Anna Elisabeth Hahne

Sturmklingeln

Samstag Nachmittag. Vater sitzt zeitungslesend, mit hochgelegten Beinen im roten Samtsessel, vor dem großen Wohnzimmerfenster, und genießt seine Zeit mit ihr. Versunken ist er in das Fern- und Nahgeschehen der Welt. 
Doch auf einmal schellt es stürmisch, anhaltend, an der Haustür. "Wer ist das dann?“, zuckt er erschrocken zusammen. Er wirft raschelnd seine Zeitung, auf den kleinen Tisch, neben sich.
"Langsam, langsam! Ich komme ja schon“, ruft er laut, drückt seine Füße in die Hausschuhe, und eilt leicht schwankend, durch den Flur, zur Haustür.

Er öffnet sie.
"Papa, Papa, ich muß Dir was sagen“, ruft Jens aufgeregt ihm entgegen, während der Junge gegen die Tür drückt.
"Was ist denn los, mein Junge? Beruhige Dich! Sind beißende Hunde hinter Dir?“
"Nein, das nicht“, sagt Jens, während er sich an seinem Vater vorbeidrückt, seine Tasche Richtung Flurwand schmeißt, und eilig die Klettverschlußschuhe von den Füßen streift. Er greift zu seinen Pantoffeln im Schuhschrank und schlüpft hinein.
"Du, stell Dir mal vor, ich hab was entdeckt, was Menschen über 1000 Jahre nicht bemerkt haben", stellt er sich vor seinen Vater, und schaut ihm mit großen, erwartungsvollen, aufgeregten Augen an.
"Nah, das ist ja was! Das ist ja spannend! Was ist denn los?“
"Du kennst doch das „Vaterunser“?“
"Das Gebet "Vaterunser"?“

Der Vater schaut seinen Sohn fragend an.
"Ja, warum?“

Jens greift in seine Tasche, und zieht einen weißen mit Schreibmaschine beschriebenen DIN A 4 Bogen heraus.
"Was ist denn los?“, will der Vater neugierig, leicht genervt, wissen. "Laß uns doch erst mal ins Wohnzimmer gehen.“
"Wir hatten heute Religion. Und da hat jeder von uns diesen Zettel von Frau Müller gekriegt“, erzählt der Junge aufgeregt, währenddessen er seinem Vater das Papier entgegenhält, und ihn am Arm, Richtung Wohnzimmer, zieht.

Im Zimmer angekommen fordert der Vater: "Jens, setzt Dich erst einmal an den Tisch.“
Während der Vater sich zu ihm setzt, sagt er: "So jetzt der Reihe nach. Was ist los?“
Jens schiebt seinem Vater den Papierbogen zu. Der Vater schaut darauf und liest: "Vater unser, geheiligt werde Dein Name..." und bricht ab.
"Ja und? Was ist damit? Das kenne ich!“
"Nah dann lies mal von unten die 5. Zeile“, fordert Jens.
"Okay. "Und führe uns nicht in Versuchung“, steht da. Ja und?“
"Papa, Papa, Gott liebt doch die Menschen, nicht wahr?“
"Ja, das denke ich.“

"Er will doch nicht, daß den Menschen Böses oder Schlechtes geschieht, oder das sie versucht werden Böses oder Unrechtes zu tun. Verstehst Du?“
"Ja und?“
"Aber, wenn Gott die Menschen liebt, wird er sie nicht in die Versuchung führen. Er will doch nicht, daß es den Menschen schlecht geht“, verstehst Du jetzt?“
"Ja! Nee! Ach so! Du meinst Gott soll die Menschen führen, wenn sie in der Versuchung sind, und nicht hineinführen in die Versuchung?“
"Mensch Papa, ja genau so! Das ist doch verkehrt! Haben wir deshalb so viel Unrechtes auf der Erde, weil die Menschen sich allein fühlen, wenn sie in der Versuchung sind, wenn sie was Unrechtes tun, tun wollen, oder getan haben? Und weil Gott sie nicht in der Versuchung führt, wenn sie doch schon drin sind?“
"Ach so! Da sagst Du was! Wie müßte es denn richtig heißen?“
"Ist doch ganz einfach, Papa.“
"Und wie?“
"Und führe uns in der Versuchung, und in der nächsten Zeile müßte das „sondern“ weg. Und dann heißt es: "Erlöse uns von dem Bösen.“
"Du bist ja ein Genie! Wieso ist das keinem anderen aufgefallen, und nicht mal mir selbst?“

Es folgt eine kurze Pause.
"Weißt Du wie alt das Gebet ist? Und es stimmt. Der Mensch hat die Freiheit sich zu entscheiden. Und wenn er sich falsch entschieden hat, will er aus seiner Situation heraus, und betet zu Gott: "Hilft mir“."
"Ja, genau Papa, jetzt verstehst Du, was ich meine.“
"Ja Jens, ich verstehe genau, was Du meinst. Weißt Du, daß das "Vaterunser" im Christentum bei allen Konfessionen das weit verbreiteste Gebet ist, und daß es einer der bekanntesten Texte überhaupt in der Bibel ist? Es hat 7 Bitten. Und weißt Du, daß Jesus Christus es selbst seinen Jüngern gelehrt haben soll?“

Der Vater hält kurz inne.
"Und jetzt erzählst Du mir das....!“
"Ja Papa, Frau Müller hat das auch gesagt.“

Es folgt erneut eine kurze Pause.
"Komm Jens, laß uns mal ins Internet gehen. Dort muß ja bei Wikipedia der griechischen Urtext stehen.“
"Oh ja, Papa, das ist eine gute Idee.“

Der Vater holt seinen Laptop, und baut ihn vor sich und seinem Sohn, auf dem Tisch, auf.
"So, jetzt gebe ich oben in die Suchleiste „Vaterunser ein“. Mal sehen was kommt, sagt der Vater.
"Da Papa, klickt doch auf Wikipedia.“
"Ja, das ist gut!“

Die Seite baut sich auf.
"Papa scroll doch mal nach unten!“
"Ja, ja Moment mal, nicht so schnell!“
"Da, Papa steht: „Text gemäß der Version bei Matthäus
Griechischer Urtext und lateinischer Text“, siehst Du?“
"Ja mein Junge, da steht das Vaterunser im griechischem Urtext.“

"Πάτερ ἡμῶν ὁ ἐν τοῖς οὐρανοῖς·
ἁγιασθήτω τὸ ὄνομά σου·
ἐλθέτω ἡ βασιλεία σου·
γενηθήτω τὸ θέλημά σου,
ὡς ἐν οὐρανῷ καὶ ἐπὶ γῆς·
τὸν ἄρτον ἡμῶν τὸν ἐπιούσιον δὸς ἡμῖν σήμερον·
καὶ ἄφες ἡμῖν τὰ ὀφειλήματα ἡμῶν,
ὡς καὶ ἡμεῖς ἀφήκαμεν τοῖς ὀφειλέταις ἡμῶν·
καὶ μὴ εἰσενέγκῃς ἡμᾶς εἰς πειρασμόν,
ἀλλὰ ῥῦσαι ἡμᾶς ἀπὸ τοῦ πονηροῦ."
(Griechische Fassung nach dem Matthäusevangelium)[2]

"Papa, kannst Du Griechisch?“
"Nein, mein Junge, das kann ich leider nicht. Ich hatte früher nur Französisch und Englisch. Aber warte, wir geben den Text mal bei Google zum Übersetzen ein.“
"Au ja, das ist gut!“

Kurze Zeit später sehen beide die gewünschte Übersetzung:

"Der Vater dieses
Du sollst deinen Namen freuen;
Ich bitte dich, dein Reich;
Ich werde dir deinen Willen geben,
als Übersee und Ausländer;
obwohl sie die Diener der Gegenwart sind;
und sie haben die Schuld der Menschen weggenommen,
und was uns betrifft, haben wir das, was vergeben ist, verlassen;
und du bist versucht worden,
Du bist ein Mann der Gottlosen."
(Griechische Fassung nach dem Matthäusevangelium)“

"Oh, das hört sich ja aber ganz anders an.“
"Ja Jens, Du mußt daran denken, daß die Menschen ja auch früher anders gesprochen haben. Die Sprache der Völker hat sich im Laufe der Zeit verändert.“
"Ach so! Aber, „und führe uns nicht in Versuchung“, steht da aber in der Übersetzung nicht.“
"Das sehe ich auch so“, sagt der Vater, und läßt den Rechner, nach einer Weile, herunterfahren.
"Was mache ich denn jetzt mit meiner Entdeckung?“, fragt Jens.
"Frag doch mal in der nächsten Religionsstunde deine Lehrerin, was man da tun kann. Vielleicht kann man ja zum Papst einen Brief nach Rom schicken.“
"Meinst Du wirklich?“
"Ja, warum denn nicht? Sicherlich freuen sich die Menschen im Vatikan über engagierte Schüler und Schülerinnen.“
"Ja, das könnte ja spannend werden. Ich rede mit Frau Müller und frag sie, was sie denkt.“
"Das ist eine gute Idee. Aber Jens, wenn noch mal so was Wichtiges ist, dann klingel nicht mehr Sturm. Okay?“
"Ja, Papa. Ich konnte es nur nicht glauben, was ich da gelesen und entdeckt habe. Kein anderer hat das entdeckt, und das Gebet ist soo alt, über 1000 Jahre. Stell Dir das mal vor!“
"Tja, mein schlauer Junge“, sagt der Vater, und streichelt seinem Sohn liebevoll über den Kopf. "So ist das eben in der Erwachsenenwelt."

 

Anna Elisabeth Hahne

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.02.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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