Johannes Weigel

Auf der dunklen Seite

Jedes Kind kennt heute die Geschichte von Alison Miroir, der zwölfjährigen Ausreißerin, die zufällig die dunkle Seite entdeckt hatte. Sie hatte sich in einem leerstehenden alten Bauernhaus herumgetrieben und war dort versehentlich auf dem Dachboden eingesperrt worden. Ein Universitätsprofessor hatte das denkmalgeschützte Haus gekauft und eine Totalsanierung vorgenommen. Das Haus war komplett abgerissen und in der gleichen Form wieder neu aufgebaut worden, nur mit modernsten Materialien, Haustechnik und Wärmedämmung. Sogar einen alten Teppich, der auf dem Dachboden gelegen hatte, hatte er restaurieren und ebendort in der prunkvoll restaurierten Mansarde wieder ausgelegt. Der Teppich zeigte das Familienwappen derer von Bournonville, einen weißen Löwen mit zwei Schwänzen vor schwarzem Hintergrund. Etwa ein Jahr nach dem Verschwinden des Mädchens, nach dem landesweit mit großem Aufwand gefahndet worden war, war sie im Haus des Professors wieder aufgetaucht. Sie war wohlgenährt, aber doch sichtbar blass gewesen, und die Geschichte, die sie erzählt hatte, war so verrückt gewesen, dass niemand sie geglaubt hatte. Der Professor hingegen, der sich als vermeintlicher Kindesentführer rechtfertigen musste und schließlich erst seinen Lehrstuhl und danach auch seinen Titel verloren hatte, hatte alles in seiner Macht stehende daran gesetzt, seine Unschuld zu beweisen und die unglaubliche Geschichte der Alison Miroir aufzudecken.

Alison hatte damals erzählt, sie sei durch den Teppich der Bournonvilles gefallen und hätte ein ganzes Jahr auf der dunklen Seite bei den Cebranois verbracht. Die dunkle Seite, so sagte sie, sähe so aus wie unsere Welt, nur mit mehr Nebel und weniger von allem. Der dortige Baubestand hinkte besonders hinterher: Viele Häuser, die eine Entsprechung in der realen Welt hatten, waren entweder nur noch Ruinen oder noch gar nicht gebaut. Insgesamt machte die dunkle Seite eher einen verwahrlosten Eindruck, und die Annehmlichkeiten unserer Welt wie elektrischen Strom, selbstfahrende Verkehrsmittel und die Möglichkeiten der Telekommunikation vermisste man dort ebenso wie ganz allgemein: Menschen! Die dunkle Seite war von Cebranois bevölkert. Cebranois sahen ähnlich aus wie Menschen, immerhin liefen sie auf zwei Beinen und hatten zwei Arme und auf dem Kopf in der Regel ein Büschel langer, dunkler Haare. Sie hatten aber auch etwas zebraartiges: Ihr Körper war mit einem schwarz-weiß gestreiften Fell überzogen, sie zogen einen buschigen Schweif hinter sich her und ihre Ohren waren spitz und behaart.

Aber ohne die Cebranois hätte Alison auf der dunklen Seite sicher keine Woche überlebt. Sie integrierten sie in ihrem sozialen Umfeld, gaben ihr zu essen und zu trinken und ließen sie in ihren Häusern wohnen. Alison lernte ihre eigentümlich-melodische Lautsprache und brachte ihnen auch ein paar Worte in ihrer Muttersprache bei. Sie half mit, das Haus, in dem sie aufgetaucht war, zu restaurieren, bis sie eines Tages, so wie sie gekommen war, durch den Teppich wieder in unsere Welt zurückfiel.

Als sich der Professor nach Alisons Wiederauftauchen aus Verzweiflung, und um der drohenden Verhaftung wegen des dringenden Verdachts auf Kindesentführung zu entgehen, absichtlich auf den Teppich von Bournonville fallen ließ, hatte er das Geheimnis ergründet! Er hatte seine eigene Unschuld bewiesen und gleichzeitig ein riesiges Geschäftsfeld entdeckt: Ressourcenraubbau auf der dunklen Seite! Er untersuchte den Teppich und fand das Geheimnis dahinter: Er war aus dem Fell der Cebranois gewoben, das aus Molekülen bestand, wie sie in keinem auf der sichtbaren Welt bekannten Material vorkamen. Für den Professor stand das weitere Vorgehen außer Frage: Er musste alle Cebranois fangen und alleiniger Herrscher über das Tor zur dunklen Seite werden!

Zehn Jahre waren seither vergangen, und der Abbau von Ressourcen hatte sich langsam erschöpft. Auf der dunklen Seite waren die meisten Materialien von minderer Qualität als in der sichtbaren Welt, so dass der Professor schließlich, auch auf Druck der Öffentlichkeit, die Teppiche selbst zum Verkaufsschlager machte! Alle Cebranois waren inzwischen im Besitz des Professors, der diese auf einer eigenen Insel hielt. Es waren einige Zehntausend, aber seine bezahlten Häscher durchforsteten immer noch die düstere Parallelwelt nach Einzelexemplaren, die sich in alten Häusern, Höhlen oder dunklen Wäldern versteckten. Doch auch der Teppich war inzwischen Zehntausende Mal verkauft.

Der Werbespot zur Markteinführung war ein Knaller gewesen: „Folgen Sie mir bitte in den Keller“, sagte ein smarter junger Mann in einer Mansardenwohnung. Dann stolperte er mit einem Besucher über einen als Accessoir mitverkauften, am Boden montierten, ausgestopften Cebranois-Kopf, worauf sie durch den Teppich in die Wohnung der unter ihnen lebenden Nachbarn fielen - allerdings ohne die Bewohner, mit schlechterer Beleuchtung und meist auch ein bisschen staubig, wenngleich der Professor in seinem Portfolio auch Sanierungsmaßnahmen für die dunkle Seite anbot. Aber die Wohnung der Nachbarn von unten in einer Parallelwelt als Keller zu benutzen war so abwegig, dass man dabei gegen keinerlei Gesetze verstieß – wenngleich dieses Verhalten durchaus dazu geeignet war, das Nachbarschaftsverhältnis nachhaltig zu trüben!

In dieser Nacht schlief der Professor besonders gut. Er träumte von der ersten Milliarde, die er in wenigen Tagen verdient haben würde, und lächelte immer noch, als der doppelschwänzige Löwe ihn mit einem einzigen Hieb in zwei Teile riss. Er hatte nie durch den Teppich springen wollen, aber nachdem seine gesamte Nahrungsgrundlage, die Cebranois der dunklen Seite, verschwunden waren, war ihm nichts anderes übriggeblieben. Doch als er den ersten Bissen des Professors verspeist hatte, wusste er, dass ihm auch auf der hellen Seite der Welt eine große Zukunft bevorstehen würde.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.02.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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