Claudia Savelsberg

Sie kommt nie mehr zurück

Manuela schloß die Tür zur Wohnung ihrer Mutter auf. Wie jeden morgen wollte sie ihr Frühstück machen. Sie hängte ihre Jacke ordentlich an die Garderobe auf und zog ihre Schuhe aus. Ihre Mutter mochte es nicht, wenn sie mit Straßenschuhen die Wohnung betrat, sie hätte ja alles dreckig machen können.

Manuela rief: „Guten Morgen, Mutti. Bist du schon wach? Ich mach dir gleich dein Frühstück.“ Keine Rekation, nur Stille. Manuela ging in die Küche und bereitete alles vor. Dann rief sie noch einmal: „Mutti, steh jetzt bitte auf, es ist alles fertig.“ Keine Reaktion. Die Stille wurde plötzlich lauter.

Die Mutter lag leblos im Bett, und Manuela wusste sofort, dass sie tot war. Sie rief sie den Rettungswagen und den Hausarzt. Die Sanitäter versuchten es noch mit einem Defilibrator, aber es war zu spät. Die Mutter war tot. Die Stille im Raum war unerträglich laut.

Manuela wollte ihre Mutter zudecken, aber die Sanitäter baten sie, die Wohnung zu verlassen. Die Polizei musste erst noch gerufen werden, was Manuela nicht verstand. Die Sanitäter erklärten es ihr in nüchternen Worten. Beim „Auffinden einer Leiche“ war es die Aufgabe der Polizei, ein „Fremdeinwirken“ auszuschließen. Manuela verstand es, aber es ging dennoch über ihren Verstand. Auf der Terrasse zündete sie sich eine Zigarette an. In der Wohnung ihrer Mutter hatte sie nie geraucht, weil die alte Dame dies nicht mochte.

Nach wenigen Minuten gaben die Polizeibeamten die Wohnung frei, weil es sich um einen „natürlichen Tod“ handelte. Dann kam auch der Hausarzt, der den Totenschein ausstellte: „Herzversagen.“ Mittlerweile hatten auch die Nachbarn den Rettungswagen und die Polizei gesehen. Als Manuela ihnen sagte, dass ihre Mutter gestorben war, sprachen sie ihr Beileid aus. Sie wusste nicht, ob die Nachbarn nur neugierig waren oder echte Anteilnahme zeigten. Sie drückte einfach nur mechanisch die Hände, die ihr gereicht wurden und bedankte sich.

Dann kamen die Bestatter, die Manuela angerufen hatte. Sie wollte nicht mit ihnen in die Wohnung gehen. Sie wollte nicht sehen, wie man ihre tote Mutter aus dem Bett hob. Sie wollte nicht sehen, wie man den Körper ihrer Mutter in den schwarzen Leichensack steckte. Die Bahre mit der Leiche wurde in den Wagen geschoben. Ihre Mutter fuhr weg. Für immer.

Sie ging wieder in die Wohnung und fühlte sich plötzlich wie ein Eindringling. Es war so still, so fürchterlich still. Ihre Mutter war tot. „Sie kommt nie mehr zurück“, dachte Manuela. Sie konnte das Geschehene noch nicht begreifen und fühlte sich wie in einem Film, bei dem man ihr die Regie aus der Hand genommen hatte.

Mechanisch und ohne Logik ging sie durch die Räume der kleinen Wohnung. Im Badezimmer hing der blaue Morgenmantel, den sie ihrer Mutter zum letzten Geburtstag geschenkt hatte. Er duftete so gut nach der Körperlotion, die ihre Mutter gerne nach dem Duschen verwendet hatte. In der Küche stand das Frühstück, das sie ihrer Mutter gemacht hatte. Im Schlafzimmer war das Bett noch aufgeschlagen. Unter dem Kopfkissen lagen zwei Papiertaschentücher, und auf dem Nachttisch stand eine Flasche Mineralwasser. Daneben die Herztabletten, die ihre Mutter abends immer hatte nehmen müsssen. „Sie kommt nie mehr zurück“, dachte Manuela.

Im Wohnzimmer setzte sie sich auf das Sofa und zündete eine Zigarette an. Sicher käme ihre Mutter gleich rein und würde sagen: „Kind, du hast noch deine Strassenschuhe an. Du machst alles dreckig. Kind, du sollst doch in der Wohnung nicht rauchen. Das habe ich dir doch schon so oft gesagt.“ Aber es blieb still, unerträglich still.

Auf dem Fensterbrett im Wohnzimmer stand ein Gesteck aus gelben Seidenblumen. Manuela mochte es nie, ein reiner Staubfänger. Aber ihre Mutter hing daran, weil es ein Geschenk ihrer besten Freundin war. In einer Glasvitrine standen Erinnerungsstücke, die ihre Mutter gehütet hatte wie einen Schatz. Darunter eine kleine venezianische Gondel, die man beleuchten konnte. Manuela hatte sich immer über diesen Kitsch amüsiert, aber ihre Mutter verband damit eine glückliche Erinnerung an die letzte Reise mit ihrem Mann, der schon vor Jahren verstorben war.

Auf dem Wohnzimmertisch lag eine aufgeschlagene Fernsehzeitung, in der Manuelas Mutter mit Filzstift eine bestimmte Sendung angekreuzt hatte. „Die Schlagerparade der Volksmusik“. Das hätte sie sich heute abend ansehen wollen. Manuela musste lächeln. Es war, als hätte ihre Mutter den Raum gerade erst verlassen. Gleich käme sie wieder und würde sagen: „Kind, du sollst doch in der Wohnung nicht rauchen.“ Aber sie war tot. „Sie kommt nie mehr zurück“, dachte Manuela. Langsam begriff sie, was es bedeutete.

Manuela stand vom Sofa auf, und dann sah sie plötzlich auf dem Teppichboden einen kleinen roten Spielkegel liegen. Sie musste wieder lächeln. Gestern abend hatte sie mit ihrer Mutter und einer Nachbarin noch eine Partie „Mensch-ärgere-dich-nicht“ gespielt. Ihre Mutter hatte immer die roten Spielkegel genommen und wenn sie ein Spiel gewann, hatte Manuela immer gesagt: „Mutti, du bist eben die rote Gefahr.“

Manuela steckte den kleinen roten Spielkegel in ihre Jackentasche, dann verließ sie die Wohnung, die sie sorgsam hinter sich abschloß. Es war ein schöner sonniger Tag. Sie wollte noch nicht nachhause, also ging sie spazieren. Im Stadtpark setzte sie sich auf eine Bank. Es war still, aber die Stille war nicht mehr bedrohlich. Manuela schaute in den Himmel. Die Seele ihrer toten Mutter war jetzt dort, daran glaubte sie. Sie griff in ihre Jackentasche und drückte den kleinen roten Spielkegel. „Sie kommt nicht mehr zurück“, dachte Manuela. Dann ließ sie ihren Tränen freien Lauf.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.02.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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