Christa Astl

Sonnenaufgang



Mein Blick aus dem Fenster

 

Ich will hier keinen spektakulären Sonnenaufgang am Meer oder in den Bergen beschreiben, der staunendes Ah und Oh hervor ruft. Meinen Sonnenaufgang erlebe ich, derzeit noch, am Frühstückstisch.

Früher war es mir  nie aufgefallen, wo und wann die Sonne aufgeht, doch jetzt nehme ich es bewusst wahr. Normalerweise hat „man“ um diese Zeit noch Vorhänge und Rollläden geschlossen, das elektrische Licht eingeschaltet, verfolgt im Radio oder Fernsehen die neuesten Nachrichten von Krieg, Kampf und Terror, ärgert sich über vermeintlich schlechte Politiker, wartet müde und bereits schlecht gelaunt auf den Beginn des Arbeitstages. Das Anbrechen des Tages nimmt man kaum wahr.

Gerade das ist mir wichtig, wann der Kreislauf der Natur mir hier den Tag schenkt.

Mitten im Winter (anfangs Jänner) kommt sie erst nach neun Uhr über dem Wald empor, Februar/März geht sie zwischen halb acht und halb neun über dem Grat des „Pölven“ auf. Im Hochsommer erklettert sie dann den „Kaiser“, erst den Scheffauer, (es gibt einen Tag, wo sie genau auf dem Gipfel steht), dann wandert sie weit hinüber zum Zahmen Kaiser, dessen Mitte sie zur Sommersonnenwende erreicht. Da scheint sie mir dann um sechs Uhr ins Bett. Dann verkürzt sich ihr Weg wieder in umgekehrter Richtung. Oft sitze ich morgens schon am Fensterbrett, mit der Kamera ihre ersten Strahlen erwartend. –

Seit sieben Uhr bin ich auf. Draußen hat es heute minus sechs Grad, im Haus auch erst plus sechzehn. Ein schöner, wolkenloser Tag kündigt sich wieder an. Das Einheizen geht problemlos, das Feuer brennt schnell und langsam klettert die Quecksilbersäule aufwärts.

Der Tisch ist gedeckt, der Kaffee fertig, ich zünde wie jeden Morgen eine Kerze an. Vollkornbrot und Hefezopf mit Butter und eigener Marmelade sind mein karges, aber wohlschmeckendes Frühstück. Ich habe Zeit, genieße jeden Bissen, verfolge den langsamen Lauf des Uhrzeigers. Die ersten Gipfel sind bereits in Sonne getaucht, das Dorf und auch mein Haus liegen noch im Schatten.

Acht Uhr. Bald wird „sie“ kommen! Die Kerze brennt ruhig und unbeeindruckt von dem großen Licht, das sie bald in den Schatten stellen wird. Berg und Himmel vor mir verharren noch in Schattenfarben. Aber um Viertel nach Acht tut sich was: Ein leichter silbriger Rand über dem Gipfelgrat. Mit Spannung verfolge ich dieses Bild weiter. Acht Uhr sechzehn, siebzehn, immer heller und breiter wird der Silberstreif, unten schon golden. Acht Uhr achtzehn, ich kann kaum mehr hinschauen. Acht Uhr neunzehn: es ist so weit. Innerhalb von Sekunden schießt sie regelrecht empor.  Geblendet schließe ich kurz die Augen, verharre einige Momente still, dankbar im ersten Licht eines wieder geschenkten Tages. Wie glücklich bin ich, dies jeden Morgen erleben zu dürfen! Ein froher Tag kann beginnen.

 

ChA 19.02.2019

 

Erklärung zum Bild:
In der Mitte des rechten, bei uns "Elefantenberg" genannten Gipfels erschien heute die Sonne.
Christa Astl, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.02.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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