Heinz-Walter Hoetter

Die Geschichte, die ich hörte

Noch hielt sich der Winter verborgen, aber draußen war es schon richtig kalt geworden.

Der alte Mann stand da, einsam und wie verloren im Lärm der Großstadtschluchten Weiten. Er sprach mit leiser Stimme von einer traurigen Geschichte aus längst vergangenen Zeiten.

Ich blieb vor ihm stehen, sah ihn an und fragte neugierig dann: „Was ist das für eine Geschichte, die du da erzählst, alter Mann?“

Sein Blick, der war trübe, sein Gesicht eingefallen und müde.

„Willst du es wissen, Fremder? Ich erzähle sie sodann. Es ist die Geschichte einer kurzen Liebe, die vor langer Zeit einmal so glücklich begann.“

Der Alte fing zu reden an, eine Träne ihm dabei über die hohlen Wangen rann.

Mit leiser Stimme fuhr er fort und sprach von einem mir unbekannten Ort.

„Es war einmal ein fernes Land, irgendwo im Nirgendwo, da fassten sich zwei junge Menschen ganz fest an der Hand.

Sie wollten nie mehr auseinandergehen, gemeinsam durch das Leben gehen und immer zueinander stehen.

Das Feuer der Liebe glühte in ihren funkelnden Augen, als sie noch in später Nacht gemeinsam zum Sternen übersäten Himmel hinauf schauten.

Ein kleiner Komet mit hellem Schweif hoch droben über sie flog und funkensprühend in die dunkle Unendlichkeit weiterzog. Still und leise sprachen beide: „Wir geben uns das feste Treuewort, hier an diesem verschwiegenen Ort. Wir wollen nie verzagen, bleiben immer zusammen in guten und in schlechten Tagen.“

Dann hielten sie sich ganz fest umschlungen im fiebrigen Liebesdrang, küssten sich immer wieder innig und lang. Es war wie ein schönes Märchen, als das verliebte Pärchen in tiefer Leidenschaft versank.

Über ihnen verglühten die Funken des Kometen in sternenklarer Nacht, gerade so, als zeige sich ihnen die ewige Liebe in ihrer ganzen Pracht.

Doch wer kennt schon des Schicksals grausame Gewalt? Das Böse war da, es macht auch nicht vor verliebten Menschen halt. So höre, Fremder, was dann geschah, wovor dich der Herrgott gnädig bewahr.

Eine unheilbare Krankheit raffte das verliebte Mädchen dahin, und der junge Mann verstand nicht mehr des Lebens Sinn. Für immer ging sie von ihm im frühen Morgenrot, beim ersten Strahl der Sonne war sie tot. Der Schmerz und die Trauer trieben ihn bald fort, einsam zog er hinaus von Ort zu Ort. Doch nirgendwo ist er lange geblieben, es hat ihn immer weiter getrieben.

Er konnte sein junges Mädchen nicht vergessen, dessen Liebe er nur für kurze Zeit hat besessen. Für ihn war sie in dieser Welt für immer verloren, doch er dachte daran, sie hatten sich ewige Treue geschworen. Und er gelobte bei Gott, er wollte sein heilig Wort halten, und wenn es sein musste, gegen alle böse Gewalten.

Vom Schicksal tief gezeichnet ertrug er sein verzagtes Leben. Die große Liebe von einst aber hatte er nie aufgegeben. Bald war er ein alter Mann geworden. Er fühlte immer stärker, auf dieser Erde hatte er nichts mehr verloren.

Das Ende würde wohl bald kommen, er war schon so alt. Der Winter kam, draußen wurde es bitterlich kalt. Noch einmal wollte er aber in jenen Park der Großstadt gehen, noch einmal den verschwiegenen Ort ihrer gemeinsamen Liebe sehen. Die Erinnerung an längst vergangene Zeiten, die taten ihm weh. Plötzlich sagte er zu mir: „Fremder, ich hab’ dir die Geschichte erzählt, nun aber geh!“

Leise sprach er weiter vor sich hin, bis ich seine Geschichte plötzlich verstand, ja alles ergab jetzt einen Sinn.

Der alte Mann hatte mir von seiner einstigen Liebe erzählt. Die Erinnerungen an ihren Tod haben ihn wohl sein ganzes Leben lang gequält.

Dann verließ ich ihn in jener Nacht und habe noch lange über seine Geschichte nachgedacht.

Am nächsten Tag ein kleiner Bericht mit dem Bild eines alten Mannes in der Zeitung stand, den man tot auf einer mit Efeu umrankten Parkbank fand. Ich sah mir das Foto genauer an und bemerkte sodann, ja, es war dieser alte Mann. Er saß da, eingesunken auf der Bank und hatte ein vergilbtes Mädchenfoto in seiner starr gewordenen Hand.

Ihr schönes Gesicht wurde von blonden Haaren umweht. Der Blick ihrer Augen sagte alles, dass die Liebe niemals vergeht.

Traurig wurde mein Herz. Die Geschichte des alten Mannes war voller Schmerz.

Ich hoffe, die Liebe wird sie wieder im Jenseits vereinen. Ja dort, wo beide nie wieder auch nur eine Träne weinen.


ENDE

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