Claudia Jendrillek

Seidiges Rot

Das Heulen eines Hundes ließ mich aus meinem Traum hochschrecken. Unruhig bewegte ich mich von einer Seite zur anderen. Ein kühler Lufthauch ließ den leichten Fenstervorhang aufwehen, wobei mir der volle Mond eisig ins Gesicht schien. Verärgert über Hund und Vollmond, lief ich mit schnellen Schritten zum Fenster um es zu schließen. Dabei fiel mein Blick auf den Hinterhof, in Richtung meines Autos, dass ich mal wieder im Halteverbot parkte. Das Mondlicht erhellte die Nacht so sehr, dass ich aus der Ferne etwas unter einem meiner Scheibenwischer flattern sehen konnte. Na toll, Strafzettel Nummer 20, jetzt verteilen sie die auch schon nachts, schoss es mir wütend duch den Kopf und lief zurück in mein Bett.

Am nächsten Morgen stand ich an meinem Wagen und griff etwas verblüfft nach dem flatternden Etwas, was ich nachts noch für einen Strafzettel gehalten hatte. Ich atmete vor Erleichterung tief durch als ich stattdessen ein rotes, samtweiches Seidentuch in den Händen hielt. So glatt und weich, das ich der Versuchung unterlag, eine meiner Wangen daran zu schmiegen. Dann schaute ich mir das Stück Stoff etwas genauer an. Auf dem glänzenden Rot konnte ich eine Nachricht, geschrieben mit schwarzer Tinte, entziffern: Rette mich! Wenn nicht du, dann niemand! Erstaunt schaute ich mich um. Doch weder meine Nachbarin, die stets am Fensterbrett ihre Zeit mit Beobachten verbrachte, noch sonst jemanden konnte ich erblicken. So widmete ich meine Aufmerksamkeit wieder dem roten Stoff in meinen Händen. Auf der Rückseite konnte ich feine dünne Linien und einige Farbkleckse erkennen. Aber was immer diese Nachricht zu bedeuten hatte, ein Blick auf meine Armbanduhr ermahnte mich, mich so schnell wie möglich auf den Weg zu machen. Ich stopfte den weichen Stoff hastig in meine Tasche, stieg in mein Auto und raste los. Gerade heute konnte ich mir keine Unpünktlichkeit leisten. Es war schließlich mein erster Tag in der neuen Firma.

Etwas aus der Puste angekommen, kam mir gleich meine neue Kollegin, schlank und blond, entgegen. „Herzlich willkommen, liebe Mona! Ist dir doch recht, wenn wir uns duzen, oder? Also, ich heiße Katrin“, und überreichte mir einen riesigen Blumenstrauß. Nachdem ich mich durch das bunte Blütenmeer gekämpft hatte, bedankte ich mich bei ihr mit einer Umarmung und begrüßte nacheinander jeden einzelnen der Abteilung, einschließlich meines Chefs, klein und dick. Es folgten unzählige Willkommensgrüße, etliche kräftige Umarmungen und einige Gläser prickelnden Sekts. Als ich endlich etwas Ruhe fand, setzte ich mich, bewaffnet mit einem weiteren Glas, an meinen zukünftigen Schreibtisch. Mein Blick fiel sofort auf das kleine, goldfarbene Päckchen, das mitten auf dem Tisch lag. Voller Neugier, riss ich das Geschenkpapier entzwei und öffnete erwartungsvoll die Schatulle. Mir wurde schwindelig vor Augen, als ich den Inhalt erblickte. Es verbarg ein weiteres leuchtend rotes Seidentuch, das ich mit zitternden Händen aus der Schatulle zog. Neugierig beäugte meine Kollegin den Stoff. „Oh, was für ein ausgefallenes Willkommensgeschenk! Von wem ist es denn?“ und lächelte mir entgegen. Erst nachdem ich einen kräftigen Schluck Sekt zu mir genommen hatte, konnte ich ihr antworten: „Katrin, ich dachte eigentlich, du könntest mir verraten, wer mir dieses Päckchen hier hingelegt hat?“, erstaunt schaute mich Katrin an und schüttelte den Kopf. Ich betrachtete den Stoff, den ich noch immer in meinen Händen hielt und stellte fest, dass es, im Gegensatz zum anderen Stück in meiner Handtasche, keine Nachricht enthielt. Die Rückseite zeigte jedoch auch die gleichen feinen Linien und Kleckse. Was sollte das nur bedeuten? Wer schickte mir diese so merkwürdigen Botschaften? Und wen sollte ich retten? Vor was und warum?

Zu Hause angekommen, betrunken und den Kopf voller Fragen, versuchte ich meine Unruhe mit einer kalten Dusche abzuspülen. Jedoch ohne den erwünschten Erfolg. So schlüpfte ich in meinen Schlafanzug, schnappte mir die Stofftücher und breitete sie vor mir auf dem Fußboden aus. Das Rot leuchtete mir strahlend entgegen. Aber so sehr ich mich auch bemühte, einen versteckten Hinweis zu finden, mußte ich doch enttäuscht feststellen, dass ich einfach keinen entdecken konnte. Verärgert knüllte ich die Seide zusammen und warf sie in die Schublade meiner Kommode. Genug davon, beschloss ich und legte mich erschöpft ins Bett. Morgen ist auch noch ein Tag, dazu noch Wochenende, was mich zufrieden einschlafen ließ.

Am Morgen stand ich mit starken Kopfschmerzen und einem dampfenden Kaffee in der Hand, am Fenster zum Hinterhof und schaute erleichtert auf mein Auto. Kein Strafzettel, kein rotes Etwas. Ich lächelte zufrieden, bis mich das Läuten meiner Tür zusammenzucken ließ. Meine Nachbarin stand grimmig vor der Tür: „Morgen, dies hier wurde heute früh für sie abgegeben. Ihre Klingel soll defekt sein, aber gerade ging sie doch, oder? Ich sag´s ihnen gleich, das war das erste und letzte mal. Da kann ich mal ausschlafen und dann sowas......“; brüllte sie mich an und schüttelte wütend ihren Kopf. Ungeduldig riss ich ihr den Umschlag aus der Hand, hauchte ihr ein danke entgegen und schlug die Tür zu. Ich hörte sie noch immer weiter schimpfen, während sie die vielen Stufen zu ihrer Wohnung hinunterstapfte.

Nervös zerrte ich den Brief auf. Mit zitternder Hand griff ich in den Umschlag. Als ich dies vertraute Weich zu fassen bekam, schlug mir mein Herz bis zum Hals und schnürte mir die Luft ab. Ich schnappte nach Luft und schmiess den Umschlag zu Boden. Panisch stürzte ich ins Bad um mir einige Tropfen Wasser ins Gesicht zu spritzen. Dabei fiel mein Blick in den Spiegel. So nicht, sagte ich zu mir selbst, jetzt reicht es! Mit dem Gedanken daran, die geheimnisvollen Stoffstücke in Flammen aufgehen zu lassen, schnappte ich mir den Umschlag und zog wütend die Seide heraus. Dabei flatterte ein sauber zusammengefaltetes Blatt Papier zu Boden, das ich hastig auffing. Mit lauter Stimme las ich die in schöner, geschwungener Schrift geschriebenen Zeilen: Verzeih mir bitte, das ich diesen Weg gewählt habe um deine Aufmerksamkeit zu wecken. Aber wie sonst hätte ich einen Moment deiner Beachtung erlangen können um dir endlich mein Herz zu öffnen. Jeden Tag begegnen wir uns flüchtig. Jeden Tag schau ich dir sehnend hinterher. Jeden Tag schaust du mich an und erkennst mich doch nicht. Nicht als denjenigen, welcher ich für dich sein möchte ........, ich senkte kurz den Brief, atmete tief durch und las weiter: ........... alles möchte ich für dich sein, so wie du alles für mich bist. Und das schon seit so langer Zeit. Sicher hast du die Linien auf der Rückseite der Stoffe schon entdeckt. Setze die Seidenstücke einfach zusammen, Linie an Linie und dann schau hin. Schau genau hin. Ich liebe dich und hoffe, das dein Herz mich erkennen wird, dein Mark.

Mark? Verwirrt und gerührt, ließ ich den Brief zu Boden segeln. Ich stand wie gelähmt im Zimmer und erwachte erst wieder aus meiner Erstarrung als ich meine salzigen Tränen, die über meine Wagen hinab in meine Mundwinkel liefen, schmeckte. Die Zeilen trafen mich mitten ins Herz und spiegelten meinen Wunsch wieder, den ich schon so lange Zeit in mir trug. Liebe...... Zögerlich setzte ich die drei Seidenstücke Teil für Teil zusammen und betrachtete neugierig die nun zusammengesetzten Linien und Farbkleckse. Ich konnte das Gesicht eines Mannes erkennen, mit klaren vertrauten Augen, ein Gesicht das mir nicht fremd erschien. Ich fuhr mit meinem Zeigefinger sanft über den weichen Stoff, genau über die gezeichneten Stellen, die seine sinnlichen Lippen darstellten. „Mark“, flüsterte ich leise vor mich hin. Ein schöner Name und ein wirklich schöner Mann. Und den sollte ich bisher übersehen haben? Ich schüttelte ungläubig den Kopf.

Meine Gedanken wurden durch ein erneutes Türläuten schroff unterbrochen. Benommen ging ich zur Tür und öffnete unwillig. Es traf mich wie ein Schlag. Da stand er vor mir, dieser schöner Mann, mit seinem klaren vertrauten Blick und seinen so sinnlichen Lippen. Genau in diesem Moment, erkannte ich ihn: Mark war mein Postbote! Lächelnd öffnete ich ihm einladend die Tür und ließ geschehen, was geschehen mußte.

Heute schmücken diese kostbaren Seidenstoffe, eingerahmt unter schwerem Glas, unsere gemeinsame Wohnung. Sie leuchten noch immer im feurigen Rot, so wie damals, als ich sie zum ersten mal in den Händen hielt und lassen mich bei ihrem Anblick in Gedanken versinken. Und wenn mein Blick auf dies eine Seidenstück fällt, das mit dieser kleinen, etwas abgenutzten Stoffecke, dann bohrt sich ein Stich tief in mein Herz und läßt mich glücklich lächeln. Denn dort steht mit schwarzer Tinte, in schöner geschwungener Schrift, geschrieben: wir wurden gerettet!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.08.2003. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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