Thomas Sänze

EGON UND ELFRIEDE


"Ich hasse Schiffsreisen!"
"Deine Meinung interessiert hier keinen, Egon!"
Egon schnitt eine Grimasse und beobachtete Elfriede dabei wie sie ihren unappetitlichen zwei Zentner schweren, kartoffelförmigen Körper über den Laufsteg Richtung Schiff schob.
Als sie endlich auf der anderen Seite angekommen war drehte sie sich um.
"Komm schon, du Hasenfuß! Worauf wartest du!"
"Auf einen Herzinfarkt", brummelte Egon leise vor sich hin.
"Was!"
"Nichts, Schatz! Gar nichts! Bin gleich da!"
"Beil dich!" Elfriede marschierte mit energischen Schritt in Richtung Oberdeck.
Möglichst ohne nach unten zu sehen überquerte Egon ganz langsam den Steg. Nachdem das geschafft war, atmete er erst einmal sehr tief durch und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
Stirnrunzelnd beobachtete er dann wie ein junges Pärchen ebenfalls an Bord kletterte. Die beiden strahlten vor Glück und überwanden mit soviel Eleganz die schmale Wasserlinie zwischen Hafenmauer und Schiffsrumpf das er sich spontan wünschte sie würden ins Wasser fallen. Nachdem dies nicht geschah, warf er ihnen einen Blick abgrundtiefster Missbilligung zu und hoffte, es würde ihnen ihre Freude kaputt machen. Das Pärchen war jedoch viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt als das sie seinen kritischen Blick oder Egon selbst überhaupt ins einer Unzufriedenheit überhaupt bemerkten. Er war Luft.
Egon seufzte.
Abgrundtief.
Frustriert betrachtete er sein Spiegelbild in einem Bullauge. Musterte die Glatze, das zerfurchte Gesicht und den Bierbauch der sich unter dem Hawaihemd spannte. Abgestoßen davon was er da sah, wandt er sich ab.
"Daran ist nur Elfriede Schuld!", erneut betrachtete er sein Abbild mit Abscheu "Sie hat das aus mir gemacht! Ab morgen mache ich eine Diät!", knurrte er das Bullauge an. Entschlossen sah er seinem Zerrbild in die Augen.
"Und scheiden lass ich mich auch!"
"Egon!“, schrie Elfriede. "Wo bleibst du!"
Eilig rannte Egon die Treppe zum Oberdeck hinauf, all seine vorherige Entschlossenheit war verschwunden. Keuchend ließ er sich neben Elfriede auf die Bank fallen.
"Dass wurde aber auch Zeit!" Streng blickte sie ihn an. "Du schwitzt wie ein Schwein! Ab morgen wirst du auf Diät gesetzt!"
Egon ließ seine Schultern herabsinken und sah zu Boden. "Ja, Elfie!", war das Einzige was er noch herausbrachte.
Worauf Elfriede zufrieden grunzte, den Sonnenhut ins hässliche Gesicht zog, sich zurücklehnte und die Augen schloss. Kurz darauf fing sie auch schon an zu Schnarchen. "Ich hasse Schiffsreisen!", murrte Egon leise. Erschrocken zuckte er zusammen als Elfriede ihr Schnarchen kurz unterbrach. Er erhob sich ganz langsam und sehr vorsichtig. Ganz leise schlich er davon. Erst am Bug angekommen traute er sich wieder seine Stimme zu erheben.
"Ich hasse Schiffsreisen!"
"Ich hasse Griechenland!"
"Ich hasse es verheiratet zu sein!"
„Ich hasse Elfriede!“ Danach ging es ihm besser und er schlenderte in Richtung Heck.
Die Athene war ein altes Schiff von ungefähr 33 Metern Länge. Sie besaß zwei Decks und diente schon seit mehr als 30 Jahren als Verbindung zwischen den einzelnen Inseln der Umgebung. Durch ihre blaue Farbe konnte man bereits den Rost schimmern sehen. Sie beförderte vom Urlaubern über Lebensmitteln bis hin zu Postsäcken alles und hatte sich dabei immer als recht zuverlässig erwiesen.
Grimmig inspizierte Egon das Schiff. Es machte insgesamt keinen sehr seetauglichen Eindruck und der Gedanke mit ihm aufs Meer hinaus zu schippern behagte ihm so gar nicht.
Im Stillen tröstete er sich damit, dass er Elfriede wenigstens endlich los wäre wenn sie zusammen bei den Fischen landeten. Deprimiert kehrte er aufs Oberdeck zurück.
Elfriede war hellwach und erwartete ihn bereits. Er kannte den Blick den sie ihm zuwarf und hätte sich am liebsten irgendwo verkrochen. "Da bist du ja endlich! Wo warst du!"
"Äh, ich...!"
"Halt den Mund! Ich weiß genau was du gemacht hast. Du hast wieder jungen Dingern nach geglotzt! Stimmt´s!"
"Nein, Elfie! Du weist doch das ich niemals....!"
"Lüg mich nicht an! Du glaubst wohl ich merke nicht, das du ein heimlicher Lustmolch bist! Das hat man nun davon! Hätte ich nur auf meine Mutter gehört! Die besten Jahre meines Lebens habe ich dir geopfert und was ist der Dank! Du Widerling! Du Spanner! Du Perverser! Du Schwein!"
"Na Probleme mit deiner Alten?", fragte eine dünne Stimme in gebrochenem Deutsch mit niederländischen Akzent hinter ihm. Ein dürres, blondes Kerlchen mit einem Milchgesicht und einer Bierfahne die eine ganze Kompanie umgehauen hätte, schlug ihm gönnerhaft auf die Schulter. Mitleidig sah er Egon an. "Du armes Schwein wie bist du nur an so einen Drachen geraten! Warum schmeißt´e die hässliche Alte nicht über Bord und suchst dir eine Neue!"
Elfriede wurde erst rot und dann weiß "Egon!", schrie sie schrill. "Hau dem unverschämten Kerl eine rein!" Egon zuckte zusammen. Er sollte den Hänfling schlagen? Wo der doch nur das Aussprach was er selber dachte! Auf der anderen Seite würde sich Elfriede so beruhigen und die nächste Zeit vielleicht ruhe geben. Also verpasste er der halben Portion eine leichte Ohrfeige.
"Bravo, Egon! Gleich noch eine!", schrie Elfriede wie von Sinnen. Egon tat wie befohlen. Elfriede geiferte mit Schaum vor dem Mund. "Mach ihn so richtig fertig, Egon!" Sie hatte offenbar Blut geleckt.
"Jungs, Hilfe! Schaff mir doch endlich einer diese beiden Verrückten vom Hals!", lallte das Milchgesicht entsetzt.
Eher sich Egon versah war er gleich darauf von einer Horde Holländer umringt. Nachdem sie ihn furchtbar verprügelt hatten schmissen sie ihn über Bord.
Mit einem dicken Platscher viel er ins Wasser. Kaum war er wieder aufgetaucht hörte er einen schrillen Schrei über sich und Elfriede landete neben ihm.
Prustend tauchte sie wieder auf. "Du Unhold das ist alles deine Schuld! Ich lass mich Scheiden!"
Egon sagte nichts dazu.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.02.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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