Sebastian Nokelsky

DER KLEINE CLOWN

Es war ein großer Wanderzirkus in der Stadt, mit vielen Tieren, akrobatischen Künstlern, Artisten und viel Spaß für alle Besucher. Egal ob groß oder klein, dick oder dünn, jung oder alt, denn jeder war herzlich willkommen im Zirkus Romodus, der um die ganze Welt reiste.
Unter dem riesigen, bunten Zelt versammelte sich das zahlreiche Publikum. Hunderte von Besuchern erreichten in Begleitung von Musik die Sitzplätze. Natürlich saßen die Kinder vorne, ganz dicht an der noch geschlossenen Manege. Aber Noxana blieb in der zweiten Reihe bei ihrer Mama. Vor Freude lächelte sie und ihre blauen Augen strahlten. Sie war das erste mal in einem Zirkus und sehr aufgeregt. Neugierig beobachtete sie die Umgebung. Über all duftete es nach leckerem Popcorn und süßer Zuckerwatte. Die letzten Zuschauer nahmen Platz auf der hoch gebauten Tribüne. Das Licht ging aus und die unterhaltsame Melodie verstummte.
Endlich war es so weit. Alles war still und dunkel. Nur ein Lichtkreis in der Mitte der Manege trat hervor. Der Vorhang öffnete sich. Gespannt blickten alle in die Mitte des Zeltes. Aber es passierte nichts. Ein alter Mann im rot-schwarzen Anzug, mit weißem Bart und Zylinder, rannte um das Licht und schaute sich um. „Wo ist er?“ fragte der alte Mann. „Wir müssen doch mit der Show beginnen.“ Das Publikum war verwundert. „Ich bin hier oben, alter Mann,“ rief ein kleiner Clown, der in der letzten Reihe bei den Zuschauern stand. Mit seinen lange, grünen Haaren und der breit gestreiften Hose lächelte er und machte einen Sprung nach hinten. Keiner konnte ihn mehr sehen. Plötzlich ertönte ein mächtiges Trompetengeräusch und ein großer, grauer Elefant mit gehobenem Rüssel und gelb-grünen Rüschen an den Beinen erhob sich in der Eingangshalle. Das Licht glitzerte in der Schmuckkette um die Stoßzähne. Der dicke Elefant betrat langsam die Mitte des Zirkuszeltes. Der kleine Clown saß auf seinem Kopf und winkte mit der Mütze in der Hand. Auf herzliche Art begrüßte er die Gäste und die lieben Kinder. Alle waren erstaunt und klatschten in die Hände. Als der Elefant nach draußen gebracht wurde schritt ein ausgewachsener Löwe in die Mitte der Manege und brüllte entsetzlich laut. Alle Kinder verstummten vor Schreck. Noxana bekam Angst und drückte sich an ihre Mama. „Das ist mein lauter Freund, Paul der Löwe.“ sagte der kleine Clown. „Anstatt so einen Krach zu machen, könntest du mir doch ein Küsschen geben.“ Der Löwe drehte sich weg und alle fingen an zu lachen. Außer Noxana. Sie hatte immer noch Angst. „Na komm, gib mir ein Küsschen.“ wiederholte der kleine Clown. Plötzlich sprang der Löwe mit gefletschten Zähnen auf den kleinen Clown. Das ganze Publikum erschreckte sich vor der Wucht des Raubtieres. Noxana versteckte sich hinter ihrer Mama. Der kleine Clown saß auf dem Boden und der Löwe leckte ihm mit seiner Zunge über das Gesicht. „Musst du immer so übertrieben?“ schimpfte der kleine Clown. „Und deine Zähne putzen könntest du dir auch mal wieder.“ Die Kinder und die Zuschauer lachten und klatschten wieder in die Hände. Aber Noxana war so verängstigt, dass sie weinte. Ihre Mama nahm sie in ihre Arme und hielt sie ganz fest.
Es war eine gigantische Vorstellung mit prachtvollen, bunt verzierten Ponys, Pferden, Kamelen, jonglierenden Künstlern, Seilartisten und einem Feuerschlucker, der seine Flammen aus dem Mund über die Gäste spie. Der kleine Clown grillte dabei ein paar Würstchen, die an einer langen Gabel spickten. Dann verteilte er die fertigen Grillwürstchen an die Kinder. Die Pferde galoppierte im Kreis und die Ponys tanzen in der Manege. Das Lachen und der Applaus des Publikums hörte nicht mehr auf. Mit Tränen in den Augen versteckte Noxana sich immer noch in der Umarmung ihrer Mutter. Die junge Frau versuchte ihre vier Jahre alte Tochter zu beruhigen. Im Schutze ihrer Mama schaute Noxana sich zaghaft den Verlauf der Vorstellung an.
Mit einem donnernden Trommelwirbel und tausend Luftballons, die von der Decke des Zeltes regneten ging es in die Pause. Bis zum zweiten Teil der Show verließen viele Eltern mit ihren Kindern die Manege, um die Außenanlage von dem Zirkus nutzen zu können. Man durfte dort Süßigkeiten kaufen oder die Ponys und Pferde im Gehege streicheln. Die Kamele wurden von den Artisten für den nächsten Auftritt geschmückt. Der Käfig des Löwen war zur Sicherheit abgesperrt. Die Mutigsten setzten sich auf den Rücken des Elefanten und ließen sich fotografieren. Noxana wollte kein Foto und auch keine Süßigkeiten.
Es gab auch einen Stand, wo man Lose ziehen konnte. Wenn man Glück hatte und zwei unterschiedliche Farben in einem Los waren, bekam man einen kuscheligen Teddy und bei  vier Farben ein großes Kuscheltier. Als Noxana den süßen lila Teddy erblickte, lachte sie wieder und lief mit ihrer Mama zur Losbude. Der Teddy sah so niedlich aus, dass sie ihre Angst vergaß und sie brauchte nur zwei Farben, um ihn zu gewinnen. Aber sie hatte kein Glück. Jedes Los, welches sie aus der Glaskugel zog, zeigte immer nur eine Farbe. Die Pause ging gleich zu Ende und alle Kinder strömten mit ihren Eltern zurück in das Zelt. Traurig folgte Noxana mit ihrer Mama den anderen. Die junge Frau blieb vor dem Zelt stehen und sprach zu ihrer Tochter: „Wenn du möchtest, darfst du noch ein Los ziehen.“ Dankbar umarmte Noxana ihre Mama und eilte mit ihr zurück zur Losbude.
Gerade als sie nach dem Los greifen wollte, stand plötzlich der kleine Clown neben ihr und lächelte. Er nahm für einen kurzen Moment seine lustig aussehende Mütze ab und grüßte: „Einen schönen Tag, euch zwei hübschen Damen.“ Vorsichtig sagte Noxana: „Hallo, kleiner Clown.“ „Darf ich für dich ein Los ziehen?“ fragte er. Noxana üblegte und erwiderte: „Hast du den Glück?“ Erstaunt antwortete der kleine Clown:  „Du fragst mich, ob ich Glück habe?“ Er schaute sich schnell um, näherte sich behutsam Noxana und flüsterte: „Immer, wenn ein Kind lacht, hat ein Clown alles Glück der Welt.“ Er kniff sich mit Daumen und Zeigefinger dreimal in seine runde, rote Nase. Ein lustiger Pfeifton war zu hören und Noxana lachte. Der kleine Clown bedankte sich mit einer Geste. Blitzschnell und ohne hinzuschauen zog er ein Los aus der Glaskugel und gab es Noxana, die es gleich öffnete. Genau so überraschend, wie der kleine Clown auftauchte, verschwand er auch wieder. In dem Los waren sechs Farben. Der Hauptgewinn! Noxana durfte zwischen allen Kuscheltieren auswählen und entschied sich für den lila Teddy.
Den Rest der Vorstellung empfand Noxana keine Angst mehr. Gemeinsam mit ihrer Mama und dem Teddy im Arm lachte sie und hatte genau so viel Spaß wie die anderen Kinder.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.02.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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