Daniel Schäfer

Augen

Gemeinsam standen sie inmitten des hellen, sonnendurchfluteten Dachzimmers, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. "Nun ist sie tot" sagte Georg, und während seine Stimme traurig klang, ja, seine ganze Haltung das Bild eines zwar starken, jedoch sehr niedergeschlagenen Mannes suggerierte, war in seinen Augen ein versteckter Ausdruck von...Erleichterung, der jedoch dem Arzt, der Georg eigentlich nur flüchtig kannte, sicherlich verborgen blieb. "Ja, sie ist tot", stimmte der Arzt in seiner nüchternen Art zu, den Blick fest auf die zierliche Gestalt geheftet, die etwa zwei Schritte von den beiden entfernt an einem Dachbalken baumelte. "Kannten Sie sie gut ?"
Kannte er sie gut ? Georg musste überlegen. Sicher, sie kannten sich seit ihrer Geburt, wohnten ja fast nebeneinander, all die Jahre. Aber wann kannte man einen Menschen gut ? Er erinnerte sich an einen gemeinsamen Besuch einer Diskothek, der nunmehr wenige Wochen zurücklag. An eine Geburtstagsfeier, der sie gemeinsam beigewohnt hatten.
In der kurzen Zeit, die sie sich nun, wie man sagt, näher standen, hatten sie sich gut kennengelernt. Gab es da nicht einen Zusammenhang zwischen der Nähe zwischen zwei Menschen und der Güte der Beziehung ? Er erinnerte sich daran, wie sie sich zum ersten Mal in die Augen geschaut hatten, denn die Augen, so pflegte er zu sagen, seien das Wichtigste an einer Frau. Sie hatten sich oft und tief in die Augen gesehen, er hatte oft das Gefühl, daß ihn die Augen dieses Mädchens genauso lockten wie die schwindelerregende Tiefe des Abgrundes in dem alten Steinbruch, den er oft und gerne aufsuchte. Obwohl er nie in der Lage gewesen war, in diesen zwei Toren zu Ihrem Inneren etwas wirklich Intimes zu entdecken, hatte ihn lange nichts mehr so fasziniert wie das Inneinanderversinken Ihrer Blicke. Diese Augen, die nun verdreht und hervorgequollen etwa einen halben Meter über ihm schwebten waren in den letzten Tagen eine Obsession für ihn geworden, der er kaum noch zu entfliehen vermochte. Sie sahen ihn aus dem Badezimmerspiegel an, er fühlte ihre Blicke wenn er Einkaufen ging und auch im Büro ließen sie ihn nicht allein. Selbst vor dem Einschlafen sah er ihre Augen, die verträumt und groß in den seinen ruhten. Nicht, daß es ihm unangenehm gewesen wäre. Er liebte und vergötterte diese Augen, deshalb wagte er auch nicht, der Toten ins Gesicht zu blicken. Er liebte diese Augen mit der selben inbrünstigen Leidenschaft, mit der er jeden Versuch, seine in langer Selbstfindung erworbene Freiheit einzuschränken, hasste.
"Ich weiß es nicht" entgegnete er dem Arzt während zwei Sanitäter daran gingen, die selbst im Tode noch genauso unnahbar wie verwundbar aussehende junge Dame von dem Gürtel loszuschneiden, an dem er sie erhängt vorgefunden hatte, "Sie war eine Nachbarin." Irgendwie kam ihm diese Relativierung wie ein Verrat vor. Anette war mehr gewesen als eine Nachbarin. Sie waren sich zwar nie einig gewesen, welche Rolle sie sich gegenseitig spielten, aber daß es über die bloße Nachbarschaft hinausreichte stand außer Zweifel.
Der Arzt machte sich nun an die Leichenschau, entfernte den Gürtel und begann, Anette zu entkleiden. Georg drehte sich um. Er kannte ihre Nacktheit. Auch wenn er sie nie ohne Kleidung betrachtet hatte, so war er doch mit der - viel intimeren - Nacktheit der Gefühle dieses Mädchens vertraut. Dies beruhte nicht auf dem Wissen, daß er in den Gesprächen mit Ihr erworben hatte, sondern viel mehr auf einem tief empfundenen Gefühl einer unklaren Solidarität, die er zu ihren Lebzeiten für sie empfunden hatte. Doch woher kam dieses Gefühl ?
Er versuchte sich zu erinnern, wann er es zum ersten Mal so empfunden hatte. Wann hatten sie sich zum ersten Mal bewußt in die Augen gesehen ?
Georg wußte es nicht. So sehr er sich auch zu erinnern versuchte, so blieben diese Augen doch in einer eigenartigen Weise zeitlos. Irgendwie hatte er das Gefühl, daß Anette ihn auch jetzt, da sie tot hinter ihm lag, ihn noch genau so ansehen würde, wie sie es immer getan hatte, wenn er sich zu ihr umdrehte. Er verscheuchte diese Vorstellung, ärgerte sich über seine eigene Pietätslosigkeit. Anette war tot. Sie würde nicht wieder kommen, würde ihm nie mehr in die Augen sehen. Das war für Georg eine absurde Vorstellung. Ihr Tod wurde für ihn unwirklich. Unwirklich wurde auch alles, was ihn mit ihr verband - ihr Blick verlor keinen deut seiner Intensität in Georgs Gedankenwelt, jedoch schwanden nach und nach Anettes Haare, dann ihre Gesichtszüge und dann ihre Augen, bis er nur noch den Blick spürte, ein Blick ohne Augen, aber das Gefühl dieser grenzenlosen und unerträglichen Nähe, das Gefühl eines Blickes blieb zurück. Georg wollte weinen, aber weder kam ein Wort über seine Lippen noch rann ihm auch nur eine Träne über die Wange. Dieses Unvermögen, sich fallen zu lassen, seine Gefühle auszuleben, seinen Emotionen ein Ventil zu bieten, lies ihn die so plötzlich über ihn hineingebrochenen Ereignisse noch viel intensiver erleben. Ihm wurde übel und so verließ er Anette und den Arzt für eine Weile und ging in den Garten.
Hier fand er die große Tanne, hinter der er sich als Kind oft versteckt hatte. er schwieg und Bilder ihrer Kindheit, von den Sorgen der Männer und Frauen unberührt, erwuchsen vor seinen Augen.

Als Georg das Zimmer wieder betrat war Anettes - wahrscheinlich nackter - Körper mit einem weißen Bettlaken bedeckt. Das medizinische Personal sammelte seine Koffer ein, und nachdem der Arzt sich vergewissert hatte, daß die Sterbebürokratie ihren Lauf genommen hatte, verließ auch er die Wohnung, nicht ohne Georg noch eindringlich ans Herz gelegt zu haben, sich, falls er sich alleine zu unwohl fühlte, einen Priester kommen zu lassen. Einen Priester ! Auch der würde diese Augen nicht zu neuem Glanz erwecken, zu dem Strahlen, daß er vermisst hatte, seit er sie wiedergetroffen hatte. Als Kind hatte Anette immer ein Strahlen und Glitzern in den Augen gehabt, daran glaubte sich Georg auch nach so langer Zeit noch zu erinnern. Zuletzt jedoch hatten diese Augen stets freundlich und melancholisch, bisweilen auch liebevoll und zärtlich ausgesehen, ein Strahlen jedoch war ihnen fremd geworden. Georg dachte an den Abend nach dem Diskobesuch. Er war allein, sah Anettes Augen und beschloss, dieses Funkeln in Anettes Augen wiederzuerwecken. Aber Anette war tot und ihre Augen hatten nicht gestrahlt. Keine Freude, kein Glück hatte er darin gefunden. Sie war tot, und Georg wurde bewußt, daß er es auch nie wieder würde sehen können, das Strahlen der Augen, mit denen er vor so langer Zeit auf der Straße Federball gespielt hatte. Georg schloss die Augen. Er wollte nie wieder sehen, wollte nur noch den Blick ohne Augen spüren. Mit Anette war auch das Strahlen in seinen Augen gestorben.

Für Simone. Mayen, im Mai 1997

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.11.2001. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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