Ingo R. Hesse

Von Freundschaften und Taschenuhren

Auf meinem Nachhauseweg von der Volksschule, heute würde man Grundschule sagen, begegnete ich ihm zum ersten Mal. Gehört hatte ich viel von ihm. Er käme bald probeweise aus der Erziehungsanstalt. Und man, ..damit war ich gemeint, hielte sich besser von ihm fern. Dass kaum etwas so fasziniert wie Warnungen oder Verbote, wusste ich damals noch nicht. Und heute weiß ich nicht mehr ob er mich oder ich ihn angesprochen habe. Für mich, den Viertklässler, war er ein fast schon Erwachsener. Also war es eine Ehre, dass er mich überhaupt beachtete.

 

Ein paar Minuten später stand ich im Keller des kleinen Hauses, in dem seine Eltern wohnten, neben der Werkbank. Während er mit einer großen Rohrzange an etwas herumschraubte, das er in den Schraubstock gespannt hatte, bewunderte ich die ersten nackten Frauen meines Lebens. Schwarzweiß und teilweise mit Pfeilen und Beschriftungen versehen, die ich zwar lesen konnte aber nicht verstand, boten sie sich auf aus Zeitschriften gerissenen Seiten an.

 

Um nicht zu auffällig darauf zu starren, heuchelte ich Interesse. „Was machst Du da?“. Und beim Versuch, den üppigen schwarzen Busch zwischen den Schenkeln einer dramatisch nichtmännlichen Schönheit mit meinen Blicken zu durchdringen, sickerte seine Antwort in mein Hirn. „Ich entschärfe diese Handgranate!“ Irgendetwas zwischen Ungläubigkeit, Bewunderung und nackter Angst, ließ mich dann auch selbst die übergroßen Argumente auf dem einzigen vorhandenen Farbfoto vergessen. ..

 

Einige Jahre später, Wilhard (Name geändert), war nun endgültig aus der Erziehungsanstalt zurück, wurde ich sein Arbeitskollege. Und auch ein bisschen sein Freund. Jedenfalls hatte ich Zugang zu seinem Privatleben. Und er, trotz Skepsis meiner Eltern, zu meinem. Es dauerte nicht lange, da teilte ich seine Freude an vermeintlichen Antiquitäten, im Wald ausgegrabenen Waffen und anderen Militaria, allem Skurrilen und ein wenig Verbotenem.

 

Schon bald hingen an der Wand meines ersten eigenen Zimmers alte Öl-Lampen, ausgestopfte Wildtiere, emaillierte Blechschilder und der Lauf eines Karabiners. Dazu standen und lagen gelegentlich alte Waffeleisen, eine Dröppelminna und ein Schifferklavier sowie Bowie- und Wurfmesser herum.

 

Aber nichts blieb wie es war. Alles war im Fluss, würde man heute vielleicht sagen. Das lag an der Manie zu „kungeln“, wie das Tauschen von Gegenständen, und der damit verbundene Versuch das Gegenüber über den Tisch zu ziehen, genannt wurde.

 

Fast parallel zu dieser so besonderen Fast-Freundschaft, lernte ich Malte (Name gändert) kennen. Frisch mit seiner Familie in unser Dorf gezogen, waren wir uns irgendwann begegnet. Und irgendwann waren wir in der gleichen Jugendgruppe. Obwohl evangelisch kirchlich getauft, war ich in diese evangelisch-freikirchliche Gruppe geraten. Wie Wilhard, war auch Malte ein paar Jahre älter als ich.

Aus einem Bildungsbürger-Elternhaus stammend, konnte er über meine Freude an diesem ganzen von mir gesammelten Kram nur milde lächeln. So nahm ich dann auch die von ihm eher beiläufig überreichte, alte silberne Taschenuhr als etwas an, das ihm nicht so wichtig war, das er mir gewissermaßen mit nachsichtigem Verständnis für meine Marotte überließ.

 

Das geriet dann zu einem der vielen Fehler meines Lebens.

 

Und das kam so: Wilhard wollte gerne sein Schifferklavier oder Akkordeon zurück haben, das er bei mir gegen etwas anderes eingetauscht hatte. Ich wäre selbst für eine Taste und einen Knopf zu unmusikalisch gewesen. Deshalb wartete ich ungeduldig darauf, was er denn irgendwann Interessantes zu bieten hätte. Und er hatte auf eine Gelegenheit gewartet, mir die besagte Taschenuhr abzuluchsen.

 

Eines Tages dann ging ich eine Wette mit Wilhard ein. Eine, die mich ein Leben lang vor weiteren Wetten dieser Art bewahrte. Es ging um den Griff eines Messers, um einen vollständigen, gut erhaltenen Karabiner 98, das Schifferklavier und die Taschenuhr.

 

Wie man dieses Messer nannte, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls war ich davon überzeugt, dass der Griff aus poliertem Holz bestünde. Wilhard aber behauptete, es bestünde aus Leder. Den Karabiner schon an meiner Wand sehend, schlug ich ein. ...Und verlor. Genüsslich schraubte Wilhard den Schaft dieses verdammten Messers auf und legte Plättchen für Plättchen, die aus reinem Leder bestehenden Bestandteile auf den Tisch.

 

OK, das Schifferklavier war endlich weg. Und die Taschenuhr? Ich stand nie auf Bling-Bling. Und irgendwie war sie für mich zum Tragen noch lästiger als eine Armbanduhr gewesen. Der Herr gibt, der Herr nimmt, hätte man wohl in der Jugendgruppe gesagt.

 

Wann und wie ich Malte den Verlust dieser Uhr beichtete, weiß ich nicht mehr. Aber ich spüre heute noch seine Enttäuschung. Und heute noch spüre ich die Erkenntnis. Nämlich die, dass dieses scheinbar so beiläufig überreichte Utensil, eine echt silberne Taschenuhr aus dem Hause Glashütte war, die ihm einst ein Onkel geschenkt hatte und die er mir zum Zeichen tiefer Freundschaft überreicht hatte.

 

OK! Damit muss ich nun leben. Seit damals.

 

Wilhard ist vor ein paar Jahren mit 60 gestorben. Die Taschenuhr hat er damals schon weitergereicht. Sie erfreut heute irgend einen anderen Sammler. Von meinen Wänden sind die Begehrlichkeiten meiner Jugend völlig verschwunden. Und Malte? Er ist immer noch ein paar Jahre älter als ich. Aber im Gegensatz zu damals ist er reich. Und, neben einigen anderen teuren Dingen sammelt er ...Uhren. Armbanduhren.

 

An Taschenuhren möchte er nicht erinnert werden. Wie er mir bei jeder passenden und unpassenden (für mich sind sie immer unpassend) Gelegenheit mit einem süßlich-schmerzhaften Lächeln versichert.

 

Und ich? Immer wenn ich mich mal wieder am Euro-Lotto beteilige, verspreche ich mir, wenn ich den Jackpot knacke, fahre ich mit meinem immer noch Freund Malte zur Firma Glashütte und zwinge ihn, sich dort die teuerste Uhr auszusuchen, die zu finden ist. Die schenke ich ihm, egal ob Armand oder Tasche. Und wehe, er tauscht sie irgendwann gegen irgendetwas ein!

 

Dann verstehe ich nämlich keinen Spaß!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.02.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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