Heinz-Walter Hoetter

Die Ballade vom jungen Uhrmacher

Da war einmal so ein junges Ding. Zu einem jungen Uhrmacher sie ging. Das war vor vielen, vielen Jahren. Ein jeder hatte es in der Stadt erfahren. Schön war sie und duftete nach Parfüm. Der junge Uhrmacher ward ganz ungestüm. Es war im Frühling, es schossen die Triebe. Die beiden jungen Menschen machten echte Liebe. Beide wurden von der Leidenschaft mitgerissen. Keiner wollte je mehr den anderen vermissen. Doch es kam anders. Wer hätte das wohl gedacht? Das junge Ding hat sich heimlich auf und davon gemacht. Sie nahm mit ganz viele teure goldene Uhren. Damit verschwand sie in des Landes weiten Fluren. Seit der Zeit hat man die Diebin nie wieder gesehen. Der junge Uhrmacher wollte vor Scham vergehen. Der Verlust traf ihn schwer. Er hatte zu den Menschen kein Vertrauen mehr. Die böse Armut zog bald bei ihm ein. Der junge Uhrmacher hatte keine Lust mehr zu sein. Er hängte sich auf, ganz still und leise, im dunklen Wald. Das Krächzen der Raben hat dabei aus den Bäumen erschallt. Man begrub ihn auf einem kleinen Friedhof draußen vor der Stadt. Grüner Efeu umrankte dort bald, wo er lag, das kleine Blumengrab. Das Leben aber ging derweil weiter, und die Jahre zogen ins Land. Eines Tages kam eine Frau an sein Grab mit einem Jungen an der Hand. Wer sie war und woher sie kam, das konnte keiner genau sagen. Jedoch der kleine Junge stellte der Frau am Grab ein paar Fragen. "Mama, liegt da mein Papa unter den schönen Blumen begraben? Kannst du mir das sagen?" Die Mutter nickte nur stumm mit dem Kopf und fing an zu weinen. Dann nahm sie den Jungen auf den Arm und ging fort mit dem Kleinen. Die Frau war durch den Verkauf der gestohlenen Uhren reich geworden. Ein wohlhabender Kaufmann hat sie schließlich geheiratet. Sie lebte ganz ohne Sorgen. Sie erfuhr von dem Tod des jungen Uhrmachers erst viele Jahre danach. Der Junge war von ihm, sie hatte es immer verschwiegen aus lauter Schmach. Und wieder gingen die Jahre wie im Flug dahin. Viele Jahrzehnte zogen ins Land. Ein junger Mann stand irgendwann am Grab des Uhrmachers mit Blumen in der Hand. "Mama hat mir die Geschichte von euch beiden erzählt und was damals geschah. Vergib ihr! Sie hat es schon lange bereut. Ja, dein Tod ging ihr wirklich sehr nah." Dann schaute er zum weiten Himmel hinauf und flüsterte mit leisen, stockenden Worten: "Mama war sehr krank. Sie hat gestern selbst durchschritten die Himmelspforten." Dann verließ der junge Mann weinend den einsamen Friedhof wieder. Draußen schien die Sonne vom blauen Himmel herab, und es blühte der Flieder.


 

ENDE



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