Paul Rudolf Uhl

C A S T O R

 

 

Das Nachstehende habe ich in der „Welt“ vom 26.12.03 gelesen, es entsetzt zur Kenntnis genommen, zu Hause eingescannt und hier – unverändert – ausgedruckt. Jeder soll sich selbst darüber seine Meinung machen...

Die Legende vom Salzstock. Ratlos in Gorleben: Wo ist der Castor wirklich? Die Geschichte einer Selbsttäuschung von Andreas Maier.

Hätte mich der Teufel persönlich (er ist ein guter Mäeutiker)* vor einem hal­ben Jahr gefragt, was denn eigentlich Gorleben sei, hätte ich eine diffuse Antwort gegeben:

Nun, Gorleben, hätte ich ge­sagt, das ist... irgendwo in Norddeutschland, hm... nach Gorleben kommen die Castor- Trans­porte aus La Hague. Dort gibt es ein Lager... ein Lager für Atommüll.

Der Teufel, freundlich: Ein Lager? Was denn für ein Lager? Nun, hätte ich ge­sagt, es gibt da so einen Salzstock. Tief in der Erde. Sie wollen das Zeug verbuddeln.

Der Teu­fel: Im Salzstock? Interessant. Ist das endgültig? Ich meine, haben sie das entschieden, steht das fest?

Ich: Nun, es gibt Proteste. Menschen dort ketten sich vor den Zügen an. Sie wollen verhin­dern, dass der Castor ankommt.

Der Teufel: Wo ankommt?

Ich: Nun, im Lager natürlich!

Der Teu­fel: Im Salzstock?

Ich: Nun, ja, was soll die Frage?

Der Teufel hätte mich hier noch viel freund­licher angeschaut, dann hätte er seinen Mund in eklatanter Weise gespitzt und, nun zielsicherer, gefragt: Hast Du einmal etwas von dem Wort „Zwischenlager“ gehört?

Ich: Ja, Zwischenlager, klar, sie nennen es Zwischenlager. „Zwischenla­ger Gorleben“, so heißt es, jetzt erinnere ich mich.

* Mäeutik: die Kunst des Sokrates, den Schüler durch Fragen zur Erkenntnis zu bringen

 

Der Teufel: Und was ist mit dem Wort "Endla­ger"?

Ich: In der Tat, das Wort gibt es auch. Nun, es ist so (hätte ich vermutlich gesagt): Das End­lager ist nicht genehmigt, deshalb ist Gorleben ein "Zwischenlager". Es gibt beide Worte: End­lager und Zwischenlager. Gorleben als Zwischenla­ger, Gorleben ist genehmigt, als Endla­ger Gorleben nicht.

Der Teufel: Und wo sind jetzt also die Castoren? Ich meine, was passiert denn, wenn Gorleben als Endlager nicht genehmigt wird? Wenn irgendwo anders ein Endlager hin­kommt?

Ich: Na, dann holen sie die Castoren wieder raus und bringen sie dorthin.

Er: Sie ho­len sie dann wieder aus dem Salzstock? Ich: Ja, was soll die Frage?

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Dieses Gespräch mit dem Teufel hat leider nie stattgefunden, es hätte mich nachdenklich ge­macht. Seit einem halben Jahr wohne ich im Wendland, in der Nähe von Gorleben. Ich bin et­was fassungslos, wenn ich versuche, meine frühe­re semantische Totalverwirrung zu rekonstru­ieren. Gorleben ist ein einfaches Phänomen, aber man versteht es offenbar erst, wenn man davor gestanden hat. Gorleben, dieser einfache Sach­verhalt, ,der tatsächlich in nur wenigen Begriffen jedem verständlich gemacht werden kann, ist of­fenbar bereits für die öffentliche Informationsbe­nutzeroberfläche viel zu kompliziert. Drei Be­griffe auseinander zu halten (Zwischenlager, Endlager, Salzstock) ist für uns zu kompliziert.

Aber die Geschichte des letzten halben Jahres im Einzelnen. Im Juni kommt jemand, nennen wir ihn der Einfachheit halber Axel, den Wend­länder, zu mir rausgefahren (ich wohne in einem Dorf) und sagt, komm, wir fahren raus nach Gorleben zum Lager, damit Du das mal siehst. Ich sage: Warum nicht? Also los. Während der folgenden zwei Stunden erinnere ich mich oft an früher gesehene Fernsehbilder: eine grüne, turmartige Halle mit Kran und einem Zaun da­vor (die Verladestation bei Breese), einige Kilo­meter weiter ein firmenartiger Komplex, mit ei­ner ebenfalls grünen Halle, die aussieht wie aus Blech. Einen Kilometer weiter ist ein Gelände mit einem Bohrturm (oder zwei?), auch das hat­te ich öfter gesehen. Nach diesen zwei Stunden hatte ich das, was sich mir aus dem Fernsehen heraus nie zu einem wirklichen Bild zusammengefügt hatte, endlich begriffen.

Um es verständlich zu machen, muss ich hier den Gang eines Castor-Behälters von Frank­reich nach Gorleben kurz schildern. Vorab aber, was ist ein Castor? Ein Castor-Behälter ist eine Metallhülle, in der in Glas eingeschmolzener, hoch radioaktiver Müll verpackt ist. Der Castor strahlt Wärme ab, ich glaube etwa 120 Grad.

Wirft man ein Ei da­gegen, wird es sofort zum Spiegelei, kurze Zeit später ist das Spiegelei aber leider schon ziemlich schwarz. Die Castoren, sagt er, werden die nächsten 30 oder 40 Jahre im Zwischenlager stehen (also in der grünen Halle. neben der Straße). Dort sollen sie ein wenig auskühlen, und in frühestens circa 30 Jahren sollen sie geöffnet und der Müll soll in kleinere "Pollux"-Behälter (siehe! Deshalb also "Castor") umgebettet werden. Diese kleinen Pol­lux-Behälter sollen dann in den einen Kilometer entfernten Salzstock hinabgelassen werden, na­türlich nur in dem Fall, dass bis dahin der Salzstock als Endlager für Atommüll genehmigt wor­den ist. Der Salzstock selbst wird lediglich da­hingehend erforscht, ob er sich als Endlager eig­net (im Augenblick gibt es ein Erforschungs­moratorium, aber das nur am Rande). Ich reibe mir verwundert die Augen und sage: Moment, Axel, das bedeutet also, dass im Salz­stock keine Castoren sind? Nein, sagt Axel noch mal, sie stehen überirdisch in der grünen Kühl­halle, nichts weiter. Es ist kein Castor im Salz­stock. Es gibt zurzeit nicht einmal ein Verfahren, wie die Castoren in 30 Jahren geöffnet werden sollen, damit der Müll in die Pollux-Behälter wan­dert. Dieses Verfahren wird nun in den nächsten Jahrzehnten erst entwickelt werden müssen, sagt Axel. Ich sage: Das ist ein Witz! Er: Nein, das ist kein Witz. Ein Verfahren muss erst noch ent­wickelt werden, und das geschieht in einer wei­teren Halle auf dem Gelände des Zwischenlagers, in der so genannten PKA - Pilotkonditionie­rungsanlage. Sie können keine tonnenschweren Castoren in den Stock hinunterlassen, sie brau­chen leichtere Behälter.

Das eigenartige Wort Pilotkonditionierungs­anlage erstaunte mich schon gar nicht mehr, auch wenn es eher nach Fliegerausbildung klingt. Aber ich war völlig verblüfft darüber, dass mir vorher nicht einmal klar war, dass kein Castor unter der Erde ist, und dort die nächsten Jahrzehnte auch nicht hinkommen: wird, weil nicht einmal das technische Verfahren dafür zur Verfügung steht, den Müll unter die Ende zu bringen.

Wie hatte es zu dieser semantischen Verwir­rung in meinem Kopf kommen können? Hatte ich vorher, vor meiner Ankunft im Wendland, die Begriffe aus Unaufmerksamkeit nicht genügend auseinander gehalten? War es das? Ich begann, außerhalb des Wendlands Leute zu fragen, als mäeutischer Teufel. Ich fragte meinen Vater, mei­ne Freunde, anderweitige Leute, manchmal fragte ich sogar bei zufälligen Begegnungen mit mir nicht weiter bekannten Personen. Ich fragte im­mer dieselbe Frage, es ist die wendländische Gret­chenfrage: Stehen die Castoren unterirdisch oder überirdisch?

Alle antworteten ausschließlich im­mer: unterirdisch. Manche „wussten“ sogar, dass die Castoren im Salzstock stehen, so wie ich es vor einem halben Jahr auch noch „wusste“. Das beantwortete aber nicht die Frage nach dem Grund der Verwirrung. Es zeigte nur das Ausmaß der Verwirrung. Die Republik außer­halb des Wendlands glaubt offenbar, die Castoren seien unter der Erde. Ich vermute sogar, der größte Teil der Republik glaubt, Zwischenlager und Endlager seien identisch (Salzstock).

Sie glauben wahrscheinlich: Das Zwischenlager heißt nur deshalb Zwischenlager, weil es als Endlager noch nicht genehmigt ist. Und gemeint ist immer der Salzstock. Eine grüne, überirdische Blechhalle (es sieht aus wie Blech) kommt da gar nicht vor. Wie konnte es dazu kommen? Die Frage hat eine gewisse Brisanz, immerhin han­delt es sich um hoch radioaktiven Müll, im­merhin handelt es sich um das größte Umwelt­problem, das die menschliche Zivilisation je­mals angerichtet hat.

Am 11.11. diesen Jahres, Karnevalsbeginn: Mein erster Castor- Transport, das ist schon was. Haben Sie das mal erlebt? Wenn nicht: Sie haben jedes Jahr Gelegenheit dazu. Kommen Sie mal her, schauen Sie sich das an. Es ist beeindruckend. Sie fahren nach Dannenberg, steigen dort aus dem Bus, und schon kreisen zehn Hubschrauber über Ihnen. Die meinen Sie! Haben Sie mal das Wort Allgemeinverfügung gehört? Waren Sie schon mal erfasst von einer Allgemeinverfügung? Viel Spaß dabei, so was erleben Sie nur hier. 13000 Polizis­ten halten einen Landstrich besetzt, von dem überhaupt die wenigsten wissen, wo er liegt.

Im Zuge dieses Transportes am 11.11. habe ich zum ersten Mal die Berichterstattung in den Me­dien mit bewusstem Ohr verfolgt, mit wendländi­schem Ohr, ich kannte ja nun Gorleben. Ich habe an diesem Tag sofort verstanden, wieso es früher bei mir zu dieser semantischen Totalverwirrung ­kommen musste. Eben stehen wir noch, es ist ge­gen Mitternacht, vor der Verladestation, wo die brav und tapfer strahlenden Castoren gerade auf die Laster umgeladen werden, um für die nächsten Jahrzehnte in die straßenseitige Blechhalle einzu­fahren. Zehn Minuten später sitzen wir im Auto, umgeben von zahllosen Polizeibussen, Räumfahr­zeugen, mobilen Scheinwerferfahrzeugen, Wasser­werfern et cetera, da hören wir im Radio Nach­richten. Wir hören immerhin den hiesigen Sender, und zwar den Nachrichtenkanal. Berichtet wird von dem, wo wir gerade drinstecken, vom Castor­-Transport. Der Berichterstatter schildert kurz das Ausmaß des Widerstands, des Polizeiaufgebots, der Verzögerung beim Transport (ein paar Stun­den), dann spricht er davon (und nun aufgepasst - hiesiger Nachrichtensender!), dass die Castoren auf Laster umgeladen werden, um anschließend in den vorläufig als Zwischenlager bezeichneten Salzstock in der Nähe Gorlebens gebracht zu Wer­den. So ein Satz wäre mir vor einem halben Jahr gar nicht aufgefallen. Der Satz lagert die Castoren in den Salzstock. Auch hier kommt die grüne Blechhalle (ich nenne sie so) für die nächsten 30 oder 40 Jahre nicht vor. Wir rufen sofort beim Sender an. Ein dortiger A verweist uns an einen B, dieser an einen C in irgendeiner Redaktion, und schließlich ist ein sehr freundlicher Mann in der Leitung, der sich betrübt zeigt und sagt, er wolle gern herausfinden, wer diesen Text verfasst hat. Wir warten auf Rückruf. Fünf Minuten spä­ter ruft der freundliche Mann des hiesigen Senders an und sagt, der Beitrag stamme aus einem ande­ren Bundesland (Rheinnähe). Er gibt uns sogar den Namen des Verfassers jenes Beitrags, aber der ist am Rhein nicht mehr zu erreichen (klar, es ist ja Nacht). Der freundliche Mann vom hiesigen Sender fragt uns dann noch: Hm, entschuldigen Sie, vielleicht bin ich nicht ganz auf der Höhe, aber was ist denn an dem inkriminierten Satz eigentlich falsch? Sind sie denn nicht im Salzstock?

Selbst von den Fachleuten hört man nur ein langes Äh...

In der Nacht rede ich mit einer Journalistin von der Elbe-Jeetzel-Zeitung. Sie empört sich darüber, dass immer wieder selbst ernannte Fachleute in ir­gendwelchen Gesprächsrunden auftreten und ei­nem dies und das über Gefahren und Nichtge­fahren erzählen, aber wenn man ihnen die Gret­chenfrage stellt ("Überirdisch?" - "Unterirdisch?"), kommt plötzlich ein "Äh" oder ein fundiertes und entschiedenes "Unterirdisch". Der Wortbetrug geht ins Detail: Ein unwissender Journalist stellte bei einem der vergangenen Transporte einem Sprecher der Betreiber die Frage: "Haben die Cas­tor-Behälter jetzt den Salzstock erreicht?" Der Sprecher, in bejahendem Ton: "Die Castoren sind inzwischen in das Zwischenlager eingefahren." So wird das Missverständnis zum Programm. Wenn für die bundesrepublikanische Bevölkerung sowieso schon alle Castoren immer im Salzstock waren, dann können sie da ja auch bleiben... dann soll man doch das Endlager einfach genehmigen, denn die Dinger sind ja schon drin.

Am nächsten Morgen Radio, wieder hiesiger Sender. Irgendwelche Landespolitiker diskutie­ren anlässlich des neuen Transports, und jetzt wörtlich: "...ob das Zwischenlager als Endlager geeignet sei". Der Teufel steckt im Detail, und dieses hat hierbei leider eine nicht geringe Halb­wertszeit. Das Zwischenlager kann nie Endlager werden. Es ist eine Halle auf einem ganz anderen Gelände. All das wäre mir, genau wie Ihnen, vor einem halben Jahr nie aufgefallen.

In meiner Verzweiflung fange ich an, zu telefonieren. Ich rufe wahllos Leute an und frage: Habt ihr gestern Berichte gesehen? Castor? Wendland? Habt ihr? Einhelliges Ja. Die Leute haben die Nachrichten geschaut. Sie haben Zeitungen ge­lesen. Sie wissen, es gab eine kleine Blockade, es waren wieder ein paar mehr Leute da als letztes Jahr et cetera. “Wo sind die Castoren?", frage ich. "Salzstock" ist die Antwort. Alle, immer wieder: Salzstock, unterirdisch, wen ich auch anrufe, von Niedersachsen bis Bayern, Salzstock, unterir­disch. (Auch viele Polizisten während des Trans­ports glaubten, es gehe hinab ins Salz. So berich­tet die Elbe-Jeetzel-Zeitung am Tag danach.)

In der Ecke sitzt zufrieden der Teufel und lacht mich an.

In meiner großen Not rufe ich meine Mutter an. Sie liegt gerade im Bett, Mittagsschlaf. Mut­ter, sage ich, bitte, hast du gestern fern geschaut? Sie: Ja, ich habe mir Sorgen um dich gemacht. All die Polizisten! Ich: Egal, mir ist nichts passiert, aber sage mir, sage mir bitte, bitte sage du mir: Wo sind die Castoren? Sie, nachdenklich: Im Zwischenlager... oder im Endlager... ich weiß es nicht. Ich: Was ist ein solches Lager? Sie: In die­sem Lager müssen sie für die nächsten zehn- oder hunderttausend Jahre lagern. Ich, bekümmert: Und wie hat man sich ein solches Lager vorzu­stellen? Sie: Es ist ein... Salzschacht. Ich, den Trä­nen nahe: Ein Salzschacht. Und da sind sie jetzt drin? Sie, nachdenklich, müde: Ja, da drin... Oder noch eine Stufe tiefer.

Der Schriftsteller Andreas Maier lebt seit einem halben Jahr im Wendland. Seine letzten Romane: "Wäldchestag" und "Klausen" im Suhrkamp Verlag

Audio http://hoeren.zeit.de

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.02.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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