Hartmut Wagner

Una Paloma Blanca,Geld, Tod, Lied, Liebe

Am Abend des 16.1.2019, eines schauderhaften, verregneten, finsteren und nasskalten Mittwochs, so um 21 Uhr, hatte Ödipus Lustig, ein vierundsiebzigjähriger Greis mit fast abgelaufenem Verfallsdatum, aber trotzdem höchst galgenhumorig, fröhlichen Sinnes und Gemütes, in seiner Ergster Wohnung endlich alle Alltagsformulare ausgefüllt und auf der Toilette noch einmal an diesem ekelhaften Wintertag umständlich ein letztes anrüchiges Geschäft verrichtet.

Danach strebte er eilig frohen Mutes seinem Wohnzimmer entgegen, wo ein bequemer Ohrensessel und eine dicke Schwarte aus der Schwerter Stadtbibliothek auf ihn warteten. Ihre Leiterin ist übrigens die äußerst liebenswürdige und kompetente Anja Stock, die mit ebensolchem Personal zusammenarbeitet. Sie hat sein bisher einziges veröffentlichtes Buch: „Prümie holt den Glömp zurück. Eine Dorfgeschichte aus dem Ergste der fünfziger Jahre“ in die Bibliotheksbestände eingestellt und ebenfalls die Anthologie „FriedenLieben“, in der Ödipus einen längeren Beitrag über seine halbjährige, unfreiwillige Zeit, Oktober 1966 bis Februar 1967, davon einen Monat wegen Befehlsverweigerung in Bundeswehrhaft, beim Panzeraufklärerbataillon der Bundeswehr in Hessisch-Lichtenau veröffentlichte.*

Auf dem kleinen Tisch neben dem Sessel stand ein Tellerchen mit sechs Schwarzbrot Schnittchen, darauf gut gepfefferte Tomatenscheiben und Zwiebeln, neben dem Wälzer von Andreas Eschbach: „Billion Dollar“. Beim Lesen gedachte Ödipus sich die Leckerbissen genüsslich einzuverleiben. „Gedachte er“, wohl gemerkt! Doch halt, da fehlte noch etwas, ein Getränk. Das aber enthielt der Mixbecher in der Küche, ein Gemisch aus Kaffee, Milch, eiskaltem Ruhrwasser aus dem Kühlschrank, Cola ohne Zucker, einer Banane, einer Apfelhälfte und zwei Schaumküssen, einen göttlichen Milchshake!

Sein Lieblingsgetränk!

Wenn Ödipus es Gästen anbietet, Freunden, Familie, Bekannten, und ihnen sagt, was für ausgezeichnete Zutaten es besitzt, runzeln sie die Stirnen und lehnen ab: „Nein, danke, jetzt bitte nicht! Vielleicht später, danke!“ Das versteht er überhaupt nicht.Um also dem schrecklichen Winter seine Schrecken zu nehmen und ihm durch Lesen, Essen und Trinken in eine andere Welt zu entfliehen und ein unsichtbares Sahnehäubchen aufzusetzen, hastete er zum Getränk in der Küche. Je älter Ödipus wird, um so mehr hasst er den Winter. Am liebsten würde er die Wörter: Winter, Frost, Eis und Schnee aus dem Wörterbuch entfernen und das, was sie bezeichnen, aus dem Wetter.

In der Küche schlug das Schicksal zu. Eine Überschwemmung! Der Fußboden stand daumendick unter Wasser und schon passte der Abend wunderbar zu dem ganzen verkorksten Tag.

Ödipus fluchte und wehklagte. Vergeblich! Dann machte er sich auf die Suche nach der Quelle. Die findet man bei überraschenden Wassereinbrüchen meist erst nach nervenaufreibender Suche. Denn Wasser hält sich selten an wahrscheinliche Wege, sondern fließt, sickert, plätschert oder quillt da, wo es will, manchmal um unwahrscheinliche Ecken oder gar bergauf. Aber in diesem Fall strömte es irgendwo unter der Spüle aus.

Nach einer halben Stunde ätzender Sucherei und steigender Fluten erblickte Ödipus rechts unten auf der Hinterseite des Boilers ein winziges rechteckiges Loch. Da musste ein klitzekleines Plastikteil gesteckt und Auslaufkatastrophen verhindert haben, aber aus irgendeinem Grund verschwunden sein. Es war trotz intensiver Suche nicht mehr aufzufinden und steigendes Ha-Zwei-Oh machte ihn nun gar nicht froh.

Ödipus kam auf eine sehr gute Idee, wie ihm schien. Als Fan zahnpflegenden Kaugummis dachte er sich, diese Substanz verhindert nicht nur Löcher im Gebiss, sondern kann sicher in gut durchgekautem Zustand auch solche in Boilerlöchern abdichten. Schnell verwandelte er eine kleine Menge Kaugummikissen im Mund zu einem großen weichen Klumpen. Mann, der klebte wirklich wie angegossen auf dem Loch. Der Wasserfall versiegte augenblicklich. Ödipus machte sich an die Trockenlegung seiner Küche. Danach wusch er seinen Aufnehmer mit warmem Wasser aus dem Boiler in der Spüle aus. Zur Sicherheit warf er noch einen Blick auf den Kaugummiflicken. Bis zum morgigen Besuch im Schwerter Toom-Baumarkt würde das Provisorium sicher halten.

Ja, von wegen! Heißes Wasser sickerte unter dem mittlerweile sehr weichen Zahnpflegemittel hervor. Ödipus fluchte gotteslästerlich. Dann erleuchtete ihn ein Gedanke, der ihm schon viel eher hätte kommen sollen: Klemm doch einfach bis zur Reparatur die Wasserzuleitungen des Boilers ab, bau ihn aus und benutze so lange den Wasserhahn an der Spüle nicht mehr. Nachdem er das geregelt und die Küche wieder in einen fast erträglichen Zustand gebracht hatte, kroch er frustriert zu seiner Frau ins Bett. Es war spät geworden, an Lesen, Essen und Trinken gar nicht mehr zu denken. Himmel, Donner, Sakrament!

Am anderen Morgen im Toom-Baumarkt: Da kommt ein schon älteres, aber noch sehr gut erhaltenes Ehepaar um die Ecke und verschwindet rasch. Mann, die kennt er doch irgendwoher! Nochmal um die Ecke, da kommen sie ihm schon entgegen. „Mann, Ödi, altes Haus! Ich sage gerade zu Josef: ,Guck mal! Ein Doppelgänger von Ödipus!' Da meint der: ,Quatsch Maria, das ist er selbst!' “

„Ja, gibt's denn so was! Maria und Josef! Und immer noch ohne das liebe Jesulein! Was macht ihr denn hier? Ich muss ein Ersatzteil für meinen Untertischboiler in der Küche kaufen oder womöglich sogar einen ganz neuen. Mein Alter hat gestern meine Küche unter Wasser gesetzt. “

Josef ist ein großer, gut aussehender, schlanker Mittsechziger. Maria eher klein, aber handfest und zehn Jahre jünger. Früher trug sie oft recht kurze Röcke zu ihren ansehnlichen Beinen und war wie „Mann“ in den siebziger Jahren noch sagte, eine „geile Ische“ bzw. „ein griffiges Gerät“. Sie liebt ihren Garten, ihr gepflegtes Eigenheim und selbstverständlich ihren Ehemann. Josef ein leidenschaftlicher Taubenzüchter liebt außer seiner Frau und seinem ersten Hobby das Fahrradfahren und Joggen. Sie wohnen in Opherdicke, oft zu „Oppa dicke“ verhunzt, bei Unna am westfälischen Hellweg.Er antwortete: „Ja, was machen wir hier? Maria will mal wieder innen renovieren und heute suchen wir passende Tapeten und andere Materialien aus.“ „Das muss ja auch gelegentlich sein, damit der liebe Jupp mal was anderes sieht als seine Tauben und ihren Schlag.“

„Ach Ödi, wo sie gerade ,Tauben' sagt. Ich muss dir da eine Geschichte von einem Taubenkollegen hier in der Nähe aus Kessebüren erzählen. Die glaubst du einfach nicht. Das gibt es gar nicht. Totaler, nackter Wahnsinn.“ „So ist er nun einmal. Alles totaler Irrsinn mit den Viechern! Ich hoffe er erzählt nicht bis heute Abend diese unerhörte Story.“ „Ach Maria, lass ihn reden! Du weißt doch, ich höre nichts lieber als spannende Geschichten.“

„Also, du glaubst das einfach nicht. Der Marius Müller aus Kessebüren, der wohnt da dicht beim Restaurant Ententeich, trinkt gerne Erdinger Weißbier, ist selbstständiger Klempnermeister, so ein kleiner, fideler Rundling, der zwar Wein und Weib, aber keinen Gesang liebt. Er spielt leidenschaftlich Poker, hat sich vor fünf Jahren gewaltig verzockt und besitzt die schnellste Taube Deutschlands, Europas, ja, vielleicht der ganzen Welt! Ein Vogel wie ein Gedicht, obendrein schneeweiß! „La Paloma Blanca“, „Die Weiße Taube“, „LPB“, so heißt das Prachtstück.

Die trippelte immer schon auf dem heimischen Dachfirst umher, wenn die meisten Tauben noch nicht einmal die Hälfte der Strecke geschafft hatten, aber leider auch immer noch, wenn die anderen schon alle wieder da waren. Wegen ihrer stundenlange Taubenschlag-Phobie nach Wettflügen hatte die rasante Fliegerin noch nie einen der ersten Plätze belegt. Denn erst, wenn LPB über einen mit Sensor bestückten Steg in den Schlag lief und der Chip an ihrem Fuß die Messung der Ankunftszeit ermöglichte, war die Taube nach den Wettkampfregeln angekommen.

Im letzten Sommer sollte LPB Marius das verlorene Pokergeld bei einem Wettflug doppelt und dreifach wieder einbringen. Er wettete mit „Pocke“ Beluga, einem zwielichtigen Bauunternehmer aus Unna, dem man Verbindungen ins Rotlichtmilieu und Neigungen zu riskanten, durchaus auch illegalen Wetten nachsagt, um 100000 Euro. Tatsächlich, wirklich und wahrhaftig! Müllers weiße Taubenrakete würde im Juli die Strecke von Saßnitz auf Rügen bis nach Kessebüren am schnellsten zurücklegen. Und so kam es denn auch.

Die Strecke von Saßnitz bis Kessebüren misst per Luftlinie rund 520 Kilometer. An einem Sonntagmorgen starteten die Tauben um 10 Uhr bei hervorragenden Bedingungen, leichter Ostwind, wolkenloses Sommerwetter, 25 Grad über Null. „LPB“ war unsterblich verliebt in den stattlichen Täuberich Gigant, einen wahren Koloss unter den Taubenmännern, der im Kessebürener Taubenschlag Mario Müllers sehnsüchtig auf sie wartete. Richtig heiß war sie.

Wie heiß, kannst du vielleicht erst ermessen, wenn ich dir ein Experiment über das sexuelle Verhalten von Tieren am Beispiel männlicher und weiblicher Mäuse beschrieben habe. Die Mäuse lebten getrennt von Maschendraht in einem Käfig. Der Draht hing genau in der Mitte und stand unter Schwachstrom. Anfangs versuchten die Männchen genau wie die Weibchen immer wieder auf die andere Seite hinüber zu kommen. Nach relativ kurzer Zeit stellten die Männchen das schmerzhafte Verhalten ein, die Weibchen nicht. Schließlich starben alle an den ständigen Stromschlägen. Die Männchen lebten weiter.

Weiblich Tauben sind nur durch einen einzigen anderen gleich wirksamen und gleichfalls grausamen Trick zu veranlassen, schnell zu fliegen. Man nimmt sie vom Nest herunter. Die Taube fliegt also normalerweise „gemütlich“ durch die Gegend, aber Gatten- bzw. Kinderliebe bewegt sie zu Höchstleistungen. Die „Strohwitwer-“ bzw. „Nestmethode“ bringen immer wieder die Tierschützer auf die Palme.

Die verliebte „LPB“ war schon um 15 Uhr nachmittags auf Marios Dachfirst gelandet, hatte den langen Weg also mit durchschnittlich 100 km/h zurückgelegt. Das vermag nur wahre Liebe!  Auf Lockrufe und leckerste Speiseangebote reagierte sie wie immer, nämlich gar nicht. Auch Gigants verliebtes Gegurre zwang die „Weiße Taube“ nicht in den Schlag. Die 100000 Euro gerieten in Gefahr. Mario aber hatte dieses Mal eiskalt vorgesorgt. Er rannte auf die Straße,in der Hand sein Luftgewehr. Fünf Mal schoss er blitzschnell hintereinander. Dann holperte die stolze „LPB“ als weißer Federklumpen über die Dachpfannen schlaff in den Vorgarten.

Sofort ergriff ihr Mörder sie und rannte zum Taubenschlag auf dem Dach empor. Es war 15 Uhr 15 als der geldgierige Taubenzüchter den bechipten Taubenfuss über den Sensor im Boden des Schlageingangs zog und so die Ankunftszeit „LPBs“ beweiskräftig dokumentierte. Er war zwar ein Mörder, aber auch 100000 Euro reicher. Pocke verweigerte zunächst die Zahlung unter Hinweis auf das mörderische Gemetzel Marios. Der jedoch unterbreitete ihm ein Angebot, das Beluga kaum ablehnen konnte, nämlich die Unnaer Kripo bei Zahlung nicht über ein illegales Casino im Wohnzimmer der Jagdhütte des Zahlungsunwilligen nahe beim sauerländischen Drolshagen zu informieren. Und so flossen denn die 100000 Euro in 20 Tranchen von je 5000 auf das Konto des kindermörderischen Taubenvaters.“

Josef hielt inne, etwas außer Atem, da er schnell geredet hatte, um nicht vor dem Ende der Geschichte von Maria in die Tapetenabteilung abgeschleppt zu werden. Seine Frau hatte die Story höchstwahrscheinlich auch schon des Öfteren gehört, Ödipus aber nicht. Er war entsetzt, aber ebenso fasziniert: „Unmöglich, ganz unglaublich! Das habe ich noch nie gehört. Wie ein Jockey, der wegen einer Wette sein bestes Pferd erschießt! Ganz und gar unvorstellbar!“ Maria zog Josef am Ärmel in Richtung Tapeten. „Ich, ich habe das aber schon mindestens tausend Mal gehört. Komm jetzt mit. Die Zeit rennt uns davon. Wir treffen uns sicher bald mal wieder bei Monika, Manfred und dem kleinen Lenchen in dem schönen Haus in Strickherdicke, Ödi. Tschüsschen, bis dann!“ Maria entschwand zusammen mit dem widerstrebenden Josef in das Reich der Farben und Tapeten.

Ödipus erfuhr bald aus dem Munde eines sachverständigen Toom-Mitarbeiters: „Wir könnten ihnen das Ersatzteil vielleicht liefern, wenn Sie den defekten Boiler mitbringen und ich sehe, was wir brauchen. Aber vorrätig haben wir mit Sicherheit nichts. Da gibt es so viele Modelle, alte, neue. Dauernd ändert sich was. Ich will keine falschen Hoffnungen wecken. Aber da, genau vor Ihnen, ein tolles, sparsames und umweltfreundliches Untertischgerät, Energieklasse AA, für nur fünfzig Euro, fast geschenkt.“

Das Wortgerausche ging fast ungehört an Ödipus vorbei. Er dachte nur an den traurigen Taubentod. Das ging einfach nicht, nie und nimmer, ganz und gar nicht! Diese Geschichte hatte ein viel besseres Ende verdient und das würde er erfinden. Ein Geschichtenerzähler, ein Schriftsteller, ist wie Gott. Wie der kann ein Storyteller Wunder wirken und Welten aus dem Nichts erschaffen, die Bösen bestrafen und die Guten belohnen, zwar nur auf dem Papier und in der Phantasie, aber immerhin. Und Mario Müller den würde Ödipus bestrafen, oh ja, oh ja! Auge um Auge, Zahn um Zahn! Was das heißt, das würde der erfahren! Zwar nur auf dem Papier und in der Phantasie, aber immerhin, immerhin!

Na, ihm blieb ja beinahe nichts anderes übrig. Um sich weitere Boilerexpertensprüche zu ersparen, auch ungewisses Warten auf nicht mehr greifbare Ersatzteile und eine Reparatur vom Klempnermeister, die wahrscheinlich teurer wäre, griff Ödipus entschlossen zum preisgünstigen Qualitätsboiler für 50 Euro. Dann fuhr er schleunigst mit seinem alten, Baujahr 1995, Laufleistung 220000 Kilometer, weißen Mercedes C 180 zu seiner Wohnung im Ergster Lührmannsweg 9 zurück, schloss die neue Errungenschaft mit wenigen einfachen Handgriffen dem Strom- und Wasserkreislauf an und überprüfte die Funktionen. Alles stimmte: Wasserdruck samt -temperaturen und nirgends trat auch nur ein Tröpfchen Flüssigkeit aus.

Den restlichen Tag verbrachte Ödipus damit, diese Geschichte bis hierhin in seinen Laptop zu tippen und danach der Taubentragödie ein scheinbar gerechtes Ende anzufügen:

"Mario aber hatte dieses Mal eiskalt vorgesorgt. Er schnappte sich sein altes Luftgewehr und öffnete die Tür zum Taubenschlag. Ängstlich flüchteten die Tauben in die hinterste Ecke und gurrten furchtsam. Der Zocker legte kaltblütig auf „LPB“ an, die nichtsahnend auf dem Dachfirst einher stolzierte. Dann schlug das Schicksal zu. Der Gewehrlauf verhedderte sich im Draht des Taubenschlags. Mario stolperte nach vorne und durchbrach mit voller Wucht kopfüber den dünnen Maschendraht des Taubenkäfigs, in dem ein großes Loch entstanden war. Alle Tauben flohen aufgeregt in die Freiheit.

Marios Überreste hingen seltsam verrenkt auf den scharfen Spitzen des eisernen Vorgartenzauns. Blut floss in Strömen.“Ödipus war stolz über das neue Ende der Taubentragödie.

Am nächsten Sonntag, dem 20.1.2019, besuchten um halb zehn am Morgen Maria, Josef und Ödipus in dem schönen Haus am Rand Strickherdickes die Familie Tal, Monika, Manfred und das zehnjährigen Lenchen. Alle saßen eine Dreiviertelstunde später gut gesättigt vom reichhaltigen Frühstück aus Kümmel-, Kürbiskern- und Mohnbrötchen belegt oder bestrichen mit Lachs, Käse, hausgemachtem Pflaumenmus und sehr erwartungsvoll an dem langen Holztisch vor dem Panoramafenster im Wohnzimmer.

Ödipus hatte versprochen nach dem Frühstück die geänderte Taubennovelle vorzulesen und man war sehr gespannt auf das neue Ende, besonders Lenchen, eine begeistert Geschichtenliebhaberin, auf deren hübschem Himmelfahrtsnäschen sich mindestens tausend Sommersprossen tummelten. Ihr Opa Willi hatte der Enkeltochter im Kleinkindalter mal eine selbsterfundene Geschichte erzählt, die mit einem fürchterlichen Unwetter, Blitz und Donner endete. Das beeindruckte die Enkelin ungeheuer und von da an mussten alle seine Geschichten mit Gewittern enden. Inzwischen war die Gewitterzeit vorbei und die junge Dame akzeptierte auch andere Geschichten.

Ödipus las also unter Einsatz viel schauspielerischen Talentes die ganze Geschichte mit geändertem Ende seinem fast ausschließlich begeisterten Publikum vor. Lebhafte Gestik und Mimik sowie angemessene stimmliche Modulation perfektionierten die Vorlesung. Zum Schluss prasselte frenetischer Beifall auf den Vorleser nieder und Maria rief aus: „Endlich mal ein Schweinehund, der seine verdiente Strafe bekommt. Sonst machen die doch heute im Kino, Fernsehen und in der Zeitung aus jedem Drogenhändler und Massenmörder wie El Chapo einen selbstlosen Volkshelden und aus jedem Millionendieb einen Vorkämpfer für die antikapitalstische Vermögens- und Einkommensumverteilung. Bravo Ödi!“

Nur Lenchen hatte keinen Beifall geklatsch und auch den Vorleser nicht gelobt. „Nein, das war doch überhaupt kein schönes Ende, nur ekelhaft und brutal, und das ganze Blut, so widerlich und schrecklich! Ich wüsste ein viel besseres Ende als Ödi.“ „Aber Lenchen, wie kannst du so was sagen! Die Gerechtigkeit hat gesiegt. Und dafür bist du doch immer,“ sprach Mutter Monika.

Ödi jedoch war gerade eingefallen, dass er bei amnesty international während vieler „urgent actions“, „dringender Aktionen“ gegen den weltweiten, unmenschlich brutalen Unfug der Todesstrafe gekämpft hatte. Deswegen bemerkte er: “In gewisser Weise stimme ich unserem schlauen Marlenchen zu. Die Gerechtigkeit hat zwar gewonnen, aber blutig und brutal. Vielleicht fällt uns allen zusammen ja noch etwas Besseres ein. Ich schlage vor wir treffen uns in vierzehn Tagen noch einmal hier, wenn der Gastgeberfamilie das recht ist und auch Maria und Josef diesen Termin, Sonntag, den 3. Februar, noch frei haben.“

Nach lebafter Debatte stimmten alle diesem Vorschlag zu, allerdings mit der Beschränkung auf nur eine Dichterin, klar, Lenchen, und einen Dichter, nämlich Ödipus.

Am Sonntag, dem 3.2.2019, besuchten erneut um halb zehn am Morgen Maria, Josef und Ödipus in dem schönen Haus am Rand Strickherdickes die Familie Tal, Monika, Manfred und das zehnjährigen Lenchen. Alle saßen eine Dreiviertelstunde später wieder gut gesättigt vom reichhaltigen Frühstück aus Kümmel-, Kürbiskern- und Mohnbrötchen belegt oder bestrichen mit Lachs, Käse, hausgemachtem Pflaumenmus, anderen Leckerbissen und sehr erwartungsvoll an dem langen Holztisch vor dem Panoramafenster im Wohnzimmer.

Marlene und Ödipus wollten nach dem Frühstück die geänderte Taubennovelle vorlesen und man war sehr gespannt auf die neuen Enden.

Lenchen, auf deren hübschem Himmelfahrtsnäschen sich inzwischen doppelt so viele Sommersprossen tummelten wie noch vor vierzehn Tagen, ließ Ödipus großzügig den Vortritt, nachdem der etwas von „Ladies first“ gemurmelt hatte. „Ach, du bist doch viel älter. Deswegen darfst du anfangen.“ Und so geschah es.

Ödipus las also unter Einsatz viel schauspielerischen Talentes das zum zweiten Mal geänderte Ende seinem fast ausschließlich begeisterten Publikum vor. Lebhafte Gestik und Mimik sowie angemessene stimmliche Modulation perfektionierten die Vorlesung:

„Jetzt war er, Mario Müller, reich. Ja, Pocke, dem würde er es zeigen. Und so erschien denn der Klempnermeister eine Woche nach Empfang der 100000 Euro zu später Stunde in der Drolshagener Jagdhütte. Dort schloss er sich einer illustren Pokerrunde an. Die Stunden vergingen und der Zigarren- und Zigarettenqualm über dem Pokertisch ballte sich zu einem stinkenden Wolkengebirge. Die Zocker vergaßen Zeit und Raum, Gott und die Welt.  Um drei Uhr morgens hatte der Klempnermeiser sein Geld um das Doppelte vermehrt. Ha, jetzt bin ich fast Halbmillionär, dachte er. Doch ich, ich will alles.

Um fünf Uhr hatten die Spielsüchtigen genug kleine Feiglinge, Cuba libres, Pils und Tequilas in sich herein geschüttet und ausreichend Geld gewonnen bzw. verloren. Nur einer nicht, der wollte alles, hatte aber gar nichts mehr. „Komm Mario, hör auf mit dem Gejammer! Taubenmord und andere Verbrechen lohnen eben nicht“, grinste Pocke Beluga hämisch.

Zum Schluss erklang höflicher Beifall für den Vorleser. „Ja, wieder hat wie in den alten Wildwestfilmen die Gerechtigkeit gewonnen, aber leider anders als in den ollen Westernschinken kein Colt geraucht. Da freuen wir uns jetzt aber erst recht auf unser liebes Lenchen“, verkündete Josef. Ödipus war ein wenig enttäuscht.

Jetzt nahm das Mädchen mit rosigen Wangen auf dem Vorlesestuhl Platz und hielt ein Blatt Papier mit ihrem Text über das Ende der Taubennovelle in leicht zittrigen, feuchten Händen, begann aber tapfer mit fester Stimme zu lesen:

„Mario aber hatte dieses Mal eiskalt vorgesorgt. Er rannte auf die Straße, in der Hand sein Luftgewehr. Er legte eiskalt an. Da blickte die weiße Taube ihn vom Dachfirst ganz seltsam traurig und wie aus einer anderen Welt an und begann zu singen, ein Lied in einer anderen Sprache und so bittersüß, wie Mario niemals vorher ein Lied gehört hatte. Das Gewehr fiel aus seinen Händen auf die Erde. Er selbst lauschte wie erstarrt, bezaubert und betört dem Gesang, der aus „LPBs“ Kehle quoll.

"Und böte mir jemand eine Billion Euro, niemals, niemals, niemals könnte ich meine liebste „LPB“ ermorden und auch kein einziges anderes Tier. Ich kann ja auch kein einziges machen. Was war ich doch für ein geldgieriges, dummes Schwein“, dachte Mario. Er sackte auf die Knie und begann bitterlich zu weinen.

Die Taube sang ihr Lied zu Ende.** Mario berührte weinend mit dem Kopf die Erde. Die Taube sang weiter und so ging ihr Lied:

 

Sin Ti

von Hartmut Wagner

 

Sin ti no hay alegria. Sin ti no hay musica. Sin ti no hay nada.

Sin ti no puedo reir. Sin ti no puedo dormir. Sin ti no puedo vivir.

Sin ti no tengo felizidad. Sin ti no tengo tranquilidad. Sin ti no tengo nada.

Sin ti lloro tristeza. Sin ti llloro soledad. Sin ti lloro, lloro, lloro. 

Sin ti duele el amor. Sin ti todo es dolor. ¡Sin ti, sin ti, sin ti, todo es nada!

 



Ohne Dich

von Hartmut Wagner

 

Ohne Dich bin ich kein Du. Ohne Dich bin ich kein Ich. Ohne Dich bin ich gar nichts.

Ohne Dich kann ich nicht lachen. Ohne Dich kann ich nicht schlafen.Ohne Dich kann ich nicht leben.

 Ohne Dich habe ich kein Glück.  Ohne Dich habe ich keine Ruhe. Ohne Dich habe ich gar nichts.

Ohne Dich weine ich Traurigkeit. Ohne Dich weine ich Einsamkeit.  Ohne Dich weine ich, weine ich, weine ich.

Ohne Dich schmerzt die Liebe. Ohne Dich ist alles Leid. Ohne Dich, ohne Dich, ohne Dich ist alles nichts.

 

Mario lag auf dem Bauch auf der Straße und weinte immer noch. 

LPB flog vom First zum Schlag und trippelte hinein. Gigant empfing sie mit heftigem Geschnäbel. Mario wusste nicht, dass er gerade 100000 Euro gewonnen hatte, aber das war ihm gegenwärtig auch ganz egal. LPB lebte noch! LPB lebte noch! LPB lebte noch!

,Die Liebe hemmet nichts. Sie kennt nicht Schloss noch Riegel und dringt durch alles sich. Sie ist ohn' Anbeginn, schlug ewig ihre Flügel und schlägt sie ewiglich.' (Mathias Claudius)

Lenchen hörte auf zu lesen und alle blieben ganz still.


*Das erste Buch ist mit 500 Seiten 2017 beim Goldene Rakete Verlag erschienen und das zweite, 545 Seiten stark, ebenfalls 2017 im Geest-Verlag Vechta. Außerdem hat Ödipus zwei bisher unveröffentlichte Theaterstücke, den Roman einer internationale Liebesbeziehung, einen Band mit Kurzgeschichten und kurzen Reiseberichten und eine Gedichtesammlung mit mehr als 100 Gedichten fertig gestellt. All das ist unter dem Pseudonym Hartmut Wagner erschienen bzw. will er unter diesem Namen veröffentlichen.

Das Werk wächst, denn Ödipus schreibt regelmäßig an jedem Wochentag außer samstags und sonntags mindestens zwei Stunden. Interessierte Literaturagenten und Verlage sollten sich mit seinen zwei Verlagen oder der Statdbibliothek Schwerte in Verbindung setzen. Leser des „Prümie“- Buches weist Ödipus darauf hin, dass es viele Rechtschreib-, Grammatik- und Sinnfehler enthält, was an der mangelnden Lektoratsbetreuung durch den Verlag liegt, der als „books- on-demand-Verlag“ sein wirtschaftliches Risiko minimiert, Titel im Internet bewirbt und nur auf Anforderung zu Höchstpreisen produziert. Inzwischen hat er mit hohem Arbeitsaufwand eine gründlich korrigierte und etwas gekürzte Fassung geschaffen.

Wer mehr über ihn wissen will, sollte unter seinem Pseudonym Hartmut Wagner seine Autorenbiographie, seine Kurzgeschichten und Gedichte beim literarischen Internetaccount „e-Stories.de“ lesen.

Außerdem haben zwei Buchautoren über Ödipus' Aktionen gegen kirchliche und militärische Tyrannei in Ergste und Iserlohn berichtet, und zwar in den Büchern: Gerd K. Schmidt (Hrsg.): „Schwarzbuch Kirche“, Bd.1, 1971, Verlag Jürgen Scherbarth, Trittau, Holstein, „Der Fall Hartmut Wagner, Student, und andere Fälle“, S. 12 – 17 und Ulrich Sander: „Szenen eine Nähe“, Vom großen RechtsUm bei der Bundeswehr, Verlag: Pahl-Rugenstein 1998, S. 14-15.

Von seiner Aktion, die Herr Sander im letzten Buch beschreibt, handelt sein bisher unveröffentlichtes achtzig Seiten Drama: „Ohnelohn oder die Unterdrückung der Meinungsfreiheit im Sauerland“.

**Es war Spanisch und ich habe es mit seiner deutschen Übersetzung in dem ausgezeichneten literarischen Internetportal „e-stories“ gefunden, wo man ganz viele Gedichte und Kurzgeschichten umsonst lesen kann. Der völlig unbekannte deutsche Dichter Hartmut Wagner hat es geschrieben und mehr als 2000 Leute haben es schon angeklickt. Mir zerreißt es das Herz. Das deutsche Gedicht ist allerdings ein etwas anderes Gedicht und keine genaue Übersetzung des spanischen.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.02.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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