Heinz-Walter Hoetter

Mehr als nur zwei beste Freunde

Es war Ende 1948 als ein deutscher Soldat aus englischer Kriegsgefangenschaft in Hamburg eintraf und ein paar Tage später über eine amerikanische Dienststelle bei seinen Eltern in Berlin anrief, um ihnen mitzuteilen, dass er bald wieder nach Hause kommen werde. Außerdem offenbarte er seinen Eltern, er würde noch einen guten Kameraden mitbringen, den er ganz gerne bei sich hätte.

Schließlich sprach sein Vater zu ihm: "Mutter und ich sind überglücklich, dass du endlich wieder nach Hause kommst. Wir dachten schon, wir hätte dich für immer verloren. Was deinen Kameraden anbelangt, freuen wir uns natürlich darüber, auch ihn kennen zu lernen."

"Ich muss euch zu meinem Kameraden allerdings noch etwas mitteilen. Wir waren schon immer sehr gute Freunde gewesen. Bei Rückzugskämpfen in Frankreich wurde er bei einem Fliegerangriff schwer verletzt. Dabei verlor er nicht nur ein Bein, sondern auch noch einen Arm. Im Lazarett traf ich ihn später wieder. Wir sind die ganze Zeit immer in Kontakt geblieben. Ich habe mich stets um ihn gekümmert, so gut es eben ging. Er weiß einfach nicht, wohin er gehen soll. Sein Zuhause in einem Hamburger Stadtteil ist nur noch ein einziges Trümmerfeld. Dorthin kann er nicht mehr zurück. Seine Eltern sind bei einem schweren Bombenangriff der Amerikaner ums Leben gekommen. Es gibt auch keine Verwandte, bei denen er eventuell unterkommen könnte. Er ist völlig allein und braucht dringend meine Hilfe", schilderte der Rückkehrer seinem Vater.

Am anderen Ende der Leitung trat plötzlich eine sonderbare Stille ein. Im Hintergrund konnte man nur ein leises Flüstern vernehmen. Dann meldete sich der Vater zurück.

"Ich habe gerade mit deiner Mutter gesprochen. Wir sind zu der Überzeugung gelangt, dass wir hier bei uns niemanden mit einer derartigen Behinderung aufnehmen können. Wir haben doch genug mit uns zu tun. Diese Belastung halten wir nicht aus. Komm einfach nach Hause und vergiss deinen Freund. Hilf ihm dabei, irgendwo anders unterzukommen. Man wird sich schon um ihn kümmern."

Kaum hatte der Vater den Satz zu Ende gesprochen, legte der Sohn auch schon den Hörer auf. Seit der Zeit haben die Eltern nichts mehr von ihm gehört.


 

***

Eine Woche später erhielten die Eltern einen Brief von der Staatsanwaltschaft Hamburg, wobei ihnen darin eröffnet wurde, dass ihr Sohn gestorben war. Offenbar hatte er sich das Leben genommen. Eine weitere männliche Person sei ebenfalls am gleichen Tatort tot aufgefunden worden, die wohl ebenfalls Selbstmord begangen hatte. Die Ermittlungen liefen allerdings noch. Um ihren Sohn einwandfrei zu identifizieren, müssten sie alsbald persönlich nach Hamburg kommen.

Die gramgebeugten Eltern reisten noch am nächsten Tag von Berlin nach Hamburg. Dort angekommen, wurden sie zu einer städtischen Leichenhalle gefahren, um die Identität ihre Sohnes festzustellen. Sie erkannten ihn sofort wieder, obwohl er in all den zurückliegenden Jahren ziemlich gealtert war. Ein anwesender Mitarbeiter der städtischen Friedhofsverwaltung übergab den Eltern die wenigen persönlichen Habseligkeiten, die man bei ihrem Sohn sicherstellen konnte. Darunter befand sich auch ein kleiner, handgeschriebener Brief an den besagten Freund, von dem ihr Sohn am Telefon gesprochen hatte.

Es waren nur wenige, einfache Sätze, die aber eine innige Liebe zu einem anderen Mann offenbarten.

Mein lieber Patrick!

Ich werde Dich immer lieben. Die Zeit mit Dir war so unendlich schön.

Wir sehen uns dann im nächsten Leben wieder.

Bis bald!

Dein Olaf


 

ENDE

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