Brigitte Dannenberg-Pape

Die Teekanne Waltraud

„Peng – Rumms – Stille“!!!

Waltraud fuhr erschrocken zusammen! Was war das denn? Eben hatte sie noch im Regal vor sich hingedöst und von vergangenen Zeiten geträumt. Schon ewig lang stand sie auf dem Stövchen im Regal, zusammen mit sechs Kaffeetassen, sechs Teetassen und unzähligen kleinen und großen Tellern. Langweilig....nichts passierte. Außer den üblichen Motorengeräuschen und Vogelgezwitscher von draußen, einem Knacken im Zimmer ab und zu, umgab sie völlige Stille.

 

Das war nicht immer so gewesen: damals, als die Mieter dieser kleinen Dachwohnung an der Nordseeküste die Räume renoviert und gemütlich gemacht hatten, da war Waltraud ständig im Dienst gewesen! Aber jetzt erschienen sie nur noch ab und zu, leider! Waltraud seufzte und sehnte sich nach dem schönen Gefühl, wenn heißes, braunes Teewasser ihren Bauch füllen würde. Paul, das Stövchen, würde mit seinem brennenden Teelicht ihre Füße von unten zusätzlich wärmen. Sie träumte weiter: Man würde sie beide auf den Tisch stellen, direkt neben Zucker, Sahne, Kuchen und Kerzen. Die Menschen würden sie zufrieden und dankbar anblicken und sie so oft anheben, bis ihr ganzer Porzellanbauch leer sein würde. Ach, wäre das schön!

 

Stattdessen gähnende Langeweile, ein leerer, kalter Bauch und ihre Porzellanfreunde waren auch zu nichts zu gebrauchen. Selbst Paul ließ sich heute auf kein Schwätzchen ein – stand nur blöde und dumpf im Regal herum!

Gerade wollte Waltraud wieder einnicken, als sie ein lautes Geräusch erneut zusammenfahren ließ. Gleich darauf hörte sie, wie sich der Schlüssel im Türschloss drehte. Sollten die Menschen etwa zu Besuch kommen? Tatsächlich, die beiden Bewohner der Mietwohnung betraten schwer bepackt und laut ächzend die Wohnung und ließen sofort das Gepäck fallen.

 

Waltraud jubelte innerlich – super, endlich wieder Leben in der Bude! Bestimmt würde sie auch gleich benutzt werden. Das war ziemlich sicher, denn Waltraud kannte dieses Ritual schon lange. Fast genau 30 Jahre war es jetzt her – damals hatte sie noch in einer ganz anderen Wohnung gestanden und wurde auch immer benutzt, wenn die Menschen von irgendwo heimkehrten.

 

30 Jahre – mein Gott, war das lange her! Da war sie noch jung gewesen, ganz frisch aus der Porzellanfabrik, ihr Dekor glänzte in einem wunderschönen blau-weiß. Mittlerweile war sie schon viele Male mit den Menschen umgezogen und hatte dick verpackt in dunklen Kisten aushalten müssen. Zum Glück wurde sie immer schnell wieder ausgepackt und mit duftenem, aromatischen Tee gefüllt. Wenn sie auch schon einige Kratzer davongetragen hatte, sie konnte sich trotzdem immer noch sehen lassen und war funktionstüchtig.

 

Seit 2 Jahren stand sie jetzt sehr zu ihrem Leidwesen in dieser kleinen Wohnung, die den Menschen wohl als Ferienwohnung diente. Was für sie bedeutete, dass sie nicht mehr so oft benutzt wurde, da die Menschen halt nur ab und zu anwesend waren. Sie war allerdings die Einzige, die sich darüber beklagte – Paul und den übrigen Porzellanschwestern (und –brüdern) war dies offenbar völlig egal!

 

Aber Schwamm drüber – jetzt waren sie ja endlich da und die öde Langeweile hatte ein Ende! Waltraud kippelte fröhlich und ungeduldig auf ihrem Platz herum. Sie konnte es kaum abwarten – wann ging es denn jetzt endlich los? Ach ja, die mussten erst auspacken und dann....Richtig, einer der Menschen griff sich den Blitzkocher und füllte ihn mit Wasser. Jetzt würde er sie gleich holen – aber was war das? Der Mensch zog eine glänzende, große, blaue Teekanne aus einer Tasche und füllte diese mit Teeblättern! Das durfte doch nicht wahr sein! Da wartete sie wochenlang auf ihren Einsatz und dann kauften die sich einfach eine neue Kanne!!!!?? Waltraud war gleichzeitig traurig, wütend und ziemlich enttäuscht! Sie war wohl zu alt geworden, wie? Diese braunen Flecken in ihrem Bauch vom vielen Tee, die sich nicht mehr entfernen ließen, aber für ein gutes Teearoma sorgten, störten offenbar?

 

Ignoranten, schimpfte Waltraud halblaut vor sich hin. „He, „ flüsterte Paul, „ was hast Du?“ „Schau doch selber,“ zischelte Waltraud zurück. Paul zuckte mit den Schultern.: „Ist doch ok, sieht nett aus die Neue!“ Typisch Paul, der hatte immer gute Laune und ihm war alles recht. Es wurde noch schlimmer, denn gerade als Waltraud Paul etwas entgegnen wollte, stand plötzlich einer der Menschen vor ihr. Waltraud hielt gespannt den Atem an!

 

Tatsächlich sie wurde hochgehoben und – wieder abgesetzt! Sie blieb im Regal, dafür durfte Paul auf den Tisch und die Neue nahm bequem auf ihm Platz. Na super, der hatte es gut! Waltraud wurde grün vor Neid und starrte haßerfüllt auf Paul und die neue, blaue Kanne. Diese schien sich an den Blicken überhaupt nicht zu stören! Im Gegenteil, sie ließ sich bereitwillig aufheben und spendete stolz braunen, heißen Tee aus ihrem elegant geschwungenen Ausgießer.

Dabei lächelte sie freundlich und unterhielt sich leise mit Paul – dieser Verräter!!!

 

Tja, nun wollt Ihr sicher wissen, wie es weiterging mit unserer armen Waltraud? Ob sie endgültig auf dem Abstellgleis angekommen war oder gar ausrangiert wurde? Ich kann Euch beruhigen – es gab ein Happy End! Denn nach der Teestunde kehrten Paul und die neue Kanne – sie hört übrigens auf den schönen Namen Emilie – ins Regal zurück, direkt neben Waltraud. Paul stellte sie einander vor und erzählte, dass Emilie noch sehr unsicher war, ob sie auch alles richtig gemacht hatte. Emilie fragte Waltraud schüchtern, ob sie ihr wohl etwas von ihren Erfahrungen berichten und ihr den ein oder anderen Tipp geben könnte. Das ließ Waltraud sich nicht zweimal sagen und plapperte drauflos. Das nette Verhalten von Emilie und die Tatsache, dass man sie auch weiterhin benutzen würde, hatte Waltrauds Laune schlagartig verbessert! Paul hatte nämlich das Gespräch am Tisch belauscht und da war eindeutig die Rede von zwei Kannen gewesen.

 

Ende gut, alles gut! Wahrscheinlich redet Waltraud immer noch auf Emilie ein – in dem kleinen Regal in der kleinen Dachwohnung irgendwo an der Nordseeküste. Wer weiß…..

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.02.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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