Klaus-Peter Behrens

Der Kater und sein Magier, Teil 34

Nunmehr also zu dritt schlug sich die kleine Gruppe nach einer kleinen Zwischenmahlzeit weiter durch den nicht enden wollenden Wald. Während Van und der Drache Seite an Seite die Spitze ihrer kleinen Gruppe bildeten und Erfahrungen austauschten, brütete Nobeline still vor sich hin. Wenn ihr jemand vor wenigen Monden noch erzählt hätte, daß sie sich demnächst in Begleitung eines wilden Jägers und eines Drachens durch ein finsteres Waldgebiet quälen würde, hätte sie für denjenigen nur einen mitleidigen Blick übrig gehabt und sofort nach dem Heiler gerufen. Bedauerlicherweise hatte das Leben aber die unerfreuliche Eigenschaft, gelegentlich selbst die ausufernste Phantasie noch zu übertreffen. Natürlich gab es Schlimmeres, als mit seinem Traummann durch die Botanik zu streifen. Wenn dieser allerdings zu seinem Freundeskreis Ungeheuer wie den Drachen zählte, bekam das Ganze einen anderen Anstrich. Nobeline wagte nicht darüber nachzudenken, wovon sich das Ungetüm ernährte. Besonders aber ärgerte sie sich darüber, daß die beiden sich gelegentlich nach ihr umdrehten und dabei jedesmal breit grinsten. Was zum Henker mochte dieser Waldläufer dem Drachen wohl über sie erzählen? Sie beschloß, zu den beiden aufzuschließen und ließ ihr Pferd antraben.

„Und dann hat sie brav Holz geholt“, hörte Nobeline gerade Van prahlen, als sie ihr Pferd zwischen die Gefährten drängte. Das Pferd schnaubte und tänzelte leicht, da es sich immer noch nicht damit anfreunden konnte, als potentielle Mahlzeit in die Nähe des Drachen zu kommen. Eine Empfindung, die Nobeline nachvollziehen konnte. Trotzdem brachte sie das Pferd energisch zur Ruhe.

Hmmm, Pferdesteak“, verkündete der Drache, der belustigt Nobelines Kampf mit dem störrischen Pferd betrachtete. Leichte Dampfwolken stiegen dabei aus seinen Nüstern auf, die nicht nur Nobeline nervös machten. Ihr Entschluß, den Drachen loszuwerden, wurde damit nur noch bestätigt, selbst wenn dieser gerne Geschichten hörte.

„War einer von euch schon mal in Versmas?“, eröffnete sie das Gespräch und erntete dafür beidseitiges Kopfschütteln. Befriedigt nickte sie. Wäre der Drache schon einmal dort gewesen, würde es entweder Versmas oder ihn nicht mehr geben. Nun galt es, geschickt weiter zu argumentieren.

„Wart ihr überhaupt schon einmal in einer großen Stadt und wißt, was euch dort erwartet?“, hakte sie mit Unschuldsmiene nach. Wieder erntete sie beidseitiges Kopfschütteln, was jedoch den Drachen zu erstaunen schien.

Aber Van, du..“, setzte er an und wurde von selbigem mitten im Satz abgewürgt.

„.. warst zumindest schon mal in kleineren Dörfern“, wolltest du mich bestimmt korrigieren. „Schließlich kommt man als einfacher Jäger ein wenig herum.“

Du bist ein einfacher Jäger?“, staunte der Drache. Van nickte bestimmt. Borogaad konnte dem eisigen Blick seines Freundes entnehmen, daß es ihrer Freundschaft nicht zuträglich wäre, diese Behauptung zu hinterfragen. Aus irgendeinem Grund, den der Drache sich nicht erklären konnte, schien sein alter Freund sich in der Rolle des einfachen Jägers zu gefallen. Nun, ihm sollte es egal sein. Er würde das Spiel auf seine Weise mitmachen. „Und ich bin ein Zwerg und kenne nur die Minen“, brummte er daher vergnügt, worauf Nobelines Blick frostig wurde. Die beiden veralberten sie, und sie wußte nicht, was sie davon halten sollte. Irgend etwas war hier im Busch. Daran bestand kein Zweifel. Aber was dahinter steckte, konnte sie immer noch zu einem anderen Zeitpunkt klären. Einstweilen galt es, das wahnsinnige Unterfangen, in Begleitung eines Feuer speienden Ungetüms in Versmas einzufallen, zu unterbinden.

„Nun, Städte sind voller enger Gassen mit stinkenden Rinnsalen. Kein Vogelgezwitscher erfüllt die Luft; denn Bäume findet man dort nur als Kamin- oder Bauholz. Für jemanden, der die Natur liebt, ist das ein schrecklicher Ort“, verkündete sie mit möglichst düsterer Stimme. Erwartungsvoll sah sie zum Drachen hoch, doch dessen Antwort fiel anders aus, als sie es erwartet hatte.

Das klingt interessant. Man soll schließlich stets seinen Horizont erweitern“, merkte der Drache mit erhobener, rechter Vorderpfote an, als wäre er ein dozierender Gelehrter. „Du wirst eine gute Reiseführerin abgeben“, lobte er die kochende Nobeline.

„Und ein gutes Abendessen dazu“, erwiderte sie verdrossen. Allmählich gingen ihr die Ideen aus. Wenn es ihr nicht gelang, den Drachen umzustimmen, würde ihr Name bald in aller Munde sein. Allerdings nicht in der Art und Weise, wie sie sich das vorgestellt hatte. Sie fragte sich, wie ihr Vater wohl reagieren würde, wenn er sie jetzt sehen könnte? Nun, zumindest würde es ihm schwer fallen, willige Heiratskandidaten für eine Tochter zu finden, die mit Feuer speienden Ungeheuern durch die Gegend zog. Sie grinste unwillkürlich, auch wenn ihr nicht gerade zum Lachen zumute war. Zumindest war dies ein guter Stoff für eine Geschichte. Dabei dachte sie an die vielen Bücher, die sie im Laufe ihres jungen Lebens verschlungen hatte. Alle Abenteuer waren dort gut ausgegangen, so daß eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür sprach, daß dies auch bei ihr so sein würde. So richtig überzeugte sie ihre Schlußfolgerung trotzdem nicht. Möglicherweise hatten ja einfach nur diejenigen, deren Geschichte nicht gut ausgegangen war, keine Gelegenheit mehr gehabt, dies für die Nachwelt auf Papier zu bannen, womit ihr wieder Versmas, die Stadt der Dichter und Denker einfiel.

„Was zum Henker willst du als Drache bloß in Versmas?“, wagte sie einen erneuten Vorstoß.

Lyrik und Prosa genießen....“

„Die sind nicht eßbar“, merkte Nobeline bissig an. Irgendwie war sie überzeugt, daß den Drachen etwas ganz anderes antrieb, doch der blieb ungerührt.

„...und Geschichten vernehmen....“, schwärmte er mit verklärtem Blick.

„Hmmm.“

...Liederabende erleben...

Nobeline stöhnte.

..und außerdem werden die Schafe in dieser Gegend knapp.“

„Aha! Wußte ich’s doch!“

Entrüstet blickte Nobeline zu dem schuppigen Untier hoch. Nicht prosaische Wißbegierde sondern ein gieriger Schlund trieb den Drachen an.

„Du denkst nur ans Fressen“, schimpfte sie verärgert. Der Drache schnaubte daraufhin beleidigt.

Unsereins braucht regelmäßig eine saftige Mahlzeit, und in letzter Zeit hatte ich lediglich einen zähen Esel nebst launigen, alten Händler zum Mittag“, klagte Borogaad. „Da wird’s mal wieder Zeit für ein saftiges Schaf, und wenn ich dabei noch etwas vorgesungen bekomme, um so besser.“

Das ernüchterte Nobeline schlagartig. Ein Dankesständchen geplagter Bauern an einen vollgefressenen Drachen war ihr bisher noch nicht untergekommen. Sie bezweifelte, daß ein solches Anklang finden würde und schob den Gedanken, eins zu komponieren, genauso schnell wieder beiseite, wie er ihr gekommen war. Dabei wurde ihr erst jetzt bewußt, was der Drache von sich gegeben hatte.

„Du... du hast einen Händler gefressen?“, ächzte sie.

Er hatte die Leute ohnehin regelmäßig übers Ohr gehauen.“

„Das ist abscheulich!“ Nobeline war entsetzt.

In der Tat. Darum war es an der Zeit für eine Marktbereinigung.“

„Aber...“ Nobeline fehlten die Worte. Der Schlagfertigkeit des Drachens war sie nicht gewachsen.

„Nimm ihn nicht ernst. Er macht nur Spaß.“ Vans aufmunterndes Lächeln löste in ihr erneut ein Gefühl aus, das sie schwindeln und für einen Moment ihre Entrüstung vergessen ließ.

„Du meinst, er hat ihn gar nicht gefressen?“, fragte sie zaghaft.

„Einen zähen Esel nebst alten, launigen Händler? Kaum! Drachen sind Feinschmecker. So was kommt bei ihm nicht auf den Tisch.“

Nobeline wußte nicht, was sie von dieser Antwort halten sollte. Irgendwie beruhigte sie die Beschwichtigung nicht. Im Gegenteil. Sie mußte das Ungetüm loswerden. Fragte sich bloß, wie? In Gedanken ging sie ihre Möglichkeiten durch. Wie würde es ihr gelingen, Van auf ihre Seite zu ziehen? Zu zweit würden die Chancen besser stehen, den Drachen zur Umkehr zu bewegen. Was also wußte sie über den Drachen? Nun, er war groß, wirkte gefährlich und mochte Lieder und Geschichten. Vielleicht sollte sie ihr gesamtes Repertoire an Liedern zum Besten geben. Auch wenn sie sich es nicht gerne selbst eingestand, so wußte sie doch, daß Singen nicht gerade zu ihren Stärken gehörte. Ihre Stimme war zu schrill, und sie hatte Mühe den Ton zu treffen, was ihrer Begeisterung bisher allerdings keinen Abbruch getan hatte. Wenn sie allerdings an die entsetzten Gesichter der Kulturbanausen auf Schrottingham angesichts ihrer Ode über die taumelnden Schmetterlinge im Sonnenlicht zurückdachte, kam ihr eine Idee.

„Schön, daß du uns begleitest“, sagte sie mit warmer Stimme an Borogaad gewandt, worauf Van einen Hustenanfall bekam. „Der Weg ist ja sehr lang. Vielleicht kann ich dir ja unterwegs mit Liedern und Geschichten die Zeit vertreiben“, schlug sie dem Drachen vor, der daraufhin erfreut brummte und kleine Dampfwolken ausstieß. Van hingegen wirkte, als hätte jemand gerade vorgeschlagen, ihm zum Zeitvertreib die Zehennägel auszureißen.

„Das ist sehr freundlich von dir“, ächzte er um Fassung bemüht, „aber das können wir von dir wirklich nicht verlangen.“

„Unsinn, das mache ich gerne. Ich beginne mit einer Arie über die unglückliche Liebe der holden Irmgard von Hohenstein zu einem armen Ritter. Das ist ein Stück für Sopran“, verkündete sie dem unglücklichen Van, der aussah, als würde ihm eine lange Zahnbehandlung ohne Betäubung bevorstehen. Ohne weitere Worte legte Nobeline mit hoher, schriller Stimme los und sorgte so dafür, daß Van vor Schreck beinahe vom Pferd fiel und sämtliche Waldbewohner im Umkreis einer halben Meile Reißaus nahmen. Nur dem Drachen schien ihr Gekreische zu gefallen.

Großartig“, lobte er zwischen den kurzen Atempausen, die Nobeline brauchte, um ihre Lungen für die nächste Herausforderung voll Luft zu pumpen. „Das erinnert mich an die alten Zeiten, als wir Drachen noch mit den Dämonen der Unterwelt kämpften. Ihr Kriegsgeschrei klang ähnlich“, schwärmte er, worauf Nobelines Gesicht leicht säuerlich wurde. Mit noch mehr Elan trug sie die nächsten Strophen vor, deren Refrain der Drache mit tiefem Baß als Kontrapunkt begeistert mit summte. Begleitet von Vans gelegentlichen Stöhnen und dem protestierenden Wiehern der Pferde ergab sich damit eine Geräuschkulisse, die ihresgleichen suchte. Als Nobeline etliche Strophen später die letzte Liedzeile in einem Ton ausklingen ließ, der mühelos ein ganzes Kücheninventar aus Trinkgläsern zum Zerspringen hätte bringen können, klatschte der Drache freudig mit den kurzen Vorderpfoten.

Einmalig“, rief er erfreut. „Das kann den ganzen Tag so weitergehen.“

„Den ganzen Tag“, krächzte Nobeline, die verstimmt realisierte, daß auch dieser Plan nicht aufzugehen schien. Den Drachen wurde sie einfach nicht los, dafür aber ihre Stimmbänder, wenn das so weiter ging. „Das ist sehr schmeichelhaft“, sagte sie ohne rechte Begeisterung. Dabei übersah sie, daß Borogaad dem wie betäubt auf seinem Pferd sitzenden Van zuzwinkerte. Natürlich hatte der Drache die List Nobelines so einfach durchschaut, als würde er auf den Boden eines glasklaren Teichs blicken. Also hatte er das Spiel mitgemacht und den Spieß umgedreht. Er hatte sich schon lange nicht mehr so amüsiert. Die gemeinsame Reise versprach interessant zu werden.

Wird fortgesetzt ..... Eure Meinung zur Story wäre willkommen

 

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