Corinna König

Josie - Mein Leben und ich TEIL 17

Natürlich eruiere ich mit Linda und auch mit Sara die Situation, doch letztendlich höre ich auf keinen einzigen Ratschlag. Ich werde keinen Schritt auf Ben zugehen und ich werde auch sein Verhalten nicht tolerieren. Eigentlich hatte ich eine Entschuldigung erwartet, aber dem ist nicht so. Und diese intime Situation so schamlos gegen mich zu verwenden und an die Öffentlichkeit zu tragen, das ist unverzeihlich. Mir ist klar, dass unser Verhalten nicht gerade dazu beiträgt, dass innerhalb unserer Clique gute und ausgelassene Stimmung herrscht, aber ich kann nicht aus meiner Haut. Egal wie verletzt Ben war, ich muss mich von ihm nicht als Schlampe darstellen lassen. Demnach sind die folgenden Wochen für jeden Einzelnen von uns hart. Ben und ich sprechen noch nicht mal das Nötigste miteinander. Die ganze Atmosphäre krampft ungemein, sobald wir aufeinander treffen. Natürlich versuchen die anderen unentwegt, alles für eine Versöhnung in die Wege zu leiten. Aber es ist von keiner Front ein Nachgeben zu erkennen und während Ben mir die kalte Schulter zeigt, ist Adrian bei unseren Telefonaten umso zuckersüßer. Es dauert nun nicht mehr lange, bis er wieder zurückkommt und ich kann es kaum abwarten.

 

 

Bens Wut auf mich wird insoweit neu entfacht, als er Dave bei uns abholt, um ihn mit in die Bar zu nehmen. Natürlich habe ich das Glück, dass ausgerechnet ich die Türe öffne. "Hey. Ich wollte Dave abholen. Ist er fertig?" Seine Miene ist dabei zum davonlaufen und man spürt wie er sich mit jeder Faser seines Seins dagegen sträubt, mit mir zu sprechen. Doch was der kann, kann ich schon lange. Mit hängenden Schultern und gleichgültigem Blick erwidere ich: "Ich werd nachsehen." Da kommt Dave schon angehuscht: "Sorry, ich bin in einer Minute fertig. Oder vielleicht doch eher fünf. Komm solange rein. Setz dich." Da ich gerade dabei bin, die Küche zu putzen, kann ich ihm nur mehr schlecht als recht aus dem Weg gehen. Unsere bunte Glasschale aus Spanien, in der wir immer unsere Schlüssel und allerlei Krimskrams aufbewahren, stelle ich dabei solange auf den Esstisch. Just im gleichen Moment, als Ben zögerlich in die Schale greift, gefriert mir das Blut in den Adern. Ich drehe mich um und da hat der das Armband in der Hand. Das Armband, dass er mir im Urlaub geschenkt hat und das ich seitdem nie wieder abgenommen hab. Fragend und enttäuscht schaut er mich an: "Du hast es abgenommen?" Ich gebe mir größte Mühe, seinem bohrenden Blick auszuweichen und nicke haarezwirbelnd. Er lässt es wieder in die Schale fallen und haucht: "Wow." Ehe ich noch ein Wort dazu sagen kann, springt er auf und meint: "Ich warte im Auto." Mit einem Satz ist er aus der Wohnung verschwunden. Sein Blick geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Er hat so verletzt gewirkt. Mitleid macht sich in meiner Brust breit. Wenn wir doch diese Streitereien hinter uns lassen könnten. Aber ein Nachgeben kommt für mich nicht in Betracht. Dazu hat er zu weit ausgeholt.

 

 

Wenige Wochen später ist es soweit: Adrian kommt zurück. Ich will gerade los, um ihn vom Flughafen abzuholen, da klopft es an der Wohnungstüre. Vor mir steht Adrian. Ich kann es kaum glauben und bleibe im ersten Moment wie angewurzelt stehen. "Hallöchen schöne Frau.", mit seinem umwerfenden Lächeln holt er mich aus meiner Trance und ich falle ihm freudig um den Hals. Stürmisch küsst er mich und drückt mich so fest, dass ich fast keine Luft bekomme. "Was tust du denn schon hier? Ich wollte grade los und dich abholen." "Ja, ich hatte dir ne falsche Ankunftszeit genannt, um dich zu überraschen." Die Überraschung ist mehr als gelungen. Unaufhaltsam küsst er mich ab, seine Hände sind dabei überall. Er lässt seinen Mantel auf den Boden fallen und fragt hechelnd: "Sind wir allein?" Etwas überfordert von seiner Manneskraft stammle ich: "Ähm, ja. Wir haben die Wohnung bis 6 für uns. Dann kommt Dave von der Schicht und Linda müsste dann auch von ihrer Schwester zurückkommen." "Perfekt!", haucht er mir ins Ohr und spielt an meinem Hosenknopf herum. "Hey hey hey, nun warte doch mal, Adrian." Wie ein kleiner Schuljunge, der seine Schultüte aufpacken möchte, sieht er mich an. "Du bist doch gerade erst gelandet. Du musst doch Hunger haben oder müde sein. Komm doch erst mal in Ruhe an." "Also... hungrig bin ich eigentlich nur nach dir. Und müde bin ich nicht. Ich hab im Flieger geschlafen." Um sein "Engagement" ein wenig im Zaum zu halten, drücke ich ihn sanft weg und erwähne: "Aber ich hab Hunger. Soll ich uns was kochen? Oder wollen wir was bestellen?" Doch Adrian kann seine zweideutigen Gedanken nicht für sich behalten: "Also wenn ich die Wahl hab, dann bestellen. Bis das Essen da ist könnten wir dann..." Und sofort beginnen die Fummeleien von Neuem. Ich werfe ihm daraufhin einen etwas schiefen Blick zu, der dann auch bei ihm ankommt. "Entschuldige. Du musst ja meinen, dass ich nur darauf aus bin. Entschuldige." "Schon gut, Adrian.", beruhige ich ihn, während ich über seine Wange streiche. "Dann werd ich mal die Flyer holen."

 

 

Als die anderen nach Hause kommen, begrüßen sie Adrian freundlich. "Sagt mal, eigentlich müssen wir ja feiern, dass Adrian wieder da ist. Wollen wir heute Abend nicht feiern gehen?" Wir waren schon so lange nicht mehr feiern, dass ich am liebsten sofort zusagen möchte. Doch glücklicherweise bewahrt mich Dave ungewollt vor dieser Panne und stellt fest: "Linda, die beiden wollen heute Abend bestimmt für sich sein. Nach so langer Zeit getrennt. Überleg doch mal!" Mein bereits angefangenes Nicken entwickelt sich in Windeseile zu einem Kopfschütteln und ich pflichte Dave bei: "Äh... jaaa! Sorry, heute müsst ihr ohne uns feiern. Wir wollen heute lieber chillen. Ein bisschen durch die Kanäle zeppen und... für uns sein." "Gut, dann gehen wir eben ohne euch. Dann habt ihr sturmfreie Bude." "Gute Idee, Süße. Wollen wir Ben vielleicht fragen, ob er mitkommen will?!" Und das ist mein Stichwort: "Gut, dann... Adrian schau doch schon mal nach, ob irgendwo ein schöner Film läuft. Ich möchte gerne noch duschen." Gesagt – getan.

 

 

Nach der wohltuenden Dusche nehme ich neben Adrian auf der Couch Platz. Während Dave sich zu uns setzt und Linda mit einem Schuh und unfertiger Frisur durch die Wohnung hoppelt, ertönt die Türklingel. "Ich geh schon, wollte mir eh noch ne Apfelschorle aus dem Kühlschrank holen.", meint Adrian und macht sich auf den Weg. Im Folgenden läuft mir ein eiskalter Schauer über den Rücken: "Ben, hey." Blitzartig drehe ich mich um und kann blankes Entsetzen in Bens Augen sehen und dennoch würgt er ein kurzes und leises "Hey." hoch. "Wird wohl noch nen Moment dauern, Linda ist noch nicht fertig. Magst du dich solange zu uns setzen?" Ein bisschen treudoof, wie Adrian die Angelegenheit angeht, muss ich sagen. Da flüstert Dave mir zu: "Sag mal, ist der immer so schwer von Begriff?!" Schulterzuckend beobachte ich die Situation weiter. "Spar dir deine Nettigkeiten!", giftet Ben ihn an. Da fühlt Adrian sich herausgefordert und stichelt weiter: "Was hast du denn? Ich muss schon sagen: Du bist ein schlechter Verlierer, Ben." Völlig entgeistert über Adrians Verhalten, versuche ich, ihn zurückzupfeifen: "Adrian!" Auch Dave gibt sein Bestes: "Das reicht jetzt glaub ich. Los, komm Ben. Wir warten unten auf Linda.", er klatscht ihm sanft in den Nacken, ehe Ben Adrian in der Luft zerreißt. "Viel Spaß dann. Ich werds mir mit meiner Freundin gemütlich machen." Zähneknirschend dreht Ben sich nochmal zu Adrian um und sagt in einem drohenden Ton: "Trink deine Apfelschorle und halt die Klappe!"

 

 

Triumphierend und vor sich hin grinsend schließt Adrian die Türe und setzt sich neben mich auf die Couch. Sein Gehabe finde ich mehr als unattraktiv. Doch davon lässt Adrian sich nichts anmerken, legt den Arm um mich und ruft Linda zu, dass die Jungs unten warten, als sie verwirrt nach Dave sucht. Ich möchte warten, ob Adrian von selbst merkt, dass sein Verhalten kindisch und unangebracht war und sage zunächst nichts. Doch als er in der Werbepause wieder anfängt, seine Hände auf Wandertour zu schicken, muss ich die Sache einfach klären. "Was hast du denn?" "Naja findest du nicht, dass deine Show vorhin reichlich drüber war?!" "Was meinst du? Die Geschichte mit Ben? Ich hab ihn doch nur ein bisschen geneckt." "Naja, mag sein, dass du das als Necken ansiehst. Aber für mich war das knallharte Provokation. Und Bens Gesichtsausdruck nach zu urteilen, sah er das auch so." Da legt er seinen Finger auf meinen Mund, meint "Lass uns jetzt nicht über Ben reden." und will mir den Hals küssen. Meine Worte prallen einfach an ihm ab. Nimmt er mich überhaupt ernst? Sauer nehme ich seinen Finger da weg, ehe ich ihn ihm wutentbrannt abbeiße. "Hörst du mir zu?" "Ehrlich gesagt nein. Dein Parfüm lenkt mich zu sehr ab." Erneut gleiten seine Finger über meinen Körper. Wie ich mit dieser Art Ignoranz umgehen soll, weiß ich beim besten Willen nicht. Ich nehme wieder seine Hände weg und schnaufe genervt: "Der Film geht weiter." Da starrt er mich an. Verständnislos und möglicherweise auch ein bisschen ahnungslos. Doch ein weiteres Wort spart er sich – zu seinem Vorteil. Teilnahmslos drückt er zuerst auf seinem Handy rum und nickt schließlich ein. Ich ärgere mich währenddessen immer weiter über sein Verhalten. Ben so schamlos unter die Nase zu reiben, dass... Ich finde das einfach unmöglich. Mit dieser Wut im Bauch gelingt es mir auch nicht, einzuschlafen und ich schalte bis tief in die Nacht unentwegt sämtliche Kanäle rauf und runter.

 

Plötzlich schrillt der Klingelton meines Handys durch die Wohnung. Adrian bewegt sich zwar, wacht aber nicht auf. So schnell und so leise ich kann, hechte ich in mein Zimmer und gehe ran. Es ist Linda. "Josie es tut mir wahnsinnig leid, aber ich glaube, du musst herkommen." "Herkommen? Du meinst, ich soll euch abholen? Mit meinem imaginären Auto? Was redest du denn da?" "Nein, pass auf: Dave ist mit seinem Auto unterwegs zu dir und holt dich ab. Wir... stecken hier irgendwie fest und wussten uns nicht anders zu helfen. Er müsste die nächsten Minuten da sein." "Langsam Linda. Ich versteh nur Bahnhof. Wer jault denn da im Hintergrund so fürchterlich?" "Dave erklärt es dir im Auto. Ich muss jetzt Schluss machen. Ich hab hier... alle Hände voll zu tun." Kurz kann ich noch jämmerliches Stöhnen vernehmen, ehe die Leitung abbricht. Vollkommen verwirrt und vollgepumpt mit Adrenalin schnappe ich mir meine Jacke, meine Schlüssel und gehe die Treppe runter. Glücklicherweise muss ich nicht lange auf Dave warten. Meine quetschpinken Hauspuschen sind für winterliche Nächte wirklich nicht gemacht.

 

Im Auto erklärt Dave mir schließlich das Dilemma. Ben hat vor lauter Wut auf Adrian kaum im Club angekommen angefangen, sich einen Shot nach dem anderen hinter die Binde zu kippen, sodass er jetzt sturzbetrunken durch den Club geistert und nicht mehr weg will. "Aber was soll ich denn da machen?", will ich gähnend wissen. "Naja, er hat immerzu nach dir gerufen. Wirklich, wir wussten uns nicht weiter zu helfen." Da fällt es mir wie Schuppen von den Augen: "Ihr wollt also, dass ich ihn aus dem Club raushole???" "Anders wird er wohl nicht mitkommen.", entgegnet Dave mir mit eingezogenem Kopf. "Hättet ihr Knallköpfe mir das denn nicht eher sagen können? Ich hab meinen Schlafanzug und meine Hauspuschen an! Die Pinkfarbenen! Die leuchten! DAVE! DIE LEUCHTEN!" "Hat... hat Linda dir das wohl nicht... gesagt?!" "Ihr beide habt euch wirklich gesucht und gefunden! Habt ihr denn gar keine andere Möglichkeit gesehen,  Ben zum Gehen zu bewegen?!", schlage ich die Hände über dem Kopf zusammen. "Seit einer geschlagenen Stunde versuchen wir alles mögliche. Aber es scheint deine Bestimmung zu sein." "Meine Bestimmung?!", hake ich entnervt nach. "Naja... du weißt schon, was ich meine... Also los." Vor dem Club angekommen, atme ich nochmal tief durch und will mich hinsichtlich eines kurzen Rein- und Rausmarschierens absichern: "Kommen wir denn überhaupt da rein? In meinem Aufzug? Lässt der Türsteher mich so rein? Ich will nicht diskutieren müssen." "Ja. Wir sind überhaupt nur deswegen noch nicht geflogen, weil mein Bruder den Besitzer von früher kennt. Also sollte das kein Problem darstellen." Glücklicherweise bewahrheitet sich Daves Spekulation und wir können durch den Eingang huschen. Ich bin froh, dass es nicht lange dauert, ehe wir Linda und Ben finden. Als er mich sieht, kann er es kaum glauben und lallt: "Schosie. Ws mchs du denn ier?!" "Dich abholen Ben. Los, wir gehen." Da schaltet er in seinem Suff auf stur und dreht sich zum Barmann: "Ich mchte noch Ein." "Ich denke, du hattest genug. Los jetzt komm schon. Du wolltest mich sehen, also hier bin ich. Jetzt sag nicht, dass ich umsonst hergekommen bin." Da schaut er mich mit einem absolut goldigen Dackelblick an. "Du bis meintwegn ier?" "Hab ich doch gesagt.", zerre ich an seinem Ärmel, um ihn von seinem Barhocker zu bekommen. "Im Schlafnzug?", vergewissert er sich. Schön, dass sogar einem Typen, der voll wie eine Haubitze ist, auffällt, dass ich etwas... underdressed bin. Da hoppst er von seinem Hocker und umarmt mich: "Schosie, das ist so doll vn dir." Bei seinem Atem fällt man fast um. "Schon gut, jetzt gehen wir aber." Doch er kann vor lauter Freude gar nicht mehr aufhören, mich zu umarmen. "Gugg do mal: Deine Schuhe leuchten!" "Ich weiß! Los jetzt!" Zu viert traben wir zum Auto. Was ich hier mache kann ich mir selbst nicht erklären. Während Linda und Dave mucksmäuschenstill sind, lallt Ben mich weiter und weiter zu. Dass Adrian ihn provoziert hat. Und dass Adrian ein Arsch ist. Und dass ich viel zu toll für ihn bin. Dass meine Schuhe leuchten. Dass ich mein Armband wieder tragen soll. Und dass Adrian Apfelschorle trinkt. Unglaublich, aber wahr: Letzteres erwähnt er sogar mehrmals. Im Auto schläft Ben an meiner Schulter ein. "Wo sollen wir ihn denn jetzt hinbringen?" "Das fragt ihr mich?! Keine Ahnung. Bei uns kann er jedenfalls nicht schlafen!" Linda zeigt sich mitfühlend: "Und wenn wir ihn auf die Couch verfrachten?" "Da liegt gerade Adrian!" "Wieso liegt der denn auf der Couch und nicht bei dir im Bett?", will Linda wissen, was scheinbar auch Ben mitbekommt: "Ja. Wieso liegt er dnn auf der Couch und nich bei dir m Bett?" Er öffnet dabei weder seine Augen, noch hebt er seinen Kopf, was das Ganze ein wenig gruselig wirken lässt.

 

Wir vereinbaren, dass wir Ben in seine Wohnung schaffen. Dave hat zum Glück einen Zweitschlüssel, seit Ben sich neulich ausgesperrt hat. Dort bringen wir Ben ins Bett und Dave übernachtet als Aufpasser dort. Doch die Rechnung haben wir wohl ohne Ben gemacht. Er stammelt, dass ich bei ihm schlafen soll und dass er zu mir will und ich nicht zu Adrian gehen soll. Leider entpuppt sich seine Spinnerei als echtes Problem. Denn erneut will er seinen Sturkopf durchsetzen und lässt mich seine Wohnung nicht mehr verlassen. Verzweifelt klammert er sich an mir fest und wiederholt immer wieder, dass ich nicht zu Adrian gehen soll und nicht mit ihm zusammen sein soll und bei Ben bleiben muss. "Und... wenn du doch hier bleibst? Natürlich würde ich auch hier bleiben, Josie. Aber ich wüsste nicht, wie wir das sonst regeln sollen. Ich kenne ihn so gar nicht." "Aber dann muss ich ja auch hier bleiben. Ich kann ja schließlich nicht mutterseelenallein nachts nach Hause laufen." "Stimmt, das geht auf gar keinen Fall. Na dann machen wir es eben so. Wir bleiben einfach alle hier.", da freut Dave sich schon, eine Lösung gefunden zu haben. Doch altklug erinnere ich die beiden an den Haken: "Leute, ihr vergesst schon wieder Adrian. Soll der ganz alleine in unserer Wohnung schlafen?" "Oh Mist, den haben wir tatsächlich vergessen." Schließlich einigen wir uns – während Ben sich möglichst umfallfrei umzieht - darauf, dass wir alle hier bleiben, bis Ben eingeschlafen ist und Dave dann hier bleibt. Ich hingegen fahre mit seinem Auto und Linda zu uns in die Wohnung. Dann bekommt Ben nicht mit, dass ich gehe und Adrian bekommt hoffentlich überhaupt nichts von meinem nächtlichen Ausflug mit. Vollkommen entnervt wanke ich mit Linda und Dave im Schlepptau nach oben ins Schlafzimmer: "Also Ben. Ich bleib hier. Wir bleiben alle hier. Zufrieden? Jetzt leg dich ins Bett und schlaf deinen Rausch aus." "Du bleibs ier? Fr mich?" "Ja, wie du es möchtest! Jetzt schlaf." Da legt er seine Hände rechts und links auf meine Wangen, lallt: "Du bis so doll." und drückt mir einen saftigen Schmatzer direkt auf den Mund. Während Dave staunt, sodass ihm der Mund offen stehen bleibt, Linda mit Müh und Not einen Lachanfall unterdrückt versuche ich, mich aus Bens Fängen zu befreien, um eine Alkoholvergiftung zu verhindern. Ben legt sich endlich ins Bett und wir drei stehen um ihn herum. Da öffnet er die Augen und fragt – beunruhigend scharfsinnig für seinen Zustand: "Ws steht ihr dnn da rum? Leg dich zu mir, Schosie. Ihr da, ihr könnt das Sofa nehmen." Hilfesuchend schaue ich die beiden an, doch leider geben sie mir nur mit ruckartigen Kopfbewegungen und rollenden Augen zu verstehen, dass ich wohl keine andere Wahl hab und mich zu ihm legen soll. Ich beiße also in den sauren Apfel und schlüpfe mit unter die Decke. Ben kuschelt sich umgehend an mich und hält mich ganz fest in seinen Armen. Für den Bruchteil einer Sekunde genieße ich seine Nähe, doch sein Atem versetzt mich schnurstracks wieder ins Hier und Jetzt. Was hat der nur alles getrunken?!

 

Zu meiner Freude dauert es nicht lange, bis Ben eingeschlafen ist und ich beginne, mich langsam aus dem Bett zu bugsieren. Ich hatte schon leichtere Aufgaben zu bewältigen, aber mit etwas Feingefühl und Geschick gelingt es mir, Bens Umarmung zu lösen und lautlos das Schlafzimmer zu verlassen. Stufe für Stufe tapse ich nach unten, um Linda und die Autoschlüssel von Dave einzusammeln. "Ist er eingeschlafen?" "Ja, wir können fahren." Die beiden Turteltäubchen verabschieden sich noch mit einem Küsschen und geschlagene zweieinhalb Stunden nachdem ich das Haus verlassen habe, schließe ich unsere Wohnungstüre auf. Vollkommen schlaftrunken wird Adrian davon wach und reibt sich die Augen. "Warst du etwa weg?" "Hey. Schlaf weiter. Ich hab nur Linda abgeholt." "Womit denn?" "Mit Daves Auto." Leider Gottes hat Adrian einen scharfen Verstand dafür, dass es 5:00 Uhr morgens ist: "Wo ist denn Dave?" "Äh... der ist..." Da hilft Linda mir aus der Patsche: "Der liegt schon im Bett. Das hast du nur verschlafen. Also dann! Ich leg mich dann mal zu Dave in mein Bett. Gute Nacht." "Aber wenn du mi Daves Auto gefahren bist... wie bist du denn zum Club gekommen?" "Na... mit... dem Auto." "Aber wie sind denn dann Linda und Dave gestern Abend zum Club gekommen? Sind die nicht mit Daves Auto gefahren?" "Äääh... nein?! Keine Ahnung?! Glaub, die haben Bens Auto genommen?! Ich geh kurz Pipi und dann schlafen." Misstrauisch und sichtlich grübelnd verschwindet Adrian in meinem Zimmer. Nach diesem abenteuerlichen Trip dauert es auch nicht lange, bis ich endlich meinen verdienten und ersehnten Schlaf bekomme.

 

 

Erwartungsgemäß startet der nächste Tag für mich erst weit nach 12:00 Uhr mittags. Auf meinem Nachttisch hängt ein Klebezettel von Adrian: >Hatte noch einen Termin wahrzunehmen. Ruf mich an, wenn du wach bist. Kuss, Adrian< Bevor ich zu meinem Handy greife, strecke ich mich erst mal ausgiebig und mache mich auf den Weg in die Küche. Auch Linda hat sich gerade an den Tisch gesetzt. Sie sieht noch ein bisschen verstrubbelt aus, aber sie ist ansprechbar. "Guten Morgen, Josie." "Guten Morgen. Na? Fit? Schon was von Dave gehört?" "Ja der hat geschrieben, dass er wahrscheinlich erst gegen späten Nachmittag zu Hause sein wird. Ben kotzt sich scheinbar die Seele aus dem Leib und da will Dave bei ihm bleiben." "Etwa zum Händchenhalten?" "Nein, ich denke eher, er wird Ben gepflegt auslachen, sobald er in einem Stadium ist, in dem er das auch mitbekommt und nicht direkt wieder vergisst!" "Das war ja auch wirklich ein Rausch wie er im Buche steht." Leider unterbricht uns Adrian bei unserem Gespräch. "Hey. Mein Termin hat nicht so lange gedauert, wie gedacht. Hier ich hab was zu essen mitgebracht." "Danke, das ist nett.", bedankt sich Linda. "Wann bist du denn aufgestanden, Adrian?" "Um 8. Ich hab dann hier ein bisschen aufgeräumt, war joggen, hab ein bisschen Homeoffice gemacht, meinen Termin wahrgenommen und auf dem Rückweg noch schnell beim Inder angehalten. Greift zu!" "Igitt, ein Morgenmensch!", stellt Linda angewidert fest und fragt sich, wie man morgens gute Laune haben kann. Leider ist das indische Essen nicht so unser Fall, aber wir lassen uns – gut erzogen wie wir nun mal sind – nichts anmerken und würgen Happen für Happen runter. Nachdem Linda in ihrem Zimmer verschwunden ist, säuselt Adrian mir unerwartet zu: "Tut mir übrigens Leid, wenn ich dich gestern verärgert hab. Das war vielleicht ein bisschen unfair, wie ich Ben angemacht hab." "Schön, dass du es nun doch einsiehst." "Ich würde es gerne wieder gut machen und dich heute zum Essen einladen. Danach könnten wir es uns in meiner Wohnung gemütlich machen. Da sind wir ungestört." Schon wieder zieht er mich mit seinen Augen fast aus. Mir ist nach meiner außerplanmäßigen Beschäftigung heute Nacht nicht nach Ferkeleien und vertröste Adrian: "Tut mir leid, heute kann ich leider nicht. Sara, Linda und ich treffen uns nachher noch mit meiner Mama. Sie macht das Catering an Saras Hochzeit und die ist ja schon nächstes Wochenende." "Oh. Schade." Damit hatte er wohl nicht gerechnet, wenn man nach seinen entgleisenden Gesichtszügen geht. "Ja, im Großen und Ganzen steht schon alles. Es geht nur noch um ein paar kleine Details. Meine Mama wollte nochmal eine Vorspeisenvariation von uns verkosten lassen. Also muss ich das Essen leider ausfallen lassen." "Du könntest ja danach trotzdem noch vorbeikommen. Wie siehst aus?" Er lässt einfach nicht locker. "Ja, mal sehen. Ich schreib dir einfach ne Nachricht, wenn ich abschätzen kann, wie spät es wird."

 

 

Natürlich wird aus unserer Verabredung nichts mehr. Wenn wir Mädels mal in Ruhe zusammensitzen und sich dann noch meine Mama dazugesellt und wir zusätzlich noch leckeres Essen vor der Nase haben, da ist eine stundenlange Sitzung vorprogrammiert. Also sage ich Adrian für heute ab. Nachdem er noch zwei mal nachgefragt hat, ob ich es mir nicht doch noch anders überlegen will, klingelt mein Handy. "Sorry Mädels, da muss ich kurz rangehen." Ohne auf das Display zu sehen, gehe ich ran und schnaufe: "Es geht wirklich nicht Adrian. Tut mir leid." Zu meiner Überraschung meldet sich aber nicht Adrian in der Leitung: "Ähm... ich bins. Ben." "BEN!" Urplötzlich stoppt das Gegacker und es herrscht absolute Stille am Tisch. "Ja, hör mal... Ich wollte mich entschuldigen. Ich hab mich heut Nacht aufgeführt wie ein Höhlenmensch. Das war einfach mehr Schnaps als gut für mich ist." "Offensichtlich, ja. Aber... ist schon gut." "Okay.  Also... mehr wollte ich auch gar nicht. Ciao." "Ciao." Kaum habe ich aufgelegt, fallen die Mädels natürlich nur so über mich her und löchern mich mit Fragen. "Ja, er... hat sich heute Nacht ein wenig daneben benommen. Ich musste anrücken, um ihn einigermaßen zur Vernunft zu bringen und jetzt hat er sich dafür entschuldigt! Das wars schon." Schwester Sara, die immer an das Gute im Menschen glaubt, freut sich: "Schön, dass ihr wieder miteinander sprecht. Ich hatte schon Angst, auf unserer Hochzeit herrscht Krisenstimmung."

 

 

Die nächsten Tage sind Linda und ich noch ziemlich eingespannt, was die Hochzeit angeht. Aber für unsere Sara wollen wir natürlich nur das Beste und nehmen Augenringe und blaue Flecke gern in Kauf. Da bleibt meine Zeit für Adrian jedoch mehr auf der Strecke, als ihm lieb ist. Immer zu schreibt er mir, ruft mich an, sendet mir Bilder, Kuss-Smileys und Herzchen. "Aber das ist doch total lieb von ihm. Sascha sendet mir auch im Anschluss an jede Nachricht ein kleines Herzchen. Nach all den Jahren. Ich versteh gar nicht, wie du dich darüber nicht freuen kannst.", rümpft Sara die Nase. "Ich freue mich ja. Es ist nur... zu viel des Guten. Ich fühl mich manchmal regelrecht erdrückt von Liebe." Da kann Linda nicht mehr an sich halten und staucht mich zusammen: "Trenn dich!" "Was??" "Trenn dich. Siehst du das denn nicht? Jedes Mal, wenn Adrian deine Nähe sucht, dann ist es dir zu viel. Du argumentierst dahingehend, dass du jemand bist, der seine Freiheit braucht. Du würdest dich erdrückt fühlen und wärst kein so gefühlsduseliger Mensch." "Ja und?! Was ist denn daran falsch?" "Hast du dich auch nur bei einer einzigen Umarmung von Ben überfordert gefühlt? Hat Ben dir mal ein Küsschen oder ein Herzchen geschickt, das dich gestört hat? War Ben zu fordernd, was deine Zeit angeht?" Trotzig starre ich auf den Boden: "Ich weiß nicht, was du von mir willst, Linda." "DU LIEBST ADRIAN NICHT! Und du willst auch nicht mit ihm zusammen sein. Wäre Ben derjenige, der dir diese Gesten zukommen lässt, würdest du auf Wolke 7 schweben und nicht meckern meckern meckern." "Ich glaube, sie hat Recht, Josie. Adrians Zuneigung wird dir nur deshalb zu viel, weil du die gleiche Zuneigung nicht für ihn empfindest." Kurz über ihre Worte nachgedacht, komme ich nicht gegen die beiden an. "Ihr habt Recht. Eigentlich wollte ich keine Beziehung. Ein kurzer Moment der Verwirrung hat mich dazu gebracht, die Sache mit Adrian... einzugehen." Mich übermannt ein derart schlechtes Gewissen, dass mir ganz übel wird. "Oh Mann. Ich muss mich trennen, oder?!" Während Sara überschwänglich nickt, möchte Linda hingegen ihre Neugier befriedigen: "Wolltest du denn nie mit ihm in die Kiste?" "Absolut nicht. Daran besteht und bestand zu keinem Zeitpunkt Interesse, seit wir diese Beziehung führen." "Dann musst du dich auf jeden Fall trennen. So schnell wie möglich." Da grätscht Sara noch dazwischen: "Naja, vielleicht dann am Sonntag." Wir schauen sie fragend an. "Die Hochzeit. Adrian ist mit eingeplant. Und ich will keine Streitereien auf meiner Hochzeit. Und wenn du dich heute noch von ihm trennst, dann geht’s dir morgen vielleicht nicht gut. Das will ich nicht. Sonntag wäre daher perfekt." Nach einigen Sekunden des Schweigens, bricht es nur so aus Linda und mir heraus. Sara ist so eine Perfektionistin. Unseren Lachflash kann sie natürlich nur mäßig nachvollziehen und rückt weiterhin Stühle und Tische.

 

 

Dann ist es soweit: Saras und Saschas großer Tag ist angebrochen. Vor so einem großen Event geht es in unserer Wohnung natürlich gewohnt hektisch zu. Meine Haare wollen einfach nicht in Form bleiben, Linda findet ihren zweiten Schuh nicht und die Zeit läuft uns wieder winkend davon. Da wir etwas eher in der Kirche sein sollen, habe ich mit Adrian vereinbart, dass wir uns dort treffen. Auf der Suche nach Lindas Schuh und mit ihrem pfeiftonartigen Gezeter im Hintergrund platzt Dave in mein Zimmer, während ich in Unterwäsche vor meinem Kleiderschrank stehe. Und ich meine nicht normale Unterwäsche. Ich meine schwarze Spitzenunterwäsche bestehend aus Push-Up, Höschen und Strapse. "Linda fragt, ob ihr zweiter... OHMEINGOTTJOSIETUTMIRLEIDICHBINSCHONWIEDERWEG!!!" "WAS MACHST DU DENN HIER?!" Mit hochrotem Kopf knallt er die Türe hinter sich zu. "ES TUT MIR ECHT LEEEIIID!" Schließlich hülle ich mich noch in mein extra für den Anlass gekauftes bodenlanges tannengrünes Kleid mit Beinschlitz und nicht zu verachtendem Rückenausschnitt und hetze aus meinem Zimmer. Glücklicherweise wird auch Linda im gleichen Moment fündig und erspäht ihren fehlenden Schuh unter der Couch. Gemeinsam hechten wir aus der Wohnung und ab in Daves Auto. Mit knallroter Birne haspelt er wieder los: "Du Josie, sorry nochmal. Ich war so in Eile, dass ich einfach reingeplatzt bin, statt zu klopfen. Bitte entschuldige." "Ach, schon gut. Ich hab mir schon gedacht, dass es keine Absicht war.", lache ich. Da dreht auch Linda sich vom Beifahrersitz aus zu mir um: "Was war denn los?!" Doch wir behalten den kleinen Fauxpas lieber für uns und schweigen. "Ach nicht so wichtig!" "Ja, schon gut!" Dabei fällt mir auf, dass wir in die entgegensetzte Richtung fahren, sodass ich panisch auf dem Rücksitz umherturne: "Aber Dave! Du fährst in die falsche Richtung. Wir sind doch eh schon spät dran." "Beruhige dich mal. Wir holen noch kurz Ben ab. Haben die Jungs so vereinbart." Nach unserem letzten Aufeinandertreffen und mit der Geschichte rund um Adrian im Hinterkopf macht sich ein mulmiges Gefühl in meiner Magengegend breit. Ich bin gespannt, wie er auf mich reagiert. Und ich auf ihn.

 

 

Kurzerhand muss ich mein Unbehagen beiseite schieben und mich zusammenreißen. Ben verstaut noch irgendwas im Kofferraum und steigt ein. Selbstverständlich würdigt er mich dabei keines Blickes. Gerade, dass er ein "Hallo." über die Lippen bekommt. Als wir an der Kirche ankommen und aus Daves Auto aussteigen sehe ich ganz genau, wie Ben mein Outfit abcheckt. Aber er lässt es gänzlich unkommentiert. Saschas Eltern und wenige Verwandte sind schon da. Saras Mama ist die Brautkleid-Beauftragte und hilft ihr beim Einkleiden. Saras Papa wird sie dann an den Altar führen. Wir suchen uns einen geeigneten Platz in den Kirchenbänken. Es füllt sich mehr und mehr. Unsere Aufregung steigt. Ich sehe, wie Linda sich immer mehr an Daves Arm festkrallt und bekomme unterdessen immer feuchtere Hände. Dann kommt Sascha kurz zu uns, um uns zu begrüßen. Sein Anzug haut mich fast um. Generell habe ich Sascha noch nicht oft im Anzug gesehen, aber so schnieke wie er heute aussieht, ich bin sprachlos und ringe jetzt schon mit den Tränen. Da spüre ich eine Hand auf meinem Rücken und drehe mich um. Es ist Adrian. Auch seine Anwesenheit beschert mir ein mulmiges Gefühl. Völlig übertrieben begrüßt er mich mit einem heftigen und nicht gerade kirchentauglichen feuchten Schmatzer. Es fällt mir schwer, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, aber leider bleibt mir heute nichts anderes übrig und ich muss es den Tag über so gut wie möglich durchziehen. "Du siehst hammer aus, Josie. Zum anbeißen." Täusche ich mich, oder ist Adrian die letzten Wochen zum absoluten Proll mutiert?! Vorher hätte er mir vielleicht gesagt, ich würde "toll" aussehen, "umwerfend" oder "wunderschön". Aber "hammer" und "zum anbeißen" wird dem Anlass meiner Meinung nach nicht gerecht. Artig bedanke ich mich und konzentriere mich krampfhaft auf Sascha und was er so erzählt. Doch da ertönen die Kirchenglocken. Es geht los. Mit nassen Augen verabschiedet Sascha sich nach vorne um dort auf seine Braut zu warten. Wir erheben uns und sind mehr als gespannt, wie unsere Sara als Braut aussieht. Und da kommt sie. Eingehakt bei ihrem geliebten Papa und fast so tränenüberströmt wie Linda und ich. Vor lauter Aufregung hat sie nur Augen für ihren Sascha. Die Gäste nimmt sie merklich gar nicht richtig war. Sie sieht einfach nur wunderschön aus. Eine wahrhaftige Traumbraut. Sie hat ein über und über mit Spitzen verziertes Kleid mit blassrosafarbenem Unterkleid an. Es ist nicht ausgestellt oder ausladend. Einfach perfekt für sie. Ich kann gar nicht wegsehen. Bei dem kleinen Begrüßungskuss brechen auch bei Dave alle Dämme und er verdrückt das eine oder andere Tränchen. Natürlich interessiert es mich, ob Ben auch gerührt ist, doch ich kann ihn nicht sehen. Ich drehe mich um, aber ich finde ihn nirgends.

 

 

Während der Predigt muss ich immer wieder in mein Taschentuch schniefen. Der Pfarrer ist zwar ab und an ein bisschen zu gefühlsduselig, aber er weiß auch, die Stimmung wieder aufzulockern. Was er über die beiden erzählt ist im Wechsel romantisch und amüsant. "Wo ist denn eigentlich Ben?", fragt Adrian mich und fügt aberwitzig hinzu: "Ich würd heute gern noch vor ihm mit meiner rattenscharfen Freundin angeben." Ein etwas geschmackloser Scherz, den er da zwinkernd reißt. Gerade im Hinblick auf unsere Diskussion von letztem Wochenende. Und dennoch interessiert es mich, also hake ich bei Linda nach: "Wo ist denn eigentlich Ben hin verschwunden?" "Der ist vorne. Siehst du ihn nicht?" "Nein, wo denn?" "Na genau daaa! Ach vielleicht ist dir da die Säule im Weg und du siehst in deshalb nicht." "Was macht er denn überhaupt da vorne?", will ich meinen Wissensdurst stillen. Sie grinst mich wohlwissend an und will nicht mit der Sprache rausrücken: "Siehst du schon!" "Los jetzt sag schon. Was soll denn die Geheimniskrämerei?" "Aua. Hör auf, mich zu pieksen. Du wirst es schon noch sehen!" Bevor wir anfangen, uns lautstark zu kabbeln, unterbricht uns Dave: "Pssst. Ben ist gleich dran." "Dran? Womit denn dran?" Ich verstehe nur Bahnhof, doch ausgerechnet der lustige kleine Pfarrer befreit mich von meiner Unwissenheit: "Wir hören nun eine Überraschung für die Braut, die ihr Bräutigam, ihre Familie und ihre Freunde sich für Sie überlegt haben." Mir fällt wahrlich die Kinnlade auf den Boden. Da setzt Ben sich mit einem Hocker vor das Brautpaar, zwinkert Sara zu und fängt an, Gitarre zu spielen. "Oh mein Gott.", fährt mir der Schock in alle Knochen. Als würde mich sein Gitarrenspiel nicht schon genügend verzaubern, beginnt er im nächsten Moment zu singen. Und zwar so schön, dass ich Gänsehaut bekomme. Linda grinst mich neckisch an: "Wusste ich doch, dass das nicht nur für Sara ne Überraschung wird. Aber Josie, versuch bitte, nicht zu kommen." Ich trete Linda auf den Fuß, um sie zum Schweigen zu bringen, da lehnt auch Adrian sich zu mir rüber: "Das mit der Klampfe konnte er schon immer gut." "Scht. Ich will das hören." Ich verliere mich regelrecht in Bens Gesang. So eine warme Stimmfarbe. Sowohl in den Höhen, als auch in den Tiefen. Ich bin geplättet und mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Es gibt nichts, was ich im Augenblick lieber täte, als Ben stundenlang zuzuhören. Sara ist auch so begeistert, dass sie sich immer wieder eine Träne wegwischt. Nach seiner Gesangseinlage umarmt er das Brautpaar kurz und kommt schließlich mit seiner Gitarre wieder in unsere Reihe, in der er zu Anfang saß. Als er mich dabei kurz ansieht, kann ich gar nicht reagieren und sitze wie ein Hund mit offenem Mund einfach da. Adrian hingegen klatscht ihm mit einem leicht herablassenden Blick zu.

 

 

Nach dem Gottesdienst stellen wir uns in die Reihe der Gratulanten und können es kaum erwarten, Sara – und natürlich auch Sascha – in die Arme zu schließen. Und genauso tränenreich wie auch herzlich fallen unsere Glückwünsche aus. Sara bedankt sich nochmal ganz eindringlich bei Ben für den wunderschönen Gesang. "Das habt ihr euch ja echt clever überlegt. An meiner Hochzeit meine Lieblingsballade rauszuhauen." Da erklärt ihr Sascha interessanterweise, dass ursprünglich geplant war, dass Saras Bruder singt. Da der sich aber leider erkältet hat, musste Ben einspringen. Dave ergänzt: "Als ich von der Heiserkeit deines Bruders erfahren hab, musste ich sofort an Ben denken. Ich wusste ja, dass er den Song vorwärts und rückwärts auf der Gitarre spielen kann. Vom Text mal ganz abgesehen." "Ein besseres Geschenk Ben, hättest du mir zur Hochzeit gar nicht machen können." Da höre auch ich mich ein Lob aussprechen: "Es war wirklich wunderschön." Unsere Blicke treffen sich, aber Ben starrt umgehend auf den Boden und fühlt sich sichtlich geschmeichelt von so viel Zuspruch. Irgendwie süß, wie er in sich hinein grinst.

 

 

Als wir an der Location ankommen, sind Linda und ich nach wie vor geflasht von der ganzen Romantik und Liebe, die in der Luft liegt. Und dann dieser herrlich dekorierte Festsaal. Alles in lila und blau. Der Blumenschmuck ist ein Traum und ich muss sagen, bei den Häppchen hat sich meine Mama selbst übertroffen. "Mäuschen du siehst umwerfend aus. Ein bisschen viel Bein und ein bisschen viel Rücken, aber Ben muss ja auch was zum anschmachten haben." "Mamaaa!" Da kann Linda natürlich nicht an sich halten und macht sich über mich lustig: "Wer hier wen anschmachtet..." "Was meinst du denn damit?" Bevor ich wieder im Mittelpunkt der hiesigen Diskussionen um mein Liebesleben stehe, mache ich dem Ganzen ein Ende: "Damit meint sie nichts. Mama du musst ja dann bestimmt auch gehen und dich um das Abendessen kümmern, oder nicht?! Die Häppchen sind ja jetzt allesamt aufgetragen. Du hast sicherlich noch viel zu tun, stimmts?!" Kurzerhand schiebe ich sie Richtung Türe.

 

Als wir wieder an unserem Tisch Platz nehmen, sorgt Adrian unbewusst für einen Lacher, indem er sich eine Apfelschorle bestellt. Während Ben direkt auf seine Füße starrt und rot anläuft, weil er sich ein lautes Lachen mit aller Kraft verkneifen will, und ich wild im Saal umher blinzele, schauen Dave und Linda sich einfach nur an und fangen lauthals an, zu Kichern. "Was habt ihr denn?", will Adrian wissen. Verständlicherweise kommt er sich veralbert vor. Überpünktlich schnappt sich Sascha im gleichen Moment das Mikrofon um das Häppchen- und Kuchenbuffet zu eröffnen und den Anschnitt der Hochzeitstorte anzukündigen, sodass wir allesamt um eine Antwort herumkommen. Nach drei Stücken Kuchen und zwei Pizzataschen habe ich Angst, mein Kleid zu sprengen. Es nervt mich, dass Adrian dabei ununterbrochen die Hand auf meinem Oberschenkel hat. Ab und an nimmt er sogar meine Hand, um sie auf seinen Oberschenkel zu legen. Was soll das denn? Ich will doch nur essen! Ich spüre, wie ich immer gereizter auf ihn reagiere und schlage Linda vor, einen kleinen Spaziergang zu machen. "Jetzt?!" "Ja jetzt. Du hast doch sogar noch ne Pizzatasche mehr gegessen als ich." "Stimmt. Ist vielleicht ne gute Idee." Natürlich springt Adrian sofort auf und will sich uns anschließen. "Oh. Ähm... willst du nicht... den Jungs Gesellschaft leisten?!" Da schaut er Ben und Dave an und meint rotzfrech: "Nicht... unbedingt." Genervt zeigt Linda ihm, wo es lang geht: "Sorry Adrian. Wir haben Mädchensachen zu bereden. Für Mädchen. Wir sind wieder da, ehe deine... Apfelschorle leer ist." Er gibt sich unter dem Gekicher der Jungs geschlagen und sackt auf seinen Stuhl. Während Linda und ich so über die Feldwege schlendern, erzähle ich ihr, was Adrian heute schon für Patzer gebracht hat. "Mann, der würde mir auch auf den Geist gehen! Der ist ja spitzer als Nachbars Lumpi!" "Es tut mir ja einerseits total leid. Aber andererseits ist das so ein unangebrachtes Verhalten. Er ist wirklich ab dem Zeitpunkt, an dem ich zu ihm gesagt hab, wir versuchen es, zum Neandertaler mutiert." "Du hast das auch wirklich nicht nötig. Morgen ist Sonntag. Tag der Abrechnung!" Es tut gut, dass sie mir beipflichtet und mich versteht. Unser Spaziergang wird von den umherziehenden dunklen Wolken jedoch verkürzt, damit wir nicht patschnass werden. Wieder in der Location angekommen, sucht Linda die Toilette auf und ich werde von Sara aufgehalten: "Josie. Kannst du mir einen Gefallen tun und den Autoschlüssel in meine Handtasche legen? Die ist oben. Zimmer Nr. 3. Ganz am Ende des Flurs. Sascha musste schnell was ins Auto bringen und dauernd ruft jemand nach mir. Ich komm einfach nicht dazu." "Klar mach ich das. Her damit." Schließlich mache ich mich auf den Weg nach oben. So ein Brautleben scheint schon echt stressig zu sein.

 

 

Nichtsahnend will ich die Türe öffnen und stolpere Ben vor die Füße, als er das Zimmer gerade verlassen will. "Oh, tut mir leid." Vor Schreck und wohl damit ich nicht rückwärts umfalle hält er meine Oberarme fest. Wie schüchterne Teenager bleiben wir einen kurzen Moment voreinander stehen und starren uns an. Ben ergreift als erster das Wort und wedelt mit seinem Handy rum: "Äh, Sascha hat gesagt, ich könnte hier oben kurz telefonieren. Hatte vorhin nen entgangenen Anruf von meinem Opa drauf und da... wollte ich kurz zurückrufen." "Ach so. Es ist doch nichts passiert?" "Nein. Er wollte nur wissen, wie mein Ständchen in der Kirche gelaufen ist." Nachdem mir auffällt, dass ich ihn wie in Trance dämlich angrinse, reiße ich mich kurz zusammen und wedle mit dem Autoschlüssel vor Bens Nase rum: "Ich sollte... den Schlüssel hochbringen." Wow, fast so einfallsreich wie Wassermelonen zu tragen... Ich versuche, möglichst selbstbewusst zu wirken und drücke mich an Ben vorbei, um die Schlüssel in Saras Tasche zu packen. Ben lässt mich dabei nicht aus den Augen. Doch ich gebe mir Mühe, nicht darauf zu achten und gehe wieder an ihm vorbei. Mit der Türklinke in der Hand nehme ich allen Mut zusammen, drehe mich nochmal um und sage: "Gut siehst du aus. Der Anzug steht dir." Ich kann in seinem Augenblitzen erkennen, dass er sich über mein Kompliment freut. Doch ehe er mir antworten kann, schiebe ich hinterher, dass ich dann mal wieder nach unten gehen würde. Völlig unpassend merkt Ben mit hochgezogener Augenbraue an: "Ja stimmt. Dein FREUND wartet ja bestimmt schon." Meine Mundwinkel senken sich in Windeseile. Erst will ich sein peinliches Benehmen einfach unbeachtet stehen lassen, werde dann aber doch zu wütend, um einfach zu gehen. Wild entschlossen, ihm die Leviten zu lesen, drehe ich mich zu ihm um und schließe dabei mit dem Rücken die Türe. Genervt und auch etwas überheblich frage ich: "Ben. Warum fängst du jetzt Streit an?" Von meiner Reaktion merklich überrascht entgegnet er mir: "Was meinst du?" "Warum sagst du das so?" "Was soll ich wie sagen?", stellt er sich dumm, was mich nur noch wütender werden lässt. "Warum musst du in einem derart blöden Ton sagen, mein FREUND würde unten warten? Was bezweckst du damit? Wo liegt denn nur dein scheiß Problem?" "Wow, ich wusste ja nicht, dass es verboten ist, deinen FREUND zu erwähnen." Mein Herz beginnt regelrecht zu pochen, so sauer machen mich seine blanken Provokationen. Doch ehe die Situation vollends eskaliert, atme ich nochmal tief durch und werfe ihm an den Kopf: "Ach quatsch doch deine Ex voll und nicht mich." Noch bevor ich den Türgriff ganz heruntergedrückt habe hallt ein lautes und boshaft klingendes "HEY!" durch den Raum. Ben kommt noch einen Schritt auf mich zu: "Warum fängst DU jetzt wieder zu streiten an? Kannst du die Sache mit Jules nicht einfach mal vergessen. Musst du immer und immer wieder darauf rumhacken? Ich finde, es stellt sich eher die Frage, wo DEIN scheiß Problem liegt!" Der Ton wird rauer und unsere Mienen finsterer. Auch die Wortwahl wird im Sekundentakt räudiger. "Ich hab kein Problem. Fick sie doch bis du ausgetrocknet bist! Mir egal!" "Lass du dich lieber von deinem Apfelschorle trinkenden Softie von FREUND flachlegen und kümmer dich nicht um mein Liebesleben." "Und wenn ich das tu, geht es dich einen feuchten Dreck an. Für so ein oberflächliches Kleinhirn hätte ich dich nie gehalten! Und hör endlich damit auf, ihn meinen FREUND zu nennen!" "Warum sollte ich, du dummes Huhn?! Er ist doch dein FREUND! Dein FREUND! Und nochmal: Dein FREUND!!" Da bricht es im Eifer des Gefechts einfach so aus mir heraus: "ICH WILL ABER NICHT, DASS ER MEIN FREUND IST! UND DAS WOLLTE ICH AUCH NIE! Es war einfach eine blöde Kurzschlussreaktion, als ich wieder deiner blöden Exfreundin über den Weg gelaufen bin, vor deiner blöden Wohnung. Du blöder Arsch." Völlig entkräftet lasse ich die Schultern hängen und spüre die kalte Türe an meinem Rücken.

 

Es herrscht absolute Stille. Ben starrt mich etwas verunsichert an und hält für einen Moment inne. Schwer atmend und mit leicht geöffnetem Mund kommt er Schritt für Schritt auf mich zu, was mich innerlich in größten Aufruhr versetzt: "Was tust du?" Er steht bereits so dicht vor mir, dass meine Brust seine berührt. Seine Hand wandert zum Zimmerschlüssel und schließt letztlich ab. Er senkt seinen Kopf und legt ihn an meinen. Leise flüstert er mir ins Ohr: "JETZT werd ich dich vögeln." Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Noch bevor ich auch nur die Möglichkeit habe, zu registrieren, was gerade passiert, presst er seine Lippen auf meine und drückt mich dabei fest an sich. Mein ganzer Körper bebt und ich genieße jede einzelne Sekunde. Hektisch beginne ich, Bens Hemd aufzuknöpfen. Während er seitlich den Reißverschluss meines Kleides öffnet. Langsam und genüsslich. Ich lasse mein Kleid auf den Boden fallen. Beim Anblick meiner Dessous kommt er für einen Moment ins Staunen und stöhnt: "Oh Mann! Dave hat echt nicht zu viel versprochen!" Bevor ich nachfragen kann, drückt er mich gegen die Türe und öffnet dabei stürmisch seine Hose. Er hebt mich hoch und will mich zum Bett tragen, während er meine Brüste küsst. "Nicht!", lass ich ihn kurz aufschrecken. Mit weit aufgerissenen Augen will er wissen: "Was denn?" "Doch nicht auf dem Bett. Deren Bett. Für die... Hochzeitsnacht." Kurz entschlossen macht er zwei Schritte nach rechts und meint: "Dann nehm ich dich eben auf dem Tisch." Behutsam legt er mich auf den Tisch und mit einem heftigen Ruck bringt er mich bereits von der ersten Sekunde an um den Verstand. Seine Hände auf meinem Körper fühlen sich unwahrscheinlich gut an. Ich hab seine Berührungen so sehr vermisst. Immer wieder entkommt ihm ein Ton und ab und an nennt er meinen Namen. Ich drücke ihn mit einem beherzten Stoß von mir, küsse ihn und schubse ihn schließlich auf den TV-Sessel. Dabei hält er meine Hand fest, sodass ich keine Zeit vergeude, auf ihm Platz zu nehmen. Seine Hände umfassen dabei ganz fest mein Becken. Wir küssen uns leidenschaftlich, ich kralle mich regelrecht an seinem Nacken fest bis wir schließlich gemeinsam zum Höhepunkt hecheln.

 

Für einen Moment halten wir inne. Ich lege meine Stirn an seine und schließe die Augen. Außer lautem Atem ist nichts zu hören. Wir sind gerade dabei, zu realisieren, was passiert ist. Dabei verlieren wir uns gegenseitig in unseren Blicken. Bens Daumen, der auf meinem Rücken liegt fährt langsam und zärtlich auf und ab. Da wird die knisternde Stimmung von Lindas Gebrüll und Gehämmer gegen die Türe unterbrochen. Der Schreck fährt mir in alle Knochen. Blitzschnell hechte ich vom Sessel und greife mir mein Höschen und mein Kleid. "BEN! Bist du da noch drin? Sascha hat gesagt, du bist hier zum Telefonieren raufgekommen." Ben gestikuliert wild mit den Armen und reißt dabei die Augen auf. Er starrt mich vollkommen überfordert an. Verunsichert antwortet er: "Äh, ja. Ich... ich brauch noch einen Moment. Was... gibts denn?" "Ich wollte nur wissen, ob du Josie gesehen hast? Wir wollten noch zusammen mit Sara an die Fotowand und endlich ist grade niemand anders dort." Ich kann gar nicht wild genug mit dem Kopf schütteln, um ihm deutlich zu zeigen, dass er mich bloß verleugnen soll. Da fängt er doch tatsächlich an, sich über mich lustig zu machen. Sein unsicherer Blick verwandelt sich in ein spitzbübisches Grinsen. Als hätten wir gerade nicht schon genügend Schweinereien getrieben, fängt er an, mir über meinen Beinschlitz an den nackten Hintern zu fassen. Meine Gesichtszüge scheinen nun vollends zu entgleisen, wenn ich mir Bens breites Grinsen so ansehe. "Hallo?! Krieg ich mal ne Antwort?!" Bei diesem auffälligen Verhalten kann ich nicht anders und schlage die Hände über dem Kopf zusammen. Da kriegt Ben gerade nochmal die Kurve: "Nein. Hier ist sie zumindest nicht. Vielleicht auf der Toilette?!" "Nein, da war ich gerade schon. Naja, ich werd sie schon finden. Kommst du denn dann auch runter? Du und Dave solltet auch mit zur Fotowand." Und während dieser alte Casanova mir unentwegt den Reißverschluss des Kleides wieder öffnet - egal wie oft ich ihn schließe - antwortet er stilsicher: "Klar doch. Bin gleich da." Ich drücke wie eine Verrückte mein Ohr an die Tür und erst als ich mir ganz sicher bin, dass ich keinen von Lindas Schritten mehr hören kann, boxe ich ihm mit voller Wucht auf den Oberarm. "AUA, bist du des Wahnsinns?!" "Ich? Ob ICH des Wahnsinns bin? Freundchen, du hättest um ein Haar alles auffliegen lassen!" "Du meinst unser Nümmerchen hier? Und... da drüben?" Während ich ihm seinen Zeigefinger umbiege, mache ich ihm in hysterischer Weise klar, dass das unter uns bleiben muss. "Hast du das kapiert? Keine Witzchen, keine Sprüche, keine bedeutungsschwangeren Blicke und vor allem KEIN GEFUMMEL!" So übertrieben streng wollte ich gar nicht auftreten. Doch das bemerke ich erst, als Bens Blick zunehmend verunsicherter wird. Da versuche ich, die Situation zu beschönigen: "Hör zu. Es... es war schön. Sehr schön. Das ist es ja irgendwie... immer. Aber das MUSS unter uns bleiben. Kannst du mir das versprechen?" Er knöpft sich seine Hose zu und antwortet: "Josie, findest du nicht, wir sollten mal reden?" Doch ich kann mich gerade beim besten Willen nicht dazu durchringen, dieses Gespräch zu führen, also winke ich ab und vertröste ihn: "Mag sein... Aber nicht jetzt. Jetzt muss ich da runter gehen und so tun, als wäre nichts gewesen." Möglichst leise drehe ich den Schlüssel um und öffne vorsichtig die Tür. "Warte, ich komme auch gleich mit." "Ich fände es besser, du wartest noch zwei Minuten und kommst dann nach. Was sollen denn die Leute denken, wenn wir zusammen nach unten gehen?!" "Äh, dass wir uns zufällig im Flur begegnet sind?! Ist zumindest naheliegender als ne Nummer im Brautzimmer. Auf dem Sessel... und dem Tisch...", noch bevor seine Mundwinkel wieder verschmitzt nach oben wandern, halte ich ihm die Hand vor den Mund und zische: "Versprich es mir!" Er nickt, sodass wir uns schließlich zur Treppe wagen können.

 

 

Unten im Saal angekommen, habe ich gerade Platz genommen, als Adrian beginnt, an meinem Ohrläppchen herum zu fuhrwerken. "Josie, dein Ohrring ist hier ja... vollkommen verdreht. Mensch, wie hast du das denn hinbekommen?!" "Aua. Ich... Danke Adrian. Ich mach das schon.", ertappt dreinblickend puhle ich am Verschluss meines Ohrrings herum. Da kommt zeitgleich der Bräutigam an unseren Tisch, um einen Kurzen mit uns zu kippen. Genau das Richtige nach den jüngsten Ereignissen. Er stellt sich hinter Ben und hält sich an dessen Stuhllehne fest. Als Ben die Schnapsgläser füllt, fragt Sascha zu meinem absoluten Entsetzen und in gut hörbarer Lautstärke: "Sag mal, wo kommen denn die Kratzer hier her? Du hast da ein paar ziemlich heftige Kratzer im Nacken." Diese eigentlich so unschuldige Aussage führt zu einer wahren Kettenreaktion: Ben verkleckert vor Schreck den Schnaps über den halben Tisch, Dave merkt unwissend an, dass er "genau weiß, wo solche Kratzer herkommen", ich verschlucke mich an meinem Wasser und Adrian starrt mich zuerst mit großen Augen an, bevor er schließlich wutentbrannt den Saal verlässt. Die anderen scheinen bei diesem lauten Gelächter am Tisch nichts von Adrians Abgang mitbekommen zu haben, also nutze ich die Gelegenheit und folge ihm. Draußen im Hof rufe ich ihn. Zunächst läuft er im Stechschritt weiter und dreht sich noch nicht einmal zu mir um. Doch als ich ein zweites und ein drittes Mal rufe, bleibt er schließlich stehen. Ich laufe zu ihm und merke, wie mich ein schlechtes Gewissen der ganz besonderen Art überkommt. "Adrian, ich... Bitte lass mich kurz erklären." "Erklären? Ich soll dir zuhören? Ich kann dich nicht mal ansehen." "Das war alles nicht so... es war..." "Es war hinterhältig und falsch. Ich dachte, du wärst eine ehrliche und aufrichtige Person." "Es tut mir leid." Mir bleiben die Worte gefühlt im Halse stecken. Nichts, was ich sagen könnte, würde bezwecken, dass Adrian sich besser fühlt. Wie konnte das nur passieren?! "Ich fühle mich schrecklich." "Das solltest du auch." Er dreht sich um und ich merke, wie mir der blanke Hass entgegenschlägt. Seine Augen strahlen eine solche Wut aus, dass ich einen Schritt zurückweiche. Doch er kommt auf mich zu und brüllt mich an: "Wie kannst du sowas denn nur tun? Ich hätte nicht gedacht, dass aus dir so ein Flittchen geworden ist." Als er in etwas bedrohlicher Art und Weise auf mich zusteuert, bin ich froh, als Ben urplötzlich dazwischen geht. "Hey! Adrian hör zu, das war echt Mist, aber es ist nun mal passiert. Kein Grund, beleidigend zu werden. So spricht man nicht mit einer Frau." Doch Adrians Zorn steigert sich deutlich erkennbar weiter und weiter: "Halt dich da raus, Ben. Ich meins ernst." Er schüttelt den Kopf und läuft einige Schritte auf und ab: "Wie ihr beiden da steht. Als wäre nichts gewesen. Als hättet ihr nicht... Mit mir wolltest du nicht, aber von ihm lässt du dich auf einer Hochzeit vögeln?!", Adrian gestikuliert wild mit seinen Armen. "Aaach, darum gehts also, was?! Die üble Laune kommt vom Samenstau!", merkt Ben frech an und stellt sich drohend vor Adrian. Bevor die Situation vollends eskaliert versuche ich, wenigstens Ben etwas zu besänftigen und halte ihn am Oberarm fest. Scheinbar eine dumme Idee, da Adrian sich von meiner Berührung nur noch mehr angestachelt fühlt. Er blickt auf meine Hand, die noch immer auf Bens Oberarm liegt, schüttelt erneut den Kopf und stürmt plötzlich zu mir. Dabei packt er mich an der Schulter und schreit mich an: "Habt ihr heute noch nicht genug Zärtlichkeiten ausgetauscht?! Dreckige Schlampe!" Da wird es Ben zu bunt und er sorgt dafür, dass Adrian verschwindet: "Ich sags noch ein einziges Mal: Du packst und redest Josie nicht so an, kapiert?! Und jetzt sieh zu, dass du Land gewinnst, du Würstchen!" Adrian knirscht mit dem Kiefer, sein finsterer Blick wird immer unheimlicher, sodass ich mich innerlich bereits auf eine Schlägerei vorbereite und darauf, dass Sara mich für den Rest ihres Lebens hassen wird, weil ich mit meinen unterleibsgesteuerten Ausfällen ihre Hochzeit versaut hab. Doch ehe ich den Gedanken zu Ende gesponnen hab, macht Adrian sich ohne weitere Wutausbrüche auf die Socken. In gewohnter Ben-Manier kümmert er sich zuerst um mich, bevor er selbst mal durchatmet: "Alles soweit in Ordnung?" "Ja, danke. Und bei dir?" Ben holt tief Luft, nimmt meine Hand und antwortet in ruhigem Ton: "Los, wir gehen wieder rein."

 

 

Gesagt - getan. Die anderen stehen gerade allesamt vor der Fotowand und schneiden Grimassen, als wir zurück sind. "Wo wart ihr denn? Wir haben schon mal losgelegt." "Na los, jetzt steht da nicht dumm rum. Kommt schon her und schnappt euch irgendwelche lustigen Utensilien!" "Wo ist denn Adrian abgeblieben?!" Während die Frage Ben vollkommen unvorbereitet trifft, habe ich bereits eine schlüssige Antwort parat: "Ein Geschäftspartner hat angerufen. Er musste weg. Tut ihm leid, aber... naja." Da kann Linda sich einen fiesen Kommentar nicht verkneifen und meint: "Na zum Glück hat er ja nur Apfelschorle getrunken und ist noch fahrtüchtig!" Da können auch Ben und ich uns nach der Quälerei draußen ein Lachen nicht verkneifen.

 

 

Die restliche Hochzeit geht leider wie im Flug vorbei. Ich genieße jeden einzelnen Augenblick. Es werden witzige Spiele gespielt, die Tanzfläche wird mehr als auf die Probe gestellt und natürlich haben sich einige Gäste auch die schönsten Überraschungen einfallen lassen. Den ganzen Tag über kämpft Sara immer wieder mit den Tränen. Die Stimmung ist ausgelassen, alle haben Spaß - bis auf ein paar alkoholbedingte Totalausfälle - einfach eine rundum perfekte Hochzeit. Auch die Chemie zwischen Ben und mir trägt zu meinem Sanftmut bei. Ich bin froh, dass wir endlich wieder wie früher miteinander umgehen können. Die ganzen Strapazen und Streitereien der letzten Wochen und Monate haben mich mehr geschlaucht, als ich es selbst gedacht hätte. Aber das werden wir jetzt alles hinter uns lassen. Wir rocken zusammen die Tanzfläche und amüsieren uns super.

 

 

Doch nach vier Stunden ununterbrochenem Gehoppse habe ich schön langsam das Gefühl, dass mir die Beine abfallen und lege eine kurze Pause ein. Sara setzt sich neben mich und hechelt: "Ich finds toll, wie Ben und du miteinander umgeht. Als hätte es nie etwas zwischen euch gegeben. Wirklich schön." Ich merke, wie mir die Röte ins Gesicht schießt, hoffe aber, dass man das im bunten Scheinwerfer-Geflacker nicht sieht und antworte: "Ja, wurde auch endlich mal Zeit, dass sich alles einigermaßen klärt und wir beide normal zueinander sein können." Sara beginnt sichtlich zu grübeln, sodass ich nachhake: "Was überlegst du denn so angestrengt?" "Ach weißt du, ich dachte immer... ach egal." Da will sie mich doch tatsächlich mit einem "ach egal" abspeisen. Nicht mit mir: "Nein nein nein! Raus damit!" Zögerlich rückt sie doch mit der Sprache raus: "Ich dachte immer, dass ihr zwei schon irgendwie füreinander gemacht seid. Ihr ergänzt euch so gut. Ben und du." Wir blicken auf die Tanzfläche, wo Ben Saschas Nichte gerade den Macarena beibringt. Ehe mich noch jemand sieht, lasse ich mein Schmunzeln im Nu wieder verschwinden. "Aber vielleicht seid ihr tatsächlich einfach gute Freunde. Nicht mehr und nicht weniger." Ich will Sara gerade eine Antwort auf ihre schlaue These geben, da kommt Ben angehechtet und will mich an meinem Arm zerrend auf die Tanzfläche zurückholen. "Wenn man vom Teufel spricht...", muss Sara lachen, während Ben mich schier entführt. Aber zwei, drei Songs später geht mir die Puste doch wieder aus und ich schnappe nur so nach Luft. "Ich muss jetzt unbedingt mal was trinken, Leute.", japst auch Linda. "Gute Idee, ich hab auch Durst." Nach einem gewaltigen Schluck Wasser sinken Linda und ich schließlich auf unsere Stühle. Vor lauter Action ist uns gar nicht aufgefallen, dass der Saal sich schon derart geleert hat. Kein Wunder, es ist auch schon 4 Uhr Früh. Als auch Dave das bemerkt meint er: "Leute, schon 4 Uhr. Soll ich uns vielleicht langsam ein Taxi rufen?!" Erschöpft und mit beinahe blutenden Fußsohlen nicken wir alle im Takt. "Alles klar. Ich werd kurz raus gehen und telefonieren." Während Dave unser Shuttle klarmacht, verziehe ich mich kurz auf die Damentoilette. Ich wasche mir gerade die Hände, als die Türe sich öffnet und Ben hereinspitzelt. "Da hat sich wohl jemand in der Tür geirrt, was?!", scherze ich. Er dreht sich nochmal fix um und sieht nach, ob die Luft auch rein ist. Dann kommt er in Windeseile herein und lehnt sich über mich. Dabei stützt er sich mit den Händen auf der Waschablage ab und setzt sein charmantestes Lächeln auf. Leise flüstert er mir ins Ohr: "Kriegen wir das heute wohl irgendwie hin, dass ich bei dir übernachte?!" Seine linke Hand wandert dabei zunächst an meine Taille, über die Hüfte hinunter zu meinem Oberschenkel bis schließlich mein ganzer Körper kribbelt. Doch bevor sie sich noch auf ihrer Wanderung verläuft, nehme ich seine Hand da weg, drehe mich entschlossen um und antworte: "Bevor wir DAS tun, sollten wir doch erst mal in aller Ruhe reden!" Meine Reaktion hat er scheinbar erwartet, ziemlich überrascht wirkt er zumindest nicht auf mich. Ohne, ihn weiter zu Wort kommen zu lassen, drücke ich mich an ihm vorbei, zwinkere ihm zu und verlasse die Toilettenräume.

 

 

Dass der liebe Ben seine linke Hand nicht so 100-%ig im Griff hat, stellt er auf der Heimfahrt erneut unter Beweis. Immer wieder spüre ich sie auf meinem Bein und nehme sie möglichst unauffällig da weg. Aber Ben scheint sich einen Spaß daraus zu machen, dass ich wie eine Sardine zwischen ihm zu meiner Rechten und Linda zu meiner Linken eingepfercht bin. Da scheint Dave auf dem Beifahrersitz es deutlich bequemer zu haben. Bis wir schließlich vor unserer Wohnung ankommen, grabbelt Ben mich weiter an und kann einfach seine Finger nicht bei sich behalten. Besonders riskant sind seine Aktionen jedoch nicht mehr, nachdem Linda kurz nach der Abfahrt eingeschlafen ist. Von den beiden unbemerkt drückt er mir bei der Verabschiedung noch ein Küsschen auf die Wange und zwickt mir gleichzeitig in den Hintern. Er haucht: "Kommst du morgen bei mir vorbei?" Ich lächle ihn an, sehe ihm tief in seine stahlblauen Augen und nicke. Kaum oben in der Wohnung angekommen, blinkt bereits mein Handy auf und zeigt eine Nachricht von Ben an: >Die Hochzeit war deutlich schöner als ich erwartet hatte. : ) Schlaf gut.<

 

 

Am nächsten Morgen wache mit einem grausamen Gefühl auf. Ich bin eigentlich gut gelaunt in die Laken gesunken, aber ein horrormäßiger Alptraum hat mir die losgelöste Stimmung in tausende kleine Trümmer zerschlagen. Ich habe geträumt, dass ich auf dem Weg zu Ben bin. Immer wieder tauchte ein kleines quietschgelbes Auto neben mir auf. Einmal von links kommend, einmal von rechts kommend. Dann stand es einfach geparkt auf dem Bürgersteig, dann kam es mir entgegen. Keine Ahnung, was des damit auf sich hatte. Als ich bei Ben ankam, stand die Wohnungstüre offen. Ich rief nach ihm, aber er hat mir nicht geantwortet. Also bin ich in die Wohnung gegangen, um nach ihm zu sehen. Die Wohnung war picobello aufgeräumt. Sehr untypisch für Ben. Er ist zwar kein Messie, aber das eine oder andere Shirt und die eine oder andere Schale, Tasse oder sonst was liegt, bzw. steht normalerweise schon immer bei ihm herum. Da ich ihn in der ganzen Wohnung nicht ausmachen konnte, ging ich nach oben ins Schlafzimmer. Mit jedem Schritt klopfte mein Herz stärker. Ein ungutes, sehr sehr ungutes Gefühl hat sich in mir breit gemacht. Und auf der letzten Treppenstufe sollte sich schon die passende Erklärung hierfür finden: Ben war im Bett. Mit Juliane. Die beiden waren voll dabei. Es war so real, dass ich sogar die Kratzer in seinem Nacken, die ich ihm bei unserem Techtelmechtel unbeabsichtigt zugefügt hatte, erkennen konnte. Juliane fuhr ihm mit der Hand stöhnend durchs Haar. Und ich stand einfach da. Ich konnte mich nicht bewegen. Innerlich hab ich mich angebrüllt zu gehen und mir das Ganze nicht länger anzusehen, aber ich stand einfach wie angewurzelt da. Bis zu dem Zeitpunkt, als Juliane mich beim Stellungswechsel bemerkt und angefaucht hat. Auch Ben wurde wütend und hat mich angebrüllt: "Josie, zieh gefälligst Leine. Siehst du nicht, dass du störst?" Wie ein Schlosshund hab ich angefangen zu weinen und bin die Treppe runtergerannt. Im Wohnzimmer haben Linda und Dave zwischenzeitlich den Esstisch gedeckt. Vollkommen verwirrt hab ich nachgefragt, was das alles soll. Da antworteten die beiden mir vollkommen unbeeindruckt, dass alle zusammen den Geburtstag von Julianes Kind feiern. "Aber ich denke, Josie, du bist unterwünscht. Du solltest wohl lieber gehen." Mit diesen Worten hat Linda mich am Arm gepackt und aus der Wohnung bugsiert. Und mit dem heftigen Türenknallen bin ich dann glücklicherweise endlich aufgewacht. Ein furchtbarer Traum. Doch das Schlimmste war, dass alles so ungeheuer real war. Ich werd erst mal duschen gehen und dann werden wir ja sehen, ob ich das mulmige Gefühl damit aus meinen Gedanken waschen kann.

 

 

Als ich schließlich mit Handtuch um die Haarpracht und in meinen Bademantel eingekuschelt auf der Couch liege und etwas durch die Sender klicke, klingelt schließlich mein Handy. Ben. Ich nehme mir vor, mich jetzt nicht wie ein kleines Kind anzustellen und gehe ran, nachdem ich nochmal tief durchgeatmet hab: "Ben, hey." "Guten Morgen Josie." "Was gibts denn?" "Ich wollte nur kurz fragen, ob du noch auf dem Schirm hast, dass du heute vorbeikommen wolltest?!" - Stille. - "Hast du?" Kurz gesammelt und alle Gedanken richtig einsortiert, antworte ich: "Achso, ja. Das hatten wir ja ausgemacht. Klar." "Super, wie siehts denn heute zeitlich bei dir aus? Und was hast du denn so... vor?!“ Ich kann sein spitzbübisches Grinsen förmlich durchs Telefon hören. „Ein gemütlicher Nachmittag, ein kuscheliger Abend oder eine heiße N..." Bevor dieses alte Ferkel seine Spinnereien zu Ende führen kann, falle ich ihm ins Wort: "Abends!! Äh... Abends passt es mir am besten. Es ist ja schon kurz nach 2 Uhr. Ich komm gerade aus der Dusche und..." Er kann seine Bemerkungen einfach nicht lassen: "Oh, erzähl weiter..." "BEN! Jedenfalls muss ich mich noch fertig machen und außerdem bin ich mit Wohnungsputz dran. Also passt es mir besser, wenn wir uns heute Abend sehen. Zum Reden. In Ruhe... über... alles halt." "Ich finds süß, wenn du in Verlegenheit gerätst." "Welche Uhrzeit schwebt dir denn vor?" "Du wirst bestimmt gerade rot, oder?!" "So um 18 Uhr?" "Zwirbelst du gerade deine Haare?!" "Oder lieber etwas später?" "Zieh was an, was man leicht wieder runter bekommt!" "Also 18 Uhr dann." "Schwarze Unterwäsche fänd ich geil." "AUF WIEDERHÖREN!!" "Oder gar keine!" "BEN!!" Mit seinen dauernden Neckereien bringt er mich doch immer wieder zum Schmunzeln.

 

 

Nachdem ich die Wohnung mit Ach und Krach sauber bekommen hab, und eine gute dreiviertel Stunde vollkommen ideenlos, mit den Händen fest in der Hüfte und schräg liegendem Kopf vor meinem Schrank gestanden hab, konnte ich mich für ein meiner Meinung nach passendes Wohlfühl-und-nicht-zu-sehr-aufgehübscht-Outfit, bestehend aus verwaschener Boyfriend-Jeans und engem Longsleeve samt Loopschal in passender Farbe, entscheiden. Gerade noch die Haare zusammengeknödelt will ich mein Zimmer verlassen, als Linda mir vor die Füße tritt: "Ach, ich dachte schon, du bist eingeschlafen. Aber gut, dass du fertig bist. Wir wollen die nächsten Minuten los." Wohl sichtlich überfordert mit so vielen Worten starre ich Linda an wie eine Eisenbahn: "Los?!" "Sag nicht, du hast es vergessen!" "Vergessen? Was denn vergessen?" Da kommt auch Dave gemütlich an meiner Zimmertüre vorbeiflaniert und klärt mich auf: "Na wir wollten doch heute zusammen essen gehen und nachher noch ins Kino. Der neue Teil dieser Teenie-Liebes-Schnulze läuft doch seit dieser Woche..." Ups, da hat er Recht. Das war so vereinbart. Und ich dumme Gans hab es ganz... Moment mal: "War Ben nicht auch eingeplant?!" Da muss Dave in sich hineingrinsen und antwortet: "Der hat schon abgesagt." "Wie abgesagt?", will auch Linda wissen. "Ja er hat irgendwas davon rumgestammelt, dass er Kopfschmerzen und Bauchschmerzen und Rückenschmerzen und Nackenschmerzen hat und deswegen nicht mit kann." Dabei kann er sich ein neckisches Augenrollen nicht verkneifen. "Was willst du denn damit zum Ausdruck bringen, Dave?", frage ich neugierig nach. "Ach, er meint damit gar nichts, Josie. Alles gut. Gehen wir halt zu dritt. Sara und Sascha haben nämlich auch abgesagt. Da haben sich scheinbar noch ein paar Hochzeitsgäste etwas länger Zeit gelassen mit der Abreise." Doch Daves schelmisches, verwegenes Grinsen verunsichert mich, sodass ich nochmal nachhaken muss. Weiß er wohl irgendwas? "Na jetzt sag schon, Dave. Glaubst du wohl Ben macht blau?!" Da fällt mir wieder Linda ins Wort: "Nein, nein. Er hat vielleicht gestern ein bisschen viel getrunken und ist verkatert oder so. Das wirds schon gewesen sein. Also los, Jacken an, wir hauen ab." Ehe ich noch Sachen erfahre, die ich vielleicht lieber nicht hätte erfahren wollen, lenke ich das Gespräch in eine andere Richtung und lasse mir in Sekundenschnelle eine Ausrede einfallen, weshalb ich auch nicht mit kann. Dumm genug, dass ich einfach vergessen hatte, dass wir verabredet waren - dann muss jetzt wenigstens die Ausrede sitzen. "Tut mir leid, ihr beiden. Ich kann auch nicht mit." "Was denn?! Willst du mich veräppeln?!" "Ich hab meinen Eltern versprochen, dass ich heute Abend auf Anna aufpasse. Die beiden haben... Theaterkarten und bevor sie das Haus anzündet, sehe ich lieber nach ihr. Ich hab ganz vergessen, euch das zu sagen. Tut mir leid." "Oh Mann. Aber da kann man wohl nichts machen. Ich hätte sie ja gern mitgenommen, aber der Film kommt etwas zu spät, oder?!" "Ja, außerdem hat sie sich schon eine DVD ausgesucht, die sie heute mit mir ansehen will." "Okay, dann viel Spaß. Bleibst du über Nacht?" Und da ich einfach nicht auf diese Frage gefasst war und unsere Unterhaltung innerlich für mich dauernd in einem völlig anderen Kontext steht, antworte ich ohne weiter nachzudenken: "Pff... AUF KEINEN FALL!" Da wird auch Dave hellhörig: "Wieso sagst du das denn so abwertend?!" Mist! Ich bin so eine dumme Kuh! "Naja, weil... ich ja schon Pläne hatte. Mit euch! Und nur weil Joe jetzt kurzfristig Theaterkarten bekommen hat... muss ICH jetzt Babysitter spielen. Das ist wohl schon nett genug von mir. Da will ich heute wenigstens in aller Ruhe in meinem eigenen Bett schlafen. Tja deshalb... AUF KEINEN FALL!" Die beiden legen die Stirn in Falten und sehen mich an, als wäre ich vollkommen bekloppt. Aber das ist jetzt erst mal irrelevant - Hauptsache, sie haben meine Geschichte gekauft!

 

 

Ich lasse ihnen noch ein paar Minuten Vorsprung, damit sie nicht sehen, dass ich nicht in Richtung meiner Eltern laufe, sondern in Richtung Bens Wohnung. Mein Traum war schon fast wieder vergessen, da bleibt neben mir an der Fußgängerampel plötzlich ein gelbes Auto stehen. Quietschgelb. Wie in meinem Alptraum. Als ich in der zugigen Abendluft an der nächsten Kreuzung stehen bleibe und mir den Schal und den Kragen meines Mantels ganz Fest an den Hals drücke, kreuzt dasselbe gelbfarbene kleine Auto erneut meinen Weg. Ich bin nicht ganz sicher, ob ich schön langsam paranoid werde, aber etwas gruselig ist das Ganze schon. Und das Krönchen bekommt die Sache noch dadurch aufgesetzt, dass ich oben in Bens Stockwerk ankomme und - ebenfalls wie in meinem Traum - seine Türe offensteht. Gänsehaut macht sich an meinem ganzen Körper breit. Ich betrete die Wohnung und rufe verunsichert nach Ben. Doch ich bekomme keine Antwort. Schritt für Schritt gehe ich mit eingezogenem Kopf weiter in die Wohnung. Auch auf mein nochmaliges Rufen reagiert Ben nicht. Schließlich höre ich Geräusche im Schlafzimmer. Meine Nerven liegen bereits so blank, dass ich direkt anfangen könnte zu heulen. Ich wage mich, die erste Treppenstufe zu nehmen. Langsam aber sicher. Mit langgestrecktem Hals und ängstlichem Blick setze ich meinen Fuß ab. Da kommt wie aus dem Nichts Ben die Treppe runtergedribbelt, steckt gerade den zweiten Arm durch seinen T-Shirt-Ärmel und pfeift gut gelaunt. "Josie, da bist du ja schon. Sorry, ich musste nochmal Shirt wechseln. Hab mir Nudelsauce auf den Wamps gekleckert." Vollkommen perplex und nicht wissend, ob ich weinen oder lachen soll, bleibe ich wie angewurzelt stehen, während er an mir vorbei und in Richtung Küche huscht, wo besagte Nudelsauce vor sich hinzuköcheln scheint. Natürlich bleibt mein abnormales Verhalten auch von Ben nicht unbemerkt: "Was hast du denn? Alles okay?" "Die... die Ttt... Tür... die Tür stand offen.", stammle ich mit hängenden Schultern und einem Gesichtsausdruck, als hätte ich fünf Geister auf einmal gesehen. "Ja, ich hab dich im Treppenhaus laufen hören, da hab ich dir schon mal die Türe aufgemacht, bevor ich nach oben gegangen bin, um mich umzuziehen." Ich nicke ihm zu - mit sichtlich leerem Kopf. Um auf Nummer sicher zu gehen und nach wie vor verwirrt werfe ich noch einen kurzen Blick in Richtung Schlafzimmer und spitze die Ohren, ob ich nicht doch Julianes Stimme höre. Dabei hänge ich in Gedanken noch so meinem Alptraum nach, dass ich zunächst gar nicht mitbekomme, dass Ben auf mich zukommt um mich zu begrüßen. Erst als er direkt vor mir steht und meine Hände nimmt, wache ich aus meiner Trance auf. Er lächelt mich charmant an, gibt mir ein Küsschen auf die Wange und säuselt: "Schön, dass du da bist." Just im gleichen Moment kocht das Nudelwasser über, sodass er sich von mir abwendet und zum Herd hechtet. Selbstverständlich eile ich ihm selbstlos zur Hilfe. "Das mit dem Kochen hab ich noch nicht so ganz raus. Ich hoffe, es schmeckt trotzdem." "Also duften tut es zumindest schon mal gut. Kann ich dir irgendwie helfen? Soll ich vielleicht den Tisch decken?" "Hab ich schon." Und erneut zweifle ich an mir selbst und denke, zu halluzinieren, während ich wortlos den leeren Esstisch anstarre. Doch Ben hilft mir auf die Sprünge: "Oh. Ich hab den Wohnzimmertisch gedeckt. Ich dachte wir essen auf dem Sofa. Ist... gemütlicher." Dabei zwinkert er mich selbstsicher an, sodass mein Gesicht in etwa die gleiche rote Farbe bekommt wie Bens Nudelsauce. "Setz dich einfach, das Essen ist jeden Moment soweit." Ich nehme also auf dem Sofa Platz, wo Ben die Kissen so hübsch und gemütlich drapiert hat. Auf dem die Kuscheldecke aufgeschlagen liegt und auf das die hübsche Blumenvase mit den unechten Lilien auf dem Couchtisch im flackernden Kerzenlicht einen Schatten wirft. Ehe ich die ganzen Eindrücke, wie romantisch Ben alles hergerichtet hat, verarbeiten kann, kommt er schon mit zwei Tellern an und setzt sich neben mich. Um mich nicht bereits von Anfang an wieder in meinen Gefühlen zu verlieren, gebe ich mir die größte Mühe, möglichst abgeklärt zu wirken. Auch als Ben die Sprache ohne sich um das leidige Thema herumzuwinden - was ihm durchaus hoch anzurechnen ist - auf unsere bisherigen Startschwierigkeiten bringt. Gerade im Hinblick auf das Wirrwarr mit seiner dämlichen Ex. "Also, wir waren uns ja einig, dass wir mal in aller Ruhe miteinander reden sollten, ehe wieder die Fetzen fliegen - egal ob im positiven oder im negativen Sinne." Abgeklärt ist vielleicht nicht zwingend gleichbedeutend mit schnippisch, was mir für den Moment aber schwer fällt, umzusetzen: "Stimmt, wobei wir vielleicht zuerst essen und dann reden sollten, ehe mir bei dem Gedanken an deine Ex die Nudeln im Hals stecken bleiben." Etwas überrumpelt von meiner prolligen Antwort starrt Ben mich mit großen Augen an. "Tut mir leid, das war vielleicht etwas heftig. Aber ich bin... einfach nicht gut auf diese Tante zu sprechen." "Das ist auch irgendwie nachvollziehbar, aber dass es so krass ist, hatte ich nicht erwartet." "Naja Ben, überleg doch mal: Diese dumme Kuh behandelt andere Menschen wie den letzten Dreck. Gerade DU solltest das am besten wissen." Vor lauter Wut, schaufele ich die Nudeln nur so in mich rein. "Ja aber es ist ja nichts mehr gelaufen. Also... es..." "Ich weiß schon Bescheid, Ben. Du musst nicht losstottern." "Worüber weißt du Bescheid?“ Verwundert nimmt er die Gabel runter und wartet zusehends angespannt auf meine Antwort: "Naja, das kommt jetzt drauf an, wem man Glauben schenkt." Als Bens Blick eindringlicher wird, kläre ich ihn dahingehend auf, was Dave mir erzählt hat und was wiederum Juliane mir erzählt hat. Und dass ich gesehen hab, dass die beiden frühmorgens zusammen beim Bäcker waren. Auch dass ich von der Ohrfeige, die Ben von Tom kassiert hat weiß, packe ich auf den Tisch. Scheinbar etwas zu viel für Ben. Denn einige Minuten sitzt er nur da und starrt auf den Boden. "Okay, das waren jetzt echt... viele Worte und viele Geschichten, viele Anschauungsweisen und noch viel mehr Missverständnisse." Ich sehe ihm richtig an, wie er versucht, seine Gedanken zu ordnen. "Dann werd ich dir jetzt mal erzählen, wie es wirklich war. Und bitte behalt dabei im Hinterkopf: ICH MUSS ES WISSEN! ICH WAR DABEI! Egal, welche anderweitigen Eindrücke du gewonnen hast. Ich muss schon sagen, in deinen Augen muss das wirklich ausgesehen haben, als... Naja, von vorne: ..."

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.02.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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