Johannes Weigel

Planet Love

»Bitte geben Sie die Adresse eines Gastgebers an, um Planet Love zu besuchen«. Die weibliche Roboterstimme zeigte auch nach der zehnten Aufforderung kein Zeichén einer Emotion. Das sollte der Planet der Liebe sein? Ihm kam es eher vor wie der Planet der Formulare!

»Hör mal, Blechelse«, sagte Konrad der Raumfahrer genervt: »Die Bewohner dieses Planeten haben sich längst ausgelöscht: Selbstmorde, Familiendramen, Ehrenmorde! Wenn hier noch jemand leben sollte, dann ist er nicht mehr in der Lage, eine Einladung zu verschicken, weil das Kommunikationsamt seit dem 21. Jahrhundert keine Nachrichten versandt hat! Lass mich einfach durch!«

»Renitentes Verhalten wirkt sich nachteilig auf Ihre Besuchszeit aus! Bitte nennen Sie mir die Adresse Ihres Gastgebers.«

»Leck mich doch!« flüsterte Konrad, aber die Kontrollroboterin hatte es gehört: »Ohne Gastgeber kein Eintritt«, sagte sie schmallippig und wechselte in den Energiesparmodus.

»Na, wenn das nicht Konrad Ispazju von Gliese 1242 ist«, hörte er eine Stimme hinter sich. Er drehte sich um und blickte in ein schmales Gesicht, umhüllt von einer dunklen Lockenpracht. Die geheimnisvollen Augen der italienischstämmigen Extraterrestrierin warfen ihm einen verachtenden Blick zu. »Janice Keteferi, die Space-Kadettin von Proxima Centauri! Lange nicht gesehen!«

»Ja, seit du mich damals im Titawin-System zurückgelassen hast! Meine Tränen haben auf Majriti einige Ozeane hinterlassen!«

»Ich habe doch wegen dir geweint, Space-Jenny! Die ganze Strecke ins Gliese-System musste ich auf Autopilot zurückfliegen!«

»Meine Emotionen würden dich krank machen«, stand auf der Nachricht, die du hinterlassen hast: »Weißt du denn gar nicht, was Liebe ist?«

»Liebe ist gefährlich!«, sagte Konrad: »Vor allem hier auf Planet Love! Nimm ein Päckchen EMOSTOP, wenn du überleben willst!« Konrad reichte ihr eine Schachtel Emotionsstop-Dragees. »Ohne die drehst du hier durch, wie die ehemaligen Bewohner des Planeten!« Jenny rümpfte ihre spitze Nase.

»Liebe ist hier«, mischte sich die Roboterin ein: »Willkommen auf Planet Love! Bitte nennen Sie mir die Adresse ihres Gastgebers!«

»Ich habe keinen Gastgeber! Ich bin hier, um wieder Emotionen zu spüren, seit dieser verfluchte Raumpilot mich hat sitzen lassen!«

»Ich glaube, da bist du hier falsch«, sagte Konrad zu Jenny: »Liebe findest du hier bestimmt nicht! Der Planet ist ausgestorben. Wegen der emotionsenthemmenden Atmosphäre hier haben sich alle bereits seit Jahren aus Eifersucht und Liebeskummer umgebracht!«

»Ach leck mich doch!« sagte Jenny: »Was weißt du denn schon von der Liebe?«

»Ganz recht«, antwortete der Bot süffisant: »Das ist die Sprache, die der Herr versteht! Und jetzt nennen Sie mir bitte ihren Gastgeber.«

» Gibt's keine andere Möglichkeit, hier reinzukommen?«

»Nein. Sicherheitsbestimmung SEC-00-601/OG: Ohne Gastgeber kein Zutritt zu Planet Love!«

»Der die erlassen hat, ist mit Sicherheit auch schon von einem Nebenbuhler erschlagen worden«, murmelte ich.

»Dr. Goodlove hat sich am Neujahrstag 2097 auf dem Platz der unerwiderten Liebe selbst verbrannt!«

»Das war im letzten Jahrhundert! Kann man diese ganze Bürokratie nicht irgendwann begraben, wenn es nicht mal mehr Bewohner gibt!«

»Für Begräbnisse sind die Cemetary Bots zuständig. Ich bin nur ein Border Bot!«

»Du bist vielleicht ein Arsch-Bot«, sagte Konrad.

»Pfft!« sagte der Border Bot und wollte schon wieder auf Stand-by gehen, da meldete Jenny sich zu Wort. Ihre Augen funkelten.

»Ich habe einen Gastgeber», sagte sie: »Es ist Konrad Ispazju. Er wohnt ... wo wohnst du noch?«

»Äh, keine Ahnung? Platz der unerwiderten Liebe. Nummer eins?«

»Tut mir leid«, sagte der Bot: »Herr Ispazju ist kein registrierter Einwohner von Planet Love.«

»Aber wenn ich eine Gastgeberin habe, sagen wir mal, Frau Keteferi«, sagte Konrad, »dann habe ich auch eine Adresse, oder? Und dann bin ich auch als Einwohner registriert?«

»Das ist richtig», sagte der Bot: »Aber ihre Gastgeberin muss zum Zeitpunkt ihrer Einreise bereits gemeldet sein! Sonst kann ich das Einreiseformular nicht stempeln!«

»Aber was ist, wenn sie beide Einreiseformulare gleichzeitig abstempeln? Ich gebe Frau Keteferi als Gastgeberin an, und sie mich. Dann sind wir beide gleichzeitig Gäste und Gastgeber!«

Der Bot überlegte kurz und sagte dann: »Ich habe keine zwei Stempel!«

»Ich habe einen Duplikator«, sagte Jenny.

»Das ist gegen die Vorschriften! Ein Stempel muss immer ein Original sein!«

»Der Duplikator ist ein DUPLOR Original-Duplikator und macht nur Duplikate, die vom Original nicht zu unterscheiden sind!«

»Das ist trotzdem nicht erlaubt!«

»Ist das dieser Stempel hier?«, fragte Jenny. Der Bot nickte.

Dann zeigte sie auf den Stempel, den sie eben daneben materialisiert hatte: »Oder ist es dieser? Das Duplikat ist identisch mit dem Original! Ich kann das auch von Ihnen machen, wenn Sie zehn Sekunden still halten!«

»Das ist gegen die Vorschriften! Ich muss einen der Stempel vernichten!«

»Aber welchen? Ist dieser das Original oder jener?« sagte ich.

»Genaugenommen sind beides Originale oder keines. Also müssen sie beide oder keinen vernichten. Wenn Sie beide vernichten, ist ihr Job obsolet. Also vernichten Sie doch besser keinen! Und dann können Sie auch unsere Formulare stempeln!«

Aus den Luftfiltern des Bots entwichen weiße Rauchwölkchen. »Ich hasse meinen Job«, flüsterte die Maschine, nahm die beiden Stempel, hielt kurz den Lüfter an und stempelte dann gleichzeitig die beiden Einreiseformulare.

»Bürokratie ist dann am besten, wenn sie am absurdesten ist«, sagte Konrad zu Jenny. Die hakte sich bei ihm unter, gab ihm einen Kuss und sagte: »Auf zum Platz der unerwiderten Liebe. Ich habe dir einiges mitzuteilen!«

»Emostop-Drop«, fragte Konrad?

»Vergiss es«, sagte Jenny. Konrad beschlich ein mulmiges Gefühl, aber er ließ sich dann doch auf die Situation ein. Schließlich hatte er Space-Jenny wirklich seit einer ziemlich langen Zeit nicht mehr gesehen.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.02.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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