Helmut Wurm

Sokrates und die Hohlheit mancher städtischer Umweltzonen

Sokrates hat sich auf dem Land bei einem kleineren Autohändler ein Auto gekauft, bewusst nur einen unteren Mittelklassewagen. Er hat einen modernen Energie-Sparmotor mit der bestmöglichsten grünen Plakette und soll nur gelegentliche und kürzere Strecke gefahren werden. Sokrates hat sich bewusst keinen größeren Wagen oder SUV gekauft, weil er die Vermeidung von Luftverschmutzung und weil er Umweltschutz sehr ernst nimmt. Der Händler hatte noch versucht, ihm einen größeren Wagen mit mehr PS und höherem Treibstoff-Verbrauch aufzuschwätzen, aber Sokrates hatte das konsequent abgelehnt.

Aber leider hatte der Händler die grüne Umweltplakette nicht an die Scheibe geklebt, weil er annahm, dass ein älterer Herr, der nur gelegentlich im ländlichen Umkreis zu fahren angab, keine Probleme mit dem Besuch von Städten haben dürfte. Aber das war ein Irrtum und damit begann eine Kette von Problemen und enttäuschenden Feststellungen, die dem umweltbewussten Sokrates begegnen würden.

Denn er muss ungeplant zu einem längeren Krankenbesuch in die nächste größere Stadt in das dortige Krankenhaus fahren. Er fährt deswegen einfach los und parkt auf einem gerade freien Parkplatz direkt vor dem Krankenhaus, zahlt seine Parkgebühr für 1 Stunde und eilt in die Klinik. Er sieht gerade noch, wie eine Frau in einem SUV an seinem Parkplatz anhält, sein Auto fotografiert und dann weiter fährt.

Als Sokrates von dem ernsten Krankenbesuch, der länger dauert als geplant, zurück kommt, hängt an seiner Scheibe eine doppelte Ordnungsstrafe. Einmal sei die Parkgebühr für 1 Stunde abgelaufen und zum anderen habe er keine grüne Plakette an der Scheibe und dürfe deswegen überhaupt nicht in die Stadt fahren, denn diese habe eine Umweltzone mit Auflagen eingerichtet. Er soll insgesamt einen dreistelligen Betrag zahlen.

Sokrates weiß nicht, dass der Parkstreifen vor dem Krankenhaus ursprünglich zwar für Krankenhausbesucher geplant ist, aber von denjenigen, die einkaufen wollen, genau so benutzt wird. Krankenhausbesucher, die oft dringende Besuche machen, müssen häufig sehen, wo sie weiter entfernt parken.

Sokrates geht zum Rathaus und möchte genauer nachfragen. Auf dem Rathausparkplatz stehen überwiegend große PKWs, SUVs und lang gestreckte Limousinen. Sokrates trifft dort einen höheren städtischen Politiker und versucht ihm zu erklären, weshalb er keine grüne Plakette an der Scheibe hat und weshalb seine Parkzeit vor dem Krankenhaus überschritten wurde. Sokrates verweist auch darauf, dass die Hinweis-Schilder auf die innerstädtische Umweltzone ziemlich klein sind und in der Fülle der anderen Schilder untergehen. Sokrates stellt im Gesprächs noch weitere Fragen zu Umweltschutz-Maßnahmen, bekommt aber teilweise nur sehr bedrückende, enttäuschende Antworten.

Es sollen hier nicht alle Fragen und Zwischenfragen des Sokrates und die Antworten des höheren Angestellten aufgelistet werden. Sie ergeben sich aus den Antwort-Blöcken des höheren städtischen Politikers.

Der höhere städtische Politiker:

- (konsequent): Wir haben klare Regelungen und klare Konsequenzen bei Verstößen. Lassen Sie sich die Gebühr für die fehlende Plakette von Ihrem Autoverkäufer ersetzen. Der hat ja die Plakette nicht aufgeklebt. Und die Gebühr für die Parkdauer-Überschreitung soll ihnen das Krankenhaus bezahlen…

- (unwirsch): Sie sind schon älter und etwas langsamer bei der optischen Durchdringung des Schilderwaldes?.

Wenn Sie zu alt für das Autofahren in unserer modernen städtischen Umwelt sind, dann geben sie den Führerschein ab! Wir wünschen uns rasch denkende, mobile Autofahrer… Jugendlichkeit und Raschheit sind Trumpf…

- (erstaunt) Wir sollen die Umweltzonen-Schilder größer machen und Werbeschilder dafür entfernen?

Sie können wohl nicht zwischen Umwelt-Schildern und Werbeschildern der Wirtschaft unterscheiden. Sie gehören wohl noch in das vorige Jahrhundert und haben keine Ahnung, welchen Einfluss die Wirtschaft im Hintergrund hat.

- (verwundert): Wie bitte, wir sollen weniger große Autos, weniger SUVs in unserer Stadt zulassen? Die nähmen die Parkplätze weg und würden die Einsparungen an Schadstoffen durch die Umweltzone durch ihren Mehrverbrauch mehr als ausgleichen?

Gerade wir in der Stadtverwaltung müssen aus Prestige-Gründen große Autos fahren. Und außerdem wünschen sich die Menschen immer größere Autos, aus Geltungsbedürfnis…

Und die Auto-Zuliefer-Industrie in unserer Stadt verlangt die Zunahme größerer Autos, weil das mehr Aufträge garantiert… Die Wirtschaft muss brummen. Das geht vor Umweltschutz.

- (stolz-belehrend): Was die Auto-Zulieferindustrie hier alles herstellt?

Einen Teil der wichtigen "Innereien" in einem Auto, die das Fahren immer leichter und bequemer machen: Automatische Scheiben- und Sitzheber, verstellbare Rückspiegel und Scheinwerfer, Einparksensoren, Sitzheizungen, Klimaanlagen, eingebaute Kommuniaktions- und Navigations-systeme, verschiedene Verbrauchs- und Messanzeigen... Ganz schön viel nützlicher technsicher Komfort für das Auto.

- (erstarrend): Das alles würde die Autos schwerer machen und den Benzinverbrauch steigern? Das sei doch aus Umweltsicht kontraproduktiv? Sie hätten sich bewusst ein technisches "Smart-Auto" mit wenigen technischen Zusätzen gekauft, um den Benzinverbrauch zu reduzieren?

Sie sind ein merkwürdiger Spar-idealist. Natürlich steigern diese technischen Zusätze das Gewicht und den Treibstoffverbrauch. Aber wer will denn auf einem veralteten technischen Stand stehen bleiben und auf viele praktische Hilfen verzichten? Kurbeln Sie meinetwegen selbst die Scheiben auf und nieder, regulieren Sie sich doch selbst die Temperatur im Auto über die Fensterscheiben, navigieren Sie sich doch selbst vorsichtig in Parklücken... Ich will das nicht und die meisten Fahrer hier wollen das auch nicht mehr. Dafür müssen der Umweltschutz und die Luftreinhaltung eben hinten anstehen...


- (fassungslos): Weshalb wir dann überhaupt innerstädtische Umweltzonen einrichten?

Es stimmt natürlich, die Schadstoff-Einsparungen durch Fahrbeschränkungen werden mehr als ausgeglichen durch die Zunahmen des innerstädtischen Verkehrs und der Autogrößen…

Aber Politiker müssen gute Eindrücke und angenehme Versprechungen machen, aber nur halten, was unvermeidbar oder wirklich notwendig ist. Das ist die hohe Kunst der Politik. Dazu gehören auch Umweltzonen in den Städten. Auch wenn sie nichts bringen, machen sie doch einen guten Eindruck…

- (völlig ungläubig): Wenn wir schon Umweltzonen einrichten, sollen wir auch mit der Neuanlage von Gewerbegebieten und Eigenheim-Siedlungen auf Kosten des Stadtwaldes aufhören? Wald würde CO2 verbrauchen und Stickoxide ausfiltern? Durch Rodungen würde die natürliche Schadstoffregulierung vermindert?

Kommen Sie denn von einem anderen Stern? Die meisten Menschen sind Egoisten und denken nur kurzfristig voraus. Die wollen ein kleines Eigenheim und gut bezahlte Arbeit. Und wir sind abhängig von den Wahlergebnissen, von der Zustimmung dieser Leute. Wir werden uns hüten, solche unbequemen Maßnahmen zutreffen. Wir orientieren uns nach den Wahlchancen und Wahlergebnissen. Alles andere sind Traumpläne von Gutmenschen. Wir sind realistische Politiker, wir sind von den Interessenverbänden und Wählerstimmen abhängig und der Trend ist derzeit gegen zu einschneidende Einschränkungen aus Umwelt-Gründen. Wir beschränken uns auf Vorzeigeprojekte, z.B. auf innerstädtische Umweltzonen

Wo kommen Sie eigentlich mit ihren Traumplänen her?

- (entspannter): Ah, aus Griechenland. Dort ist es schön, dort ist die Welt noch in Ordnung, da sind die Luft und das Wasser noch sauber, da ist der Himmel noch blau. Da fliege ich mit meiner Familie regelmäßig hin, mehrmals im Jahr wenn es geht… Auch die italienischen Küsten kennen wir schon gut… Gut, dass es ein immer dichteres Flugnetz gibt.

- (völlig verwirrt): Wie bitte? Wenn wir hier so umweltbewusst wären, dann sollten wir mit gutem Beispiel voran gehen, kleine Autos fahren und den Flugverkehr möglichst meiden. Es gäbe lohnende Urlaubsziele auch in der Umgebung.

Sie wollen also die allgemeine Freizügigkeit, eines der höchsten Güter unserer Demokratie, einschränken. Sind Sie vielleicht ein Stalinist oder Faschist? Die Freizügigkeit und der freie Reiseverkehr werden weiter zunehmen. Das wird niemand aufhalten und das wollen wir auch nicht aufhalten. Ich plane z.B., mir ein Ferienhäuschen am Mittelmeer zu kaufen und möglichst oft dorthin zu fliegen.

Sokrates (beschwörend): Es wird so kommen, dass die nachfolgenden Generationen unter dieser Kurzsichtigkeit sehr leiden und die derzeitigen kleinen Umweltschritte sehr bereuen werden. Man sollte darüber nachdenken…

Der höhere städtische Politiker (schüttelt verständnislos den Kopf): Dieser alte Mann ist nicht normal, der gehört auf eine einsame Insel, ja der ist geradezu gefährlich. Denn wir brauchen keine Wähler, die kritische, unbequeme Fragen stellen, wir brauchen Bürger, die wir geschickt händeln können. Sonst ist ja unser ganzes politisches System in Gefahr…

(Aufgeschrieben vom discipulus Sokratis, der im Hintergrund das Gespräch mit anhörte und der selbst den Kopf schüttelte – über den höheren städtischen Politiker)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.02.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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