Heinz-Walter Hoetter

Der etwas andere Esel

Es war einmal ein Esel, der plötzlich bemerkte, dass er ein Bewusstsein hatte und denken konnte.

 

Natürlich verheimlichte er das vor den Menschen, denn er wusste nicht, ob sie ihm vielleicht wegen dieser seltenen Eigenschaft etwas Schlimmes antun würden. Die Menschen waren nämlich sehr gefährlich, was er aus eigener Erfahrung nur zu genau wusste. Er hatte ja tagtäglich mit ihnen zu tun. Was ihnen fremd, andersartig oder gar überlegen erschien, flößte ihnen Angst und Schrecken ein. Und wenn sie sich schon gegenseitig umbrachten, würden sie bestimmt einen denkenden Esel auch nicht besser behandeln, dachte er so für sich. Die Menschen waren eben schwer zu zu durchschauen und nicht leicht zu verstehen. Leider waren sie so und nicht anders. Da konnte man auch als Esel seiner Qualität nichts daran ändern.

Eines Tages kam der Esel unten im Dorf an einem großen Schaufenster vorbei. Als er sein Spiegelbild sah, blieb er kurz stehen und betrachtete sich etwas genauer. Er drehte sich ein wenig nach allen Seiten um und befand schließlich, dass er ein richtig schöner Esel war. Er erkannte sich selbst und dachte: „Ich bin ein Esel, also bin ich.“

 

So tat er ab jetzt jeden Tag freudig seine Arbeit und war sogar richtig glücklich darüber, ein echter Esel zu sein. Es gefiel ihm, so zu sein, wie er war.

 

Natürlich wusste er, dass es auch noch andere Esel auf der Welt gab. Deshalb fühlte er sich auf geheimnisvolle Weise zu ihnen hingezogen. Manchmal versuchter er sogar, mit dem einen oder anderen von ihnen in Kontakt zu treten, doch sie verstanden nicht, was er eigentlich von ihnen wollte. Sie besaßen eben kein Bewusstsein wie er und konnten daher auch nicht denken. Also riefen sie immer nur i-a, i-a, sonst nichts. Das konnte der denkende Esel zwar auch, doch war ihm das jetzt, aufgrund seiner neuen Fähigkeit, einfach zu dumm.

Um in Zukunft unter den Menschen und seinesgleichen nicht aufzufallen, hielt sich der denkende Esel daher mit dem Sprechen zurück. So ließ er es dann auch erst einmal sein, sich seinen Artgenossen mitzuteilen, um ihnen zu sagen, dass ein jeder von ihnen zur großen Familie der Esel gehörte, ja und wie wunderbar und einzigartig sie doch alle waren. Nur sie waren zu Eseln geworden, und es gab unter den zahllosen Tierarten kein anderes Geschöpf, das so aussah wie sie. Das machte ihn so richtig stolz, denn er nahm an, dass die Rasse der Esel etwas ganz besonderes sein mussten, wie er dachte.

Es begab sich aber irgendwann einmal, dass sein Besitzer an einem schönen Sommertag den denkenden Esel aus dem Stall holte, um auf ihn in die nah gelegene Stadt zu reiten, wo gerade ein großer Verkaufsmarkt abgehalten wurde.

Als sie endlich den großen Marktplatz mitten in der Stadt erreicht hatten, liefen dort viele Esel und noch mehr Menschen herum. Die meisten Esel wurden bald an ein langes Geländer festgebunden, wo sie jetzt in Reih und Glied nebeneinander standen.

 

Auch er, der denkende Esel, bekam einen guten Platz ab, welcher sich allerdings gleich neben zwei großen, reinrassigen Pferden befand, die angeleint still und ruhig im wohltuenden Schatten eines großen Baumes standen. Als sie den Esel neben sich sahen, traten sie sogleich einen Schritt zurück und rümpften die Nase über ihn. Seltsamerweise konnten auch die Pferde miteinander sprechen, und der Esel verstand alles, was sie sagten.

Plötzlich äußerte sich eines der Pferde abfällig über den Esel und lästerte übel über sie.

„Igitt, ein Esel neben mir. Muss das denn sein? Ein penetranter Geruch geht von dem aus! Pfui noch mal, das ist ja nicht zum Aushalten! Der soll bloß abhauen, dieser Drecksesel, bevor ich ihm noch eins mit den Hufen verpasse.“

„Ich kann ihn auch nicht ertragen“, wieherte laut das andere Pferd. „Ich möchte mit so einer niederen Rasse von Tieren nichts zu tun haben. Warum hat ihn sein Besitzer ausgerechnet neben uns gestellt? Wir sind doch ganz anders. Wir sind reinrassig und vom edlem Gestüt. Wir sind Vollblüter und Traber. Wir stinken auch nicht wie dieser schreckliche Esel neben uns. Wir sind immer gepflegt und sauber. Und schaue dir doch mal diesen blöden Esel etwas genauer an. Kurz und gedrungen sieht es aus. Der Kopf ist viel zu groß und passt überhaupt nicht zu seinem kleinen Körper. Was für ein komisches Tier das doch ist. Und dazu hat er noch so ein komisches graues Fell! Widerlich! Wohl möglich ist diese minderwertige Kreatur auch noch verlaust. Ekelhaft! Komm, wir gehen lieber noch ein paar Schritte zurück, soweit es die Leine eben für uns beide zulässt.“

Die beiden Pferde entfernten sich darauf hin vom Esel, bis ihre Leinen aus dünnem Leder schon ganz stramm wurden und bald nicht mehr weiter nachgeben konnten.

Der Esel war von den abfälligen Worten der beiden Pferde erst einmal richtig schockiert. Nach einer Weile riss er sich aber zusammen, ging schließlich mutig und zielstrebig auf die beiden zu und stellte sich genau neben sie.

 

 

Dann sprach er mit lauter Stimme: „Habt ihr Pferde etwas gegen uns Esel? Wir sind überaus nützliche Tiere, wunderbar und einzigartig. Wir sind eine großartige Rasse und es erfüllt uns mit großem Stolz, richtige Esel zu sein. Ja, es stimmt, dass wir anders sind als ihr, aber ich schäme mich nicht offen zu sagen, dass ich meine Rasse liebe und mich mit ihr bis aufs letzte Fellhaar identifiziere. Ich kann nicht anders. Ich muss unsere Rasse vor euch zwei dummen Hengsten in Schutz nehmen."

Die beiden Pferde fingen plötzlich laut zu wiehern an, als sie das hörten. Außerdem hatten sie noch nie einen Esel sprechen hören.

„Was sagst du da, du verkommener Esel? Schau’ dich doch mal an, wie du aussiehst! Du bist eine richtige Missgeburt der Natur. Weiter nichts. Du wurdest einzig und allein dafür geschaffen, niedere Arbeiten für die Menschen zu verrichten. Wir dagegen sind reinrassige Pferde. Wir tragen unsere Besitzer mit Stolz und Würde überall hin. Wir sind stark, schnell und zuverlässig. Alle Menschen lieben uns, weil wir so edle Tiere sind. Sie bevorzugen uns. Wir bekommen gutes Futter, werden jeden Tag gepflegt und auf die grüne Wiese geführt, denn unsere Besitzer haben für uns viel Geld bezahlt. Nachts bringt man uns in wohlig warme Ställe. Ihr dummen Esel kommt da einfach nicht an uns heran. Ihr seid außerdem potthässlich. Euer graues Fell sieht dreckig und ungepflegt aus. Also bleib bloß weg von uns! Wir wollen mit dir und jedem anderen Esel schlicht und einfach nichts zu tun haben. Wenn du nicht gleich gehst, trete ich mit den Hufen nach dir, damit du endlich begreifst, dass wir dich in unserer Gegenwart nicht mögen. Du bist hier nicht willkommen. Also verschwinde!“

Der Esel wollte noch etwas sagen, aber als das Pferd Anstalten machte, ihn mit den Hufen zu treten, lief er ganz schnell auf seinen alten Platz zurück. Hier war er vor den beiden bösen Pferden jedenfalls erst einmal in Sicherheit. Er hätte gegen sie sowieso nichts ausrichten können.

Als er sich endlich wieder beruhigt hatte, dachte er über das soeben Erlebte ein Weilchen nach. Komischerweise war er auf einmal gar nicht mehr beleidigt. Warum sollte er das auch sein? Er war ja ein echter Esel, das reichte ihm. Die herablassenden Äußerungen der beiden Pferde konnte er offenbar genau aus diesem Grunde gut aushalten. Ja, er identifizierte sich jetzt sogar noch mehr als vorher mit seiner einzigartigen Eselrasse, die es fast überall auf der Welt gab, weil sie nützliche Tiere waren und dem Menschen hilfreich zur Seite standen. Aber in Zukunft würde er den Pferden jedenfalls aus dem Weg gehen, denn sie waren hochnäsig und tierisch rassistisch gegenüber den Eseln, nur weil sie so anders waren als diese beiden Hengste da.

 

Außerdem konnte Mutter Natur ja nichts falsch gemacht haben an ihnen, wie er dachte und war auf einmal ganz Stolz, ein richtiger Esel zu sein.

 

 

ENDE

 

 

(c)Heinz-Walter Hoetter

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.02.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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