Helmut Wurm

Sokrates und die Gelbwesten-Bewegung

Sokrates sitzt mit einem jungen Bekannten vor einem Kiosk und trinkt eine Tasse Kaffee. Der junge Bekannte hat sich eine Zeitung gekauft und überfliegt gerade einen Artikel zu den Aktivitäten der Gelbwesten in Paris. Diese Bewegung begeistert ihn. Er wendet sich zu Sokrates:

Der junge Bekannte (freudig): Ist das nicht toll, Sokrates, da gehen Menschen, meist jüngere Menschen, Wochenende für Wochenende auf die Straße, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Ist das nicht in Deinem Sinne, seine Meinung unbeirrt öffentlich darzutun? Ist das nicht offene Demokratie oder zumindest eine demokratisch geöffnete Republik?

Sokrates (sehr ernst): Solche permanenten Straßenbewegungen sind nicht toll, sie sind häufig besorgniserregend, denn sie sind weder demokratisch noch republikanisch und nicht in meinem Sinne. Denn öffentliche Meinungsmacher sammeln Menschen um sich herum, beeinflussen sie in ihrem Sinn und beginnen mit ihnen auf der Straße Macht zu gewinnen und auszuüben. Häufig waren in der Geschichte solche Straßenbewegungen der Anfang vom Ende republikanischer oder demokratischer Staatsformen.

Der junge Bekannte (erstaunt): Kannst Du mir das genauer erklären und begründen?

Sokrates (sachlicher): Das will ich gerne tun und an Beispielen aus der Geschichte. Denn in der Geschichte wiederholt sich alles irgendwie, zwar unter anderen Namen und Farben, aber ähnlich in den Grundzügen. Und ich habe schon eine Menge Wiederholungen erlebt…

Die Menschen in bevölkerungsreicheren Staaten mögen lieber Republiken als Demokratien. Denn in den Republiken delegiert der Bürger Rechte und Pflichten in geordneten Formen an gewählte Politiker. Diese entscheiden dann in Regierungsgebäuden in relativ ruhigen Formen und der einzelne Bürger hat seine private relative Ruhe.

In den Demokratien entscheiden die Bürger auf öffentlichen Plätzen oder in öffentlichen Räumen. Da geht es bei Meinungsunterschieden oft heftig her und es kann zu ernsten Streitereien kommen. Und die Bürger müssen häufig bei solchen Abstimmungen dabei sein. Immer wenn Menschen solche öffentlichen Streite erleben bzw. davon hören, werden sie unsicher, denn ihre private Ruhe ist dadurch gefährdet. Und wenn so genannte Demagogen unter dem Schutz demokratischer Verfassungen größere Anzahlen von Anhänger um sich sammeln und auf den Straßen mit ihnen ihre Ziele durchzusetzen versuchen und gegen andere Demagogen und deren Anhänger kämpfen, dann werden die meisten Bürger mit Recht noch unsicher, denn jetzt ist ihre private Ruhe bestimmt gefährdet, vor allem wenn sie nicht die Meinungen und Ziele der gerade vorherrschenden Demagogen vertreten.

Denn jetzt beginnen Gewalt, Straßenkämpfe, Raub, Plünderungen und Morde auf der Straße um sich zu greifen. Dann sehnt man sich nach einer starken Persönlichkeit, die auf den Straßen und im Land wieder Ruhe und Sicherheit schafft. Und häufig etablieren sich diese starken Retter dann als Könige oder sogar als Diktatoren. Das ist dann wieder die Kehrseite der neuen Ruhe und Ordnung.

So folgte im antiken Griechenland nach den demokratisch unruhigen Zeiten die Herrschaft der makedonischen Königsfamilie.

Nach den Straßenkämpfen in Italien zwischen Reichen und einfachen Bürgern im Anschluss an die Kriege gegen Karthago schaffte Caesar wieder Ruhe und Ordnung und begründete die Zeit der römischen Kaiser.

Nach den unruhigen Jahren der französischen Revolution um 1790 folgte Napoleon I. als neue Ruhe stifende Ordnungsmacht mit Kaisertitel. Und nach den Unruhen und Straßenkämpfen um 1848 schaffte in Frankreich Napoleon III. als nächster Kaiser wieder Ruhe.

Durch die Unruhen auf den Straßen während der Weimarer Republik kamen Hitler und seine Partei als Ruhe versprechende Macht an die Regierung und Hitler wurde Diktator…

Der junge Bekannte: Aber wie entstehen solche Straßenbewegungen, sie müssen doch organisiert werden.

Sokrates: Solche Straßenbewegungen mit ihren demagogischen Führern kommen dann zustande, wenn eine verbreitete Missstimmung besteht und es demagogisch veranlagten Menschen gelingt, sich auf der Straße als Menschensammler zu beweisen und öffentlich bekannt zu machen. Diese hatten dann schnell mit Freunden ein organisatorisches Netz über eine große Stadt oder ein Land errichtet und damit ihre öffentlichen Aufmärsche organisiert. Heute, im Zeitalter der Massen-Kommunikation geht das viel einfacher und schneller und benötigt weniger demagogische Fähigkeiten.

Noch ist bisher nicht außerhalb Frankreichs bekannt, welche Gruppen oder Personen die Hinter-männer, die Organisatoren der Gelbwesten sind. Aber es ist weniger ihr Talent als die Möglichkeit der Massen-Kommunikation über Handys und Smartphons, die die Gelbwesten-Aufmärsche ermöglichen.

Der junge Bekannte: Aber wieso ist das so ernst, weshalb sind die Gelbwesten eventuell der Beginn des Niedergangs europäischer Republiken?

Sokrates: Sie stellen gewissermaßen eine Übungsphase für solche Gruppierungen und Demagogen im Wartestand dar, die ihre Ziele auch auf den Straßen durchsetzen und über die Straßen Macht erringen wollen, wie z.B. derzeit die Aufmärsche rechter Gruppierungen. Und wenn es muslimischen Demagogen gelänge, die ständig wachsende Zahl muslimischer Migranten in Europa hinter sich zu sammeln, dann könnte die Zeit der bisherigen relativ ruhigen Multi-Kulti-Gesellschaft vorbei sein. Die IS-Bewegung in SW-Asien hat dafür ein besorgniserregendes Beispiel gegeben. Das macht mir Sorge… Wenn so etwas in Europa entstünde…

Der junge Bekannte: Jetzt kann ich Dich verstehen, Sokrates, das beginnt mir auch Sorge zu machen. Demokratie und Republik dürfen keine Aktionen von Demagogen oder der Straße werden oder sein...

Aber in Deutschland gab es ja um 1970 die so genannten Studentenunruhen mit großen Straßen-Aufmärschen. Wie hat man diese Zeit überwunden ohne einen Diktator, ohne einen starken Politiker, der wieder Ruhe geschaffen hat?

Sokrates: Doch, junger Freund, diesen Mann, diesen starken Politiker hat es gegeben. Es war Helmut Schmidt. Er war zwar gewählter SPD-Politiker, aber in Wirklichkeit war er eine starke und eigen-ständige Führungspersönlichkeit, die sich über manche Kritik und Kritiker hinweg gesetzt hat. Ohne ihn hätte Deutschland diese unruhige Phase um und nach 1970 mit der Spätphase der Studenten-revolution und der Roten-Armee-Fraktion (RAF) nicht überstanden. Er wurde dann gestürzt, weil er der eigenen Partei zu dominant und zu stark war. Hoffentlich bekommt Europa in den kommenden unruhigen Zeiten wieder einen neuen Helmut Schmidt…

Damit erhob sich Sokrates und spazierte weiter. Der junge Freund blieb noch eine Weile nachdenklichen sitzen, zusammen mit dem discipulus Sokratis, der auch dabei saß und die Informationen und Sorgen des Sokrates aufgeschrieben hat.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.02.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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