Jakob Kappert

Ein Wintervorrat

 

Eines Morgens erhob sich Eichhörnchen Ernie aus der Reihe seiner vier jüngeren, dicht im Kobel aneinandergeschmiegten Geschwister, das Gesicht entschlossenen den Eltern zugewandt, und sprach: "Es ist Zeit. Bislang war ich euer Schützling, stand unter eurer Versorgung und in eurem Schatten, habe von eurem Vorrat genommen, ohne je selber nachzufüllen; doch nun, da ich eurer Größe und euren Möglichkeiten in nichts mehr nachstehe, ist es an der Zeit eigene Wege zu beschreiten, einen eigenen Vorrat anzulegen, von dem ich eigene Kinder ernähren und von dem ich euch, wenn das Alter euch in die Knie zwingt, das zurückgeben kann, was ihr mir noch bis gestern bereitwillig gestellt habt."

Die Eltern, zwei verständnisvolle Seelen, nickten nur angesichts seines Bestrebens und umarmten ihren Sohn zum Abschied. Nach vier weiteren Umarmungen brach er auf.

Sein Weg führte ihn vorerst nur unweit des Stammbaums. Anfangs ernährte er sich hauptsächlich von Beeren, Knospen und Pilzen, die zwar allesamt okay schmeckten, aber seiner anerzogenen Vorliebe für Nüsse, speziell Kastanien, nicht gerecht wurden; doch je länger er lief und je weiter er kam, desto mehr Baumarten begegneten ihm: Birken, Pappeln, Eschen, Ulmen, Tannen und irgendwann auch eine trächtig behangene Kastanie. In einer ihrer Astgabelungen errichtete er seinen Kobel.

Die folgenden Tage erntete er eifrig. Er erntete den ganzen Baum ab. Die gewaltige Menge Kastanien verstaute er in mehreren Verstecken in der Nähe, von denen das größte und wichtigste der Kobel war. Nach der Ernte kletterte Ernie dort hinein und fing an, seine wohlverdiente Lieblingsspeise zu verzehren. Die stacheligen Fruchthüllen warf er durch ein Loch im Boden, sodass sich am Fuße des Baumes ein unbeständig wachsender Haufen ansammelte.

Von da an verließ er den Kobel nur noch zur Wassersuche, später dann nicht mal mehr dafür. Das bisschen Wasser, das durch die Wand sickerte, genügte zum überleben, denn er war nun mal sehr damit beschäftigt zu essen. Eigentlich aß er ununterbrochen. Zwar schrumpfte der Vorrat wesentlich schneller als erwartet, während er selbst mehr und mehr aufquoll, doch die anderen Vorräte, die er in weiser Voraussicht angelegt hatte, würden zum überwintern alle Mal reichen – also aß er weiter.

Eines Tages dann kamen auf ihrer Suche nach Essbaren Ernies Eltern an der Kastanie vorbei. Als sie ihren Sohn so in seinem Kobel vorfanden, rund wie ein Apfel, träge inmitten geöffneter und verschlossener Kastanien und Regentropfen von der Wand leckend, erkannten sie ihn erst auf den zweiten Blick wieder.

Die Mutter sprach ihn an: „Willst du etwa nur hier herumliegen und dich mästen? Du bist jung, solltest auf Bäume klettern, von Ast zu Ast springen, eine Familie gründen und mit der deinen Vorrat teilen. Hast du vergessen, warum du losgezogen bist?"

„Die Wahrheit ist, dass ich schon lange nicht mehr laufen, geschweige denn klettern kann. Ich esse weiter, weil ich mir alle anderen Möglichkeiten verwirkt habe und dies das einzige ist, wozu ich noch imstande bin.“

Als der Winter einige Wochen darauf seine Vorboten in Gestalt nächtlicher Frostwellen durchs Land schickte, war Ernies Vorrat restlos aufgebraucht. Er selber war so sehr aufgegangen, dass er nun fast den gesamten Kobel einnahm. Mit knurrendem Magen dachte er an die Vorräte in den anderen Verstecken. Schnaufend dreh-rollte er sich in Bauchlage. Von der einstigen Grazie und Präzision seiner Bewegungen war nichts mehr übrig.

Als erstes zwängte er seinen Kopf durch das Bodenloch, dann den Hals, beides mühelos, doch als der Rumpf folgte, blieb er stecken. Mit aller verbliebener Kraft stemmte er seine Beine gegen die Innenseite des Kobels und drückte. Schließlich machte es Plop und erschrocken sah Ernie den Haufen erhärteter Kastanienhüllen auf sich zurasen. Im fallen griff er nach einem Ast, bekam diesen sogar zu fassen, doch war zu schwer, um sein Gewicht halten zu können und so fiel er nach kurzem hin und her baumeln weiter auf den Haufen zu.

Die spitzen, braungelben Stacheln bohrten sich durch sein Fell, tief in sein Fleisch und Ernie zerplatze wie ein Luftbläschen an der Wasseroberfläche. Ein Habicht, der schon seit längerem über der Szenerie kreiste, schoss augenblicklich vom Himmel herab.

Tage später, als die ersten Schneeflocken fielen, war von Eichhörnchen Ernie und dessen Vorrat nichts mehr vorhanden. Statt ihrer war der Habicht, der mit vollem Magen, erfolglos die Flügel schlagend, am Grund herumsprang und es nicht schaffte sich wieder in luftige Gefilde zu erheben.

 


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.02.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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