Corinna König

Josie - Mein Leben und ich TEIL 15

Kurzerhand überspielt er alles, ich kann ihm aber ganz deutlich ansehen, dass es ihn doch trifft. "Na dann, kommt mal rein. Adrian du musst mir unbedingt erzählen, was du in den ganzen Jahren getrieben hast. Wie lange haben wir uns jetzt nicht mehr gesehen? Bestimmt gute 4 oder 5 Jahre?!" Er schlägt seinen Arm um ihn und nagelt ihn quasi am Tresen fest. Nachdem er so freundlich war, mir abzunehmen, den anderen zu erklären, was hier gerade los ist, wird meine Laune zusehends schlechter. Ben und Adrian kennen sich aus Grundschulzeiten. Adrians Großeltern haben früher im gleichen Dorf gewohnt wie Ben und seine ganze Familie. Sie haben früher an den Wochenenden einiges unternommen und wurden schließlich sehr gute Freunde bis Adrian ins Ausland gegangen ist. Linda, Sara und ich verkrümeln uns erst mal an einen Tisch, während Adrian und die anderen Jungs sich in Bens Fängen befinden. Schön, dass sie sich so gut verstehen, aber den Abend hatte ich mir tatsächlich etwas anders vorgestellt.

 

 

Als hätte Adrian meine Gedanken gehört, kommt er zu uns an den Tisch und hat ein Glas Bowle für mich dabei. Natürlich wissen meine Mädels sofort, was zu tun ist und lassen uns alleine. "Tut mir wirklich leid, Josie. Aber ich hab Ben seit etlichen Jahren nicht mehr gesehen. Das ist ja wirklich ein riesiger Zufall, dass wir genau in seiner Bar gemeinsam Silvester feiern." "Ach, das macht doch nichts.", winke ich lächelnd ab. "Doch doch. Für den restlichen Abend gehöre ich ganz dir.", säuselt Adrian mir zu. Ich zerfließe förmlich, als er mir dann noch über die Schulter streichelt. "Es ist wirklich schön, dich wiederzusehen, Josie. Ich hab mich wirklich auf dich gefreut." Wir unterhalten uns eine ganze Zeit lang und mir fällt auf, dass Adrian mich immer wieder berührt. Sei es, dass er mir die Hand auf den Oberschenkel legt, mir über den Arm streicht oder sich einfach ganz nah an mich anschmiegt. "Sag mal: Du hattest doch erzählt, dass männertechnisch gerade ne schwierige Geschichte hinter dir liegt...", will er wissen. "Ähm, ja schon. Wieso fragst du?" Das Thema ist mir unangenehm, deshalb fange ich an, wild an meinen Haaren rumzufuchteln. "Kann es sein...", Adrian zwinkert mir zu, "... dass es dabei um Ben ging?" Da posaunt der Typ das einfach geradewegs raus. Ich kann kaum glauben, was ich da höre und beginne zu stottern: "Äh... Was? Wie kommst du denn... darauf?" Er amüsiert sich über mein Gezeter und erklärt: "Naja also erst mal fällt mir auf, dass Ben uns nicht aus den Augen lässt, seit ich mich zu dir gesetzt hab." "Wirklich?", erfreut drehe ich mich zu ihm um. Als sich unsere Blicke treffen, fühlt Ben sich sichtlich ertappt und starrt aus dem Fenster. "Und außerdem merkt man, dass Ben sich zwar freut, mich mal wieder zu sehen, aber die Umstände findet er nicht besonders angenehm." Im Handumdrehen erwische ich mich dabei, dass ich versuche, mich zu rechtfertigen: "Also weißt du, das ist... Tja wir... Es ist einfach..." "...kompliziert! Hab ich Recht?" Ich sehe ihm in die Augen und sein unheimlich charmantes Lächeln macht mich schwach: "Ja. Das stimmt." Die Sache verunsichert ihn und er hakt nach: "Ich hoffe, mit mir ist das nicht so kompliziert?!" "Nein. Nein das ist es nicht, Adrian. Wirklich." Da scheinen die Funken zwischen uns beiden Ben allmählich zu viel zu werden und er ruft uns an den Tresen: "Hey ihr zwei! Wie siehts aus? Wollen wir ein kleines Trinkspiel veranstalten?" Natürlich sind wir am Start. Doch das Trinkspiel entpuppt sich als ein kleines von Ben eingefädeltes Verhör. "Sagt mal, woher kennt ihr zwei euch denn eigentlich?", will er neckisch grinsend wissen. Linda muss ihr Lachen unterdrücken und ich will möglichst souverän wirken und ihm antworten, doch da kommt Adrian mir zuvor: "Aus der Schule." Erstaunt über seine äußerst knappe Antwort schaue ich ihn an. Daher erlaube ich mir, noch zu ergänzen: "Ja, wir kennen uns schon seit der Grundschule. Bis zum Schulabschluss waren wir... befreundet. Und dann... hat es sich irgendwie so entwickelt, dass der Kontakt abgebrochen ist." Für alle anderen ist die Frage hinreichend beantwortet, aber Ben scheint das anders zu sehen und bohrt weiter: "Und... wart ihr auch zusammen? Irgendwann?" Adrian räuspert sich und mir entkommt ein schräg quietschendes: "Nein!". Alle Anwesenden müssen lachen, Ben selbstverständlich eingeschlossen: "Es war ja nur ne Frage. Kein Grund zu quietschen, Josie." Etwas peinlich berührt, frage ich die Spielregeln für das Trinkspiel ab und hoffe, damit Bens Fragestunde zu beenden.

 

 

Kurze Zeit später muss ich mich kurz entschuldigen, nachdem sich die 6 Gläser Bowle langsam selbstständig machen. "Gut, ich werd im Keller Biernachschub holen!", flitzt Ben mir hinterher. Er verschwindet im Lagerraum und ich in der Damentoilette. Als ich gerade den Wasserhahn zugedreht habe, und die Türe öffne, höre ich Ben rufen: "Josie?!" Ich folge seiner Stimme und lande schließlich ebenfalls im Lagerraum. "Was gibts denn?" "Kannst du mir kurz beim Tragen helfen? Nur den einen Sixpack bitte." "Ja klar. Her damit." Die Stimmung ist irgendwie merkwürdig. "Sag mal, wie lange trefft ihr euch denn schon?" Ich kann mich fast nicht auf Bens Frage konzentrieren, da er mir das Bier in die Hand gibt und dabei mit einem Finger versehentlich meine Brust berührt. "Ähm... was?! Wir... also wir treffen uns seit ein paar... Wochen." "Tja weißt du, Adrian wollte ja nicht so recht über... euer... Date-Ding... reden. Deswegen wollte ich dich fragen." "Ja, das schien ihm nicht so... ich weiß auch nicht." "Naja. Adrian ist cool. Ich mag ihn." Ohne nachzudenken, gebe ich ihm Recht: "Ja ich mag ihn auch. Schon immer." Gerade, dass ihn nicht in den Himmel lobe. Ich bin manchmal echt ne dumme Kuh. Aber Ben zeigt sich unbeeindruckt und gibt mir zu bedenken: "Aber weißt du, Mäuschen?! Ich bin auch ziemlich cool. Also mein Angebot für ein Date steht noch immer. Die Kissen sind aufgeschüttelt." Sagt er einfach, zwinkert mir zu und tappst die Treppe rauf. Ben verblüfft mich immer wieder. Oben angekommen spielen wir weiter unser Trinkspiel. Bens Hand wandert immer wieder über meinen Rücken. Ob das am Alkohol oder an seinem Drang, sein Revier zu markieren liegt, weiß ich nicht. Ich finde es aber auf jeden Fall unpassend. Urplötzlich fängt er wieder an: "OH MANN!" Wir alle starren ihn neugierig an. "DU warst das!" Als hätte er eine Erleuchtung zeigt er mit dem Finger auf mich. "Was?! Was meinst du denn?!" Adrian fuchtelt nervös an seiner Bierflasche rum und mir schwant dabei nichts Gutes. Da spannt Ben uns nicht länger auf die Folter und sagt, was ihm durch den Kopf geht: "Josie war das Mädchen, das du früher jahrelang angeschmachtet hast! Hab ich Recht, Adrian?!" Ein Raunen geht durch die Runde. "Hör mal, willst du mich jetzt in Verlegenheit bringen, Ben?!" Ich verstehe nur Bahnhof. Und wenn ich in die Gesichter der anderen blicke, geht es denen wie mir. "In Josie warst du immer verknallt. Los, gibs schon zu." Adrian beginnt etwas beklommen zu lachen. "Aaah, siehst du. Ne Antwort ist jetzt gar nicht mehr nötig." Da schaltet sich auch Linda ein. "Ich schätze mal, das war eher andersrum. Josie war doch früher immer in Adrian verknallt. Adrian hatte andauernd ne andere Freundin." "Linda, wie stellst du mich denn dar?!?", fahre ich ihr peinlich berührt über den Mund. "Was denn, was denn?! Ist das wahr?", hakt Ben nach. Ich weiß gar nicht, wie mir geschieht: "Das ist doch..." Da kann auch Sascha sich einen Kommentar nicht verkneifen: "Tja, dann scheinen sich ja zwei gefunden zu haben." Da sage ich leise zu Adrian: "Das ist doch nicht... Du warst doch nicht..." Ich könnte einen Ankerknoten in meine Haare machen, vor lauter Aufregung und Unbehagen. Ben ist so nett, mich aufzuklären: "Na klaaar! Jahrelang hat er die "Namenlose" angeschmachtet. Deinen Namen wollte er nicht verraten. Stundenlang hat er mir von ihr... also von dir erzählt. Jedes Wochenende. Er hat die "Namenlose" auf seinen Klassenfotos angestarrt, bis sich jede kleine Einzelheit in sein Gehirn eingebrannt hat. Adrian, in welcher Klasse hatte sie das geblümte Top mit dem weiteren Ausschnitt an?!" Adrian und ich antworten im Chor: "In der 8. Klasse!" Wieder trägt unsere gemeinsame Vorgeschichte zur Belustigung der Anwesenden bei. "Aber... dann hattet ihr ja doch mal was miteinander!", stellt Sherlock Ben Holmes fest. "Ja! Erwischt! Das war... Josie, wann war das genau?" Ich starre in mein Glas und muss lächeln: "Kurz vor unserem Abschluss. Du bist dann ja ins Ausland gegangen und..." "Wer weiß, was daraus geworden wäre?!", fragt sich - wohl nicht nur - Sascha. Verlegen starren wir in unsere Gläser und während ich knallrot anlaufe, fuchtelt Adrian sich an seinem Hemdkragen rum.

 

 

Dave löst die peinliche Situation auf, indem er feststellt, dass es bis Mitternacht nicht mehr lange dauert. "Kommt schon, Jungs. Wir bereiten draußen schon mal alles für die Raketen vor." Wir Mädels bereiten in der Zwischenzeit unsere Wunderkerzen vor und machen eben Mädchensachen; füllen Bowle auf, räumen Chips- und Plätzchenkrümel weg, sowas halt. Ein zufriedenes Lächeln darüber, nach all den Jahren zu wissen, dass Adrian doch was für mich übrig hatte, kann ich dabei nicht verbergen.

 

Pünktlich eine Minute vor Jahreswechsel stehen wir allesamt vor der Bar und wahrscheinlich sehnt niemand das neue Jahr so herbei wie ich. Ganz in Gedanken gehe ich die schrecklichen Ereignisse des letzten Jahres nochmal durch, die leider Gottes in meinem Kopf hängen geblieben sind. Die üble Trennung von Dennis, Mamas furchtbaren Autounfall, das Gefühlschaos der letzten Monate... Ich bin so in meinen Grüblereien versunken, dass ich fast nicht mitbekomme, dass die anderen bereits von 10 an rückwärts zählen. Denn der eine Gedanke drängt sich unaufhörlich und mit einem warmen Gefühl behaftet stets auf: Ben. Der Gedanke an Ben. Er ist zwar an besagtem Gefühlschaos wirklich nicht ganz unschuldig, aber sowohl bei der Trennung, als auch bei Mamas Unfall war Ben immer für mich da. Urplötzlich werde ich aus meinen Gedanken gerissen, als die ersten Korken knallen und die explodierenden Feuerwerkskörper den klaren Nachthimmel in wunderschöne Farben tauchen. Ehe ich wieder richtig bei der Sache bin, fallen mir die Mädels um den Hals und grölen lautstark los mit ihren Neujahrswünschen. Da stellt sich natürlich auch Adrian hinten an und säuselt mir ins Ohr: "Ich wünsche dir ein gesundes neues Jahr. Und dass wir beide uns nicht wieder aus den Augen verlieren. Aber das sollte kein Problem sein.", während er mir eine lange und innige Umarmung und ein kleines Küsschen auf die Wange gibt. "Danke. Das wünsche ich dir auch. Und dass wir uns nicht aus den Augen verlieren, das kriegen wir auf jeden Fall hin.", entgegne ich ihm freudig. Auch Dave und Sasha werden von mir mit einer herzlichen Umarmung beglückwünscht und ich wünsche auch ihnen von Herzen alles Liebe für das neue Jahr. Ich beginne gerade, mich zu wundern, wo Ben steckt, da steht er lächelnd vor mir und meint: "Ich wünsche dir nur das Allerbeste für das neue Jahr. Dass alles etwas reibungsloser für dich läuft und du gesund bleibst, Mäuschen." Bevor ich ihm antworten kann fügt er noch hinzu: "Und jetzt zeigen wir denen mal, wie man sich richtig beglückwünscht." Kurzerhand packt er mich an den Schultern und drückt mir einen langen, feuchten, schmatzenden, sinnlichen, wunderschönen, ich-muss-die-augen-schließen-haften Kuss mitten auf den Mund. Ich bin mehr als überfordert mit der Situation und auch die anderen blicken etwas überrascht in unsere Richtung. Allen voran natürlich Adrian, für den sich der Abend gerade in eine ganz andere Richtung als erwartet entwickelt. Doch die Überrumpelung nimmt kein Ende und so boxt Sascha Ben auf den Oberarm, ehe ich auch nur einen Pieps zu seiner stürmischen Gratulation sagen kann: "Mensch Ben! Du wirst mir doch nicht die Show stehlen wollen!" Wir alle schauen Sascha verwundert an. Da macht sich langsam eine freudige Vorahnung in mir breit und so wie die Mädels aussehen, geht es ihnen da genauso.

 

 

Und schon fällt Sascha vor Sara auf die Knie und stellt ihr mit zittriger Stimme und im Lichterrausch des Feuerwerks die Frage aller Fragen: "Sara, wir sind jetzt schon so lange zusammen. Wir kennen uns in- und auswendig. Ein Leben ohne dich kann und will ich mir nicht mehr vorstellen. Du bist meine Luft zum atmen, du bist die Sonne meines Universums, du bist das Wertvollste in meinem Leben und deshalb will ich dich fragen, ob du mich heiraten willst.“ Freudestrahlend fällt Sara ihm um den Hals und kann gar nicht oft genug JA sagen. Natürlich fließen bei Linda und mir bereits Freudentränen in rauen Mengen. Die Jungs fangen an, zu applaudieren und schon geht es mit den Glückwünschen weiter – diesmal zu einem noch viel schöneren Ereignis. Ganz zu meiner Überraschung hat sogar Adrian etwas wässrige Augen. Doch ich freue mich, dass er so gefühlvoll ist und hake mich lächelnd bei ihm ein. Natürlich fällt mir dabei wieder ganz deutlich auf, dass Ben uns nicht aus den Augen lässt. Doch diese Tatsache lasse ich erst mal unbeachtet und freue mich, mit Sara und Linda bereits die ersten winzigen Details der Hochzeit zu besprechen, während die Männer miteinander anstoßen.

 

 

Und so verbringen wir die Silvesternacht in einer ganz besonderen, lauschigen und romantischen Atmosphäre. Es freut mich dabei, zu sehen, dass Ben und Adrian nach so langer Zeit noch so gut befreundet sind und die beiden einen Witz nach dem anderen reißen. Und das mit einigen fiesen Anspielungen und gegenseitigem Piesacken – Männer halt. Sara träumt indessen von ihrer Märchenhochzeit. "Wisst Ihr, ich hab da schon so gewisse Vorstellungen. Es soll auf jeden Fall im kleinen Kreis stattfinden. In der Kirche, in der auch Saschas Schwester damals geheiratet hat. Ich hab mich direkt in diese kleine schnuckelige Kirche verliebt." "Gott, das ist ja so aufregend!", zappeln Linda und ich wild auf unseren Hintern herum. "Alles soll mit Blumen überladen sein. Die ganzen Kirchenbänke, die Tischdekoration,..." "Wo wollt ihr denn feiern? Schon eine Idee?" "Also natürlich müssen wir das noch besprechen, aber es gibt da so eine kleine süße Pension, die Verwandten von Sascha gehört. Die haben einen kleineren Saal in passender Größe und im ersten Stock ein paar Doppel- und Einzelzimmer. Damit wären auch die Übernachtungen sichergestellt. Ein großer Teil von Saschas Familie lebt ja nicht hier und eine vier- oder fünfstündige Heimreise soll niemand mehr antreten müssen." "Und das Kleeeiiid?", quietscht Linda in einem schrillen Ton auf. "Das muss ich auf mich zukommen lassen. Konkrete Vorstellungen hab ich da nicht. Aber ich finde einen Schlüsselloch-Rücken und Trompetenärmel total schön." Da kommt Sascha zu uns an den Tisch und legt seinen Arm um seine Verlobte: "Meine Braut wird in jedem Kleid wunderschön aussehen. Ich kanns kaum abwarten." Linda und ich schmelzen wahrhaftig dahin...

 

 

Für Silvester wirklich untypisch endet die Nacht ohne betrunkene Ausfälle, obszöne Gesten oder jemanden, der im Suff auf dem Tisch schläft – letzteres hab ich die letzten beiden Jahre abgedeckt, doch das nur nebenbei. So machen wir uns in den frühen Morgenstunden auf den Heimweg. Während die anderen sich angeregt über die ganzen Vorhaben, die sie sich gesteckt haben, unterhalten, bin ich wieder mal in Gedanken versunken. Ich freue mich, dass meine Freunde so im Umbruch sind. Sara und Sascha werden heiraten, Linda und Dave werden zusammenziehen,... nur bei mir könnte man momentan den Eindruck gewinnen, dass ich auf der Stelle trete – oder sogar rückwärts laufe. Noch bevor ich darüber traurig werden kann, sucht Adrian erneut meine Nähe. Er legt seinen Arm um meine Schultern und hakt nach: "Du wirkst so abwesend. Alles okay?" "Äh, ja klar. Alles gut. Danke.", beschwichtige ich. "Sehen wir uns denn vielleicht am Wochenende?", fragt er – wohlwissend, dass Bens Ohren riesig zu werden scheinen.

 

 

Und so machen wir es auch: Ich bin für Samstagabend bei Adrian eingeladen. Er möchte für mich kochen und hat mir eine "Überraschung" versprochen. Ich freue mich auf das Treffen und hab mich gerade dafür hübsch gemacht. Dave und Ben sind in Lindas Zimmer am Werkeln. Viel bringt Dave aus seinem Zimmer ja nicht mit, aber seine Schrankwand ist viel geräumiger als ihre und so handwerkern die Jungs schon seit gestern Nachmittag. Da ist es vielleicht nicht ganz unpraktisch, dass ich mal aus der Wohnung komme. Ich schnappe mir meine Schlüssel und will mich verabschieden, da fällt mir auf, dass es in Lindas Zimmer unerträglich heiß ist: "Sag mal Linda, wieso ist es denn hier drin nur so heiß?" Da schubst sie mich kurzerhand triumphierend aus dem Türrahmen und flüstert mir kichernd ins Ohr: „Ich hab die Heizung aufgedreht, dass die Jungs schwitzen und oben ohne weitermachen!“ "Linda, du bist ja so doof." Ich kann es nicht fassen und lache mich schlapp. Aber sehr überrascht bin ich nicht – ich kenn Linda ja schon lange genug. Auf dem Weg zu Adrian denke ich ganz bei mir, dass es eigentlich schade ist, dass ich schon gehen muss. Die Shirts waren nämlich gerade eben noch an. Bens nackte Brust ist schon einen Blick wert, da kann ich mir nichts vormachen.

 

 

Ein paar Minuten später stehe ich vor Adrians Tür. Er öffnet mir freudig und bittet mich mit einem Küsschen auf die Wange herein. Sofort nehme ich den Duft des selbstgekochten Essens wahr. "Wow, hier duftet es ja unglaublich gut. Was hast du denn Leckeres gezaubert?" "Ach, nichts besonders Aufregendes. Ich hab Steaks gekauft und dazu Pfannengemüse gemacht. Medium oder durch?" „Medium, danke. Da hast du deinen Geldbeutel aber nicht gerade geschont, oder?“ "Und du bist jeden Cent wert, Josie." Dabei wirft er mir ein umwerfendes Lächeln zu. Beim Essen will ich ihn unentwegt ausquetschen, was es denn mit der Überraschung auf sich hat. Doch er will einfach nicht mit der Sprache rausrücken. „Gedulde dich. Du wirst es schon noch früh genug erfahren.“ Doch mit seiner Hinhaltetaktik macht er mich nur noch neugieriger. Schließlich esse ich die letzten Happen auf meinem Teller auf und werde fordernder: "Na looos. Ich hab aufgegessen! Jetzt will ich aber endlich wissen, was du vorbereitet hast!" "Also gut. Du gibst ja sonst eh keine Ruhe.", gibt er sich resigniert: "Dann setz dich schon mal aufs Sofa. Ich räum noch eben den Tisch ab und komm dann gleich." Aufs Sofa? Oookay. Wenn er meint. Ich nehme also artig Platz und warte wie ein Hündchen auf Adrian. Da kommt er mit einem Album und einer DVD um die Ecke: "Tadaaa!" "Oooh, was hast du denn da?", will ich zappelnd wissen. "Meine alten Fotoalben und die DVD von unserer Theateraufführung in der vierten Klasse." Ich kann es kaum fassen: "Du nimmst mich auf den Arm! Das Stück mit den Katzen und dem Käse?" "Ja genau. Weißt du noch? Die dicke Anne war die Maus." Da breche ich in schallendem Gelächter aus. "Stiiimmt! Gerade die dicke Anne. Gerade, dass sie ins Kostüm gepasst hat." "Du bist doch nur neidisch, weil du gerne die Maus gespielt hättest, gibs zu, Josie.", zwickt er mich auf. "Gar nicht wahr. Ich war froh, dass ich eine der drei Katzen spielen durfte! Aber sag mal...", tippe ich mir aufs Kinn, "... was hast du denn nochmal gespielt?“ "Na hör mal! Ich war der Junge mit der Mütze." "Oh, langsam dämmert mir da was...“ "Ja. Ich hab den Jungen gespielt, dem die Maus gehört hat.“ "Ah, ja du hast recht. Jetzt weiß ichs wieder. Los, dann leg sie schon ein.“ Zusammen sehen wir die knapp 35-minütige Blamage von vor zwölf Jahren an. Dabei landet Adrians Hand immer wieder auf meinem Oberschenkel. Dass er den einen oder anderen Annäherungsversuch starten wird, war mir schon klar und ich hab auch nichts dagegen einzuwenden, solange alles jugendfrei bleibt. Doch ich fühle mich wieder unbehaglich, als Adrian Ben erwähnt. Zwar nur am Rande, aber das genügt völlig: "Siehst du den kleinen Jungen mit dem Basecap, der da vor der Bühne neben dir steht? Das ist Ben.“ Ich falle aus allen Wolken: "Du veräppelst mich. DAS ist Ben?" "Ja. Wir waren damals schon gut befreundet und da hat er seine Eltern angebettelt, zur Aufführung kommen zu dürfen." "Seine Eltern?" "Ja. Ich weiß nicht, ob du es weißt, aber sie sind nur zwei oder drei Jahre später gestorben." "Ja, das... das hat er mir erzählt.", entgegne ich geknickt. Adrian merkt auch, dass die Stimmung gerade kippt und will für Abhilfe sorgen. "So, genug DVD geglotzt. Jetzt nehmen wir uns die Alben vor. Hast du Lust?" "Klar. Das war echt ne super tolle Idee. Los, her mit den Alben." Wir schauen also zu zweit die Fotoalben an. Es ist echt eine wahre Zeitreise. Wir unterhalten uns stundenlang über einige Geschichten aus unserer Grundschulzeit und haben riesigen Spaß. Doch ich merke ganz deutlich, dass Adrian meine Nähe immer wieder sucht. Nach dem letzten Album stelle ich schließlich erschrocken fest, dass es schon echt spät geworden ist. "Wow, ich sollte langsam gehen. Morgen kommen meine Eltern und meine Schwester zum Frühstück. Da sollte ich vielleicht einigermaßen ausgeschlafen sein." "Bleib doch noch ein Weilchen. Wir hatten ja noch gar keine Gelegenheit zu..." Da gerät der gute Adrian ins Stocken und weiß scheinbar nicht so recht, wie er den Satz beenden soll. Doch ehe er lange nach Worten sucht, scheint er lieber Taten sprechen zu lassen. Seine Hand, die eben noch auf meinem Oberschenkel lag, wandert langsam aber zielgerichtet nach oben. Über meine Hüfte, meine Taille zu meiner Schulter. Er kommt mir immer näher und näher. Wie oft habe ich von diesem Augenblick geträumt? Ich kann meine Gedanken nicht wirklich ordnen und weiche im entscheidenden Moment aus, als Bens Gesicht vor meinem inneren Auge auftaucht. "Was hast du denn?", fragt Adrian berechtigterweise nach. Ehe ich antworten kann, wird er konkreter: "Liegt es an Ben?" "Ben? Nein, ich... ach nichts. Ich... ich sollte jetzt gehen." Als ich Adrians Dackelblick sehe, bekomme ich irgendwie ein schlechtes Gewissen: "Tut mir leid, Adrian." Da fährt er sich mit der Hand durchs Haar und meint: "Schon gut. Ich... ich bin sowas nur nicht gewohnt." "Sowas?" "Ja... abzublitzen." Über diese doch etwas hochnäsige Reaktion bin ich ziemlich verwundert und verabschiede mich mit einem Küsschen auf die Wange.

 

 

Zuhause angekommen sitzen Linda und Dave auf der Couch, wobei Dave eigentlich mehr schlecht als recht fern sieht. Er hängt ziemlich in den Seilen und immer wieder fallen ihm die Augen zu. "Hey, habt ihr für heute Feierabend gemacht?", beäuge ich die Baustelle in Lindas Zimmer. "Ja, die Jungs sind schon so gut wie fertig." Da möchte Linda natürlich wissen, wie mein Date mit Adrian war. "Es war schön. Er hat lecker gekocht und dann haben wir alte Fotoalben angeschaut. Ich muss unbedingt mal Pipi. Wir reden gleich weiter, ja?" Irgendwas blubbert Dave mir im Halbschlaf noch hinterher, aber ich kann nicht so richtig verstehen, was er sagt. Ich gehe also ins Badezimmer, um mich zu erleichtern, mir die Zähne zu putzen und mir gleich meinen Schlafanzug anzuziehen. Da staune ich nicht schlecht, als Ben vor mir steht. Mit einem Handtuch um die Hüften und nassen Haaren. "Ben!", japse ich überrascht. "Josie!", er zögert kurz: "Na?! Date schon zu Ende?" Dabei lehnt er sich ein wenig schadenfroh und überheblich lockerlässig ans Waschbecken. "Wie du siehst. Ich wollte mir kurz die Zähne putzen und mich abschminken. Brauchst du noch lange?" Als wär es nichts, zupft er sich plötzlich das Handtuch vom Körper und steht splitterfasernackt vor mir. Dabei beobachtet er ganz genau, ob meine Augen nach unten wandern. Doch ich banne seinen Blick – auch wenn ich selbst etwas überrascht bin. In Zeitlupe greift er nach seinem Boxershort und zieht es sich schelmisch grinsend an. Er kommt auf mich zu und bleibt erst ganz dicht vor mir stehen, so dicht, dass ich schon seinen Atem spüren kann. "Bin schon fertig.", säuselt er, wirft sich ein Shirt über, verschwindet und lässt mich inmitten dieser angesexten Stimmung im Bad stehen.

 

 

Etwas perplex mache ich mich also bettfertig, muss dann aber doch nochmal nachhaken, was Ben überhaupt hier macht. Ich gehe also zu den dreien und frage nach: "Was macht denn unser Nackedei eigentlich hier?" "Naja, wir haben bis vorhin gewerkelt und da haben wir Ben angeboten, dass er doch eigentlich auf dem Sofa übernachten kann.", klärt Dave, der wieder relativ wach wirkt, mich auf. "Genau. Und wie du gesehen hast, hab ich nach getaner Arbeit geduscht." Ich spüre, wie mir die Röte ins Gesicht schießt und gehe schweigend in mein Zimmer. Ich lasse den Abend nochmal revue passieren und es dauert nicht lange, ehe ich einschlafe.

 

 

Plötzlich werde ich mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen. Da versetzt Ben mich wieder ins Staunen. Ohne mit der Wimper zu zucken, legt er sich in mein Bett, kuschelt sich an mich, umfasst von hinten mit der linken Hand meine rechte Schulter – dass er dabei volle Möhre meine Brüste berührt, lässt er einfach unbeachtet – legt seinen Kopf in meinen Nacken und will bei mir die Nacht verbringen. In MEINEM Bett! "Äh... sag mal! Was soll denn das?" Da antwortet er mir rotzfrech: "Ich konnte einfach nicht einschlafen auf dem Sofa." "Ach und hier kannst du das wohl?" "Einen Versuch ist es auf jeden Fall wert. Bei dir." Seine Worte besänftigen mich im ersten Moment, doch wenn ich an seine Ex denke, kann mir der Abstand zwischen uns gar nicht groß genug sein. Ich drehe mich also in seinen Armen um und versuche, ihn wegzuschieben: "Los Ben, jetzt geh zurück aufs Sofa. Mach keinen Scheiß." Doch so einfach ist er tatsächlich nicht aus meinem Bett zu verbannen. Und ehe ich mich versehen kann, spüre ich seine weichen, zarten Lippen auf meinen. Dabei streichelt er über meine Taille und ich schmelze beim nächsten Satz nur so dahin: "Lass mich bei dir sein, Josie." Auch wenn ich weiß, dass es keine gute Idee ist, kann ich nicht anders und lasse ihn bei mir schlafen: "Also gut. Aber nur ausnahmsweise und ohne Fummeln.", versuche ich streng zu wirken. Und da haben wir den Salat: Zwar schläft Ben jetzt innerhalb von wenigen Minuten wie ein Baby, dafür liege ich wach und es ist beim besten Willen nicht dran zu denken, einzuschlafen. Die ganze Zeit grübele ich. Was die anderen wohl sagen, wenn sie morgen Früh vor uns wach sind und Ben verschlafen aus meinem Zimmer taumelt. Wieso ich nicht standhaft bleiben konnte. Warum er trotz meiner klaren Ansage immer und immer wieder meine Nähe sucht. Und zwar auf diese unpassende Art und Weise. Und vor allem frage ich mich, was eigentlich mit seiner Juliane ist. Doch das viele Grübeln macht mich müde und schließlich schlafe ich auch ein...

 

 

Am nächsten Morgen wache ich unerwartet ausgeruht auf. Ich hab geschlafen wie ein Stein und das war wirklich mal wieder notwendig. Es dauert einige Sekunden, ehe ich etwas vermisse: Ben! Wo ist er denn? Hab ich mir nur eingebildet, dass er bei mir geschlafen hat? Verwirrt und mit verzottelten Haaren blicke ich mich im ganzen Zimmer um. Doch er ist nicht zu sehen. Noch verwirrter schnappe ich mir meinen Morgenmantel und öffne zögerlich meine Zimmertüre, um das Wohnzimmer zu sondieren. Aber auch hier ist er nicht zu sehen. Da erschreckt mich Dave mit seiner guten Laune und seinem für meinen Geschmack zu lauten: "Guten Morgen!" Ertappt erwidere ich: "Dave. Guten... Morgen!" Scheinbar kann man mir deutlich ansehen, dass ich noch nicht so ganz auf der Höhe bin, denn der gute Dave will sich über mich lustig machen: "Was schaust du denn so verwirrt? Hast du einen Geist gesehen? Oder hattest du nen schmutzigen Traum?" Ehe ich antworten kann, werde ich erneut geschockt: "Suchst du mich?" Da kommt Ben urplötzlich in die Küche getrabt und schlendert an mir vorbei, als wäre nichts. Oder... war auch wirklich nichts?! Ich bin so durcheinander. "Linda holt gerade frische Brötchen vom Bäcker und den Kaffee hab ich schon aufgesetzt.", durchbricht Dave meine fragenden Gedankengänge. "Äh... gut. Gut. Ich hab Hunger. Ich werd dann schon mal Teller und Tassen holen." Während ich meinen Kopf in den Hochschrank stecke und Dave im Kühlschrank die Marmelade und verschiedenen Aufstriche zusammensucht, flüstert Ben mir zu: "Ich dachte, du willst vielleicht nicht, dass die beiden was mitkriegen." Ich weiß gar nicht, wie mir geschieht. Soll ich jetzt froh sein, dass ich mir das Ganze doch nicht eingebildet hab? Soll ich beschämt sein, dass es überhaupt so weit gekommen ist? Doch eine Antwort wartet Ben gar nicht ab. Er gibt mir von Dave unbemerkt einen Klaps auf den Hintern und zwinkert mir zu. Da Dave gerade schimpft, wir würden immer seinen Lieblingsaufstrich aufessen, sodass für ihn nur noch das ziemlich übelriechende Kürbiszeug übrig bleibt, bezieht er mein lautes und etwas ungestümes "Also sag mal!" auf sich. "Tut mir ja leid, aber ihr beiden esst ja zu zweit so viel wie eine Großfamilie. Und immer muss ich die ungeliebten Reste essen.", stellt Dave verschnupft fest, während Ben sich einen Wolf grinst. Ausnahmsweise lasse ich ihn damit nochmal davonkommen, weil es mir tatsächlich lieber ist, dass Linda und Dave nichts davon mitbekommen haben, wo Ben die Nacht verbracht hat.

 

 

Beim gemeinsamen Frühstück tauschen wir unsere Pläne für den Tag aus. Linda ist mit Sara verabredet und die Jungs vollenden ihr Werk in Lindas Zimmer und beseitigen im Anschluss hoffentlich das Chaos, das sie veranstaltet haben. Da fragt Linda mich: "Und was hast du heut vor?" Mit einem etwas mulmigen Gefühl in der Magengegend beantworte ich ihre Frage: "Also... Adrian wollte heute vorbeikommen." Alle drei hören schlagartig auf zu essen und starren mich an. "Was denn? Wir haben gestern bei ihm gegessen und seine alten Fotoalben angeschaut und da haben wir gleich vereinbart, dass wir heute meine ansehen und... Pizza bestellen. Dementsprechend muss ich vorher noch zu meinen Eltern und meine alten Alben holen. Die sind nämlich bei denen. Obwohl wir hier eigentlich auch genügend Platz dafür hätten. Aber tja. Muss ich halt vorher noch zu meinen Eltern.", fasele ich einfach unaufhörlich weiter. Da unterbricht Linda mein Gezeter: "Schon wieder?", will sie mit hochgezogenen Augenbrauen wissen. "Das wollte ich auch grad sagen.", gibt auch Ben seinen Senf dazu. Da stelle ich mich – zugegeben etwas ungeschickt – dumm: "Was? Ich war doch schon seit letzter Woche nicht mehr bei meinen Eltern." "Das meine ich nicht.", ergänzt Linda, während auch Ben sich wiederholt: "Das wollte ich auch grad sagen." "Dass du Adrian schon wieder siehst. Ihr habt euch doch gestern erst getroffen." Bens Bemerkung bleibt erneut nicht aus: "Das wollte ich auch grad sagen." Wie Linda mich so löchert und Ben mit verschränkten Armen da sitzt und mich alle drei ohne zu blinzeln ansehen, macht mich glatt nervös, also werfe ich ihnen mehr schlecht als recht hin: "Jaaa, aber wie gesagt. Wir wollten halt auch meine Alben ansehen." Da stellt Linda altklug fest: "Mensch, ihr müsst euch ja echt vermisst haben die letzten Jahre." Und wie zu erwarten war, kann auch Ben sich seinen Kommentar nicht verkneifen: "Das wollte ich auch grad sagen." Gott sei Dank stoppt Dave das Kreuzverhör und meint mit rollenden Augen: "Ben, das nervt." Da kann ich mich nicht zurückhalten und lache: "Das wollte ich auch grad sagen!" Nach kurzem Gelächter bietet Ben sich als Chauffeur an: "Wenn du willst, kann ich dich dann zu deinen Eltern fahren. Ich muss sowieso heute Nachmittag in die Heimat und da kann ich dich absetzen." In die Heimat also, ja? Vielleicht trifft er sich ja mit Juliane. Und vielleicht schieben die beiden wieder mal ne Nummer. "Wieso schaust du denn jetzt so zerknirscht? Ich wollte dir nur meine Hilfe anbieten!", kann Ben meinen Gesichtsausdruck verständlicherweise nicht ganz nachvollziehen. "Ja, ähm... mal sehen." Ich helfe Linda noch beim Abwasch und ziehe mich in mein Zimmer zurück.

 

 

Doch Linda kennt mich gut und es dauert nicht lange, ehe sie mal nach dem Rechten sieht. "Alles gut bei dir?" "Klar, wieso nicht?!" "Naja, irgendwie kam dein Abgang mir grade etwas harsch vor." "Ach, das musst du dir eingebildet haben." Doch sie will nicht so einfach nachgeben und bohrt weiter: "Gabs irgendwie Stress zwischen dir und Ben?" "Nein Linda. Wieso denn?" "Du hast ihn grade fast mit deinen Blicken getötet. Und das einfach so aus der Situation raus. Das riecht doch eindeutig nach einem Josie-Hirngespinst-Spezial!" Wie sie da so in meinem Zimmer mit erhobenem Zeigefinger hin und her tänzelt, sieht so lustig aus, dass ich mir ein Lächeln nicht verkneifen kann. "Also gut. Erwischt. Er meinte ja, dass er noch "in die Heimat" muss. Und bei dem Gedanken musste ich direkt an...", da fällt Linda mir ins Wort: "Juliane denken." Der leichte Unterton in ihrer Stimme lässt sich nicht leugnen. "Ich mein ja nur." "Josie!", will sie mich beruhigen: "Ben hat sie seit einer Ewigkeit nicht mehr erwähnt. Und auch Dave wüsste nichts davon, dass die beiden noch was am Laufen haben. Bist du dir sicher, dass die beiden es treiben?" Da erhebe ich mich von meinem Sessel, verschränke die Arme hinter dem Rücken und argumentiere auf- und abgehend: "Also Linda, viel deutlicher hätte diese Olle es mir nicht sagen können. Und ich sehe auch keinen Grund, weshalb sie mich hätte anlügen sollen. Ben hat mir gegenüber auch bestätigt, dass die Situation "nicht einfach" ist. Das sind für mich genügend Merkmale dafür, dass die beiden es treiben." Fragend legt Linda ihre Stirn in Falten: "Also ich weiß nicht... Und wenn ich doch mal mit Dave..." "Auf keinen Fall!!! Du sprichst Dave nicht darauf an! Das mit Ben ist durch." Auch wenn ich meinen eigenen Worten kaum Glauben schenken kann, gehe ich doch davon aus, dass ich ziemlich glaubhaft wirke, worauf mich auch Lindas Reaktion schließen lässt: "Dann ist ja gut. Immerhin hast du ja auch Adrian!" "Eben.", nicke ich überschwänglich.

 

 

Dass wir uns nur deswegen heute gleich wieder sehen, weil uns Sara die nächsten drei Abende mit ihrer Hochzeitsplanung eingespannt hat und Adrian partout nicht bis zum nächsten Wochenende warten wollte, lasse ich an dieser Stelle unkommentiert. Sara und Sasha haben sich darauf geeinigt, dass die Hochzeit so schnell wie möglich stattfinden soll. Da wir nur etwa 35 Gäste werden und die Pension, von der sie erzählt hat tatsächlich noch genügend freie Zimmer hat und auch der Saal noch frei war, ist der schwierigste Part der Hochzeitsvorbereitungen schon abgeschlossen und der Termin steht fest. Sara und Sascha haben da wirklich den Turbo eingelegt und die Trauung soll bereits in drei Monaten stattfinden. Im Laufe der kommenden Woche besprechen wir noch die Blumendeko, doch auch da hat Sara genaue Vorstellungen. Und in zwei Wochen gehen wir mit ihr ins Brautstudio und suchen nach ihrem Märchenkleid. Ich freue mich schon so darauf, dass ichs kaum abwarten kann. Doch ein wenig muss ich mich noch gedulden.

 

 

Ich war natürlich aus Trotz zu Fuß bei meinen Eltern und schleppe jetzt eine riesige Stofftasche mit vier überladenen Fotoalben durch die halbe Stadt. Manchmal steht mir mein Stolz aber auch sowas von im Weg... Zuhause angekommen und die Treppe erfolgreich erklommen, staune ich nicht schlecht, als Adrian schon da ist. "Adrian! Waren wir nicht erst in einer halben Stunde verabredet?" "Doch, aber ich dachte, ich kann dir noch helfen. Bei den Vorbereitungen. Und ein bisschen Sehnsucht hatte ich auch." "Das ist ja süß von dir.", freue ich mich, wobei ich gleichzeitig auch etwas peinlich berührt bin. Da quietscht Linda total überzogen dazwischen: "Ja! Totaaal süß! Josie, die Jungs sind jetzt endlich fertig mit der Wohnwand. Magst du sie dir mal ansehen?" Da lasse ich mich natürlich nicht lange bitten und husche in ihr Zimmer. Dass Adrian mir dabei auf Schritt und Tritt folgt, lasse ich insoweit unbeachtet. Ich drücke ihm die Speisekarte vom Pizzaservice in die Hand, gebe ihm meine Bestellung durch und bitte ihn, die Pizzen zu bestellen. "Ich geh mir nur kurz die Hände waschen und zieh mir was Bequemeres an. Dann bin ich sofort bei dir." Eilig verschwinde ich im Bad, doch bevor die Türe zu ist, höre ich dass Adrian mir wieder folgt und mit etwas enttäuschter Miene fragt er mich: "Du Josie, sag mal... Also ich dachte eigentlich... Wir wären heute... alleine." Ehe ich ihm antworten kann, ertönt plötzlich eine Stimme hinter mir und lacht: "Keine Sorge, Kumpel. Wir stören euch nicht bei eurem Date." Völlig entsetzt und zu Tode erschrocken drehe ich mich um: "BEN?!?! Mein Gott, hast du mich erschreckt. Was tust du denn schon wieder in unserem Bad?" Da kann er sich bei meinem Anblick nicht zurückhalten und muss grinsen: "Hey, bleib fair! Diesmal hab ich wenigstens was an!" Während mir die Schamesröte ins Gesicht steigt, fragt Adrian verdutzt nach: "Äh, bitte?" Da höre ich mich sagen: "Ach, ihr stört doch nicht, Ben." Doch damit habe ich Adrian nun vollends verwirrt und er hakt nach: "Naja, also mich schon. Ich dachte schon, heute wäre ein bisschen Knutschen und Fummeln drin." Seine direkte Art in allen Ehren, aber damit kann ich grade gar nicht umgehen und spüre, wie meine Gesichtsfarbe immer mehr Richtung Ampel geht. Da geben sich diese beiden Pfeifen lachend ein High-Five und machen sich über mich lustig. "Süß, wenn du so angespannt bist.", meint Adrian während er mich in den Arm nimmt. "Du müsstest sie mal sehen, wenn sie stinkwütend ist. Wenn jemand ihr Müsli weggegessen hat oder so..." Da stichelt dieser Idiot von Ben doch tatsächlich noch! Aber nicht mit mir: "Jaaa und du hast es wohlgemerkt noch nicht fertig gebracht, mir neues Müsli zu kaufen." Kurzerhand boxe ich Ben auf den Arm um mein Unwohlsein zu überspielen. "Nein, ihr könnt ruhig mit uns zusammen die Alben anschauen. Mich stört das nicht.", sagt Adrian schmunzelnd und ich versuche dabei, in seinem Gesichtsausdruck zu lesen, ob er flunkert, oder ob er tatsächlich nichts dagegen hat. Doch momentan bin ich da ganz eindeutig überfragt.

 

 

Der Abend verläuft solala. Wir unterhalten uns gut und die Pizza ist natürlich mehr als lecker, aber hin und wieder kommen wir an einem betretenen Schweigen nicht vorbei. Auch die ständigen Neckereien zwischen Ben und Adrian tragen nicht gerade zu guter Stimmung bei. Immer wieder nehmen sie sich gegenseitig auf den Arm. Beim - gefühlt -  80. Mal wird mir das ganze Theater zu bunt und ich stehe genervt auf: "Ich werd mal nachsehen, ob wir vielleicht noch ne Packung Chips haben." Linda bleibt mein grimmiger Gesichtsausdruck dabei nicht verborgen und sie springt ebenfalls von der Couch auf: "Warte, ich komm mit." In der Speisekammer angekommen, platzt es aus mir heraus: "Boah, irgendeinen von den beiden werd ich heute noch köpfen! Ich muss mir nur noch überlegen, wen!" Da wagt Linda es doch tatsächlich, mich kopfschüttelnd zu belächeln. "Sag mal, was soll das denn jetzt?" "Josie. Die beiden buhlen um dich. Das ist so offensichtlich. Freu dich doch lieber darüber." "Die tun was bitte? Hör auf. Die gehen mir total auf die Nerven. Dauernd kacken die sich gegenseitig an. Wir beide scheinen eine ganz unterschiedliche Vorstellung von Buhlen zu haben." Da muss sie lachen und klopft mir auf die Schulter: "Josie, du bist echt manchmal von der ganz langsamen Sorte. Dauernd will einer den anderen ausstechen. Adrian reitet dauernd darauf rum, wie lange er dich schon kennt. Ben hingegen lässt dauernd durchblicken, dass kürzlich was bei euch gelaufen ist. Das ist echt langsam ein bisschen albern." Da steht urplötzlich Dave hinter uns und plustert sich auf: "Mensch Josie. Bitte gib den beiden Königspudeln ihre Leckerlies, dass sie endlich aufhören können, sich zu zanken." Und während ich schnaufend die Hände in die Hüften stemme, prescht Linda vor: "Da siehst dus!" Doch nach einer weiteren Stunde unaufhörlicher Spitzen gegeneinander und rollenden Augen erklärt Linda den Abend offiziell für beendet. Schon merkwürdig, mir ist erst im Nachhinein aufgefallen, dass man die Anspielungen der beiden auf mich beziehen könnte.

 

 

Während Linda und ich uns die kommenden Tage mit Sara zur Besprechung der Blumendeko und dem Ablauf der Hochzeit treffen, brennt Adrian schon auf unser nächstes Date. Er bombardiert mich regelrecht mit Nachrichten. "Mensch Josie. Du hängst ja dauernd am Handy. Ich dachte, wir wollten die Hochzeit besprechen.", stellt Sara verärgert fest. "Tut mir leid. Es ist nur... Adrian und ich haben heute Abend ein Date und er spannt mich richtig auf die Folter. Dauernd macht er mich neugierig. Das muss echt ein Wahnsinn werden. Ich bin schon total aufgeregt." Während ich hibbelig auf meinem Stuhl hin und her hoppse, mischt auch Dave sich ein, als er sich gerade ne Cola aus dem Kühlschrank holt. "Na hoffentlich schießt er sich damit kein Eigentor, der liebe Adrian." "Ach Quatsch. Es wird bestimmt toll.", entgegne ich ihm mit hocherhobenem Zeigefinger. "Aber wenn er die Messlatte so hochlegt, kann es ja eigentlich nur enttäuschend sein. Ben wird sich freuen..." Da fährt Linda ihm über den Mund: "DAVE! Ich glaub, du hast ne Meise. Verdirb Josie doch nicht die Vorfreude. Und Ben geht das Ganze überhaupt nichts an!" "Das kann er gar nicht. Wie gesagt: Es wird bestimmt toll", beschwichtige ich, während Sara schon halbwegs aus den Ohren dampft: "Schön, dass wir das jetzt geklärt haben! Das Date wird toll. Josie freut sich! Adrian ist toll! Können wir jetzt bitte weiter die Hochzeit besprechen? Ihr wisst, es ist nicht mehr viel Zeit!" Den restlichen Nachmittag beten wir also brav die ToDo-Liste für Saras und Saschas Hochzeit rauf und runter.

 

 

Im Anschluss mache ich mich für die Verabredung mit Adrian fertig. Plötzlich kann ich einen unheimlich tollen Duft aus der Küche wahrnehmen, dem ich einfach folgen muss. Nicht nur deshalb, weil mir mein Magen schon fast in der Kniekehle hängt, sondern auch, weil es schlicht und ergreifend umwerfend duftet. "Was ist das denn? Da läuft einem ja das Wasser im Mund zusammen...", taste ich mich mit Nase voraus an den Herd. Ich hatte Ben nicht in unserer Wohnung erwartet und doch steht er vor mir: "Hey Josie. Schnapp dir nen Teller. Essen ist gleich fertig." Zur Begrüßung gibt er mir ein Küsschen auf die Wange. "Oh, ich kann leider nicht. Ich... ich treffe mich nachher noch mit... mit Adrian." Für einen kurzen Augenblick vernehme ich Verärgerung in Bens Blick und sage nichts weiter. Da kommen schon Dave und Linda angerannt. "Mensch Ben. Das duftet unglaublich. Sag deiner Oma vielen vielen Dank für den leckeren Eintopf." "Ja, das ist genau die richtige Stärkung für die kalte Jahreszeit!" "Was denn? Das ist von deiner Oma?" Mir fällt direkt auf, dass Ben mich während seiner Antwort keines Blickes würdigt. "Ja, ihr Frühlingseintopf mit Würstchen! Sie hat extra mehr gekocht. Eigentlich warst du auch eingeplant. Aber nachdem du es ja vorziehst, dich mit Gel-Adrian zu treffen, werd ich deine Portion ganz einfach selber futtern!" "Gel-Adrian? Wo hast du denn den Quatsch her?", will Dave kichernd wissen. "Ach ich finde den Namen sehr passend. Adrian ist nicht mehr der lustige Typ von früher. Er ist jetzt... Geschäftsmann!" Und dieser Kommentar kam mit einem derartigen Unterton, dass ich für den letzten Feinschliff in mein Zimmer verschwinde. Eigentlich dachte ich, dass die beiden so gut befreundet wären. Aber dass es hier und da Spannungen zwischen den beiden gibt, war neulich ja nicht zu übersehen. Ehe mich Bens Blicke töten, gehe ich nach unten und warte vor der Haustüre auf Adrian. Doch der Zwist zwischen den beiden beschäftigt mich.

 

 

Es dauert nicht lange, da fährt Adrians Auto vor. "Hey Josie. Wartest du schon lange?" Er legt direkt seine Hand auf meinen Oberschenkel. "Nein, ein paar Minuten vielleicht. Aber trotzdem bin ich froh, dass du pünktlich bist. Scheint so, als würde jetzt ein richtiges Schneegestöber starten." "Umso besser. Da ist meine Überraschung genau das Richtige!" Die ganze Fahrt über bin ich so gespannt und neugierig, dass ich unaufhörlich auf meinem Sitz rumhoppele und Adrian mit Fragen löchere. Doch mehr als „Das wirst du schon sehen.“ bekomme ich einfach nicht aus ihm raus. Wir fahren einige Minuten und wie erwartet, stürmt und schneit es immer mehr. Schließlich kommen wir an einer kleinen Holzhütte an. Es brennt Licht, doch bei der schlechten Sicht kann ich nicht viel mehr erkennen. Adrian hilft mir aus dem Auto und begrüßt mich zu aller erst mal mit einem gewaltigen Kuss auf den Mund. Die Zungen bleiben zwar jeweils zuhause, aber seine stürmische Art und die Tatsache, dass er die Hand dabei tief in meinen Nacken legt, lässt einen Schauer über meinen ganzen Körper wandern. Über und über macht sich Gänsehaut breit. Ehe ich überhaupt richtig realisiere, was gerade los ist, nimmt Adrian meine Hand und führt mich zur Hütte. Das Innenleben ist wirklich urig und es kommt einem direkt die Wärme entgegen. Erst auf den zweiten Blick lässt sich die kleine Hütte als Restaurant erkennen. "Wow! Das ist ja unglaublich schön hier." Ich fühle mich direkt so wohl, dass ich mich an Adrians Arm klammere und meinen Kopf auf seine Schulter lege. "Freut mich, wenn es dir gefällt. Der Besitzer ist ein alter Bekannter von mir. Los, du musst erst mal sehen, welchen Tisch ich uns hab reservieren lassen." Wir werden von einem freundlichen Servicemitarbeiter begrüßt und an unseren Tisch begleitet. Dort angekommen, fällt mir vor lauter Begeisterung die Kinnlade runter. Vor mir befindet sich ein unheimlich romantisch eingedeckter Tisch mit etlichen weißen Rosen und Kerzen. Und als wäre das nicht schon wunderschön genug, steht dieser Tisch an einem bodentiefen Fenster, von dem aus man den ganzen zugefrorenen See sieht. Ich bin so geflasht, dass ich gar nichts sagen kann. "Scheinbar gefällt dir meine Überraschung, Josie." "Gefallen? Gefallen?? Das ist der absolute Wahnsinn!", bricht es aus mir heraus. Doch da fällt mir Adrians Auflage für das heutige Date wieder ein: Er hatte mir aufgegeben, dass ich unbedingt Badesachen mitnehmen soll. "Aber sag mal: Wir gehen doch nicht im See schwimmen, oder?!" Da muss er über meine unheimlich dämliche Frage lachen: "Natürlich nicht! Unten gibts noch einen Wellness-Bereich. Da können wir uns nach dem Essen noch entspannen wenn du möchtest." Da nehme ich Platz und meine mit funkelnden Augen: "Na du kannst Fragen stellen! Natürlich gerne!"

 

 

Während des Essens unterhalten Adrian und ich uns gut. Immer wieder nimmt er meine Hand und fragt, ob auch alles zu meiner Zufriedenheit ist. Ich bin nach wie vor vollkommen überwältigt und nicke überschwänglich. "Dass du dir solche Gedanken gemacht hast, Adrian. Das finde ich unheimlich toll von dir. Und das war ja bestimmt auch nicht ganz billig, oder?" "Das lass mal meine Sorge sein. Wie gesagt, ich kenne den Besitzer. Und außerdem bist du jeden Cent wert." Als er diesen Satz haucht, verliere ich mich fast in seinen Augen. "Außerdem musste ich ja mal etwas anziehen, nachdem unser letztes „Date“ ja nicht gerade nach Plan verlaufen ist." Er stochert in seinem Essen rum und legt dabei die Stirn in Falten. "Du meinst, weil die anderen dabei waren?!" Eine Antwort ist nicht nötig. Mit einem ganz unbeschreiblichen Blick sieht er mich an und isst stillschweigend weiter. "Das tut mir leid, Adrian. Ich hoffe, du weißt, dass das nicht so gedacht war. Aber irgendwie..." Ich überlege und überlege, doch eine plausible Erklärung will mir partout nicht einfallen. Doch diese ist längst hinfällig, als Adrian mich unterbricht: "Schon gut. Dafür sind wir ja heute ganz ungestört und können den Abend zu zweit genießen. Heute werden Nägel mit Köpfen gemacht." Ob diese Redewendung an der Stelle gerade passend ist, muss ich wohl erst im Laufe des weiteren Abends herausfinden. Nach dem Essen verschwinden wir nach unten in den Wellness-Bereich. Als ich in der Umkleidekabine bin, gehe ich die bisherigen Ereignisse in Gedanken nochmals durch. Irgendwie liegt ein besonderer Zauber in der Luft. Adrian ist sehr anhänglich. Dauernd sucht er Körperkontakt und sieht mich schwerverliebt an. Dann noch diese Bemerkung mit den Nägeln und den Köpfen. Gespannt blicke ich dem restlichen Date entgegen.

 

 

Vor der Kabine wartet Adrian schon auf mich. "Und jetzt ab in den heißen Whirlpool, oder?" Dabei wandert sofort wieder seine Hand von meiner Schulter über meinen Rücken bis knapp über den Po. Glücklicherweise hab ich mir das Handtuch noch umgelegt, sonst würde Adrian noch sehen, dass er mir direkt die nächste Gänsehaut verpasst. Und auch vom Wellnessbereich aus sieht man den zugefrorenen, im Mondschein glitzernden See. Ich könnte stundenlang die Aussicht genießen. Doch im Whirlpool geht Adrians Flirt-Offensive unversehens weiter. Wir kommen uns ganz nah. Seine Hände streifen über meinen Körper. Anfangs bin ich noch etwas gehemmt, doch Adrian weiß, was er sagen muss, damit ich mich wohlfühle: "Weißt du, Josie. Du bist was ganz Besonderes. Und ich bin unheimlich glücklich, dass wir nach all den Jahren wieder zueinander gefunden haben. Also ich finde, das ist schlicht und ergreifend Schicksal. Das Schicksal hat uns zusammengebracht." Seine Worte bescheren mir ein wohlig-warmes Gefühl ums Herz und lassen mich alles um mich herum vergessen. Er schließt die Augen und kommt näher und näher. Ehe ich mich versehe, küsst er mich und drückt mich dabei fest an sich. In Sekundenschnelle schießen mir Bilder aus unserer gemeinsamen Vergangenheit durch den Kopf. Die Einschulung. Das Schullandheim in der Grundschule. Die ersten Feiern. Unser erster Kuss kurz vor dem Abschluss. Unser Wiedersehen. Ich denke Adrian hat sich goldrichtig ausgedrückt und „Schicksal“ trifft die Sache auf den Kopf. Wir verbringen noch einige Stunden in dem Whirlpool. Engumschlungen und küssend. Immer wieder halten wir kurz inne und können einfach nicht begreifen, dass wir uns endlich haben dürfen. Nach so langer Zeit. Dabei können wir uns das eine oder andere Kichern beim besten Willen nicht verkneifen. "Du hast mich heute Abend richtig verzaubert, Adrian. Weißt du das?" "Naja, zumindest war das mein Plan.", antwortet er mir und küsst mich dabei auf die Wange. "Ich denke, wir sind jetzt schrumpelig genug und sollten vielleicht langsam aus dem Whirlpool rauskommen, findest du nicht?!" Ich lege meinen Kopf in seinen Nacken und jammere: "Aber dann ist der Abend zu Ende. Und ich will nicht, dass der Abend zu Ende geht. Ich will für immer hier bleiben. Und auf den See starren." Da rückt Adrian zögerlich – und meinerseits völlig unerwartet – mit der Sprache raus: "Naja, der Abend muss damit nicht zu Ende gehen." Grübelnd sehe ich ihn an. Doch ehe ich mir noch die Birne kaputtdenke, klärt er mich auf: "Ich hab ein Zimmer für uns reserviert. Oben. Im ersten Stock. Wir könnten... da übernachten wenn du möchtest." Etwas verdutzt und überfordert, versuche ich an weitere Informationen zu gelangen, sodass sich mir vielleicht bei Gelegenheit ein Gesamtbild präsentiert: "Wann hast du denn das gemacht? Etwa vorhin? Nachdem du auf Toilette warst?" "Nein, nein.", muss er schmunzeln. "Es gibt hier nur vier Zimmer und die sind grundsätzlich bis auf Monate ausgebucht. Ich musste das schon im Vorfeld regeln. Harry, der Besitzer wäre mir auch fast aufs Dach gestiegen, aber Beziehungen zahlen sich doch immer irgendwie aus. Ich konnte also noch kurzfristig eine Reservierung ergattern. Für uns beide. Heute Nacht." Gespannt versucht er, in meinem Gesicht zu lesen, wie ich mich entscheiden werde. Doch um etwas Ernsthaftigkeit aus der Situation zu nehmen, spaße ich herum: "Puuuh, also mein lieber Adrian. Da warst du dir aber schon vorab ziemlich sicher, dass der Abend gut für dich laufen wird, was?!" Plötzlich schlägt seine Miene von verträumt auf verängstigt um und er beschwört, dass er keine Absichten für den heutigen Abend hatte. "Zumindest nicht in diese Richtung. Ich wollte nur vorsorgen. Weißt du, der Wetterbericht hatte ja auch gemeldet, dass..." Da unterbreche ich kurzerhand sein Gezeter mit einem Kuss und willige ein: "Wir können gerne hier bleiben, Adrian." Da kann er sich ein zufriedenes Seufzen nicht verkneifen.

 

 

Auf unserem Zimmer angekommen muss Adrian mir eine Bemerkung verzeihen: "Mensch, das ist ja ein wirklich großes Bett!" "Naja Josie. Wir müssen ja nicht zum Äußersten gehen.", meint er und starrt dabei auf den Fußboden. "Alles gut. Mach dir keinen Kopf, Adrian." Ich springe eben unter die Dusche und trage Adrian auf, das Fernsehprogramm nach einem schönen Film zum Entspannen zu durchforsten. Doch ich muss leider feststellen, dass der Film entweder zu entspannend war oder eher ein wenig langweilig. Jedenfalls schläft Adrian da in seinem Bademantel tief und fest auf dem Bett und schlägt erst zögerlich seine Augen auf, als ich lautstark mein Handy auf das Nachttischchen fallen lasse. "Ups. Entschuldige. Ich wollte dich nicht wecken." Etwas zerknirscht und verwirrt schaut er mich an: "Bin ich... bin ich eingeschlafen?." "Das macht doch nichts. Die Fahrt hier her bei dem Wetter war mehr als anstrengend.", säusele ich ihm zu und streiche ihm dabei über die Wange. Da richtet er sich auf, flüstert: „So anstrengend war es auch nicht.“ und küsst mich erneut. Dabei streift seine Hand über meine Wange, meinen Hals seitlich an der Brust vorbei und verläuft sich schließlich zwischen meiner Taille und meinem Rücken. Ich genieße seine Berührungen und lege schließlich meine Hand auf seine starke Brust.  Ich bin fast soweit abzuwarten, wohin der Abend noch führt, als Adrian unbeabsichtigt sämtliche meiner anregenden Gefühle im Keim erstickt: "Aua. Ich hab mich an deinem Armkettchen gekratzt." "Mein Armkettchen?" Das Armkettchen von Ben! Und schwups regt sich bei mir nichts mehr. Wie ein Schuss  trifft mich die Erinnerung an Bens und meine gemeinsame Nacht. Adrian küsst mich gerade am Hals und lässt seine Finger langsam aber sicher unter meinen Bademantel wandern, als ich ihn abrupt stoppe: "Adrian! Ich..." Doch zuerst weiß er nicht, worauf ich raus will und werkelt weiter: "Josie, ich will dich." Und wie sehr er mich will, lässt sich wahrlich nicht leugnen. Das verrät er mir von ganz allein. Mit etwas mehr Druck nehme ich seine Hand von meinem Oberschenkel, rolle meine Schulter wieder in meinen Mantel und unterbreche seine wilden Annäherungen. "Was... was hast du denn?" Adrian sieht mich mit großen Augen an. "Ich... ich kann das nicht! Tut mir leid, Adrian. Es geht einfach nicht!" Ich habe die Worte noch nicht ausgesprochen, lässt er von mir ab und entschuldigt sich unnötigerweise. "Mir tut es leid, Josie. Entschuldige. Da war ich wohl etwas ungestüm. Das war... tut mir leid. Ich dachte nur..." "Wirklich Adrian. Du musst dich nicht entschuldigen." Er lächelt mir noch kurz zu und meint, dass er jetzt duschen geht. "Am besten... KALT duschen!", witzelt er. Auch wenn er die Aktion von mir ziemlich lässig aufgenommen hat und es ihm sogar gelingt, Witze zu reißen, ist die ganze Situation doch sehr unangenehm. Daher beschließe ich, „eingeschlafen zu sein“, bis Adrian aus der Dusche kommt. Und siehe da: Er kauft es mir ab. Er gibt mir noch ein Küsschen auf die Stirn, legt sich zu mir ins Bett und kuschelt sich fest an mich.

 

 

Am nächsten Morgen werde ich von meinem Handy geweckt. Eine Nachricht von Linda: >Hey du. Alles klar bei dir?< Ich antworte ihr kurz und da beginnt auch Adrian bereits, sich zu strecken und zu blinzeln. Die Stimmung zwischen uns beiden ist ein wenig angespannt. Auch auf der Autofahrt ist nicht wirklich viel Gesprächsstoff aufzubringen. Doch bevor Adrian mich vor meiner Haustüre absetzt, möchte er doch nochmal die Fronten klären. Er nimmt meine Hand und küsst sie: "Josie, was ist das denn jetzt hier mit uns? Ich... ich bin verrückt nach dir. Und ich will mit dir zusammen sein." Das hatte ich befürchtet. Eine Liebeserklärung. Mein Leben lang hab ich davon geträumt, dass mein Adrian mir solche Sachen sagt. Aber jetzt... jetzt ist das alles... kompliziert! "Adrian ich... das geht doch... ich kann keine Beziehung mit dir führen." Halbwegs panisch reißt er die Augen auf und lässt meine Hände los. Doch ehe er in Tränen ausbricht, beginne ich mit meiner Erklärung: "Also nicht niemals! Aber ich kann es zumindest JETZT nicht. Weißt du, ich hab so viel durch... Eine Beziehung zum jetzigen Zeitpunkt wäre mir einfach zu viel. Zu schnell. Und zu kompliziert!" Er popelt an seinem Lenkrad rum und meint niedergeschlagen: "Du hast viel durch? Du meinst Ben, oder? Er schwirrt dir noch im Kopf rum! Pff... dieser Glückspilz." Etwas verschnupft schüttelt Adrian den Kopf. "Naja, es liegt auch an meinem Exfreund. Du weißt, dass das wirklich überhaupt kein schönes Ende gefunden hat. Und dann das mit Ben. Ich will mich einfach nicht selber überfordern. Verstehst du das?" Sein starrer Blick lässt sich durch meine Worte erweichen. "Nimm dir die Zeit, die du brauchst." Er gibt mir ein Küsschen auf die Wange und fügt noch hinzu: "Aber dass du eines weißt: Ich werd mich mit keiner anderen treffen. Ich werde keine andere ansehen oder ähnliches. Und du... du sagst mir einfach Bescheid, wenn du deine Meinung änderst." So viel Verständnis finde ich wirklich rührend und gebe ihm schließlich einen Kuss auf den Mund, ehe ich aussteige.

 

 

Auf dem Weg nach oben lasse ich unser komplettes Date nochmal revue passieren. Ganz verträumt schließe ich die Türe auf und Linda und Dave räumen gerade den Frühstückstisch ab. "Sag mal, wo kommst du denn jetzt her?", fragt Linda ganz enthusiastisch, während Dave den Altklugen spielt: "Da fragst du noch?" Doch so wirklich Notiz scheint man hier nicht davon zu nehmen, wo ich mich die ganze Nacht über rumgetrieben hab. Also beschließe ich, auch kein großes Ding draus zu machen und öffne mit knurrendem Magen den Kühlschrank. "Was denn, hatte Adrian wohl kein Frühstück zuhause?", stichelt Dave und grinst mich dabei dämlich an. "Josie, wir haben echt lange auf dich gewartet. Ben hat dir sogar dein Müsli mitgebracht. Er wollte auch mit uns frühstücken." "Oh ja. Mein Lieblings-Müsli, das ist jetzt genau das Richtige." Und wieder spricht Dave mich mit deutlichem Unterton von der Seite an: "Da wirst du Pech haben. Ben hat es wieder mitgenommen!" Und weiterhin provokant grinsend verschwindet er schließlich in seinem und Lindas Zimmer. Ehe ich nachfragen kann, kommt Linda mit bedröppelter Miene auf mich zu und nimmt meine Hand: "Mensch Josie. Da hast du heute schon für mächtig Drama gesorgt!" "Was? Warum denn? Ich war doch gar nicht da!" "Ja eben! Ben war schon ziemlich früh vor der Türe gestanden. Er wusste ja, dass du ein Date mit Adrian hattest und wollte höchstwahrscheinlich nachhören, wie es so gelaufen ist." "Und dann... ist ihm aufgefallen, dass ich nicht da bin, stimmts?!" "Exakt! Er ist mit der Müslipackung in dein Zimmer gestürmt und wollte dich wachtrommeln, da hat er feststellen müssen, dass du nicht da bist. Und dein Bett noch gemacht ist." Ich kriege unweigerlich ein wahnsinnig schlechtes Gewissen und muss mich setzen: "Oh Mann!" "Aber hallo. Er stand einige Sekunden in deinem Türrahmen. Wie versteinert. Es hat ihm überhaupt nicht gefallen, dass du die Nacht mit Adrian verbracht hast." "Hat er denn... noch was gesagt? Erzähl schon." Da folgt Linda mir an den Tisch und setzt sich zu mir. Ihr wehleidiger Gesichtsausdruck lässt nichts Gutes erwarten: "Nicht wirklich. Bevor er fragen konnte, hat Dave ihm schon gesagt, dass du nicht zuhause warst. Dann hat es nicht lange gedauert, bis er mit einem Satz verschwunden war. Das Müsli hat er mitgenommen. Er war stinksauer. Und meiner Meinung nach auch mega enttäuscht."

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Corinna König).
Der Beitrag wurde von Corinna König auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.02.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Bücher unserer Autoren:

cover

Dämonen-Lady - Lust im Reich der Schatten von Doris E. M. Bulenda



Ich hatte nur mal ausprobieren wollen, ob so etwas funktioniert, so eine Beschwörung. Es war ein albernes Spiel gewesen. Dass daraus eine Bedrohung für mich werden sollte, mein ganzes Leben bald völlig Kopf stehen würde, wie hätte ich das ahnen können...? Der Dämon Aziz fährt nach einer geglückten Beschwörung in den Kopf der Protagonistin und bestimmt ab jetzt ihren Willen, enthemmt sie sexuell, lehrt sie Lust und höchste Leidenschaft, nötigt sie zum Beischlaf mit X-beliebigen - ob mit Männlein oder Weiblein. Er trainiert sie zur erotischen Kampfmaschine [...]

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Liebesgeschichten" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Corinna König

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Josie - Mein Leben und ich TEIL 19 von Corinna König (Liebesgeschichten)
.....sich neu entdecken... von Ina Klutzkewitz (Liebesgeschichten)
Der falsche und der echte Nikolaus von Ingrid Drewing (Wahre Geschichten)