Corinna König

Josie - Mein Leben und ich TEIL 16

 

Während Lindas Erzählung merke ich, wie sich Wut in meinem Bauch breit macht. Was sollte denn dieser Auftritt? Ich bin Ben keinerlei Rechenschaft schuldig. Ich muss mich nicht erklären und was ich wann mit wem wie lange mache, das geht ihn überhaupt nichts an. Immerhin rede ich ihm ja auch nicht rein bei seiner Affäre mit seiner dümmlichen Ex! "Der wird sich schon wieder beruhigen. Es ist ja auch nicht so, dass es ihn was anginge, was Adrian und ich so treiben. Ben ist nicht mein Freund. Er kann sich sein Gehabe also sparen.", mache ich Linda rotzig eine Ansage und nehme mir eine Tasse aus dem Schrank. "Trotzdem. Du hättest ihn sehen müssen. Ich kann schon nachvollziehen, was du sagst. Aber... du hast ihn nicht gesehen." "Naja, wenn Ben jetzt so einen Hals auf mich hat, ist es vielleicht gut, dass ich übermorgen mit der lieben Familie in den Urlaub starte." "Ach stimmt ja, du hast aber dieser Woche Urlaub." "Genau! Zwei Wochen nur Sonne, Strand, Mama, Anna und Joe. Viele Cocktails, keine Sorgen. Ich kann es kaum abwarten!" "Das habt ihr euch auch wirklich verdient. Du hattest so viel um die Ohren in letzter Zeit. Und dann der Unfall von deiner Mutti. Und Joe muss ja auch immer einige Überstunden schieben, was du so erzählst. Ich denke, da kommt der Urlaub gerade recht. Es sei denn, du kannst dich im Moment nicht von deinem Adrian trennen. Und jetzt erzähl endlich, was ihr gemacht habt!" Wie gewünscht, erzähle ich Linda, was Adrian sich Tolles für unser Date überlegt hatte.

 

 

Über die folgenden zwei Wochen gibt es nicht viel zu berichten. Auch wenn Linda mir ununterbrochen Nachrichten schickt und am liebsten mit uns in den Familienurlaub geflogen wäre. Eigentlich besteht mein Alltag nur darin, am Pool zu liegen, die Sonne zu genießen, Cocktails zu trinken und mich ab und zu mit Anna zu fetzen. Doch bei so viel Entspannung und Nichtstuerei, hat man natürlich viel Zeit nachzudenken. Über sein Leben. Seine Freunde. Und in meinem Fall natürlich auch über Ben und Adrian. Scheinbar nimmt Ben es mir noch immer übel, dass ich vermeintlich bei Adrian übernachtet hab. Der ganze Urlaub ist schon fast um und ich hab noch keine einzige Nachricht von ihm bekommen. Auch nicht vorm ins Bett gehen. Dieses Ritual hat er ja eigentlich so gut wie immer eingehalten. Aber nichts. Gar nichts. Absolute Funkstille. Adrian hingegen meldet sich regelmäßig bei mir. Er berichtet von seiner Arbeit, seiner Freizeit, schreibt mir, dass er mich vermisst und plant schon unser nächstes Treffen. Bens Zurückhaltung irritiert mich.

 

 

Zurück am Flughafen kann ich es kaum abwarten, alle wieder zu sehen. Meine Familie in allen Ehren, aber nach zwei Wochen sind die wirklich ziemlich anstrengend. Kaum sind wir aus dem Flieger ausgestiegen lege ich mein Handy nicht mehr aus der Hand. Ich muss natürlich direkt allen Bescheid geben, dass ich wieder im Lande bin. Erwartungsgemäß kommen kurze Zeit später die ersten Nachrichten zurück. Linda freut sich, dass ich wieder da bin und meint, sie würde mich abknutschen, sobald ich die WG betrete. Sara und Sascha sind auch froh, dass wir wohlbehalten wieder angekommen sind und Adrian schreibt mir, dass er mich von Tag zu Tag mehr vermisst hat und es kaum abwarten kann, mich wieder in die Arme zu schließen. "Na wer wird denn da rot werden, Josie?.", grinst Joe mich an und kneift mir dabei in die Wange. "Hat Ben dir etwa geschrieben, dass er Sehnsucht nach dir hat?" Ben. Er ist der einzige, der sich nicht gemeldet hat. Ich weiß, dass er meine Nachricht gelesen hat und dennoch bekomme ich keine Antwort. Die Freude über Adrians liebe Worte lässt schlagartig nach und ich komme wieder ins Grübeln. Was hat er denn nur? Ist er sauer auf mich? Oder liegt er einfach gerade mit seiner Ex in den Kissen und meine Nachricht stört nur? "Hier Josie. Dein Koffer. Das war dann der Letzte. Dann suchen wir mal unseren Parkplatz und setzen dich zuhause ab, ehe es noch dunkel wird." Joe sieht mir scheinbar an, dass etwas nicht stimmt und nimmt mich von den anderen beiden unbemerkt in den Arm: "Alles okay? Ich wollte nichts Falsches sagen." Ich setze mir ein gequältes Lächeln auf, lege meinen Arm um Joes Hüfte und laufe mit ihm zusammen Richtung Ausgang: "Hast du nicht. Es ist nur... Ben... ich hab nichts... also... ach schon gut. Alles gut." Da drückt er mir ein Küsschen auf und baut mich auf: "Es wird schon alles in Ordnung kommen. Was auch immer los ist." Er zwinkert mir noch zu und lenkt vom Thema ab, damit Mama und Anna nichts von unserem Gespräch mitbekommen.

 

 

Zuhause angekommen merke ich, dass es doch schon relativ spät geworden ist und ich bin gespannt, ob in der WG noch jemand wach ist. Immerhin müssen die armen Schweine morgen arbeiten und ich hab noch ganze zwei Tage Urlaub und kann den lieben langen Tag nur so vor mich hin gammeln, bis ich Schimmel ansetze. Herrlich. Doch meine Bedenken stellen sich im nächsten Moment als falsch heraus, als ich die Türe öffne und Linda mir mit weit ausgebreiteten Armen entgegenspringt. "JOSIE! Ich hab dich so vermisst. Wie wars? Wow bist du knackig braun geworden." Noch bevor ich vom tollen Urlaub losschwärmen kann, kommt auch Dave auf mich zu und umarmt mich: "Hey Urlauberin. Na, alles fit? Ein bisschen gutes Wetter hättest du gerne einpacken und mitbringen können. Hier regnet es seit Tagen durch." Wir setzen und gemeinsam an den Tisch und ich fange an zu berichten. Da die beiden aber um die Wette gähnen und wie gesagt morgen früh raus müssen, erzähle ich nur die Kurzversion. Anschließend verabschiedet sich Dave schon mal und geht ins Bett. Doch Linda bleibt sitzen, zappelt auf ihrem Stuhl herum und ich kann ihr ganz genau anmerken, dass sie noch ein paar Fragen hat, die nicht für Daves Ohren bestimmt sind. Kaum hat Dave die Türe hinter sich geschlossen, beginnt das Kreuzverhör: "Und Adrian?" "Was soll mit ihm sein?" "Hat er sich mal gemeldet?" "Jaaa! Ganz im Gegensatz zu Ben. Der stellt sich seit Wochen tot. Denkst du, er ist noch sauer auf mich?" Da zuckt sie mit den Schultern: "Hm. Nee, also gesagt hat er nichts. Er war eigentlich wie immer." "Merkwürdig." Lindas Antwort stellt mich absolut nicht zufrieden und ich überlege weiter, was wohl sein Problem sein könnte. "Er weiß ja auch schon seit Längerem, dass du dich mit Adrian triffst. Das ist für ihn ja nicht neu. Von daher gehe ich davon aus, dass er einfach ziemlich viel um die Ohren hatte." "Na wenn du das sagst." "Aber jetzt erzähl schon: Was ist denn bei Adrian und dir jetzt Stand?" "Naja, er hat mir schon jeden Tag geschrieben. Dass er an mich denk. Dass er mich vermisst. Und dass er gern bei mir wäre. Total süß einfach." Da grinst Linda über beide Ohren: "Wann seht ihr euch denn wieder? Oder warst du schon bei ihm?" "Nein, Joe hat mich direkt hier abgesetzt. Aber ich hab ja noch die restliche Woche frei. Da werden wir uns sicherlich mal Treffen." "Dann bin ich mal gespannt, wie sich das mit euch beiden Süßen entwickelt. Aber jetzt muss ich erst mal ins Bett. Morgen steht die Buchhaltung auf der Agenda und die Kanzleipost war die letzten Tage auch alles andere als wenig. Da muss ich ausgeruht sein." "Halt durch. Nächste Woche bin ich ja wieder am Start. Lieb, dass ihr noch auf mich gewartet habt und euch fast zu Tode gegähnt hättet. Gute Nacht dann." Da umarmt Linda mich nochmal fest und geht schließlich schlafen. Nachdem ich meinen Koffer ausgepackt, mich abgeschminkt, gewaschen und umgezogen habe, dauert es nicht lange, ehe ich in meinem Bett, das ich im Urlaub wirklich vermisst hab, eindöse.

 

 

Am folgenden Morgen werde ich wach, weil der Regen unaufhörlich gegen mein Fenster prasselt. Ich bin irgendwie geplättet und vollkommen unfähig aufzustehen. Der erste Griff gilt natürlich meinem Handy und ich sehe nach, ob sich über Nacht vielleicht doch die eine oder andere Nachricht von Ben an mich verirrt hat. Doch dem ist nicht so. Nichts. Die Tatsache, dass ich Ben schon so lange nicht mehr gesprochen, gesehen oder generell mit ihm Kontakt hatte, lässt meine Bettschwere weiter steigen und ich ziehe mir die Decke bis über die Nase und starre unentwegt aus dem Fenster. Beobachte wie die Äste der Bäume im Wind hin und her schwingen, wie die Regentropfen in Windeseile über die Fensterscheibe rennen und kann dabei an nichts anderes als Ben denken. Ich vermisse ihn wirklich. Meine Gedanken fühlen sich schwer an. Ich bin ratlos und möchte am liebsten gar nicht mehr aus meinem Bett kommen. Doch mein Plan wird bereits im nächsten Moment von meiner Blase durchkreuzt. Gezwungenermaßen stehe ich auf und suche das Bad auf. Ich putze mir gerade die Zähne, als ich höre, dass eine Nachricht auf meinem Handy eingeht. Wie wild geworden hetze ich aus dem Badezimmer und bleibe vor lauter Eifer fast am Türrahmen hängen. Eilig suche ich mein Handy, doch als ich es endlich zu greifen bekomme, lasse ich die Schultern hängen. Es ist "nur" Linda. Sie fragt, ob ich nicht Lust habe, ihre Mittagspause gemeinsam zu verbringen und in die Bar komme. >Sara hätte auch noch ein Attentat auf dich vor bezüglich ihrer Hochzeit...< Etwas zögerlich antworte ich. Bei dem Wetter ist es eigentlich nicht Sinn und Zweck an einem Urlaubstag überhaupt nach draußen zu gehen. Lieber zieht man sich dicke Socken an, macht sich einen Tee oder eine heiße Schoki und wickelt sich in seine Schmusedecke. Ob man dann stumpfsinnig aus dem Fenster glotzt oder das Fernsehprogramm nach schlechten Serien aus den 80ern durchzeppt ist eigentlich egal – aber man muss nicht zwangsläufig das Haus verlassen. Aber natürlich will ich auch Sara nicht hängen lassen und sage schließlich zu. Dass ich dabei nicht umhin kommen werde, Ben über den Weg zu laufen, brennt mir natürlich unter den Fingernägeln. Doch ich weiß noch nicht, ob ich mich freuen soll oder eher nicht. Ich bleibe skeptisch.

 

 

Pünktlich um 12:30 Uhr stehe ich vor der Bar und sehe die Mädels schon unterm Regenschirm auf mich zukommen. "Wieso bist du denn bei dem Sauwetter nicht schon mal reingegangen, Josie?", fragt Sara mich besorgt. "Ach kein Problem. Ich hab doch ne Kapuze auf." Ich halte den beiden die Türe auf und merke, dass mein Handy klingelt. Ich fummele es aus meiner Jackentasche und sehe, dass es Adrian ist. Im gleichen Augenblick sehe ich Ben hinter der Bar stehen. Im ersten Moment kann ich ihm ansehen, dass er sich freut, mich zu sehen. Seine Augen blitzen, seine Mundwinkel verlaufen sich minimal nach Norden und der flüstert überrascht meinen Namen. Doch seine Freude wird flugs im Keim erstickt, als ich unüberlegt an mein Handy gehe und Adrians Namen sage. Bens Mimik verändert sich schlagartig. Sein Groll ist quasi sichtbar und sein Blick wird starr. Natürlich übermannt mich ein unheimlich schlechtes Gewissen. Ich bin ja kein Unmensch. Aber innerlich bete ich mir immer und immer wieder vor, dass ich ihm keine Rechenschaft schulde. Adrian merkt am Telefon natürlich genau, dass ich abgelenkt bin und macht es daher kurz: "Hör mal, wenn du Lust hast, kann ich mir morgen den Vormittag frei nehmen und wir frühstücken ausgiebig. Was sagst du?" "Also... bislang hab ich noch keine Pläne. Gute Idee. Lass uns morgen zusammen frühstücken." "Am liebsten würde ich dich heute noch sehen, aber ich hab noch so ein albernes Geschäftsessen und da besteht für mich oberste Anwesenheitspflicht. Ich weiß auch nicht, wie lange das dauert." "Das macht doch nichts. Dann sehen wir uns also morgen? So um halb 10?" "Ich freu mich, Süße." Etwas verlegen antworte ich in stockendem Ton: "Ja... ich mich auch." Wenn Blicke töten könnten, würde ich vermutlich schon blutüberströmt unter dem Tisch liegen. Ben hat mich während des Telefonats nicht aus den Augen gelassen. Als ich schließlich aufgelegt hab, konnte ich ein Kopfschütteln seinerseits erkennen. Das Gefühl, dass Ben so schlecht auf mich zu sprechen ist, kenne ich bisher nicht. Und ich muss sagen: Es gefällt mir ganz und gar nicht. Ich will das Mittagessen jetzt nur noch unfallfrei über die Bühne bringen und mich dann wieder zwischen meinen Kissen verkriechen.

 

 

Die ersten paar Minuten nach dem Telefonat sind dann einigermaßen erträglich. Dave setzt sich kurz zu uns und wir unterhalten uns, nachdem er unsere Bestellung aufnimmt. Und Sara berichtet indessen, womit wir ihr bei den Hochzeitsvorbereitungen noch unter die Arme greifen können. Doch das sind nur Kleinigkeiten bezüglich des Ablaufs. Kein Hexenwerk also. Linda und ich werden das schon hinkriegen. Als Dave verschwindet, um unsere Bestellung zu bearbeiten haken die Mädels selbstverständlich ohne Umschweife nach: "Was wollte Adrian denn?" "Er kommt morgen zum Frühstück vorbei." "Muss er denn nicht arbeiten?" "Er will sich den Vormittag frei nehmen." Während Linda über beide Backen grinst und "Uuuuuh!" zischelt, braucht Sara knallharte Tatsachen und erkundigt sich: "Seid ihr denn jetzt fest zusammen?" Und als wäre das Telefonat nicht schon genug gewesen, kommt Ben natürlich just in diesem Moment an unseren Tisch und bringt uns die Getränke. Seine Miene verändert sich kurzerhand von Psychopath zu Serienmörder. Ich starre ihn ertappt mit weit aufgerissenen Augen an, während die Mädels ihn begrüßen. "Hier. Eure Getränke.", wirft er uns in einem derart unfreundlichen Ton, dass einem Hören und Sehen vergeht, hin. Und als genüge das nicht bereits, stellt er mir meine Cola mit einer Wucht auf den Tisch, dass es nur so klappert und sie seitlich überschwappt. Da wird es mir zu bunt: "Sag mal! Hast du sie nicht mehr alle?!" Mit einem Schulterzucken verschwindet er wieder hinter die Bar und grollt weiter. "Also der ist doch nicht mehr ganz dicht. Mir die Cola so hinzuknallen. Hat der seine Unterwäsche zu heiß gewaschen oder was hat der für ein Problem?!" Ich spüre, wie ich förmlich aus den Ohren dampfe vor Wut. Während Linda still ist und in ihr Glas starrt, ist auch Sara vollkommen verständnislos und wundert sich über Bens Verhalten: "Der ist wohl mit dem falschen Fuß aufgestanden. Im Service sollten das die Gäste aber eigentlich nicht mitbekommen. Habt ihr beide Streit?" "Nicht dass ich wüsste. Der ignoriert mich ja wo er kann. Pfosten!" "Naja, vielleicht solltest du das klären, ehe er noch einem Gast an die Gurgel geht...", schlägt Sara - friedfertig wie sie nun mal ist - vor. "Lieber nicht. Zum Schluss bin ich der Gast mit der Gurgel... Linda was sagst du?" "Ich weiß nicht. Vielleicht beruhigt er sich ja von alleine wieder." Sara nimmt ihre Grübelposition ein: "Aber was hat er denn überhaupt? Josie hat ihm doch gar nichts getan." "Ja das würde mich auch mal interessieren. Auf Beziehungsstress ohne eine Beziehung hab ich nämlich absolut keine Lust.", stelle ich verschnupft und mit erhobenem Zeigefinger fest. "Dann sag ihm das. Frag ihn, was sein Problem ist und klär das. So ist das ja wirklich keine Art." "Okay Mutter Theresa, dann werd ich mich mal in die Höhle des Löwen begeben.", witzle ich noch, um meine Anspannung und Unsicherheit zu überspielen. Ich stelle mich also an die Bar und warte darauf, dass Ben auf mich aufmerksam wird. Doch als wäre es Absicht, tut er gerade so, als wäre er unheimlich im Stress. Mir bleibt nichts anderes übrig, als ihm zuzurufen. "Ben?" Erwartungsgemäß ignoriert er mich erneut, sodass ich lauter werden muss: "BEN!" Da dreht er sich zu mir um: "Was denn?" Sein Gesichtsausdruck könnte kleine Kinder vertreiben. "Hast du vielleicht mal nen Moment?" "Du siehst doch, dass ich zu tun hab." "Ich finde aber, wir sollten mal miteinander reden!" "Tut mir leid, ich kann jetzt nicht! Vielleicht hat ja dein Freund Zeit für ein Gespräch! Und jetzt lass mich durch!" Er quetscht sich an mir vorbei und verschwindet im Keller. Einige Sekunden stehe ich noch wie angewurzelt da und kann es gar nicht fassen, wie frech er mich abgekanzelt hat. Und wie er "dein Freund" betont hat. Ist er also wirklich wegen Adrian so angefressen? Da kommt Dave mit unserem Essen aus der Küche und meint: "Josie. Komm gleich mit, ich hab hier eure Sandwiches." Mir ist zwar der Appetit gründlich vergangen, aber ich will nicht die nächste Zicke sein und folge ihm. Doch während der restlichen Mittagspause lässt Ben sich nicht mehr blicken und auch ich bin nicht mehr wirklich redselig.

 

 

Als Linda abends von der Kanzlei nach Hause kommt, staunt sie nicht schlecht, als die ganze Bude blitzeblank gewienert ist. "Wow, was war denn hier los? Hast du ne Putzkolonne bestellt?" Dabei war es einfach die blanke Wut, die raus musste. Ich hab jede noch so kleine Ecke geputzt und dabei in Gedanken Ben verprügelt. Mich so schwach anzureden. Was denkt der eigentlich? "Aber was erwartest du denn? Er ist in dich verliebt! Und muss jetzt zusehen, wie du mit Adrian zusammenkommst." "Warum redet eigentlich die ganze Welt immer von einer BEZIEHUNG? Einem FREUND? ZUSAMMEN sein? Das hat doch niemand behauptet." Da nimmt sie mir den Staubwedel aus der Hand, lächelt mich an und tätschelt mir den Kopf: "Aber Josie. Wie es scheint, ist das nur noch eine Frage der Zeit. Ben ist doch nicht blöd. Du hast sogar schon die Nacht mit Adrian verbracht. Da kann man doch 1 und 1 zusammenzählen." "Nochmal zum Mitschreiben: Ben geht das Ganze überhaupt nichts an. Er hat seine Juliane, mit der er die Nächte durchvögeln kann und ich hab...", da gerate ich ins Stocken und weiß nicht, wie ich den Satz beenden soll, doch das erledigt Linda für mich: "... Adrian, mit dem du die Nächte durchvögeln kannst?!" "Nein! Du weißt genau, wie ich das gemeint hab." "Reg dich ab. Ich weiß schon. Ben wird sich schon auch mal wieder fangen. Warts ab." Ich trage ihr auf, den Staubwedel noch aufzuräumen und verabschiede mich in die Dusche, um den Tag von mir abzuwaschen.

 

 

Nach einer Nacht, in der ich mich nur von links nach rechts und wieder zurückgewälzt hab, klingelt mein Wecker für meinen Geschmack viel zu früh. Ich drücke ihn weg und vergrabe mich nochmals unter meiner Bettdecke. Dann werd ich mich im Bad eben beeilen, um mich für Adrian aufzuhübschen. Denn ganz so zerknittert wie ich mich fühle – und vermutlich auch aussehe – muss er mich nicht unbedingt sehen. Doch im Handumdrehen höre ich, dass meine Zimmertüre auf geht und sich jemand an mein Bett setzt. Zaghaft schlage ich die Augen auf und muss feststellen, dass tatsächlich Adrian auf meinem Bett sitzt. In Null-Komma-Nichts springe ich auf: "ADRIAN! Was machst du denn schon hier?" Er amüsiert sich über meinen peinlichen Auftritt: "Schon? Ich bin sogar über 20 Minuten später dran. Dave hat mich reingelassen. Er wollte gerade weg und wir haben uns noch im Treppenhaus erwischt." Da komme ich überhaupt erst mal auf die Idee, auf die Uhr zu sehen und tatsächlich: Mit Entsetzen muss ich feststellen, dass es schon fast 10 Uhr ist und kann es kaum fassen: "Ich hab noch ne ganze Stunde weitergeschlafen?!" Adrians Gekicher nach zu urteilen, scheint er die Situation echt gehässig zu genießen: "Los los Dornröschen. Dann jetzt auf ins Bad und ich decke schon mal den Tisch."

 

 

Nachdem ich im Badezimmer wieder etwas mehr zu mir gekommen bin und mich auf den Weg zu Adrian mache, kommt dieser schon auf mich zu: "Jetzt lass dich erst mal richtig begrüßen. Wie war der Urlaub?" Etwas überrumpelt stehe ich da und stottere nur sinnlose Wörter zusammen. Da unterbricht Adrian mich, indem er mich euphorisch küsst. Dabei wandert seine Hand wieder tief in meinen Nacken, während die andere mich ganz fest an ihn drückt. Die Situation wird unvermittelt unterbrochen, als urplötzlich Dave vor uns steht. Er starrt uns an. Wir starren ihn an. Die Situation ist nahezu unerträglich unangenehm. "Ähm... lasst... lasst euch nicht stören. Ich... ich hab nur mein Hany... vergessen." Ertappt und peinlich berührt nicke ich ihm zu. Als ich es wage, meine Atmung nach dieser misslichen Situation wieder in Gang zu setzen, öffnet sich nochmals die Türe und Dave starrt beschämt auf den Boden: "Ich... ich geh noch einkaufen. Äh... brauchst... brauchst du noch was?" Erneut halte ich inne und entgegne Dave: "Nein. Danke. Ich... ich brauch nichts."

 

 

Als Dave endlich die Wohnung verlässt – und auch tatsächlich draußen bleibt – nehmen wir Platz und beginnen mit unserem gemeinsamen Frühstück. "Ich hab dich richtig vermisst die letzten zwei Wochen." "Das ist süß von dir, Adrian." "Was hast du denn in deinem restlichen Urlaub noch vor?" "Ich habe vor, meine Cousine Katja zu besuchen. Leider wohnt sie sehr weit weg und ich kann sie immer nur besuchen, wenn ich Urlaub hab. Joe, also mein Stiefvater, er braucht sein Auto erst wieder nächste Woche und da hat er mir angeboten, dass ich es haben kann. Zuletzt hab ich meine Cousine vor einem knappen Jahr gesehen, als ihr Sohn fünf geworden ist. Ich freu mich schon richtig.“ "Das ist doch mal ne schöne Idee. Bleibst du denn länger?" "Nein, sie und ihr Mann und der Kleine fahren am nächsten Tag ein paar Tage weg. Da hat es sich leider nicht ergeben." "Na, dann hab ich vielleicht noch was von dir am Wochenende.", zwinkert Adrian mir zu. Die Zeit vergeht leider viel zu schnell und Adrian muss zur Arbeit. "Schade, ich hätte hier noch ewig sitzen können, Adrian." "Ja, ich merke auch grade, dass ich mir besser den ganzen Tag hätte frei nehmen sollen." Er verabschiedet sich mit einem Kuss von mir und da sitze ich nun. Ich räume noch eben den Tisch ab und sehe mir nochmal die Route an, die ich morgen fahren muss, ehe ich mich auf den Weg zu meinen Eltern mache und das Auto abhole.

 

 

Abends vor dem Sofa döse ich so vor mich hin. Dave wollte unbedingt einen Actionfilm ansehen und es ist ihm auch gelungen, Linda langsam mit diesem Blödsinn zu infizieren, aber für mich sind solche Filme nichts. Erst recht nicht, wenn nicht mindestens ein heißer Schauspieler zu sehen ist. Doch ehe ich die Augen vollends zuschlage, erweist sich das Gespräch zwischen den beiden als interessant: "Ach Josie, du kannst wirklich froh sein, dass du diese Woche noch Urlaub hattest. Die Chefs sind wirklich mehr als mies drauf gewesen. Vier verlorene Fälle, was denkst du, wie das auf die Stimmung geschlagen hat?!" Da gibt auch Dave seinen Senf dazu: "Pff... du solltest mal nen ganzen Tag in der Bar verbringen. Da ist momentan auch absolute Krisenstimmung! Vielleicht sollten wir Ben auch ne Woche Zwangsurlaub verpassen!" "Warum das denn?", frage ich nach und auch Linda wird neugierig: "Ist er immer noch so neben der Spur?" "Das ist gar kein Ausdruck! Ständig falsch aufgenommene Bestellungen, vergessene Salate, gerade mal, dass die Abrechnung noch stimmt. Er hat seinen Kopf im Moment wirklich überall, nur nicht in der Bar." Wie eine Schildkröte ziehe ich den Kopf ein und fühle mich verantwortlich für das Wirrwarr. "Ist er wirklich so schusselig?", hake ich nach und hoffe darauf, dass mich jemand etwas besänftigen kann. Doch Fehlanzeige, Dave prescht volle Möhre voraus: "Jaja und dann noch die dauernde schlechte Laune. Das ist echt zum Kotzen." Da stößt Linda ihm ihren Ellbogen in die Rippen, um ihn zum Schweigen zu bringen. "Aua! Spinnst du?" Als würde ich es nicht merken, wirft sie ihm dabei einen Blick zu, der sich gewaschen hat. Doch da hab ich die Faxen dicke und gehe lieber schlafen: "Ich geh dann mal ins Bett. Dann kann Linda dich in aller Ruhe verprügeln. Gute Nacht." Mit den Gedanken bei Ben schlurfe ich motivationslos in mein Zimmer.

 

 

Am nächsten Tag freue ich mich schon unheimlich auf meine Cousine. Wir verbringen auch einen wunderschönen Tag. Leider im Indoor-Spielplatz, weil es einfach nicht aufhören will zu regnen, aber der Kleine kommt total auf seine Kosten. Natürlich komme ich auch an einem unangenehmen Thema nicht vorbei und Katja quetscht mich über mein Liebesleben aus: "Und dann bist du jetzt solo? Du hast dich tatsächlich von Dennis getrennt? Ich mochte ihn total gerne." "Jaaa, weißt du, das war unausweichlich. Er war nicht gerade einer von der... treuen Sorte.", packe ich die ungeschönte Wahrheit knallhart auf den Tisch. "Ach was!! Er ist dir fremdgegangen? Das hätte ich ja nie gedacht!" "Tja, wem sagst du das?!", muss ich lachen. Da schlägt sie ihre Hände über dem Kopf zusammen: "Tut mir leid. Ich wollte nicht taktlos sein, Josie." "Kein Problem. Ich bin drüber weg." "Und... gibts denn... jemand neues?" Natürlich war glasklar, dass diese Frage kommen würde. Aber verpeilt wie ich derzeit bin, kam sie doch überraschender als gedacht. Und weil ich keine passende Antwort dafür parat hab, tue ich kurzerhand so, als hätte ich die Frage nicht gehört. "Oh, schau doch mal: Flo ist hingefallen. Ich geh schnell und puste sein Aua weg." "Hingefallen? Da rennt er doch. Du willst mir doch nicht etwa ausweichen?!" Ich scharre mit den Füßen am Boden und zwirbele meine Haare wie wild. "Also gibts da doch jemanden! Deine Mum hat da neulich schon sowas angedeutet." Da fährt es mir in Mark und Knochen: "Meine Mum? Was hat sie denn gesagt? Pff, glaub ihr nicht. Die hat doch keine Ahnung!" Als hätte ich Hummeln im Hintern zapple ich wild auf und ab. "Ben? Oder Benjamin? Irgendwie sowas hat sie doch gesagt, glaube ich...", tippt sie sich aufs Kinn und will mich zu meinem absoluten Entsetzen immer weiter aus der Reserve locken: "Muss ja ein ziemlich steiler Zahn sein. So ein richtiger Kerl." "Katja, jetzt halt die Klappe!" "Josie! Du wirst ja knallrot!", amüsiert sie sich lautstark über mein Schulmädchen-Gehabe. Mag vielleicht fies klingen – aber glücklicherweise fällt Flo in diesem Moment tatsächlich hin und Super-Josie eilt ihm natürlich sofort zur Hilfe. Hauptsache ich entkomme diesem unsäglichen Kreuzverhör. Doch meine Cousine hat insoweit den richtigen Riecher und lässt dieses Thema den restlichen Tag außen vor.

 

 

Bei unserer Verabschiedung nimmt sie mich sorgenvoll in den Arm und bietet mir nochmals an, bei ihnen zu übernachten: "Bist du sicher, dass du nicht bei uns schlafen willst? Es ist schon dunkel und es regnet in Strömen. Den Zweitschlüssel könntest du ja einfach mitnehmen. Und wenn wir wieder aus dem Kurzurlaub zurück sind, dann besuchen wir dich und Linda und holen ihn wieder ab. Mir ist nicht wohl dabei, dich fahren zu lassen." "Ach Quatsch. Das schaffe ich schon. Die 140 Kilometer reiße ich schnell runter. Das klappt schon. Solange mich das Auto nicht im Stich lässt." An dieser Stelle lasse ich es lieber unerwähnt, dass das Auto auf der Hinfahrt tatsächlich ein bisschen Zicken gemacht hat. Aber ich will Katja nicht beunruhigen. "Schreib mir bitte, wenn du zuhause angekommen bist." "Mach ich. Ich wünsch euch nen schönen Urlaub. Erholt euch und genießt die Familienzeit."

 

 

Mit einem flauen Gefühl in der Magengegend mache ich mich also auf den Heimweg. Es stürmt tatsächlich so stark, dass ich zeitweise nicht schneller fahren kann als 40 km/h – und das auf der Autobahn! Doch bald erreiche ich endlich das Ortseingangsschild und bin heilfroh, dass ich in spätestens 20 Minuten unter der heißen Dusche stehe. Doch natürlich hab ich da die Rechnung ohne die blöde Karre von Joe gemacht und bleibe gute zehn Kilometer vor dem Ziel stehen. Da ich in solchen Situationen grundsätzlich nicht cool bleiben kann, sondern eher in nackte Panik gerate, bin ich mit einem Schlag fix und fertig. Ich wähle Joes Nummer, doch auch nach hundertfachem Klingeln hebt er nicht ab. Auch meine Mama hat ihr Handy ausgeschalten und ist demnach nicht zu erreichen. Zuhause springt nur der dämliche Anrufbeantworter an. Also nächster Versuch: Ich rufe Linda an. Doch da bekomme ich nur das Besetzt-Zeichen und werde zusehends verzweifelter. Dann rufe ich eben Dave an. Doch da gilt das gleiche Spiel: Auch bei ihm ist besetzt! Da schlage ich aus Zorn auf das Lenkrad und brülle vor mich her: "VERDAMMT NOCHMAL! MÜSST IHR ZWEI CLOWNS DENN GERADE JETZT TELEFONIEREN?!" Mir kam natürlich auch schon in den Sinn, Adrian anzurufen. Der kennt sich immerhin mit Autos aus. Doch ich will nicht das kleine Mädchen sein, das Hilfe mit dem Auto braucht. Einige Minuten sitze ich da und überlege. Doch ich kann mich doch dazu durchringen, Adrians Nummer zu wählen. Und tatsächlich: Er hebt ab. "Josie? Tut mir leid, ich kann grad nicht reden. Ich bin in einem wichtigen Geschäftsessen. Ich ruf dich nachher an. Küsschen." Und Ehe ich zu Wort komme, hat er schon wieder aufgelegt. Da kann ich nicht anders und breche lauthals schniefend in Tränen aus. Das kann doch gar nicht sein. Da leihe ich mir einmal dieses dämliche Auto aus und es lässt mich hier stehen. Und dann kenne ich Gott und die Welt und niemand kann herkommen und mir helfen. Das ist doch ein schlechter Scherz. Nachdem ich mich wieder ein bisschen beruhigt habe, kommt mir ein Geistesblitz in den Sinn. Ben! Ich ringe mit mir. Ich will ihn nicht anrufen. Er war so eklig zu mir die letzte Zeit. Aber ich kann hier doch nicht übernachten! Mit einer Mischung aus Verzweiflung und Angst im Gepäck wähle ich seine Nummer. Es dauert etwas, aber er hebt ab: "Ben? Oh Gott sei Dank erreiche ich dich!" Er klingt besorgt: "Ist was passiert?" Kurzerhand erläutere ich ihm mein Dilemma und hoffe auf seine Hilfe. "Wo genau bist du denn?" "Kurz vor der Tankstelle am Einstein-Ring stadteinwärts. Kannst... kannst du bitte herkommen?" "Ich bin in 15 Minuten da!"

 

 

Zu meinem Bedauern lässt der Regen einfach nicht nach und ich kann fast nichts mehr draußen erkennen. Da öffnet sich plötzlich die Fahrertüre und Ben steht vor mir. "Ben!" "Los, mach mal Platz. Ich muss mir mal ansehen und anhören, was der Möhre fehlt." Kurzerhand rutsche ich auf den Beifahrersitz und bin mit meinen unqualifizierten Bemerkungen keine Hilfe für Ben: "Bin ich froh, dass du da bist. Sag mal... du bist ja im T-Shirt. Hast du denn keine Jacke dabei? Es hat doch nur... 8°C." "Ich wollte schnell los und dachte, ich hätte noch eine im Auto liegen, aber falsch gedacht." Dabei würdigt er mich keines Blickes, sondern starrt nur das Cockpit des Autos an. Dabei fällt mir auf, dass er auch nur eine Jogginghose und Schlappen an hat, aber das lasse ich lieber unkommentiert, ehe er mir noch eine runterhaut. "Das hilft alles nichts. Ich muss mal in den Motorraum schauen. Lass ihn bitte mal an, wenn ich dir ein Zeichen gebe." "Okay, mache ich." Und schon macht er sich ans Werk. Doch es dauert zu seinem – und auch zu meinem – Leidwesen, bis Ben rauskriegt, was dem Wagen fehlt und so steht er sicher 30 Minuten im strömenden Regen. Dabei flucht er und verteufelt den ganzen Wagen. So kenne ich Ben gar nicht. Derart aufbrausend und reizbar. Da wird es mir zu bunt und ich beschließe, dem Spuk ein Ende zu bereiten und auszusteigen: "Ben, du bist ja vollkommen durchnässt." "Steig wieder ein Josie, du erkältest dich noch." Sein Zorn wirkt wie weggeblasen. Da steht er in Shirt und Schlappen seit einer gefühlten Ewigkeit in der stürmenden Kälte und ist direkt besorgt, dass ich mich erkälten könnte. "Aber vielleicht kann ich dir ja..." "Na los doch. Steig schon ein." Wenige Augenblicke später öffnet sich die Türe und Ben erstellt ein Täterprofil: "Es ist der Keilriemen. Wies aussieht ist er gerissen. Die Karre muss in die Werkstatt. Da hilft nichts. "So ein Mist. Ist das nicht das Teil, das man mit einer Damenstrumpfhose austauschen kann?!" "Im Film vielleicht.", antwortet er mir entnervt und zögert, bevor er weiterspricht: "Hast du denn überhaupt eine an?" "Ähm... nein. Das... ich... nein!" Das meinte ich mit unqualifizierten Kommentaren. "Ich werd dich abschleppen müssen. Also das Auto. Ich werd das Auto abschleppen müssen." Mit grimmiger Miene holt er das Abschleppseil aus seinem Wagen und legt es an. An der Werkstatt angekommen prüft er nochmal, ob Joes Auto auch wirklich abgesperrt ist und fährt mich schließlich nach Hause. "Es tut mir echt leid, Ben. Jetzt bist du triefendnass und das auch noch umsonst." "Ach Quatsch. Irgendwer musste dich ja abholen." Er kann mir nach wie vor nicht in die Augen sehen und starrt unentwegt auf die Straße. Ich kann es fast nicht mehr ertragen, dass er mir die kalte Schulter zeigt. "Auch wenn das eigentlich dein Freund hätte machen sollen.", ergänzt er. Ich halte es für angebracht, die Sache endlich aufzuklären und will beginnen: "Ben, das mit Adrian... ich..." Doch da unterbricht er mich mit bestimmtem Ton: "So da sind wir." Ich sehe überrascht aus dem Fenster und tatsächlich: Wir sind schon bei mir zu Hause. "Sieh nochmal nach, ob du auch alles hast. Schlüssel, Handy, Geldbeutel..." Ich wühle wild in meiner Handtasche umher, nehme den Schlüssel und mein Handy in die Hand und strecke ihm beides entgegen. Die Situation ist so aufgeladen und angespannt, dass ich unbedingt noch irgendwas sagen will. Irgendwas Versöhnliches. Kurzerhand lege ich zögerlich meine Hand auf sein Bein, sehe ihm tief in die Augen und hauche: "Danke Ben." Er starrt auf meine Hand. Seine Miene erhellt sich ein wenig und für den Bruchteil einer Sekunde hält er meine Hand fest. Doch im nächsten Moment ist das alles wieder dahin, als er auf mein leuchtendes Handydisplay sieht. Er nimmt meine Hand weg, blickt aus seinem Fenster und sagt bekümmert: "Du solltest rangehen. Adrian ruft an." Erschrocken starre ich auf mein Handy. Ich Idiotin hab nicht gemerkt, dass Adrian anruft. Die Stimmung lädt sich mehr auf und wird zusehends angespannter. Also beschließe ich, auszusteigen. Ich lächle Ben nochmals zu, aber er reagiert nicht. So hetze ich durch die Regenflut über die Straße und telefoniere mit Adrian: "Hey, ich wollte dich nur zurückrufen. Was gabs denn vorhin?" "Ach, das hat sich zwischenzeitlich erledigt." "Wo bist du denn? Es ist so laut im Hintergrund. Es hallt irgendwie." "Ich laufe gerade durchs Treppenhaus." "Wow, bist du jetzt erst von deiner Cousine zurückgekommen? Bei dem Wetter bist du die weite Strecke gefahren?" "Ja, naja eigentlich wäre ich schon vor über einer Stunde zu Hause gewesen. Aber das Auto hat leider Zicken gemacht. Der Keilriemen scheint gerissen zu sein." "Oh Mann. Ich bin erstaunt, wie gut du dich auskennst, Josie. Respekt." "Das hat Ben festgestellt. Er war der Einzige, den ich erreicht hab. Er hat dann nachgesehen und mich abgeschleppt. Also das Auto abgeschleppt. Das steht jetzt in der Werkstatt und er hat mich geradeeben hier abgesetzt." "So ein Mist. Einmal, wenn du das Auto brauchst. Aber toll, dass Ben sich gekümmert hat. Soll ich noch vorbeikommen?" "Nein. Nein, das musst du nicht. Ich geh jetzt erst mal heiß duschen und dann will ich nur noch ins Bett." "Das verstehe ich. Sehen wir uns dann morgen?" "Ähm, ich weiß nicht. Ich..." "Ich will dich nicht unter Druck setzen, Josie. Sag mir ruhig ab, wenn es dir nicht passt. Kein Problem." "Naja, weißt du...", doch auf die Schnelle fällt mir keine Antwort hierauf ein. Ich bin positiv überrascht, dass er sich so zurücknimmt und Verständnis zeigt. "Aber da gibts eins, was ich dir sagen muss.", macht er mich neugierig. "Das Geschäftsessen heute war wie gesagt sehr wichtig. Und wir haben vereinbart, dass ich mit ein paar Kollegen eine Geschäftsreise machen muss. Am Dienstag soll es los gehen. Und ich würde... dich vorher schon gerne noch sehen." "Wow, damit hab ich nun nicht gerechnet. Wie lange werdet Ihr denn weg sein?" "Vorerst drei Wochen. Es kann aber sein, dass dann nochmal um eine oder zwei Wochen verlängert wird. Das wird sich erst vor Ort herausstellen." "Oh. Das ist lange. Da hast du dann natürlich recht. Wir sollten uns nochmal sehen. Aber ich bin ziemlich geschafft und muss morgen noch das mit dem Auto klären und wäre einfach gerne an meinem letzten freien Tag für mich. Ist das schlimm?" Da höre ich ihn durchs Telefon schmunzeln: "Nein, überhaupt nicht." "Wir sehen uns Montag, okay? Ich koche uns was Leckeres. Und Linda und Dave schicke ich ins Kino. Was hältst du davon?" "Gute Idee. Ich freu mich. Dann wärm dich jetzt auf und schlaf gut, Josie." "Schlaf gut, Adrian."

 

 

Linda und Dave kommen auch vollkommen schlaftrunken aus ihrem Zimmer getappst. "Was ist denn passiert, Josie? Ich hab dir etwa 20 Nachrichten geschickt, nachdem du versucht hast, uns zu erreichen." Ich erkläre ihnen die Kurzfassung der jüngsten Ereignisse und verabschiede mich bibbernd und frierend ins Badezimmer. Die heiße Dusche fühlt sich an, als wäre ich neu geboren. Doch trotzdem ist meine Stimmung ziemlich bedrückt. Bens Abfuhr und seine abweisende Art schlagen mir merklich aufs Gemüt. Ich will ihn so gerne wieder zurück wie er früher war. Der alte Ben. Ich muss das einfach so bald wie möglich klären. Plötzlich unterbricht die Türklingel meine Gedanken und ich eile zur Türe. Das wird doch nicht Adrian sein? Aber wer sollte sonst um diese Uhrzeit hier klingeln? Ehe ich die Tür erreiche, hat Dave sie bereits geöffnet. Und da steht unser begossener Pudel vom Dienst auf der Matte: Ben! "Alter, was machst du denn hier? Und wie siehst du überhaupt aus?!" Da schwant mir nichts Gutes: "Oh nein! Hab ich doch irgendwas in deinem Auto vergessen??" Etwas geniert kommt er rein: "Nein, im Gegenteil. Ich hab was vergessen. Meinen Wohnungsschlüssel, ich Idiot." Da schaltet sich auch Kommissarin Linda ein: "Hä? Aber du bist doch hier her gefahren? Hast du denn deinen Wohnungsschlüssel nicht am Hausschlüssel?" "Eigentlich ja. Aber mein Autoschlüssel wurde eingeschickt, weil die Fernsteuerung kaputt war. Deshalb bin ich momentan mit dem Zweitschlüssel unterwegs und den hab ich nicht an meinem Schlüsselbund. Und in der Eile vorhin... muss ich den auf dem Küchentisch liegen gelassen haben!" Dave klopft ihm auf die Schulter: "Los, komm erst mal rein. Geh heiß duschen. Ich leg dir ein Shirt und ne Hose von mir raus." "Danke, ich wusste, auf dich ist Verlass." Während Ben ins Badezimmer watschelt, verabschiedet sich Linda wieder ins Land der Träume und Dave legt wie besprochen Klamotten für Ben raus. Ich hingegen laufe Ben hinterher, um ihm ein frisches Handtuch zu bringen. Er bedankt sich kaum hörbar und macht mir schließlich die Türe vor der Nase zu.

 

 

Während Ben im Bad verweilt, setze ich mich in meinem Bademantel auf die Sofalehne und warte auf ihn. Als er in seinem Boxershort und mit Handtuch um die Schultern ins Wohnzimmer kommt, sieht er mich erst nur an, ehe er mir in einem abgeklärten Ton zu verstehen gibt, dass ich ihn nicht nerven soll: "Du hättest nicht auf mich warten müssen. Ich weiß, wo das Wasser steht." "Deshalb hab ich nicht gewartet." Ich stehe auf und gehe ein paar Schritte auf ihn zu: "Ich denke, wir sollten uns mal unterhalten." "Josie bitte. Das war echt anstrengend, ich will jetzt nur noch schlafen." "Warum bist du so zu mir?" Er starrt an die Decke, stemmt die Hände in die Hüften und schnauft: "Wie bin ich denn?" "Kalt. Abweisend. So kenne ich dich gar nicht." Ich kann nicht verhindern, dass mir die Tränen in die Augen steigen. Doch auch davon zeigt sich Prinz Eisenherz nicht gerade beeindruckt. Er will sich an mir vorbeischieben und meint: "Dann heul dich bitte bei Adrian aus und nicht bei mir." Da wird es mir zu blöd und ich werde wütend: "Was soll diese Scheiße Ben? Lass Adrian da doch raus. Wenn du ein Problem mit mir hast, dann klär das gefälligst mit mir! Und wenn du mir nicht sagen kannst, wo dein Problem liegt, dann reiß dich gefälligst zusammen und sei nett zu mir. Du musst mir nicht die Füße küssen, aber ein nettes "Hallo" hier und da wäre schon toll." "Du willst wissen, was mein Problem ist?" "Raus damit!", fordere ich. "DU! Du bist mein Problem! Und Adrian! Das ganze Hin und Her! Josie ich mag dich und es... es macht mich wahnsinnig, dass du jetzt mit Adrian... Erst musste ich zusehen, wie dieser Dennis an dir rumschraubt und dich verarscht und dann hat es irgendwie wieder nicht gepasst und jetzt Adrian." Endlich hat er es ausgesprochen. Endlich kann ich ihm ganz konkret entgegnen und weiß, was los ist. Ich werde still und gehe noch näher auf ihn zu. Ich greife nach den beiden Enden des Handtuchs, das noch immer um seinen Hals liegt und sage: "Ich hab nicht mit Adrian geschlafen, falls du das denkst." In seinen Augen macht sich Erleichterung breit. Scheinbar ist er fest davon ausgegangen, dass Adrian und ich... Sex hatten. Gut, so fern liegt der Gedanke nicht, aber dass ihn das so treffen würde?! Damit hatte ich nicht gerechnet. Wir sehen uns tief in die Augen. Ben steht ganz dicht vor mir. Er beugt sich nach unten, sodass seine Stirn meine berührt. Unsere Blicke weichen nicht voneinander ab. Ich spüre, wie er seine linke Hand auf meine Hüfte legt. Die Rechte wandert von meinem Hals nach unten und streicht mir schließlich den Bademandel von der Schulter. Es knistert ganz gewaltig und ich sehne mich richtig nach ihm. Seinen Lippen. Seinem Körper. Ich sehne mich nach Ben. Doch wir springen auseinander wie zwei aufgeschreckte Hühner, als Dennis im Stechschritt aus seinem Zimmer kommt und bei unserem Anblick wie angewurzelt stehen bleibt: "Ich wollte noch... Oh. Entschuldigt. Ich wollte nicht... stören.", peinlich berührt fährt er sich durchs Haar und ergänzt schmutzig grinsend: "Naja, du weißt ja, wo das Wasser steht. Also dann... Gute Nacht." Als er die Türe wieder geschlossen hat, dauert es genau eine Sekunde, ehe man Linda "WAAAS?!?" quietschen hört. Ben und ich müssen lachen. Ich wage noch einen Versuch und gehe auf ihn zu. Meine Schulter ist nach wie vor entblößt. Doch da zeigt sich der Gentleman und er richtet mir den Bademantel. "Das ist vielleicht keine gute Idee. Gute Nacht, Josie." Ziemlich verunsichert und auch ein wenig betrübt stimme ich ihm gezwungenermaßen zu: "Ja du hast Recht. Das war... gute Nacht Ben." Wie nicht anders zu erwarten war, kann ich einfach nicht einschlafen. Zu sehr beschäftigen mich die jüngsten Geschehnisse. Ich bin ein wenig irritiert, woher seine plötzliche Abwehrhaltung kam. Denn als ich ganz dicht vor ihm stand, konnte ich genau spüren, wie angetan er von mir war. Und der Situation. Aber wahrscheinlich war es tatsächlich vernünftiger, es nicht ausarten zu lassen. Immer wieder höre ich Schritte vor meiner Türe. Den Flur entlang. Höre den Lichtschalter im Bad. Oder das Zischen der Wasserflasche beim Aufdrehen. Ben geht es also wie mir. Er kann auch nicht so recht einschlafen. In Gedanken an ihn merke ich, wie meine Augenlider doch immer schwerer werden und döse schließlich ein.

 

 

Am nächsten Tag gilt mein erster Gedanke der Tatsache, dass Ben vermutlich im Wohnzimmer auf der Couch liegt. Ich stehe also auf, und stelle mich unüblicherweise erst mal vor meinen Spiegel, um die Wischmopp-Frisur einigermaßen in den Griff zu kriegen und mir die Schlaffalten wegzumassieren. Noch kurz das Schlafanzugshirt und die Möpse in Form gebracht, öffne ich also superelegant meine Zimmertüre. Ich will total fokussiert auf die Kaffeemaschine zuflanieren, um dann so zu tun, als hätte ich ganz vergessen, dass wir einen Übernachtungsgast hatten. Doch als ich an der Küchenzeile ankomme und mir meine Tasse aus dem Schrank hole, wundere ich mich, dass Ben mir nicht guten Morgen sagt. Außerplanmäßig werfe ich also einen Blick auf das Sofa und muss feststellen, dass die Kissen ordentlichst drapiert sind und meine Kuscheldecke, die Ben heute Nacht hatte, zusammengefaltet in Position liegt. Ich schleiche mich also Richtung Badezimmer und kann tatsächlich hören, dass jemand sich gerade die Hände wäscht. Fluchtartig hetze ich also wieder in die Küche und nehme am Esstisch Platz. Ich höre die Badezimmertüre aufsperren. Ein Schatten ist im Flur zu erkennen. Und da kommt... Linda um die Ecke. Hurra... "Hey, guten Morgen Sonnenschein! Oder eher Mahlzeit. Ich dachte, an deinem letzten freien Tag lass ich dich ausschlafen. Ich hoffe, das ist in  Ordnung?" "Guten Morgen. Ja klar. Danke, das ist lieb. Sag mal... wo ist denn..." "Ben? Der ist schon ganz früh los hat Dave gemeint. Die beiden haben ja heute die Mittagsschicht und Ben wollte vorher noch zu seinen Großeltern und sich den Zweitschlüssel für seine Wohnung abholen." "Ach so. Ja... macht Sinn." "Hast dir wohl deswegen die Wischmopp-Haare zurecht gelegt, bevor du aus deinem Zimmer gekrochen bist, was?!", zwinkert sie mir schelmisch grinsend zu. "Sag mal, da muss es ja gestern Abend noch ziemlich heiß her gegangen sein zwischen euch. Also was Dave so erzählt hat." "Ach, das sah heißer aus, als es war. Lauwarm würde es eher treffen. Eigentlich war es schon wieder vorbei, bevor es angefangen hatte. Also im Prinzip war nichts!"

 

 

Der restliche Tag vergeht wie im Flug. Joe hatte sich direkt noch vormittags gemeldet, um die ganze Misere mit dem Auto abzuklären. Er kennt auch zufällig jemanden, der in genau dieser Werkstatt arbeitet, bei der die Kiste jetzt auf dem Hof steht. Er kümmert sich um alles Weitere und konnte sich gar nicht oft genug bei mir entschuldigen, so ein schlechtes Gewissen hatte er. Linda war nachmittags in der Bar zum Kaffeetrinken. Natürlich hat sie gefragt, ob ich mitkommen will, aber mir war so unwohl bei dem Gedanken, Ben unter die Augen zu treten, sodass ich verneint hab. Was ist mir eigentlich durch den Kopf gegangen, mich fast wieder auf ihn einzulassen?! Und selbst als Dave uns unterbrochen hat, wollte ich es nicht gut sein lassen. Es wäre wohl besser, ich laufe ihm die nächsten Tage nicht über den Weg. Ich würde vermutlich ohnehin nur purpurrot anlaufen, mir die Haare verknoten und keinen Ton rauskriegen.

 

 

Doch am nächsten Tag lässt es sich natürlich nicht vermeiden, Ben zu sehen. Die Mädels wollen die Mittagspause wie gehabt in der Bar verbringen und mir fällt kein plausibler Grund ein, weshalb das heute nicht geht. Also gehe ich widerwillig und mit Herzklopfen mit. Ich betrete die Bar. Während Linda direkt hinter den Tresen huscht, um Dave mit einem Küsschen zu begrüßen, sondiere ich erst mal die Lage. Ben ist nicht zu sehen. Gut für mich. Zunächst. Wir setzen uns wie gewohnt an unseren Tisch und Mike kommt zu uns, um die Bestellung aufzunehmen. Meine Hände sind richtig kaltschweißig, weil ich ja zu befürchten habe, dass Ben jeden Moment auftaucht. Doch dem ist nicht so. Als wir uns die Sandwiches schmecken lassen, frage ich doch mal aus purer Neugier nach: "Sagt mal, habt ihr Ben irgendwo gesehen?" Da erwähnt Linda vollkommen beiläufig, dass Ben krank zu sein scheint: "Gestern Nachmittag war er zwar noch hier, aber als er heute Morgen auf der Matte gestanden ist, hat Mike ihn wieder nach Hause geschickt. Der Arme muss ne ziemliche Grippe abgekriegt haben." "Oh nein. Josie, vielleicht solltest du ihm gute Besserung wünschen.", schlägt Schwester Sara sorgsam vor. "Ach du Schande. Er wird sich die Grippe doch wohl nicht eingefangen haben, als er mir letztens geholfen hat.", schlage ich mir die flache Hand aufs Hirn. "Das würde jetzt gerade noch fehlen. Ben war so nett, mir zu helfen und deswegen liegt er jetzt sterbenskrank zu Hause im Bett. Das hab ich ja echt super hinbekommen."

 

 

Da ich ein so schlechtes Gewissen habe und mich für Bens Kranksein verantwortlich fühle, beschließe ich, ihm einen spontanen Krankenbesuch abzustatten. Ich flitze noch schnell in den Supermarkt, kaufe ein paar Kleinigkeiten und stehe schließlich mit vollen Einkaufstüten vor seiner Wohnungstüre. "Josie?! Was machst du denn hier?" "Um Gottes Willen, du siehst ja grauenhaft aus.", ploppt es genau so unüberlegt, wie auch unsensibel aus mir raus. "Na danke. Da fühl ich mich gleich besser!" "Ben, ich hab so ein schlechtes Gewissen. Du bist nur meinetwegen krank geworden. Hier, ich hab eingekauft und werd dich heut nach Strich und Faden verwöhnen. Als erstes werd ich dir ne Kanne Tee machen. Dann bekommst du ein leckeres Nudelgratin mit extra viel Käse und außerdem hab ich dir noch diese lustigen Monster-Kuschelsocken mitgebracht. Die fand ich einfach süß." Ich merke zwar, dass er etwas überrumpelt ist, aber das stört mich nicht im Geringsten und ich plappere einfach weiter: "Und in der Zwischenzeit kannst du schon mal ein Erkältungsbad nehmen. Hier, ich hab extra Eukalyptus-Schaumbad gekauft. Und nimm diese Halsbonbons. Ist Zitrone. Magst du Zitrone? Ähm sag mal, hast du ne Auflaufform?" Da hält er sich den Kopf und reißt die Augen auf: "Josie halt halt halt. Also mal vorweg: Du bist nicht schuld, dass ich krank bin." "Doch! Weil du doch..." "Außerdem musst du mich doch nicht so bemuttern." "Doch. Es tut ja sonst keiner. Ich spring da sehr gerne ein. Und das nicht nur weil ich doch so ein schlechtes Gew..." Im Nu greift er in den Schrank und ehe ich meinen Satz beenden kann, fummelt er mit einer Auflaufform vor meiner Nase rum: "Hier bitte." Dass er mich dabei ein wenig resigniert, aber hauptsächlich erfreut anlächelt, freut mich umso mehr. Ben greift sich also das Schaumbad und verschwindet im Badezimmer, während ich Wasser für den Tee koche und anfange, am Nudelgratin zu werkeln. Eine halbe Stunde später kommt er mit dem Handtuch um seine Hüften und noch etwas feucht aus dem Bad und seufzt: "Oh Mann, das hat echt gut getan. Josie, das war ne super Idee." Auf sein Lob kann ich bei dem Anblick gar nicht recht reagieren. Nachdem er sich oben im Schlafzimmer angezogen hat, geht meine Mission weiter: "Hier, leg dich doch noch aufs Sofa bis das Gratin fertig ist. Den Tee hab ich schon aufgegossen." Da fällt mir auf, dass Ben sich tatsächlich meine Monster-Kuschelsocken angezogen hat und komme fast nicht mehr aus dem Lachen heraus: "Mein Gott, sind die putzig. Hoffentlich hat der Benny jetzt auch schön warme Füßchen!" Schmunzelnd legt Ben sich weisungsgemäß auf die Couch. Er wickelt sich in eine Decke ein, schaltet den Fernseher an und schlürft den wohltuenden Tee. Es dauert nur etwa 15 Minuten, bis ich ihn zum Essen rufen will. Doch eine Reaktion erhalte ich nicht. Ich gehe also zum Sofa rüber, um ihn zu holen und sehe, dass Ben eingeschlafen ist. So wie er da liegt kann ich nicht anders und setze mich neben ihn. Streichle ihm dabei sanft über den Kopf und über die Wange. Seine Augenbrauen bewegen sich und er greift nach meiner Hand. Ich denke, er muss jeden Moment aufwachen, doch dem ist nicht so. Also sitze ich einfach eine Weile neben ihm und halte seine Hand.

 

 

Kurze Zeit später werde ich auf mein nervtötend laut klingelndes Handy aufmerksam, das in meiner Jackentasche vor sich hin explodiert. Ich springe auf, und gehe ran. Mist! Es ist Adrian. Schlagartig fällt mir unsere Verabredung wieder ein. Ich verkrümele mich ins Badezimmer, damit ich Ben nicht wecke: "Adrian hey. Du... du wartest bestimmt schon auf mich, oder?" "Ja. So gute 10 Minuten. Linda war so nett und hat mich reingelassen. Du hast unser Date also... vergessen?" "Ja, es tut mir leid. Mir ist etwas dazwischen gekommen. Ich hatte mich echt auf unser Treffen gefreut aber..." Adrians Tonfall wird zorniger: "Etwas? Dir ist wohl eher JEMAND dazwischen gekommen. Linda hat mir erzählt, dass du bei Ben bist." "Ja das stimmt. Aber das war nicht geplant. Er ist..." "Krank. Ich weiß." "Adrian! Ben und ich sind Freunde. Da hilft man sich und kümmert sich um den anderen, wenn einer krank ist oder es ihm nicht gut geht." "Das wäre an sich ja auch überhaupt kein Problem, Josie. Glaub mir. Aber er ist einfach nach wie vor hinter dir her und es ist ja nicht so, dass er heute Nacht nicht schon bei dir gewesen wäre. Das ist mir alles zu heiß." "Woher weißt du denn, dass er heute Nacht..." "Ich bin heute Morgen zum Bäcker gegangen und hab ihn zufällig aus deinem Haus kommen sehen. Außerdem stand seine Karre vor der Türe." "Ja aber er hat auf dem Sofa..." "Tut mir leid. Ich hab ja vernommen, dass du keine Beziehung willst, aber mir scheint es mehr so, als könntest oder wolltest du dich schlicht und ergreifend nicht festlegen." "So ist das nicht!" "Wie dem auch sei. Die Stimmung für ein Date ist mir jetzt auch vergangen. Morgen muss ich weg und ich finde es natürlich schade, dass wir uns vorher nicht mehr sehen können. Aber vielleicht solltest du dir während meiner Abwesenheit mal Gedanken machen, wozu das alles überhaupt gut ist." "Adrian, sei bitte nicht böse." "Bin ich nicht, Josie. Nur ein wenig enttäuscht. Also dann..." "Gute Reise Adrian. Pass auf dich auf und... ich werd dich vermissen."

 

 

Mit hängenden Schultern trabe ich zurück ins Wohnzimmer. Dass ich jetzt auch noch Adrian verärgert habe, war absolut nicht meine Absicht. Ich hatte doch nur solche Gewissensbisse, dass Ben sich meinetwegen so erkältet hat. Völlig in Gedanken versunken dauert es einige Augenblicke, bis ich merke, dass Ben wach ist und mich vom Sofa aus anstarrt. "Oh. Du bist ja wach. Hab... hab ich dich geweckt?" "Ist Adrian jetzt sauer?" Ich weiß im ersten Moment nicht, wie ich ihm diese Frage beantworten soll und fuchtele an meinen Haaren herum: "Hm... ich denke schon." "Na los, dann hau schon ab. Vielleicht erwischst du ihn ja noch." "Aber ich kann doch nicht..." "Das Essen steht doch schon fertig auf dem Tisch. Tee kann ich mir alleine kochen und deine Plüschmonster-Gruselsocken halten mich warm. Also geh schon, bevor er sich in sein rosa Unterhemdchen macht." Ich stehe in Bens Wohnung, starre ihn mit großen Augen an und bin vollkommen hilflos. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ben sieht zwar nach dem Bad schon etwas fitter aus, aber es hat ihn trotzdem ziemlich fies erwischt. Und Adrian fühlt sich gerade vermutlich vollends verarscht, nachdem ich auf der Hütte am See im letzten Moment einen Rückzieher gemacht hatte und ihn jetzt vermeintlich auf Abstand halte. Ich will ihn nicht noch komplett vor den Kopf stoßen. Andererseits war es gerade – bevor Adrian angerufen hat – so schön hier mit Ben zu sitzen. Zeit mit ihm zu verbringen. Vor allem, weil er endlich wieder netter zu mir ist. "Vielleicht geh ich am besten einfach nach Hause und vergrab mich in meinem Bett. Damit verärgere ich niemanden." "Was soll das denn jetzt? Du hast es ihm doch erklärt. Der soll sich mal nicht so haben." Doch mein Blick scheint für sich zu sprechen. "Jetzt geh doch endlich. Du steckst dich zum Schluss nur an, wenn du hier bleibst. Also los." Nach einigen Minuten des Grübelns und des Abwägens, wem gegenüber ich nun das schlechtere Gewissen habe, entschließe ich mich dazu, bei Ben zu bleiben. Immerhin hat er sich diese fiese Grippe nur eingefangen, weil er mir helfen wollte. Wortlos setze ich mich an den Tisch und teile das Essen aus. Ben muss lächeln. Ein wenig siegessicher aber auch einfach weil er sich über meine Gesellschaft freut – denke ich. Er wirft sich seine Kuscheldecke um die Schultern und setzt sich zu mir. Ebenfalls wortlos. Wir lächeln uns an und genießen einfach das Essen.

 

 

"Mann, das war echt zu viel.", reibt er sich zufrieden den Bauch. "Total lecker, klar. Aber auch echt zu viel So viel hab ich die ganzen letzten Tage nicht gegessen." "Freut mich, wenn es dir geschmeckt hat. Deine Gesichtsfarbe wird langsam auch wieder menschlich. Vielleicht hat dir einfach mal ne Portion deftiges Essen gefehlt.", gebe ich mich besserwisserisch und klopfe ihm dabei auf die Schulter, während er mir die Teller abnimmt und die Spülmaschine einräumt. Nachdem wir uns gekabbelt haben, wer nun die Küche aufräumt und dabei einfach zusammen das ganze Chaos, das ich hinterlassen hab, beseitigt haben, wirft Ben sich auf die Couch: "Hast du noch Zeit oder musst du weg? Ich hab neulich gesehen, dass da ein megageiler Klassiker läuft. Wollen wir den zusammen anschauen?" Als ich schmunzelnd mit dem Kopf nicke, freut er sich wie ein kleines Kind. So sehr, dass er sogar unmittelbar den Kopf in meinen Schoß legt, als ich mich setze. "Du scheinst ja schon wieder ziemlich fit zu sein, was?!" "Das kannst du dir merken. Kannst dich öfter so aufopfernd um mich kümmern.", zwinkert er mir zu. Bei seinem nächsten Kommentar und vor allem seinem Tonfall nimmt er – bewusst oder unbewusst – die Komik aus der Situation: "Ich finds toll, dass du hier geblieben bist. Bei mir." Als wäre diese Aussage nicht schon Zucker genug, streichelt er mir dabei auch noch über den Oberschenkel. Nicht etwa als Anspielung auf Sex. Einfach aus seiner Emotion heraus. Bei diesem ganzen Gefühlskram kann ich mich leider nur mehr schlecht als recht auf den Film konzentrieren und verliere alle zwei Minuten den Faden.

 

 

Nach dem Film versuche ich langsam und möglichst behutsam aufzustehen, ohne Ben dabei das Genick zu brechen. "Ich werd jetzt mal nach Hause gehen. Muss ja morgen wieder früh raus." Etwas neben der Kappe erhebt auch Ben sich: "Ja. Klar. Soll ich dich fahren?" Da lege ich den Kopf zur Seite und werfe ihm meinen Josie-Krankenschwester-Spezial-Blick zu: "Nein Ben, du sollst mich nicht fahren. Du sollst dich ausruhen und wieder gesund werden. Die paar Minuten schaffe ich grade noch alleine." Während ich mir meine Jacke überstreife, nimmt Ben – gut erzogen wie er nun mal ist - meinen Schal und meine Mütze vom Haken und reicht sie mir. "Danke, dass du da warst. Ich fühl mich echt schon... viel besser." "Das hab ich doch gerne gemacht." Irgendwie ist die Situation merklich unangenehm. Wie verabschieden wir uns jetzt?! Was ist das überhaupt schon wieder zwischen uns beiden?! Sollen wir uns umarmen?! Fragen über Fragen. Ich kann Ben ansehen, dass ebendiese Fragen auch in seinem Kopf rattern. Doch kurzerhand packt er mich und umarmt mich innig: "Dann komm gut nach Hause und nochmal vielen Dank." Etwas verwirrt von der raschen Verabschiedung und doch ein wenig verträumt schlendere ich Richtung Treppe. Noch bevor ich die erste Stufe mit meinen brandneuen Winterstiefeln erreiche, öffnet sich Bens Türe nochmal. Ich drehe mich um und da streckt er seinen Kopf in den Hausflur: "Sehen wir uns morgen? Wieder am Abend?" Ich kann Ben ansehen, wie gespannt er auf meine Antwort wartet. Nach einem kurzen Moment, in dem ich ihn zappeln lassen möchte, beginne ich zu lächeln: "Ich werd sehen, wie ich es zeitlich hinbekomme." "Super. Vielleicht... können wir ja dann den zweiten Teil anschauen." "Klar." "Also dann. Gute Nacht Josie." "Gute Nacht Ben."

 

 

Am nächsten Tag werde ich noch bevor mein Wecker klingelt wach. Gut gelaunt. Ungewöhnlich gut gelaunt. Das zeigt mir eigentlich nur, dass es genau die richtige Entscheidung war, bei Ben zu bleiben. Wir hatten so einen schönen Abend wie lange nicht. Wir haben uns so gut verstanden und die Zeit ist einfach wie im Flug vergangen. Auch den Mädels und sogar unseren Chefs bleibt meine unverschämt gute Stimmung nicht verborgen: "Mensch Josie, dir scheint ja heute die Sonne aus dem Hintern." "Bestimmt hattest du nen schmutzigen Traum, oder?! Wer durfte denn ran? Adrian oder Ben?" "Linda! Du Trampeltier! Hör nicht auf sie, Josie." "Ach, lass sie nur reden. Ich hab einfach gute Laune. Mehr nicht." Selbstverständlich arbeitet es sich an einem so schönen Tag außergewöhnlich leicht, sodass die Uhr gefühlt deutlich früher Feierabend schlägt, als sonst. "Endlich! Diese Abrechnungen hier machen mich noch wahnsinnig. Lieber setze ich mich morgen Früh gleich dran. Mit nem frischen Kopf und besserer Konzentration.", springt Linda von ihrem Schreibtisch auf. "Was habt ihr denn heute noch vor, Mädels? Sascha muss heute länger arbeiten und wenn ihr Lust habt, könnten wir zusammen bei mir kochen. Es gibt da sowieso noch das eine oder andere klitzeklitzeklitzekleine Detail bezüglich der Hochzeit, was besprochen werden möchte." Verfressen wie Linda ist klatscht sie wild in die Hände: "Klar, gerne. Müssen wir noch einkaufen gehen oder ist euer Kühlschrank voll?!" Doch bevor die beiden mich noch zwangsernähren, gehe ich mit erhobenem Zeigefinger dazwischen: "Stop Stop Stop! Ohne mich, Mädels! Ich hab noch was vor." Beide sehen mich mit weit aufgerissenen Augen an: "Du hast noch was vor? Was denn?" "Ja! Ich dachte, Adrian ist jetzt erst mal eine Zeit lang weg und kommt erst kurz vor der Hochzeit wieder zurück." Wie zwei Hundewelpen legen sie ihren Kopf völlig verwirrt zur Seite. "Ja das... stimmt. Aber ich wollte nochmal nach Ben sehen. Er ist ja noch immer krank und..." Da kommt Linda auf mich zuflaniert und haut mir volle Möhre mit der Faust gegen den Oberarm: "Schau dir die an! Kaum ist Verehrer Nr. 1 außer Lande, wird Verehrer Nr. 2 ausgebuddelt." "AUAAA! Du dumme Gans. Das tut total weh. Und nur zur Info: Ich buddele Ben nicht aus oder sonst was. Ich bin lediglich um ihn besorgt, weil er ja schließlich nur meinetwegen krank ist. Das nennt sich F R E U N D S C H A F T!" "Linda jetzt hör doch auf, Josie zu ärgern. Los jetzt. Ich hab Hunger." Sie schiebt Linda zur Türe raus, gibt mir mit einem schelmischen Zwinkern ein Küsschen auf die Wange und flüstert: "Viel Spaß!"

 

 

Auf dem Weg zu Ben halte ich noch eben kurz im Supermarkt und kaufe ein paar Kleinigkeiten für das Essen, das ich in seiner Wohnung für uns zubereiten will. Selbstverständlich hab ich Depp den Einkaufskorb wieder zuhause vergessen und stolpere vollends überladen zur Kasse. Dass mein Handy in voller Lautstärke klingelt, ignoriere ich einfach gekonnt. Und dass meine Nasenspitze juckt auch. Vom Kassenband das ganze Zeug in eine umweltfreundliche Papiertüte verpackt und um unverschämt viel Kohle erleichtert, mache ich mich schließlich auf den Weg zu Ben. Die Haustüre steht offen, sodass ich direkt nach oben gehen kann und an seiner Wohnungstüre klingele. Innerhalb von Sekunden macht er auf und wirkt ein bisschen durch den Wind. "Josie, ich hab versucht... dich zu erreichen." "Ah, du warst das. Sorry, ich hatte alle Hände voll mit Lebensmitteln. Da konnte ich nicht rangehen.", winke ich ab und möchte mich an ihm vorbeidrücken. Zu meiner absoluten Verwunderung versperrt er mir den Weg. "Tut mir leid, Josie. Heute klappts doch nicht. Lass uns das auf morgen verschieben." Vollkommen verwirrt starre ich ihn an: "Aber was ist denn l..." Doch mein Satz wird jäh von einem lauten, schwungvollen, gut gelaunten und schrillen "HALLOOO!" unterbrochen. Während mir ein eiskalter Schauer über den Rücken läuft und ich unterbewusst wahrnehme, dass Ben mit einem Satz seine Schultern und seinen Kopf fallen lässt, drehe ich mich um und sehe Juliane. Wie zu erwarten stand, sieht sie mir mein Entsetzen direkt an. "Ben da bin ich. Wie vereinbart." In absoluter Schockstarre bemerke ich nicht, dass ich noch immer die Einkaufstüte nach oben halte. Bens Reaktion lässt mir das Blut in den Adern gefrieren: "Ich wollte nicht, dass ihr euch hier trefft!" Soll das etwa eine Erklärung sein? Er wollte nicht, dass wir uns hier treffen? Er wollte den Abend nicht gelangweilt und Filme glotzend mit mir verbringen, wenn die Olle auch zum Poppen vorbeischauen könnte?! Ich nehme mich so gut es mir nur möglich ist zusammen und entgegne ihm leise und emotionslos: "Das ist offensichtlich." Mit einem Ruck stoße ich ihm die Tüte in den Bauch und ergänze: "Dann kocht mal schön. Das geht auf mich. Schönen Abend." Noch auf der Treppe kann ich Juliane dummdreist fragen hören: "Was wollte sie denn?"

 

 

So schnell es geht, mache ich mich auf den Weg nach Hause. Ich ärgere mich, dass mir die Tränen in die Augen steigen. Doch ich war einfach nicht auf Juliane gefasst. Seit Wochen haben Ben und ich uns nur angeschwiegen oder angemotzt. Ich war so froh, dass wir endlich wieder miteinander umgehen konnten wie Freunde. Gute Freunde. Spaß haben. Einfach eine schöne Zeit zusammen verbringen. Doch jetzt, nach dieser Aktion, komme ich mir blöd vor. Ich bin irgendwie seltsam peinlich berührt und merke, dass ich daran mehr zu knabbern habe, als mir lieb ist. Wenn ich mir vorstelle, dass Ben jetzt mit ihr da oben... Glücklicherweise werden meine immer realistischer und detaillierter werdenden Gedanken von einem Anruf unterbrochen. Ich fummele nach meinem Handy und sehe Adrians Nummer auf dem Display. Mehr als ich es selbst erahne, sehne ich mit nach dem niederschmetternden Ereignis nach seiner Stimme. "Adrian, hey! Bist du gut angekommen? Hat alles gut geklappt?" "Hey Josie. Ja die Anreise hat reibungslos funktioniert. Ich wollte mich nur... melden." "Das ist lieb von dir. Was habt ihr denn heute noch vor?" "Ach heute Abend steht ein Geschäftsessen an, aber bis dahin können wir uns erst mal die Stadt ansehen und ggf. noch ein kleines Schläfchen halten. Aber Josie... ich rufe nicht nur an, um hallo zu sagen und von meiner Anreise zu berichten." "Ach... ach so?!", hauche ich ins Telefon und zwicke mir dabei mit den Fingern in die Lippe – gespannt auf Adrians Worte. "Nein, ich wollte mich auch deshalb melden, weil ich... mich entschuldigen wollte." "Adrian das brauchst du ni..." "Ich war ein Arsch. Kurz und knapp: Ich war ein Arsch. Wer bin ich, dir vorschreiben zu können, wann du dich mit wem triffst?! Es tut mir wirklich leid. Ich wollte, dass du das weißt. Natürlich hat es mich gewurmt, dass du Ben mir vorgezogen hast. Natürlich hätte ich meinen letzten Abend gerne mit dir gemeinsam verbracht. Aber das war deine Entscheidung. Da hab ich nicht reinzureden. Du bist ja nicht meine Freundin und willst keine Beziehung, also..." Aus heiterem Himmel höre ich mich sagen: "Doch." Stille in der Leitung. Meine Ansage hat Adrian scheinbar überrascht – genauso wie mich selbst. Im gleichen Moment beginne ich zu zweifeln. "Was hast du gesagt? Hab ich das richtig verstanden?" "Also ich..." Ehe ich antworten kann, höre ich pure Freude am Telefon. Adrian kommt aus dem Lachen und Feiern gar nicht mehr raus. Da höre ich meine Stimme erneut von alleine losreden: "Lass es uns versuchen." "Josie, das ist die beste Nachricht seit... ich weiß gar nicht mehr. Jetzt kann ich es erst recht kaum mehr erwarten, dich wiederzusehen. Hoffentlich gehen die paar Wochen schnell um." Es freut mich, Adrian so glücklich zu erleben, allerdings bin ich mir nicht sicher, ob meine doch eher unüberlegte Reaktion letztlich nur auf Bens Abfuhr zurückzuführen ist. "Oh, Josie ich muss auflegen. Meine Kollegen warten schon. Moment Jungs, ich muss mich noch von meiner FREUNDIN verabschieden." Schon irgendwie süß. Kurzerhand beenden wir das Telefonat und verabreden ein weiteres für morgen.

 

 

Zuhause angekommen sitzt Dave mutterseelenallein am Esstisch und stochert in einer 5-Minuten-Terrine herum. "Dave, was machst du denn hier? Und so ganz alleine?" "Eigentlich wollte ich auf Linda warten, aber ich hatte langsam solchen Hunger, dass ich mir dieses... Etwas hier gegriffen hab. Leider." Angeekelt schiebt er die Terrine weg und sieht mich eindringlich an. "Gehts dir nicht gut?" Ertappt versuche ich, seinen Blicken auszuweichen und antworte "Doch doch. Alles gut. Aber sag mal: Linda ist bei Sara. Sie wollten dort kochen, weil Sascha heute nochmal Spätschicht arbeiten muss. Und ich dachte, du hast auch die Abendschicht in der Bar." Lächelnd und kopfschüttelnd blickt er auf den Boden und entgegnet mir: "Nein. Ich hab mit Mike getauscht, weil er einen Termin hatte. Das hatte ich Linda allerdings erzählt." "Hm... das muss sie dann wohl verpennt haben. Sie war schon ziemlich hungrig auf der Arbeit und dann hat ihr Gehirn wohl abgeschaltet..." "Naja, macht ja nix. Dann werd ich mir eben ne Pizza bestellen. Für dich auch?" Da legt er die Stirn in Falten und stockt kurz, ehe das gefühlte Kreuzverhör weitergeht: "Sag mal, wolltest du nicht zu Ben? Du wolltest doch nach ihm sehen und mit ihm essen, oder nicht?! Ich hab heute Vormittag noch mit ihm telefoniert und da hat er das erzählt." "Ach weißt du... das hat sich erübrigt." "Wieso das denn?" "Mensch Sherlock, du quetschst mich ja regelrecht aus.", versuche ich, mich um seine Fragen zu winden – leider erfolglos. "Ist er etwa der Grund für dein miesepetriges Gesicht?! Was war denn?!" Zuerst zögere ich, doch seine Meinung zu der Story zu hören wäre schon interessant. Schließlich lasse ich mich breitschlagen und erzähle ihm von Julianes Besuch und davon, dass Ben versucht hat, mich abzuwimmeln, damit wir uns nicht begegnen und er ohne schlechtes Gewissen ne Nummer mit ihr schieben kann. "Ach das glaubst du doch selbst nicht, Josie.", haut er mit der flachen Hand auf den Tisch. "Natürlich. Ich hab sie doch gesehen. Mit meinen eigenen Augen."

 

 

"Aber sicherlich war sie nicht dort, um mit ihm eine Nummer zu schieben. Ich werd dir jetzt mal was erzählen und du wirst mir zuhören, nicht dazwischenreden und es vor allem für dich behalten!" Mit offenstehendem Mund und vollkommen regungslos sitze ich auf meinem Stuhl und lausche Daves Erzählung. Die Nackenhaare stehen mir nur so zu Berge. "Seit der Hochzeit von Bens Schwester haben sich die beiden mehrmals getroffen. Das gebe ich zu. Bei Ben kamen nach dem Wiedersehen auch wieder Gefühle hoch. Das gebe ich zu." Mit jedem Wort werde ich deprimierter. "Er hat mir sogar erzählt, dass einmal was gelaufen ist. Das gebe ich zu." Und meine Laune bricht durch den Fußboden, durch die drei Stockwerke unter uns und liegt schließlich halbtot im Keller. "Was verstehst du denn unter gel...", will ich meine Neugier befriedigen, auch wenn ich weiß, dass es mich vermutlich nur noch mehr verletzt. "Du sollst mich ausreden lassen!", ermahnt er mich mit erhobenem Zeigefinger und fährt schließlich fort: "Die beiden haben geknutscht. Jules wollte noch weitergehen, aber bevor es zum Äußersten kam, hat Ben abgebrochen und sie weggeschickt." Da entgeht Dave nicht, dass sich meine Augen mit Tränen füllen: "Da musst du jetzt nicht heulen, meine Geschichte ist ja noch nicht zu Ende." Liebevoll nimmt er meine Hand und erzählt weiter: "Er hat es sofort wieder bereut. Und das erst recht, als er realisiert hat, dass er Jules damit Hoffnungen gemacht hat. Sinnlose Hoffnungen. Er hat ein schlechtes Gewissen bekommen und ihr mehrmals im Guten erklärt, dass das Ganze nie hätte passieren dürfen und sich zwischen ihnen nichts geändert hätte." "Pff, das hat er ihr dann aber genauestens und ausführlich erklärt. Bestimmt mit viel Körperkontakt. Und davon mal abgesehen, hat sie mir höchstpersönlich bestätigt, dass sie... Moment, wie hat sie das formuliert... >seit Wochen regelmäßig miteinander schlafen<, diese dumme Kuh.", pruste ich schnippisch und rolle dabei die Augen. "Wie bitte?! Das hat sie dir erzählt?!" "Oh ja. Dumm grinsend und ohne mit der Wimper zu zucken!" "Aber das hätte er mir doch erzählt.", legt Dave grüblerisch die Stirn in Falten. "Naja, wieso sollte er dir das auch unbedingt unter die Nase reiben? Aber ist ja auch egal. Ob nun nur Speichel oder auch andere Körperflüssigkeiten ausgetauscht wurden, kann ja dahinstehen.", gebe ich mich gleichgültig. "Mal ganz ehrlich Josie: Ich finde, man kann ihm nicht verübeln, dass er sozusagen „schwach geworden“ ist. Schließlich waren die beiden lange ein Paar." "Aber sie war so fies zu ihm..." "Natürlich. Glaub mir, ich hab ihn richtig zusammengefaltet, als er mir erzählt hat, dass die beiden.. was miteinander hatten. Aber eigentlich war das gar nicht nötig, weil er es selbst schon lange erkannt hatte." "Und was denkst du jetzt, was sie heute bei ihm macht?" "Naja, irgendwie hat sie sich die letzten Wochen zur Stalkerin entwickelt. Sie steht des Öfteren mal vor seiner Türe oder in der Bar – teilweise angekündigt und teilweise unangekündigt." "Und du willst mir erzählen, dass er das nicht möchte?!" "Allerdings. Wie gesagt: Er hat ihr mehrmals im Guten gesagt, dass sie ihn in Ruhe lassen soll. Anfangs war noch von Freundschaft die Rede, aber mittlerweile geht sie ihm - milde ausgedrückt - echt auf den Sack." "Wieso wird er denn dann nicht deutlicher? Wieso hat er MICH heute weggeschickt, um mit IHR zu reden?!" "Zugegeben: Keine Glanzleistung, aber so ist Ben einfach. Manchmal ein bisschen komplizierter als es sein muss. Mach dir keine Gedanken. Ich bin sicher, dass sich dieses Thema bald erledigen wird."  "Eigentlich hat sich das grade eben sowieso irgendwie erl...", da werde ich mitten im Satz von der Türklingel unterbrochen.

 

 

Ich mache auf und da steht Ben vor mir. Mir schwant nichts Gutes. Ich bin gerade so verwirrt und aufgewühlt, dass ich besser erst morgen ihm gesprochen hätte. Wenn alles etwas gesackt und verdaut ist. "Was gibts denn?!", will ich mit verschränkten Armen wissen. Da hält er mir meine Einkaufstüte vor die Nase und meint in einem versöhnlichen Ton: "Hier. Ich dachte wir wollten zusammen essen." Dass er sich jetzt dumm stellt, macht mich förmlich wahnsinnig. Eine mörderische Wut macht sich in meinem Bauch breit. "Soll das ein Witz sein?!" "Josie, ich wollte nochmal mit dir reden. Das war nicht..." "Nicht nötig.", falle ich ihm ins Wort. "Aber ich wollte es dir gern erklären." "Du brauchst mir nichts erklären.", da hallen Daves Worte wieder in meinem Kopf >sie haben geknutscht< "Du kannst tun was du willst. Wenn du dich mit Juliane treffen möchtest: Nur zu! Wenn du mich dafür versetzen willst: Nur zu! Ich kann dir keinen Vorwurf machen. Ich bin ja nicht deine Freundin...", da macht sich mein Mund zum wiederholten Male selbständig und ich kann nicht verhindern, dass ich ihm an den Kopf werfe: "... sondern Adrians." Binnen Sekunden versteinern sich Bens Gesichtszüge. Er starrt mich an. Vor lauter Schock lässt er die Tüte auf den Boden fallen. "Wie? Freundin?" "Wir wollen es miteinander versuchen. Wir sind jetzt... zusammen.", gebe ich ihm in einem schrill klingenden Ton zu verstehen. Während ich herzklopfend die Worte sage, zweifle ich schon wieder. War es richtig, Ben die Sache direkt aufs Butterbrot zu schmieren?! Was es überhaupt richtig, so überstürzt eine Beziehung mit Adrian einzugehen?! Doch diese Zweifel beseitigt Ben mit seiner nachfolgenden Reaktion, die mir wahrlich den Boden unter den Füßen wegreißt und eine ungeahnte Boshaftigkeit zum Ausdruck bringt. Völlig gefühlskalt und gleichgültig wirft er mir an den Kopf: "Pff. Dann hätte ich dich neulich doch vögeln sollen." Da erhebt Dave sich von seinem Stuhl und geht auf uns zu, während ich nur fassungslos in Bens Augen blicke. Ben lässt die Situation vollends eskalieren, als er noch hinzufügt: "Du hattest ja fast darum gebett..." Doch ehe er seinen unsäglichen Satz beenden kann, knalle ich ihm meine flache Hand ins Gesicht. Während er von mir wortlos die Ohrfeige kassiert, fährt auch Dave ihn an: "HEEEY!" Er stellt sich zwischen uns und legt Ben in einem bestimmten Ton nahe: "Du solltest jetzt gehen, Ben. Wir reden morgen." Ich höre Ben noch schimpfen: "Ach, macht doch was ihr wollt." Tief durchatmend lehnt Dave sich gegen die geschlossene Türe und fragt nach meinem Befinden: "Alles okay Josie?!" Ich stehe einfach da. Blicke auf den Boden und beiße mir auf die Lippen. "Du musst dir nichts... er ist sauer... das..." Da unterbreche ich Daves Gestammel teilnahmslos: "Ich geh jetzt in die Badewanne."

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.02.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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