Wolfgang Küssner

Eine Geschichte vom Apfel

Nun, das Ereignis liegt zugegebenermaßen schon ein paar Jahre zurück. Der eine oder andere Leser wird sich eventuell noch erinnern. Vermutlich nicht aus eigenem Erleben, doch vielleicht an das Gerede, das damals nicht enden wollende Geschnatter der Nachbarn, an die mahnenden Worte der Propheten mit ihren dicken religiösen Geschichtsbüchern.

Da wuchs in einem recht exotischen Garten ein saftiger, leuchtender Apfel (ob Jonathan oder Pink Lady, ob Royal Gala oder Macintosh wurde nie geklärt) heran; eine Frau und ein Mann, die schnell als Adam und Eva identifiziert werden konnten, bewunderten die Frucht und eine listige Schlange schlängelte sich von Zweig zu Zweig, lockte beide Figuren zum Genuss dieser Frucht. Niemand ahnte, dass es sich um den Baum der Erkenntnis handelte. Jedenfalls war das mit dem Biss vom Betreiber des Gartens so nicht vorgesehen gewesen. Ob er die Frucht zu Markte tragen wollte, sie zu Marmelade verarbeiten oder gar versaften wollte, ist nicht bekannt. Er schimpfte heftig, zeigte sich enttäuscht und vertrieb die beiden aus seinem Garten Eden. Hinter vorgehaltener Hand wird berichtet, der Alte habe sogar geflucht.

Dieser Fluch, diese Vertreibung hatte zunächst etwas temporär Positives. Nein es ging hierbei nicht um die Erfahrung mit der Nacktheit. Aus der Situation entstand ein Geschäftsmodell, wenn wir von der Kirche (mit ihren Ablasszahlungen etc.) einmal absehen. Die Vertreibung war sozusagen das A, die Geburtsstunde dessen, was später als Tourismus bezeichnet wurde und Millionen von Menschen auf diesem Gobus zur Suche nach dem verlorenen Paradies stimulierte. Die Suche ist übrigens bis heute fester Bestandteil im Verhalten ungezählter Menschenmassen in allen Teilen der Welt, mit sich rasch ändernder Tendenz. Die Zeit der Zuwachsraten scheint vorbei. Meistens zur Sommerzeit, aber auch im Winter begeben sie sich auf den schwierigen Weg der Suche des Paradieses.

Nach der historischen Vertreibung aus dem Paradies gingen ein paar weitere Jahre ins Land, und in einer kleinen Garage im sonnigen Kalifornien tüftelten drei Technikfreaks am Vertrieb ihrer neuen Personal Computers. Als Markenzeichen wählten sie einen angebissenen Apfel in Regenbogenfarben. Später wurde er einfarbig. Zunächst war das Apfel-Logo wohl als Anspielung auf die Entdeckung der Schwerkraft durch Newton gemeint. Alan Turing, einer der Väter des Computers, ist angeblich an einem vergifteten Apfel gestorben, so eine andere Erklärung für das Logo; vielleicht war es auch nur die Wortähnlichkeit von Byte und Biss. Auf jeden Fall begann mit den Produkten aus dem Hause Apple ein neues Kapitel der Verführung. Der Rest der Entwicklung ist den meisten Lesern vermutlich mehr oder weniger bekannt.

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies trafen wir unsere Landsleute allüberall. Christina genoss in Griechenland Retsina, Hannes badete im Ganges, Ellen schnorchelte auf den Seychellen, Hans und Dora erfüllten sich Träume auf Bora Bora. Frido trieb es jedes Jahr an den Lido, Maritza erklomm die Pyramiden von Chichén Itzá, Herr Meyer den Himalaya. Frau Karo zog es auf den Kilimandscharo und unseren Lehrer trafen wir auf Madeira. Fritz schwor auf Biarritz. Nur Rita und Klaus blieben traditionell zu Haus. Ein Utensil dagegen reiste viel, von Meer zu Meer und mehr und mehr.

Denn auf der Suche nach dem verlorenen Paradies entdeckten wir einen hilfreichen Verbündeten, den Computer, das Laptop, das Tablet und vor allen Dingen das Smartphone. Die IT-Welt hat vieles verändert. Recherche, Fotos, Videos, Planung, Buchung, Kritik – alles wurde mit wenigen Klicks realisiert. Dieses technische Spielzeug beherrscht uns mehr und mehr. Die Sehkraft leidet, Sehnen schmerzen, Gespräche verstummen, der aufrechte Gang leidet, Körperhaltung neigt sich in die Ausgangsposition zurück. Dabei waren wir einst so stolz, uns von den Affen befreit zu haben.

Andere Menschen, fremde Kulturen, unbekannte Sprachen, sonnige Strände, exotische Bars, Spezialitäten-Restaurants, Ausflüge, Rundreisen verlieren rasant an Bedeutung. Der Tourist ist in puncto Wahrnehmung der Welt und seiner Umwelt auf sein touch-screen konzentriert, fixiert; sendet ungezählte Male sein Gefällt mir! und nimmt bestenfalls wegen eines Selfies noch Kontakt mit seiner Umgebung auf. Dank unermüdlich-aktiver Algorithmen ist dieses Konsumenten-Verhalten den IT-Giganten nicht verborgen geblieben. Folgt dem anfänglichen A nun das finale Ω?

Drei technische Innovationen werden in Kürze auf den Markt kommen, wie bereits aus den Konzernzentralen durchsickerte. Es werden „nur“ Applikationen, also Apps sein, doch die haben es in sich. Eine App wird es ermöglichen, im Umfeld von zwei Metern vom eigenen Smartphone bzw. Tablet das eigene Wetter zu kreieren, die Temperaturen auf eine individuell gewünschte zu erhöhen oder zu senken. Diese Nanowellen können dem Besitzer der App dann das Gefühl vermitteln, sich in den Tropen, auf einem Gletscher oder einen anderen fantasierten Wunsch-Ort zu befinden. Die App soll sogar in der Lage sein, den user vor Regen zu schützen.

Ähnlich funktioniert eine andere App, bei der man das vor sich stehende Bier, ob nun im Glas, in der Flasche, ob in der Dose oder im Becher geschmacklich so verändern kann, dass der Gaumen meint, er würde thailändisches Singha, spanisches Cerveza, Aecht Schlenkerla Rauchbier aus Bamberg oder mexikanisches Corona Extra trinken. In einer erweiterten App-Version können auch Weiß- oder Rotwein dem jeweiligen Wunsch angepaßt werden. Wie intern zu erfahren war, wird nicht die jeweilige Flüssigkeit verändert, sondern lediglich die Geschmacksknospen am Gaumen optimiert. Es muss wohl eher manipuliert heißen.

Alle guten Dinge sind bekanntlich drei: Und so steht eine dritte App vor der Veröffentlichung; sie wird unsere Haut bräunen. Das Prinzip dieser Smartphone-Bräunung beruht darauf, dass das Gerät eine geringe, angeblich nicht gesundheitsschädliche Strahlung ausübt, die die Pigmentierung unserer Haut kitzelt, stimuliert und so zur Bräunung anregt. Nach dem gleichen Prinzip könnten dunkelhäutige Menschen einen Prozess des Weißens erleben. Es wird empfohlen, die Bedienungsanleitung genau zu studieren.

Diese neuen Apps werden unseren Alltag und unser Leben revolutionieren. Die Pharma- und Beauty-Branche wird sich von bestimmten Geschäftsfeldern verabschieden können. Die Aktienkurse geben bereits deutlich nach. Die Airports haben damit begonnen, ihre geschätzten Fluggastaufkommen nach unten zu korrigieren. Erste Neubauten von Kreuzfahrtschiffen wurden bereits storniert. Auf den Werften herrscht nach Jahren der Champagnerlaune jetzt Katerstimmung. Es wird mehr als deutlich, warum IT-Konzerne nie in Sachen Tourismus aktiv wurden. Der Tourismus-Branche droht das Aus. Die ITB (Internationale Tourismus-Börse) wird letztmalig 2019 in Berlin durchgeführt. Die Gastronomie und Hotelerie befürchten weltweit den Ruin. Fluggesellschaften werden in Konkurs gehen. Doch es gibt auch Profiteure: Apple, Samsung und einige andere IT-Multis werden ihre Gewinnprognosen nach oben korrigieren können und die Umwelt atmet auf, kann so richtig tief durchatmen und einen Neustart versuchen. Wieder bestätigt sich die alte Weisheit: Des einen Leid ist des anderen Freud.

Der Tourist, der Konsument vergangener Jahre muss keine Koffer mehr packen. Es trifft auch diese Branche. Zur Fahrt an den Baggersee reicht Handgepäck. Der Weg auf den Balkon ist noch einfacher zu bewerkstelligen. Und niemand nimmt ihm das Gefühl, sich auf einem Gletscher zu befinden, oder am tropischen Strand zu liegen. Er spart viel Zeit und noch mehr Geld; obwohl die neuen Apps natürlich nicht kostenfrei zu haben sind. Die Applikationen werden Milliarden in die Kassen der IT-Konzerne spülen.

Um es abschließend noch einmal deutlich zu machen, es sind nicht die IT-Konzerne, die uns in diese Richtung schicken. Die Unternehmen reagieren nur auf das, was ihnen die Algorithmen ermittelt haben. Für das ursächliche Verhalten sind wir mehr oder weniger alle verantwortlich. Wir werden neue Erfahrungen machen. Vielleicht schmeckt ein mexikanisches Corona auch auf dem Ngga Pulu, dem Gletscher auf Papua-Neuguinea?

Was mit einem Apfel vor vielen Jahren begann, endet auch damit. A und Ω. Ob der Herr bei dieser Entwicklung eingreifen wird? Ob er sie eventuell noch stoppen kann? Was ist das Paradies noch wert, wenn es jeder in direkter Nachbarschaft haben kann, auf seinem Smartphone, seinem Tablet. Vorausgesetzt natürlich, er hat es sich gekauft, also die Apps erworben. Kleine Frucht mit großer Wirkung. Biss und Bytes verändern die Welt. Dabei sollte hier nur eine kleine Story zu lesen sein, kein Abschieds- oder Untergangsszenario war geplant. Einfach eine Geschichte vom Apfel.

Dezember 2018

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.02.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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