Heike Henning

„Erlebnis“ Schreibwettbewerb – die Geschichte einer Blamage

Eine Versgeschichte

Es war im Februar, draußen noch kalt, als laut ein Ruf im Schnee erschallt': „Autoren, kommt aus fern und nah – unsre Stadt Chemnitz wird 875 Jahr'! Greift schnell zur Feder, entwerft Geschichten, die uns von Chemnitz viel berichten. Ob aus Geschichte oder Zeit der Moderne, mitmachen darf jeder gerne!“
Das ließ ich mir nicht zweimal sagen, wollt' gerne meinen Teil beitragen, denn schließlich ist Chemnitz die sächsische Stadt, in der man mich einst geboren hatt'.
Gesagt, getan - die Zeit war knapp, zügig ich den Beitrag geschrieben hab'. Mein Thema – die Burg Rabenstein, die kleinste Burg Sachsens, die sollte es sein. Als Kind war ich das letzte Mal dort, erinnern konnt' ich mich nur vage. Es war für mich ein verwunschener Ort, und ich wusste, es gibt eine uralte Sage.

Und so fing es an, meine Neugier schrieb mit - zu bezwingen, mein eigenes Wissensdefizit. Ich tauchte tief ein ins Mittelalter, lernte so kennen, die Burgverwalter – Ritter, Äbte und Grafen, samt ihren Untertanen, den braven. Ich war ziemlich erstaunt, dass in vergangener Zeit, ein Burgherr erfand die „Nachhaltigkeit“, las 'ne romantisch-blumige Reisebeschreibung, so schön geschrieben, mit leichter Übertreibung. Schmunzelte über Abt's Liebchen, die Schäferin – nun, lange Rede und kurzer Sinn: Meine Versgeschichte wurde bald fertig – pünktlich zum Abgabetermin.

Kurze Zeit später wurde ausgezählt: 72 Beiträge waren aufgestellt! Das waren sehr viele, ich staunte nicht schlecht – auf 'nen Preis hatt' ich kaum eine Chance bei der Zahl, also echt! Doch mein Motto war einfach „mitzumachen“, ein Stück bei der Stadt wieder gutzumachen, die mich gehalten hat, wenn mir's ging mal schlecht, in der ich gelebt hab', und das gar nicht schlecht, hab' gelacht und gefeiert, gelernt und gebüffelt, abends in der Disko ein' über'n Durst gesüffelt, hab' studiert und getanzt, geliebt und mal geweint – dann gewartet, bis in Chemnitz die Sonne wieder scheint. Kurzum, mein Herz, das schlägt für die Stadt, deshalb ich die Verse geschrieben hatt'.

Die Zeit verging dann ziemlich schnell, in meinem Postfach fand ich 'ne Mail. Ein Teufelchen hat sie wohl gebracht - die Einladung, zur „Chemnitzer Büchernacht“! Dort sollt' die Preisverleihung sein und dazu lud man alle ein. Meine Freude, die war groß: „Herrjeh, was tu ich anzieh'n bloß?“, dachte ich, ganz frauentypisch. Nebenbei suchte ich im Mailtext akribisch, nach 'ner Uhrzeit, nach dem Beginn. Doch meine Augen konnten nichts seh'n! Da diese fehlte, fragte ich nach – wieder per Mail. Und die Antwort, die lag, prompt in meinem Postfach, das ging ganz schnell. Und so war mir klar, es war alles reell.
Die Zeit steht noch nicht fest!“, so sagte man mir, ich soll mich doch online informier`n oder nachlesen in 'nem Zeitungsblatt, wann alles beginnt – was ich dann auch tat.

Die Zeit rückte näher, die Uhr tickte leis', zur „Chemnitzer Büchernacht“ bin ich angereist. Ich lief zu dem Ort, der mir genannt. „Preisverleihung“ dort geschrieben stand.
Plötzlich hörte ich: „Sie sind hier nicht drauf!“, 'ne Dame kontrollierte die Namensliste – na dann „Glück-Auf!“ Ich dachte: „Verflixt und zugenäht! Vielleicht bin ich hier falsch, oder ist es zu spät?“ Drauf sagte ich laut: „Auf Wiederseh'n!“, drehte mich um, war im Begriff, zu geh'n.
„Halt!“ rief die Dame, „Ich schau' nochmal nach!“ Und verschwand für ein Weilchen – was für ein Tag! Danach rief sie ganz freundlich: „Es ist alles o.k., ihr Name ist da, es war ein Verseh'n! Bitteschön, nehm' Sie Platz, es ist reserviert!“ 'Ne andre Dame hat mich hineingeführt: „Herzlich willkommen, nehm' Sie vorne gleich Platz!“ Ich fragte noch mal, damit's nicht war, für die Katz': „Bin ich auch richtig, wurd' per Mail informiert!“ Die Dame hat sich über mich amüsiert: „'Ne Mail ist ein Brief, nur eben modern. Es ist alles perfekt, wir begrüßen Sie gern!“
Nun war ich ganz sicher, ich gehörte hier her, nahm beruhigt Platz und freute mich sehr.

Sehr feierlich ging es nun zu, bei Piano-Musik kamen langsam die Gäste herzu. Ringsherum nur freundliche Gesichter, alle war'n nun sehr gespannt. Fleißige Denker und Hobby-Dichter – mit Chemnitz war'n wir seelenverwandt.
Vorn wurd' verkündet - ja, das war der Hammer: „Hier im Saal, da sitzen nur Gewinner! Hundert Beiträge wurden gezählt – zwanzig davon wurden ausgewählt. Diese zwanzig – ja, das sind Sie!“ Das hatt' ich nicht erwartet und weich wurden meine Knie!
Einer nach dem anderen wurde genannt, es gab Vorträge, Leseproben und ich war gespannt. Ich wartete geduldig, bis zum Schluss. Doch mein Name fiel leider nie. Es kam wohl, wie's kommen muss – da saß sie nun, die Pechmarie! Alle waren glücklich, hatten Blumen in der Hand, nur ich saß allein und starrte an die Wand...

Ganz ehrlich, den Schock musst' ich erstmal verdau'n. Sollt' ich mich so zu meinen Freunden trau'n? Eine Tasse Kaffee, die brauchte ich jetzt. In 'ne kleine Cafeteria hab' ich mich allein hingesetzt. Doch mein Lachen, das stellte sich bald wieder ein: „Sowas kann nur mir passier'n, das kann doch nicht sein!“ Das Leben, es spielte mir heute 'nen Streich. Die Bedienung meinte: „Ich komme gleich!“
In dem Moment tauchten auf, die Organisatoren, genau die Menschen, die den Schreibwettbewerb „geboren“! Ein Kaffee, ein Plausch, man kannte sich. Doch was war das, sah ich das richtig? Mit Preisträgern war man auf „Du und Du“! Einige kamen nun auch herzu. Wie eine Familie, so innig, persönlich, man kannte sich – das war ungewöhnlich! Sowas durfte nicht sein, das war nicht normal! Die Jury musste sein, völlig neutral! Gab es womöglich Kumpanei? Ich wagt' es nicht zu denken. Nun, egal, sei's, wie es sei. Ich tat der Sache meine Aufmerksamkeit schenken, meine Blicke unwillkürlich dem Geschehen zuwenden, saß und überlegte, beobachtete das Treiben. Sollte ich wirklich stumm sitzen bleiben? „Nein!“, rief laut meine innere Stimme, „Sag', was hast du zu verlier'n? Ergreif' das Wort, steh' auf, beginne! Ein Bürger darf sich doch beschwer'n!“

So begann ich, die lust'ge Gesellschaft zu stör'n und bat sie, mich mal anzuhör'n. „Wer ist denn das?“ „Was will denn die?“, mir aus ihren Augen entgegenschrie. Ich hielt meinen Vortrag, sehr ruhig, gelassen und eine Dame, sehr elegant, die konnt's gar nicht fassen: „Wie kann denn sowas nur passier'n?“, sie tat gleich den Mailtext kontrollier'n. „Dieses Schreiben hat jeder bekommen, wirklich nicht nur Sie allein!“ Ich war plötzlich ganz benommen. Wie bitte, konnt' denn sowas sein? Jeder? Ein Einladungstext, von so vielen ignoriert? Was bin ich jetzt? Dumm oder angeschmiert? Ich wurde daraus nicht gescheit – darf man nehmen in unserer Zeit, nichts mehr, mit Genauigkeit?
Die Dame gab mir gleich ihre Karte, auf meinen Anruf sie gerne warte. In höh'rer Stellung tat sie steh'n, das sollt' ich wohl auf der Karte seh'n. Was dann kam, ja das konnt' ich schon ahnen – ihre Denkerstirn tat meinen Rückzug planen. Keine Entschuldigung, nicht ein Wort. Sprachlos ging ich traurig fort.

In meiner Geburtsstadt sollt' ich sowas erleben – im Jubiläumsjahr – mein Herz tat beben! Doch die gebürtigen Chemnitzer, die könn' mich sicher versteh'n: Mein Herz schlägt für die Stadt, das kann mir keiner nehm'! Ich war das letzte Mal bei 'nem Schreibwettbewerb! Leser hab' ich auch so. Auf Gedeih und Verderb!

Barbara Ludwig, Oberbürgermeisterin der Stadt Chemnitz:

„Und deshalb haben wir den Mut und das Selbstbewusstsein, die Idee, Kulturhauptstadt werden zu wollen, nun auf die Tagesordnung zu setzen. Chemnitz steht in Vielem exemplarisch für die Gegenwart und Zukunft Europas...“

(zur Bewerbung der Stadt Chemnitz als „Kulturhauptstadt Europas“ im Jahr 2025)
Heike Henning, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.02.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Buch von Heike Henning:

cover

Die kleine Schnecke Ringelhaus von Heike Henning



...kleine Maus und Schnecke Ringelhaus, dicker blauer Elefant, Ente und ihre Küken, Zebra Zimpel, Wurm im Sturm, Eichhörnchen, Wüstenschweinchen, kleiner Floh, Fliege, und Summselbiene!
Die kleinen Helden dieses Buches erleben so manches Abenteuer, bringen die Kinder zum Schmunzeln (und vielleicht auch den einen oder anderen Erwachsenen), sind auf ihre Art lehrreich oder lassen Rätsel raten. Die im Buch zahlreich vorhandenen Bilder und Fotografien regen die Fantasie an und lassen das Lesen nie langweilig werden.
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