Julia Pomplun

Von Spinnen und Vögeln

Wir atmen. Wir tun es jeden Tag. Tausend mal. Monoton und eintönig, wenn man denn das Glück dazu hat. Wir nehmen es nicht wahr, nehmen es als selbstverständlich. Es ist ein Automatismus den unser Körper so eingerichtet hat um uns zu lebensfähigen Wesen zu machen. 

Wir achten nicht darauf, bis er uns durch irgendwen oder irgendetwas genommen wird. 

Ein ganz ähnliches Verhältnis haben die meisten Menschen zu Lügen entwickelt. Sie tun es jeden Tag, teils unbewusst. Sie tun es ohne darüber nachzudenken oder über das was daraus resultieren könnte. Die Lügner sitzen in ihrem gebrechlichen Netz aus Geschichten und Halbwahrheiten. Für sie ist Lügen genau so essenziell wie atmen. Wie einer Spinne die Fliegen, gehen den Lügnern die Menschen ins Netz. Was auch immer für eine Lüge das nun sein mag. Die Lüge über den sozialen Status, die Lügen über die Weltanschauung, teilweise geht es ja schon bei der eigenen Haarfarbe los. Doch die schlimmsten und gefährlichsten Lügen, die instabilsten Fäden im grossen und schützenden Netz, sind noch immer die, mit denen wir unser Innerstes verbergen wollen. 

Ich meine überleg doch mal, geh in dich und sei ehrlich zu dir. Hast du heute schon gelogen? Es ist egal ob es eine grosse oder kleine Lüge war. Ganz egal worum es auch ging, aber ich bin mir sicher, dass jeder der heute schon länger mit jemandem gesprochen hat, ebenso schon gelogen hat. Es ist die schlimmste Sucht von allen. Die gefährlichste Droge. Wenn man einmal in den Genuss einer bequemen Lüge statt der Wahrheit kommt, der wird es auch wieder tun. Warum? Es ist unser Überlebensinstinkt. Wir vermeiden von Natur aus schwierige Situationen. Wenn wir können verstecken wir uns. Und heute wo wir keinen Mammuts oder gefährlichen Säbelzahntigern begegnen, verstecken wir uns halt vor der Realität. Davor jemandem zu sagen, dass seine Frisur kacke ist, davor zu sagen, dass das Essen nicht geschmeckt hat, davor zu sagen, dass man schlichtweg keine Lust auf ein Treffen hat. Und dass es einem nicht gut geht. Man erzählt anderen und sich selbst so lange, dass es einem gut geht, bis es dann wohl einfach so ist. Man lacht, man lebt, man arbeitet, man funktioniert. Man funktioniert genau so lange bis irgendwann das grosse netz aus Lügen einreißt. Warum auch immer. Alles könnte passieren, man rechnet im Leben nicht damit, da man ja in seinem Netz sitzt. Unbesiegbar, unerreichbar, unsichtbar und mit geschlossenen Augen. Doch irgendwann wird ein Sturm aufkommen. Steine werden fliegen, Blätter, andere Spinnen aus anderen Netzen. Und dann reißt alles ein. Das ganze Netz wird aus der sicheren gut versteckten Ecke im Baum gerissen, da ist nichts was es mehr hält. Und dann liegst du auf dem Boden. Hilflos auf dem Rücken und zappelst mit den Beinen. Du kannst dich jetzt nicht mehr verstecken. Alles was dir halt gab liegt zerstreut und du? Du mittendrin. Nun sag mir, wohin haben deine Lügen dich gebracht? Nun wo die Vögel um dich kreisen. Hungrig und mit offenen Schnäbeln, bereit dich am Stück zu verschlucken. Und e! s wird p assieren. Wenn eine und auch nur diese einzige Sache im leben verlässlich ist, dann ist es die Tatsache, dass das Netz reissen wird. Und dann? Was tust du dann? Rennst du los, versteckst dich und webst dir ein neues Netz? Oder wirst du aufstehen und dein Schicksal annehmen? 

 

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