Herrmann Schreiber

Es ging mich eigentlich überhaupt nichts an

Mein längster Aufenthalt in Griechenland dauerte ein Jahr. Von Sommer 1943 bis Sommer 1944. Diesen Daten ist zu entnehmen, dass ich nicht mit einer Reisegruppe dort war, auch nicht freiwillig. Aber ich hatte genug Zeit, die Sprache einigermaßen zu lernen. Für mich war das recht einfach, da ich altgriechisch in der Schule gelernt hatte und da die Unterschiede zur modernen Sprache erstaunlich gering sind. Außerdem erhielt ich Hilfe von der Bevölkerung, besonders von den Kindern.

 

Über das Geschehen an den Fronten und sonst in der Welt war ich besser unterrichtet als andere, denn ich war bei den Funkern. Wir hatten den „Tornisterempfänger Berta“, mit dem man Langwelle, Mittelwelle und eine Teil der Kurzwelle (bis 50-Meter-Band) empfangen konnte. Heute würde man ein vergleichbares Gerät leicht in der Jackentasche transportieren können, aber damals war das ein schweres Ungetüm, mit einer Schuhkarton großen Anodenbatterie und einem nicht viel kleineren Akkumulator.

 

Man konnte mit diesem Gerät eine ganze Reihe „feindlicher“ Sender abhören. So wussten wir, September 1944, dass es bald so weit war. Wir teilten unser Wissen auch den anderen mit, und es wurde dann weitererzählt, in dem damals üblichen Stil: „Wie von gut unterrichteten, der Funkstelle nahe stehenden Kreisen verlautet…“

 

So ging ich eines Tages durch die Straßen der Stadt Arta, nachdem ich gehört hatte, die Russen ständen vor Belgrad. Ich dachte an den uns bevorstehenden Rückweg, und dass der, wenn überhaupt, nur durch recht eisenhaltige Luft möglich seien werde. Da hörte ich, nicht weit vor mir, lautes Schimpfen und sah einen gut gekleideten Jüngling, nur ein paar Jahre jünger als ich, der mit harten Worten auf ein kleines Mädchen, neun oder zehn Jahre alt, einredete.

 

„Die Deutschen sind schon schlimm genug, sie beuten unser Land aus, zerstören unsere Häuser, lassen uns für sie arbeiten. Aber ihr, ihr seid noch viel schlimmer, gebt euch ihnen hin, die Frauen deiner Familie ziehen sich vor ihnen aus, bedienen sie mit ihren grauenhaften Liebesspielen…“

 

Als ich näher kam, schaute der Jüngling mich kurz an, meinte offenbar, auf Grund meiner Uniform, dass ich ihn nicht verstehen könne und fuhr fort: „Je härter die Deutschen mit uns umgehen, je mehr sie uns ihre Verachtung zeigen, je mehr sie unser Land ausrauben, um so lieber seid ihr zu ihnen, um so mehr sonnt ihr euch in ihrer Gunst…“

 

Ich war mir durchaus im Klaren: das ging mich überhaupt nichts an. Man hatte mich gewiss nicht hier her geschickt, um auf irgendjemanden einen moralischen Einfluss zu nehmen. Gewiss, der Schimpftirade war zu entnehmen, das kleine Mädchen war die Tochter einer der Damen, die in einem mir bekannten Haus am Ende der Straße ihr horizontales Gewerbe betrieben. Aber sie so zu beschimpfen! Das war doch nicht ihre Schuld!

 

Ich beschloss, diesen Piefke mir vorzuknöpfen. Ich ging auf ihn zu, fasste ihn an einem Knopf seiner Jacke, damit er nicht ausreißen konnte. Das kleine Mädchen huschte weg.

 

„Mit dem, was du über uns Deutsche gesagt hast, da hast du völlig recht…“

 

„Das hast du verstanden?“ unterbrach er mich ängstlich.

 

„Das merkst du ja. Also, wir haben uns hier schändlich benommen, das muss ich dir gestehen. Aber, es ist meines Wissens noch nicht geschehen, dass sich unsere Soldaten an euren Frauen vergriffen haben. Das habt ihr den Weibern zu verdanken, auf die du schimpfst. Junge Leute, wie du und ich, die sind noch nicht daran gewöhnt, nur durch den Gebrauch einer Frau ihren sexuellen Druck besänftigen zu können. Aber meine älteren Kameraden, die können nicht anders. Wenn es keinen Bordell gäbe, was würde da passieren?“

 

Der Jüngling hörte mir angespannt zu, so als ob er meine Worte einzeln löffelte.

 

„Das hat mir noch keiner erklärt. Ausgerechnet von dir, einem deutschen Soldaten, musste ich mich belehren lassen. Danke.“

 

„Noch etwas. Das kleine Mädchen, mit dem du so unfreundlich gesprochen hast, ist sie dafür verantwortlich, was die Mutter treibt?“

 

„Nein, natürlich, nicht.“

 

„Also lass sie in Ruhe!“

 

„Das will ich gern tun. Aber sag mal, wieso kommt es…“

 

Es folgte ein längeres Gespräch, im Verlaufe dessen ich seinen Jackenknopf losließ. Er schien das gar nicht zu merken, sondern wollte wissen, warum ich so anders sei, wie all die anderen, warum und wie ich Griechisch gelernt hätte. Nach einer Weile kam auf der anderen Straßenseite das Mädchen von vorhin zurück. Der Beutel, den sie vorher leer trug, war jetzt gefüllt mit etwas, was sie wohl eingekauft oder abgeholt hatte. Mein Gesprächspartner sah sie und rief ihr zu:

 

„Entschuldige bitte. Was ich dir gesagt habe – hätte ich nicht sagen sollen. Vergiss es!“

 

Er war doch ein wohlerzogener junger Mann. Das Mädchen blieb einen Augenblick stehen, wandte sich uns zu und schaute mich mit fragendem Blick an. Dann ging sie kopfschüttelnd weiter.

 

Nach einigen Tagen sah ich sie wieder. Sie hat mich gleich wieder erkannt, ich sie erst, als sie mich ansprach.

 

„Was hast du denn mit diesem eingebildeten Schnösel gemacht, dass er sich auf einmal wie ein zivilisierter Mensch benommen hat? Ich bin ihm noch einmal begegnet, da hat er mir einen guten Tag gewünscht und freundlich gelächelt!“

 

Ich erzählte ihr, was ich dem „eingebildeten Schnösel“ gesagt hatte.

 

„Das hast du recht gemacht. Und ich habe meiner Mutter von dir erzählt. Du solltest sie mal besuchen. Fünf Heftchen Zigarettenpapier kostet es bei ihr!“

 

Zigarettepapier, das gab es damals dort kaum mehr zu kaufen. Und wenn, dann kosteten fünf Heftchen mehr als eine Million Drachmen. Inflation. Beim Kantinendienst der Wehrmacht gab es jedoch, von Zeit zu Zeit, Zigarettenpapier zu kaufen. Viel billiger. Trotzdem war ich nicht begeistert von dem Angebot, das das Mädchen mir machte.

 

Den „eingebildeten Schnösel“ sah ich noch einmal, am Tage unseres Abmarsches aus Arta. Es war am Vormittag, wir standen bereit, die Pferde vor den Wagen gespannt, unsere Ausrüstung auf dem Wagen verstaut. Und warteten. Wie Sie vielleicht wissen, verbringt ja der Soldat die meiste Zeit seines Lebens mit Warten.

 

Die Vorbeigehenden sahen uns verwundert an, manche blieben einen Augenblick stehen. Da sah ich den gut gekleideten Jüngling. Er rief mir zu:

 

„ Ich wünsche dir eine sichere Rückkehr in deine Heimat!“

 

Eine Stunde später ging es los. Fast immer zu Fuß, bis an die österreichische Grenze. An den Russen vorbei, die schon in Belgrad standen. Ob ich es wohl dem freundlichen Wunsch des „eingebildeten Schnösels“ zu verdanken habe, dass ich da, nur durch einen kleinen Kratzer verwundet, durchgekommen bin?

 

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