Claudia Savelsberg

Ein Denkmal für den Vater

Als Julia ins Krankenhaus kam, war es bereits zu spät. Ihr Vater war tot. Vor einer Stunde hatte ihn ein Rettungswagen abgeholt, Julias Mutter fuhr mit. Julia, die nichts Böses ahnte, versprach ihrem Vater mit einem Lächeln, dass sie ihn später im Krankenhaus besuchen würde. Am nächsten Tag wollte sie zu ihrer besten Freundin fahren und mit ihr ein Wochenende an der See verbringen, also musste sie noch ihre Reisetasche packen, die Haare waschen und noch einige Kleinigkeiten erledigen.

Dann kam der Anruf vom Krankenhaus, Julia sollte sofort kommen. Sie ahnte noch immer nichts Böses, weil sie sich auf das gemeinsame Wochenende mit ihrer Freundin freute. Man hatte sie sicher nur angerufen, weil es ihrem Vater besser ginge und sie ihn jetzt besuchen könnte. Etwas anderes konnte sie sich nicht vorstellen.

Im Krankenzimmer sah sie ihren Vater und wusste sofort, dass er nicht mehr lebte. Aber er sah aus, als würde er schlafen. Man hatte ihn bis zum Kinn in eine Decke gehüllt, nur seine Arme lagen über der Decke. Julia setzte sich auf den Bettrand und streichelte sein Gesicht. Dann nahm sie seine Hand und legte sie an ihre Wange: „Vati, du kannst jetzt aufwachen. Ich bin hier, deine Tochter.“ Ihr Vater hatte sie immer „meine Tochter“ genannt, was sie mit Glück erfüllte.

Eine Krankenschwester betrat das Zimmer und fragte Julia, ob sie in die Kapelle gehen wollte, um dort ein Gebet zu sprechen. Julia tat es und bat Gott inständig darum, dass er ihren Vater wieder zum Leben erwecken möge. Als sie wieder ins Krankenzimmer kam, war das erhoffte Wunder nicht geschehen. Ihr Vater lag immer noch tot im Bett. Eine andere Krankenschwester kam und sagte, Julia solle sich verabschieden, man müsse ihren Vater jetzt in die Leichenhalle bringen. Sie warf sich über sein Bett und schrie: „Fassen Sie meinen Vater nicht, lassen sie ihn in Ruhe.“ Dann warf sie die Krankenschwester raus.

Einige Minuten später kam ein Assistenzarzt und frage Julia, ob sie eine Beruhigungsspritze wollte, was sie kategorisch ablehnte. Er sagte ganz sanft zu ihr: „Es ist an der Zeit. Sie müssen sich verabschieden. Ich gebe Ihnen noch ein paar Minuten mit ihrem Vater, aber dann sollten Sie gehen.“

Julia sah ihren Vater noch einmal an, nahm zum letzten Mal seine Hand und legte sie an ihre Wange. Dann sagte sie: „Ich werde deinen Namen immer in Ehren halten, und ich verspreche dir als deine Tochter, dass ich nie im Leben aufgeben werde. Du wirst immer stolz auf mich sein können.“ Dann ging sie. Das Versprechen, das sie ihrem Vater gegeben hatte, hielt sie ihr ganzes Leben. Selbst als sie heiratete, legte sie den Namen ihres Vaters nicht ab.

Julia war einundzwanzig Jahre alt, und jetzt war ihr Vater nicht mehr da. Gestorben mit siebenundvierzig Jahren an einem Herzinfarkt. Einfach so. Ganz plötzlich. Die nächsten Tage erlebte sie wie in Trance. Die Verwandtschaft musste informiert werden, eine Todesanzeige wurde in die Zeitung gesetzt, die Beerdigung musste geplant werden. Und dann kam das Begräbnis, der Tag des letzten Abschieds. Es war so endgültig, er war tot. Alles in Julia weigerte sich, daran zu glauben, dass ihr Vater im Sarg lag. Sie wollte es nicht glauben.

Manchmal dachte sie, dass ein geheimnisvoller Mann, ganz in Schwarz gekleidet, an ihrer Haustür klingeln würde und zu ihr sagte: „Julia, wir durften es Ihnen nicht sagen. Ihr Vater war als Geheimagent für uns undercover tätig. Wir mussten seinen Tod fingieren zu seiner eigenen Sicherheit, damit er nicht enttarnt werden konnte. Aber er lebt und wird in spätestens einem Jahr wieder bei Ihnen sein.“ Julia hätte es sofort geglaubt. Dann wäre sie aus diesem fürcherlichen Albtraum aufgewacht. Aber sie blickte in das offene Grab.

Der Mann, den Julia begraben hatte, war nicht ihr leiblicher Vater, sondern ihr Adoptivvater. So war er es vor dem Gesetz, aber in Julias Herz war es ihr Vater, ihr „Vati“, wie sie ihn liebevoll nannte. Ihre Mutter hatte sich von ihrem leiblichen Vater, den Julia nur ihren Erzeuger nannte, scheiden lassen, weil er sie schlug und immer wieder betrog. Damals war Julia fünf Jahre alt, ein kleines Mädchen, das sich nach Liebe und einer Familie sehnte.

Dann lernte die Mutter den Vater kennen, und Julia mochte diesen Mann sofort. Er war witzig und liebevoll, hörte ihr bei ihren kleinen Kümmernissen zu, brachte sie zum Lachen und spielte gerne mit ihr. Als ihre Mutter diesen Mann heiratete, war Julia überglücklich. Sie war jetzt neun Jahre alt und träumte von einer richtigen Familie. Der Vater wollte sie adoptieren: „Geld und Vermögen habe ich nicht, aber ich möchte dir meinen Namen geben.“ Julia merkte, dass dies etwas Besonderes für ihn bedeutete.

Als das Schreiben vom Amtsgericht kam, dass die Adoption rechtskräftig war, sah Julia ihren Vater zum ersten Mal weinen. Sie kuschelte sich an ihn und sagte: „Bitte nicht weinen. Du musst dich freuen; denn jetzt bin ich deine richtige Tochter, oder?“ Der Vater hatte das, was er immer wollte – eine Familie. Und Julia hatte das, was sie sich gewünscht hatte – einen Vater.

Es begann eine glückliche Zeit. Julias Vater leitete die Niederlassung einer Baumaschinenfabrik, wenn er zu einer Besprechung in die Firmenzentrale musste, durfte sie ihn begleiten. Für die Schule schrieb er ihr eine Entschuldigung. Nach der Besprechung bummelten sie durch die Altstadt und gingen essen.

Julia schleppte ihren Vater in alle Geschäfte, die sie interessierten, und er ging gerne mit. Er kaufte ihr eine Unterarmtasche und sagte an der Kasse mit Betonung: „Die ist für meine Tochter!“ Wenn er sie „Tochter“ nannte, war Julia glücklich. Sie freuten sich beide auf diese Tage und fühlten sich wie zwei Verschworene, die sich gegen den Rest der Welt verbündet hatten.

Der Vater war sehr naturverbunden, und manchmal gingen sie Sonntagsvormittags gemeinsam im Wald spazieren. Wenn die Strahlen der Herbstsonne das bunte Laub zum Leuchten brachte, waren sie beide gleichermaßen begeistert. Julia sagte, es wäre eine „Farbsymphonie, von der Natur komponiert.“ Der Vater sah sie lächelnd an: „Tochter, du bist eine romantische Elfe. Ach was, du bist schon eher eine Zwölfe.“ Damit hatten sie einen gemeinsamen Code, den außer ihnen niemand verstand und auch nicht verstehen sollte. Es war ihr Geheimnis.

Nach dem Abitur wollte Julia studieren. Mit einer Freundin fuhr sie in die nächste Universitätsstadt, um sich dort einzuschreiben. Der Vater war an diesem Tag wieder bei einer Besprechung in der Firmenzentrale. Er bat Julia, ihn dort anzurufen, wenn sie den Studienplatz bekommen hätte. Die Sekretärin hatte die Anweisung, ihn sofort aus der Besprechung zu holen. Julia schrieb sich ein und gab als Studienabschluß „Promotion“ an. Dann sagte sie ihrem Vater telefonisch Bescheid. Er ging wieder in die Besprechung und erklärte seinen Kollegen voller Stolz: „Meine Tochter promoviert!“

Julia nahm sich ein möbliertes Zimmer in der Universitätsstadt, und ihrem Vater fiel es schwer, seine Tochter gehen zu lassen. Er freute sich, wenn sie am Wochenende nachhause kam und dann gingen sie wieder im Wald spazieren.

Am Ende des Semesters holte er sie ab; denn die Semesterferien verbrachte Julia zuhause. Ihr Vater fragte sie nach ihren Prüfungen und Referaten, und sie erzählte lebhaft von ihren Studienkolleginnen und ihren Professoren. Der Vater war sehr stolz, obwohl er sicher nicht alles verstand, was Julia ihm über ihren Fachbereich detailliert schilderte.

Als ihr Vater starb, hatte Julia ihr Grundstudium beendet. Im folgenden Semester war sie bei Seminaren und Vorlesungen nur physisch anwesend, konnte sich nicht konzentrieren und nichts aufnehmen. Sie wollte ihr Studium hinwerfen. Ihre beste Freundin redete ihr immer wieder zu: ihr Vater war doch immer stolz auf sie gewesen, und er wäre auch jetzt immer noch stolz auf sie, sie solle nicht aufgeben.

Dann sah Julia ihren Vater vor sich und hörte seine Stimme: „Na, Tochter. Du schaffst da. Du bist doch meine Tochter!“ Also gab Julia nicht auf. Sie wollte es für ihn schaffen. Sie promovierte mit Auszeichnung und widmete ihrem Vater posthum ihre Doktorarbeit. Das war ihr Dank für seine Liebe und Unterstützung.

Im Laufe der Jahre gewöhnte sie sich mühsam daran, dass er zu ihrem Geburtstag und zu Weihnachten nicht mehr da war. Sie konnte ihm nichts mehr erzählen - weder von ihren Sorgen, noch von Dingen, die sie erfreuten. Es war eine große Leere in ihrer Seele, eine Wunde, die nicht heilen wollte.

Der schlimmste Tag des Jahres war für Julia der Todestag ihres Vaters. Sie wachte morgens auf und brauchte nicht auf das Datum zu schauen, weil sie instintktiv wusste, das es der „böse Tag“ war, wie sie es nannte. Einfach „der böse“ Tag. Sie war verzweifelt, traurig und haderte mit dem Schicksal. Warum musste ihr Vater so früh gehen, warum hatte er sie verlassen?

Irgendwann wandelte der „böse Tag“ für Julia sein Gesicht und wurde zu einem Tag der guten und glücklichen Erinnerungen, die sie wie einen Schatz in ihrer Seele hütete. Ein Schatz, der nur ihr allein gehörte. Manchmal blickte sie in einer klaren Nacht in den Himmel, und wenn ein Stern besonders hell leuchtete, dann dachte sie, dass ihr Vater dort sitzt, sie sehen konnte und immer noch stolz auf sie wäre. Dieser kindliche Gedanke gab ihr Trost.

Julias Leben war geprägt von vielen Tiefschlägen und Niederlagen, beruflich und privat. Es gab düstere Stunden, in denen sie dachte, dass sie alles nicht mehr schaffen würde. Dann vermisste sie ihren Vater noch mehr, wünschte sich, dass sie sich wie ein Kind noch ein einziges Mal an ihn kuscheln könnte.

Aber die Erinnerung an ihn gab ihr auch Kraft, und sie dachte an das Versprechen, das sie ihm auf seinem Totenbett gegeben hatte: „Ich werde deinen Namen immer in Ehren halten, und ich verspreche dir als deine Tochter, dass ich nie im Leben aufgeben werde.“ Dann sah sie ihn wieder auf dem großen hellen Stern sitzen und erinnerte sich an einen seiner berühmten Kalauer: „Tochter – Kopf hoch, auch wenn der Hals dreckig ist.“

Julia war ein reflektierter Mensch, und oft fragte sie sich in stillen Stunden, ob sie den Vater in ihren Erinnerungen idealisierte und auf ein Podest hob. Er war ein Mensch und damit nicht unfehlbar. Es hatte auch Auseinandersetzungen gegeben, vor allem in der Pubertät fühlte sie sich mißverstanden. Er konnte auch manchmal streng und unnachgiebig sein, vermutlich wollte er sie als seine Tochter nur schützen, was Julia erst als erwachsene Frau begriff.

Das Gedächtnis eines Menschen ist gnädig; denn es löscht im Laufe der Zeit alle negativen Erinnerungen, um ein Überleben zu ermöglichen. Vieles kann ein Mensch selbst bewirken, indem er bestimmte Dinge einfach verdrängt und sie in eine Kiste sperrt, die nie mehr geöffnet werden darf. Auch dass wusste Julia.

Julia hatte vom Vater ihren Humor, ihre Empathie, ihren Optimismus und ihre Disziplin geerbt. Nicht im wörtlichen Sinn, nicht genetisch; denn er war nicht ihr leiblicher Vater. Aber Julia empfand es als Erbe, das sie in sich trug und pflegte.

Sie erinnerte sich an eine Begebenheit, die sie für ihr Leben prägen sollte. Ihr Vater machte jeden Montag eine Rundgang durch die Firma und begrüßte jeden seiner Mitarbeiter per Handschlag, erkundigte sich nach der Familie, nach den Kindern, fragte nach den persönlichen Anliegen. Wenn Julia schulfrei hatte, dann begleitete sie ihren Vater bei seinem Rundgang. Darauf freute sie sich immer.

Sie merkte, dass ihr Vater bei seinen Mitarbeitern geschätzt wurde und großen Respekt genoss, was sie mit Stolz erfüllte. Er war ein Mann, zu dem sie aufsehen konnte. Und sie war die „Tochter des Chefs“, manchmal bekam sie einen Schokoriegel, eine Tüte Erdnüsse oder ein Eis geschenkt. Es war schön, und sie war glücklich. Julia war noch ein Kind, und sie strahlte ihren Vater an: „Du bist der Chef, also der wichtigste Mann. Und dann kommt der Meister, und dann kommt der Arbeiter. Nicht wahr?“ Das war ihre kindliche Logik.

Der Vater nahm sie mit in sein Büro, und sie durfte sich an seinen Schreibtisch setzen, was Julia als besondere Auszeichnung empfand. Dann sagte er: „Tochter, der Arbeiter bringt dem Meister das Material, das er zum Arbeiten braucht. Der Meister fertigt daraus die Werkstücke, die ich dann verkaufe. So leistet jeder in der Firma einen wichtigen Teil.“

Julia hatte damals sofort verstanden, was ihr Vater damit sagen wollte. Mehr noch, es sollte ihr Leben prägen: Arroganz und Standesdünkel blieben ihr fremd. Das hatten die Worte ihres Vaters bewirkt. Wenn sie an ihn dachte, dann war sie glücklich. Er hatte sie geliebt, er war immer stolz auf sie gewesen. Es hatte so viele glückliche Momente gegeben, die sie nur mit ihm allein geteilt hatte. Mit ihm, ihrem „Vati“. Vielleicht idealisierte sie ihn in der Erinnerung, aber das gestand sie sich zu. Er sass für sie auf einem großen funkelnden Stern.

Julia war mittlerweile eine anerkannte Autorin. Ihre Romane wurde von Kritikern gelobt und standen auf den Bestsellerlisten. Auf den Buchmessen war sie präsent, wurde als Gast zu Talkshows eingeladen. In Gedanken widmete sie jedes ihrer Bücher ihrem verstorbenen Vater, ohne sich dessen bewusst zu sein. Sie war gefragt und genoss den Status als Schriftstellerin, der ihr persönliche Freiheit garantierte.

Aber es gab noch etwas, was sie tun musste und wollte. Sie schrieb einen Roman, den sie schlicht mit „Der Vater“ betitelte. Vierzig Jahre nach seinem Tod, aber erst jetzt fühlte sich Julia reif dazu. Auch dieses Buch wurde ein Erfolg, aber Julia interessierte es nicht.

Sie hatte ihrem geliebten Vater ein Denkmal gesetzt. Er hatte ihr alles gegeben, was er konnte. Und jetzt hatte sie ihm das gegeben, was sie konnte. Er sass immer noch auf einem großen funkelnden Stern, und er war immer noch stolz auf sie.

Julia schrieb nie wieder – kein einziges Wort. Es gab nichts mehr zu sagen in ihrem Leben.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.02.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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