Heinz-Walter Hoetter

Meine erste Zigarette

Weihnachten ist für die meisten Menschen wohl immer noch etwas Besonderes.

 

Auch für mich war der Heilige Abend früher stets ein besonderer Tag, nicht nur allein der Geschenke wegen, nein, sondern auch deswegen, weil die Weihnachtszeit generell auf mich stets einen besonders magischen Reiz ausübte.

Man denke da nur an die wunderschön geschmückten Weihnachtsmärkte, die es damals auch in unserer Stadt gab und alle Menschen, ob groß oder klein, wie ein Magnet anzogen.

 

***

 

Wenn ich übrigens an Weihnachten denke, da fällt mir besonders das Jahr 1961 ein, denn es war im Dezember sehr viel Schnee gefallen, der sich überall meterhoch aufgetürmt hatte. Doch da war noch etwas anderes, an das ich mich heute noch ganz gut erinnern kann.

 

Im Jahr 1961 war ich genau 12 Jahr alt und stand am Heiligabend warm angezogen mit einem befreundeten Nachbarsjungen draußen vor der Tür unseres Hauses. Mein Freund war etwa zwei Jahre älter als ich, der auch in der gleichen Straße zwei Häuser weiter von uns wohnte.

 

Wir plauderten miteinander über dies und das und wussten natürlich schon lange, dass es keinen Weihnachtsmann gab. Trotzdem sprachen wir darüber, was der eine oder andere von uns wohl von seinen Eltern zum Weihnachtsfest  bekommen würde.

 

Zu meiner großen Überraschung zog mein Freund während des Gespräches plötzlich eine Schachtel Zigaretten aus der rechten Hosentasche und fragte mich, ob ich auch eine von diesen Lungentorpedos haben möchte, wie er sie nannte.

 

Zuerst wollte ich natürlich nicht und lehnte dankend ab. Aber dann griff ich am Ende doch noch zu, weil ich mir keine Blöße geben wollte.

 

Ich weiß heute nicht mehr so genau, warum ich das tat, aber das Rauchen galt damals unter uns Jungs zu dieser Zeit als Einstieg in die Halbstarken-Szene. Ich wollte unbedingt auch dazu gehören.

 

Also griff ich nach der angebotenen Zigarette, steckte sie mir zwischen die Lippen und wartete aufs Feuer meines Kumpels in Form eines brennenden Streichholzes, das er mir in der hohlen Hand rüber reichte.

 

Gleich mehrmals hintereinander sog ich wie ein Profi lässig an dem qualmenden Glimmstängel herum und tat so, als würde mir das alles nichts ausmachen.

 

Ich paffte wie eine alte Dampflokomotive, wurde bald immer mutiger und nahm kurz hinter einander mehrere richtig kräftige Lungenzüge zu mir.

 

Zum ersten Mal in meinem Leben rauchte ich sozusagen “auf Lunge". Mein Nachbarfreund klopfte mir unterdessen anerkennend mehrmals auf die Schulter und fragte mich erstaunt, ob ich vorher schon mal geraucht hätte. Ich log ihn an und antwortete ihm mit einem lässigen Ja.

 

Nach etwa fünf oder sechs doch recht kräftigen Zügen an der schnell kürzer gewordenen Zigarette wurde mir plötzlich schwindlig. Ich bekam außerdem weiche Knie und musste mich nur wenige Sekunden später heftig übergeben.

 

Dann tat sich auch noch etwas in der Hose, und zwar eine ganze Menge. Ich konnte jedenfalls das Unheil nicht mehr aufhalten. Breitbeinig stand ich da und ließ alles raus, was kam. Mittlerweile war mir die glimmende Zigarette aus der Hand gefallen, die jetzt dampfend auf der Treppe vor unserer Haustüre lag.

 

Mein Freund hatte sich mittlerweile, wohl aus Angst vor meinen Eltern, auf und davon gemacht.

 

Wie ein jämmerliches Häufchen Elend stand ich ganz alleine da und wusste nicht, was ich tun sollte.

 

Schließlich drückte ich aus lauter Verzweiflung an unserer Haustürklingel. Als meine Mutter die Tür öffnete und mich sah, stand ihr der sprichwörtliche Schrecken im Gesicht. Sie wusste sofort, was geschehen war. Ohne lange zu fragen holte sie mich schleunigst ins Haus, stellte mich in voller Montur in die Badewanne und duschte mich mit warmem Wasser von oben bis unten ab.

 

Während ich meine nassen Kleider Stück für Stück ablegte, schimpfte sie auf mich herum wie ein Rohrspatz. Kein Wunder, denn ich gab fürchterliche Gerüche von mir. Meine Mutter tut mir heute noch leid deswegen, wenn ich daran zurück denke, was sie meinetwegen damals aushalten musste.

 

Ich schämte mich am Ende der Prozedur bis auf die Knochen. Später brachte mich meine Mutter ins Bett und stellte mir einen leeren Blecheimer daneben.

 

Den stelle ich dir mal vorsorglich ans Bett. Du siehst immer noch ziemlich blass im Gesicht aus. Zigaretten sind reines Gift und bringen deinen empfindlichen Kreislauf durcheinander. Tu das also nie wieder, mein Junge!" sagte sie und verließ kopfschüttelnd mein Zimmer.

 

Vorerst würde ich bestimmt keine Zigarette mehr rauchen, dachte ich so für mich und war froh darüber, dass es mir schon bald viel besser ging.

 

 

ENDE

 

(c)Heinz-Walter Hoetter


 

 

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