Ein leichter Sog vom Seil, das sich nun stramm um meine Kehle spannt, überträgt sich auf meinen Körper. Mit beiden Händen greife ich das Seil und stemme mich dagegen. Aber es nützt nichts. Je mehr Kraft ich einbringe, desto stärker wird der vom Seil ausgehende Zug.

Nun frage ich mich, wenn doch der Zug augenscheinlich so viel mehr Kraft und Ausdauer besitzt als der Rückzug, warum dann überhaupt zurückziehen; warum nicht ziehen lassen?

Und während mein Kopf noch am rattern ist, sind meine Hände so frei und lassen los. Doch grenzenlos spontan wie Hände nun einmal sind, warten sie nicht erst auf saumseliges fertig Gedenke, und so merke ich zu spät, dass das Seil nicht nur durch meinen Körper hindurch gekrochen ist, sondern diesen ebenfalls an den Stuhl und den Stuhl an die restliche Möblierung festgebunden hat. Anstatt mich mit sich zu ziehen, schnürt es mir die Luft ab. Jedoch nicht lange. Ein Reißen schallt durch die Nacht, gefolgt von einem lauten Klirren.

Das letzte was meine Augen sehen, während mein Kopf, um sich selbst rotierend, das Seil entlang auf einen Punkt irgendwo hinter dem letzten Häuserblock zuschießt, ist mein Körper, wie er hinter einem zerbrochenen Fenster mit aus dem Hals gespannten Seil am Schreibtisch sitzt, die Feder in der Hand und diese fleißig über das Papier zucken lässt.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.02.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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