Wolfgang Küssner

Mülltrennung

Unrat, Stuss, Schrott, Blödsinn, Mist, Unfug, Kehricht, Abfall, Unsinn, Ausschuss. All diese Wörter sollte man nicht in einem Atemzug nennen. Oder? Da muss eine Mülltrennung her. Eines haben die Begriffe allerdings schon gemeinsam, es handelt sich ohne Zweifel um Hinterlassenschaften von uns Menschen. Ein wenig Trennung ist aber schon ratsam, macht Sinn. Abfall, Kehricht, Mist, Schrott, Unrat, Ausschuss sind zwar Synonyme für Müll, doch von ganz anderer Qualität als Unfug, Blödsinn, Stuss oder Unsinn. Wobei die Grenzen durchaus fließend sein können, wenn sich zum Beispiel die Erzeuger physischen Mülls mit hanebüchenden Erklärungen – z.B. als Stuss entlarvt - ihrer Verantwortung zu entziehen suchen.

In unseren Meeren schwimmen momentan geschätzte 170 Millionen Tonnen Plastikmüll. Von Erzeugern und Verbrauchern in den Ozeanen final und gnadenlos entsorgt. So war bisher die langläufige Meinung. Leider haben Forscher dieser Tage nun bekanntgeben müssen, dass allein zwischen Thailand und dem Great Barrier Riff in Australien rund 11 Milliarden Plastikstücke im Meer treiben und z. B. die Korallen zerstören. Ein Anstieg um 40 Prozent bis zum Jahr 2025 musste von den Experten prognostiziert werden. Mindestens 275 Millionen Menschen leben an und von diesen bedrohten Riffen. Fischfang dient ihnen zur Ernährung, Tourismus häufig als Einnahmequelle. Mit Plastik im Bauch, verenden immer mehr Meerestiere. Kleinste Plastikpartikel landen längst über die Fische in unserer Nahrung. Der von uns produzierte und gedankenlos im Meer entsorgte Plastikmüll schlägt in leicht veränderter Form jetzt gnadenlos zurück. Für eine Mülltrennung (Plastik raus aus den Ozeanen), so ist zu befürchten, dürfte es längst zu spät sein.

Müll ist nicht gleich Müll. Was die Wohlhabenden, die Satten und Reichen auf diesem Globus an Müll hinterlassen, bildet nicht selten die Existenzgrundlage für die Armen, Rechtlosen, Ungebildeten und Unterdrückten. Statt Schule und Ausbildung müssen Millionen von Kindern Verwertbares aus den gigantischen Abfallbergen an den Rändern der Mega-Metropolen heraussuchen, um ein wenig am Leben teilhaben zu können, auf niedriegstem Niveau täglich aufs Neue ein Überleben zu versuchen.

Neben unseren Hinterlassenschaften in ihrer physischen Form, seien sie metallisch und fest, seien sie hochgiftig und flüssig, seien sie elastisch, plastisch und nicht für die Natur verträglich, sollten wir weitere Mülltrennungen berücksichtigen. Da wäre der optische Müll zu nennen; da muss der akustische Müll unbedingt Erwähnung finden. Zugegeben, beide sind schwer zu quantifizieren doch in ihren Auswirkungen nicht minder bedrohlich, nicht weniger schädlich für den menschlichen Organismus. Optischer und akustischer Müll kommen teilweise wie siamesische Zwillinge daher. Doch es wäre – anders als beim Plastik – eine schnelle Abhilfe möglich. Stichwort: Köpfchen.

Was ist bitteschön optischer Müll, wird sich der Leser fragen. Bei der Optik, geht es unter anderem um den visuellen Eindruck, den etwas auf uns macht. Es geht also ums Sehen. Und was müssen unsere Augen sehen? Von Neon- und LED-Werbung zugemüllte Städte; gigantische Reklameflächen für Produkte, die eigentlich niemand benötigt, vielleicht sogar gesundheitsschädlich sind; grottenschlechte, niveaulose Fernsehunterhaltung; überflüssige Printmedien, denen man am liebsten einen Trauerflor für zu diesem Zweck gefällte Bäume verpassen möchte; immer umfangreicher zubetonierte Natur; in jüngster Zeit häufiger stimmungsmachende und für Irritation sorgende Fake News, um nur ein paar Beispiele optischen Mülls zu nennen. Nur die Sterne am nächtlichen Himmel, die sehen wir nicht mehr. Mit Köpfchen könnte es anders sein.

Der akustische Müll trifft uns meistens geräuschvoll, lautstark. Urlaubsorte sollten der Erholung und Regeneration dienen, doch Presslufthämmer und das an den Nerven zehrende Schreien der Flex-Maschinen sind alles andere als beruhigend. Baulärm, Straßenlärm, Fluglärm dringen in unsere Ohren. Die Hörorgane müssen Intrigen, Lügen, Verleumdungen, Werbesprüche etc. ertragen. In Restaurants wird gelärmt, als wären sämtliche Nebentische unbesetzt; in den öffentlichen Verkehrsmitteln wird absolut Wichtiges (Ich bin gerade hier. Kannst die Kartoffeln schon aufsetzen.) per Mobile der Welt mitgeteilt, als sei der Telefonierende mit seinem anderen Ende allein auf diesem Globus.Wen interessiert das leere, inhaltlose Geplapper? Musikbeschallung für alle. Wie es dem über die Lautsprecher Verfügenden gefällt, ohne Rücksicht auf Nachbarn, auf andere Personen. Vom Musikgeschmack ganz zu schweigen. Wenn man schon nicht durch Intelligenz auffallen kann, dann zumindest durch Lautstärke. Oh, was für arme Geschöpfe. Doch es sind meine Ohren, es ist mein Kopf der diesen Müll ertragen soll. Nein! Und nochmals Nein. Ich mache da nicht mit. Protest. Köpfchen. Auch ich habe Rechte!

Gerät ein Fremdkörper ins Auge, so weiß sich das Sinnesorgan mit Tränenfluß gegen den Eindringling zu wehren. Bekommt unser Magen schwer Verdauliches, gar leicht Verdorbenes vorgesetzt, so weiß er sich durch Erbrechen oder Durchfall von diesem Problem zu befreien. Und unsere Ohren? Wie können sie sich gegen all den Müll zur Wehr setzen? Man würde sich wünschen, die Ohren könnten sich wenigstens durch Kotzen Erleichterung verschaffen. Doch leider hat es die Evolution so nicht vorgesehen. Müssen wir uns all den Schrott anhören, oder einfach unser Köpfchen einsetzen?

Es ist eine alte Weisheit: Leben hinterläßt Spuren. Nicht nur in unseren Gesichtern, sondern auch in unseren Hinterhöfen, auf den Müllhalden und anderswo. Wer faltenfrei bleiben möchte, sollte aufhören zu leben. Wir können vieles in unserem Leben ändern, in dem wir z.B. an die nächsten Generationen denken. Mit einem sollten wir sofort beginnen – mit Müllvermeidung. Das betrifft den physischen, den optischen und natürlich auch den akustischen Müll. Sagen wir im eigenen Interesse dem Müll Ade. Trennen wir uns. Mülltrennung.

November 2018

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