Wolfgang Küssner

Ein Prosit!

Der eine oder andere Leser wird sich eventuell noch erinnern: Leicht schwankend und lallend, doch fröhlich bis lustig und manchmal auch ausgelassen ging es heimwärts. Hinter uns lag dann ein schöner Abend mit Verkostung unter fachkundiger Anleitung. Am häufigsten werden Verkostungen von Weiß- oder Rotwein offeriert. Es soll Menschen geben, die den Mut zu einem spanischen Brandytest aufbringen; selbst die Vielfalt des angebotenen Trinkwassers inspiriert Mitmenschen zu einer entsprechenden Probierveranstaltung. Schokolade steht ebenfalls im Test-Angebot. Doch solange, von Schokolade und Wasser einmal abgesehen, die Verkostung darin besteht, das Getränk nur im Mund, also auf der Zunge, am Gaumen wirken zu lassen und nicht der finale Konsum – sprich Schlucken - erfolgt, ist so eine Veranstaltung lehrreich, für den einen oder anderen vielleicht sogar ein wenig nüchtern. Wird allerdings genossen und getrunken, kann aus einer Verkostung schnell ein Verschlucken werden. Genug der einleitenden Worte. Ich war zum Verkosten, bzw. Testen einer Applikation eingeladen. Wie geht das? Doch der Reihe nach.

Mein jüngster Artikel war vor wenigen Tagen in einer unserer überregionalen Zeitungen veröffentlich worden. Unter der Überschrift „Eine Geschichte vom Apfel“ hatte ich sachlich und kritisch und mit dem mir üblichen Schuss Humor über die jüngsten Apps berichtet, die in Kürze auf den Markt kommen und unser Leben revolutionieren werden. Im ferner Cupertino in Kalifornien hatte man meinen Artikel offensichtlich gelesen – was bei der heutigen Technik selbstverständlich kein Problem ist – und prompt bekam ich eine Einladung zum Test. Nun, es wurden 11 weitere Journalisten eingeladen, allerdings nicht ins sonnige Kalifornien, sondern ins steuerlich günstige Irland.

Da drei neue Apps das Licht der Welt erblicken sollten, wurden wir durch Losverfahren in drei Gruppen eingeteilt. Durch einen weiteren Zufallsgenerator wurde je eine der drei Apps den Gruppen zugeordnet. Das Schicksal wollte es und ich durfte mit drei anderen Kollegen die Getränke-App kritisch in Augenschein nehmen, also testen. Die einleitenden Worte werden vor diesem Hintergrund jetzt besser verständlich sein.

Schon seit einiger Zeit gibt es eine App mit der Bezeichnung iBeer. Man kann zwar nichts trinken, doch auf dem touch-screen erscheint Bier, man könnte so tun als ob man aus dem iPhone trinken würde. Nach dem Genuss kann die App sogar rülpsen. Was jetzt auf den Markt kommt, ist den anfänglichen Kinderschuhen weit entwachsen. Jetzt kann nämlich wirklich getrunken werden, zwar nicht die App, doch das, was sich der Besitzer gerade wünscht. Wie das? Die Erklärung folgt hier.

In den Apfel-mit-Biss-Labors wurde unter dem Arbeitstitel Taste Optimizer for Drinks (abgekürzt TOD) an dieser neuen App gearbeitet. Auf gut Deutsch: Geschmacksoptimierer für Getränke. Es gibt zwei Versionen: a) die einfache TOD für Bier und b) die erweiterte App TOD+ für Bier und Wein, egal ob nun Rot- oder Weißwein. In anbetracht der vielen Alkoholopfer überall auf dem Globus, werden die Produkte nicht als TOD bzw. TOD+, sondern wesentlich gefälliger als iDrink und iDrink+ die Markeinführung erfahren. Philosophisch formuliert: Ich trinke, also bin ich. Uns Journalisten stand die erweiterte Version zur Verfügung. Hier nun mein Erfahrungsbericht:

Die App ist nach dem Downloaden schnell eingerichtet. Es muss ein Zugriff auf die Kamera gewährleistet sein, dann sind Geschlecht, Alter, Gewicht einzugeben und zwei Selfies – für den User vermutlich keine Hürde - erforderlich: Einmal ein Foto von der Zunge wegen der Geschmacksknospen und dann – das lässt sich leider nicht vermeiden – ist einmal kurz auf das touch-screen zu spucken und das zu fotografieren. Alles wird als pic abgespeichert und dient einer kurzen Speichelanalyse. Die Installation ist nur einmal erforderlich. Wisch und weg und es kann losgehen. Die App ist funktionsfähig.

Da die einfache App-Version nur das Bier-Programm kennt, habe ich meinen Test hier begonnen. Ich wurde zunächst aufgefordert, mir ein x-beliebiges Bier zu besorgen. Das stand vom Veranstalter natürlich bereit. Ob in Flasche oder Dose, ob in Glas, Humpen, Tulpe oder Becher soll keine Rolle spielen. Next step: Aus einer gigantischen Auflistung weltweit verfügbarer Biere sollte ich nun meinen Bier-Wunsch wählen. Paulaner und Flensburger, Kölsch und Alt, Pils und Weizen, Schwarzbier und Berliner Weisse, ob Krombacher oder Beck´s, ob Radeberger oder Hasseröder oder oder oder. Die Auswahl ist riesig. Chang, Singha, Tiger, Leo aus Thailand sind im Angebot; Sofiero Original, Norrlands Guld Export, Pripps Bla aus Schweden; Corona Sol, Tecate und Pacifico aus Mexiko; Pilsener Urquell, Budweiser, dänisches Elephant-Beer und unzählige andere Sorten können getrunken werden. Search now. Der User wählt das Bier seiner Wünsche, drückt die entsprechende Taste, nimmt einen Schluck vom vor ihm auf dem Tisch stehenden Getränk und hat den Genuss seines Wunsches auf der Zunge. Fantastisch. Sensationell. Es funktioniert wirklich. Ich habe diverse Versuche unternommen, auf den finalen Konsum jedoch verzichtet, um klar zu bleiben. Ein Verschlucken hätte keinen guten Eindruck hinterlassen und die Ergebnisse mit unnötigen Zweifeln belegt.

Der Hersteller versichert mit diversen Expertisen namhafter Experten, dass der Einsatz der App keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen verursacht. Es werden lediglich die Rezeptoren auf der Zunge durch Nanowellen stimuliert, für den Rest sind die Synapsen in freudiger Erwartung auf das Trink-Erlebnis verantwortlich. So ähnlich funktinonieren wohl auch Illusionen, Manipulationen. Übrigens, das muss an dieser Stelle unbedingt erwähnt werden: Die App ist bestens für Anti-Alkoholiker und jene Menschen geeignet, die aus beruflichen oder anderen Gründen auf Alkohol verzichten müssen. Das Prozedere funktioniert übrigens auch, wenn in dem Glas auf dem Tisch alkoholfreies Bier steht und die App zum Einsatz kommt. Könnte uns die App am Ende gar vom Rausch befreien? Darauf: Ein Prosit!

Soviel zur App iDrink. Am Tag darauf habe ich dann die erweiterte Version iDrink+ getestet, die neben dem enormen Bierprogramm ein gigantisches Weinangebot offeriert. Die erste Wahlmöglichkeit besteht hier zwischen Rot- und Weißwein. Und dann beginnt eine fast unendliche Selektion. Der User kann nach Regionen wählen. Möchte er lieber etwas aus Kalifornien oder dem Rioja, aus Stellenbosch oder dem Yarra-Valley, aus Hua Hin oder dem Elsass, aus Longuedoc oder Duero, aus Piemont oder Bordeaux, aus Rheinhessen, dem Kaiserstuhl oder Chile oder Tasmanien oder oder oder....

Eine andere Selektion wird in Fragen der Trauben angeboten. Der User der App kann zwischen Chardonay und Simillion, Albarin Blanco und Tempranillo, zwischen Merlot Blanc und Shiraz, Colombard und Gewürztraminer, Lambrusco und Imiglykos, Mouvèdre und Müller Thurgau, Riesling und Retsina und und und...wählen. Die Frage nach den gewünschten Rebsorten sind reine Traubenfragen. Der User kann sich aber auch seinen eigenen Mix, sein ganz individuelles Cuée zusammenstellen. Die App hilft sogar bei der passenden Auszahl der Reben. Das ist zugegebenermaßen sensationell. Und funktioniert es? Ich habe natürlich den Test gemacht. Dafür war ich bekanntlich eingeladen.

Vor mir auf dem Tisch stand ein einfacher Cuvée rötlicher Färbung, wie er als simpler Hauswein in vielen Restaurants preisgünstig angeboten wird. Da ich persönlich kräftige Rotweine bevorzuge, habe ich auf der App einen Shiraz von fast schwarzem Aussehen ausgesucht, angeklickt, getrunken. Das war kein Trinken, das war mehr. Nun, die Nase wollte mir anfänglich das entsprechende Bouquet nicht ganz vermitteln, doch auf der Zunge, am Gaumen und beim Abgang entwickelte sich ein wunderbares Aroma von saftig-reifen Brombeeren. Das entsprach voll meinen sonstigen Erfahrungen aus der realen Welt des Weins. Der folgende Test mit einem Wein aus dem Yarra-Valley brachte Noten von dunkelroten Kirschen auf die Rezeptoren. Ich war begeistert. Genuss pur.

Ich möchte an dieser Stelle nicht anmaßend erscheinen, gar religiöse Gefühle verletzten, oder ein Detail tausendjährigen Glaubens infrage stellen, anzweifeln, widerlegen – was auch immer. Es ist mir fast peinlich zu gestehen: Die besagte App funktioniert auch mit Wasser. Ich konnte Wasser zu Wein machen, zumindest geschmacklich. Nun bin ich gespannt, wie Rom – nicht auf meine Idee, auf meinen Bericht, auf meine Erfahrung – wohl aber auf die Einführung der App reagieren wird. Teufelswerk? Modeerscheinung? Wie viele Klosterbrüder haben ihr Leben mit dem Verkosten von Bier oder Wein zugebracht, gelitten und genossen, um das ideale Getränk zu kreieren. Und nun kommt diese Firma mit dem Apfel mit Biss und eine ähnliche Verführung wie seinerzeit im Garten Eden steht zu befürchten. Nur in ganz anderen Dimensionen. Wehret den Anfängen?

Das Erfreuliche: Auch bei der Wein-App können alle Menschen (Kranke, Antialkoholiker, Gläubige, Piloten etc.), die eigentlich auf Alkohol verzichten müssten, aufatmen, denn die neue App ermöglicht Teilhabe am Hopfen- und Rebengenuss, Trinken ohne Limit, da ohne Alkohol. iDrink+ macht´s möglich.

Zum Schluß natürlich die Frage: Was kostet der Spaß? Beide App-Versionen sind nicht for free erhältlich. Und, auch das vorweg, beide Apps sind nichts für Puristen. Der Hardcore-Fan wird weiterhin dem Original die Priorität einräumen. Immer vorausgesetzt, das Portemonnaie macht den Konsum von Bordeaux oder Brunello, von Ribera del Duero etc. möglich. Die anderen User/Konsumenten müssen für die Normal-Version der App – also für iDrink – einmalig € 19,99 zahlen, also etwas mehr als eine Kiste Beck´s. Die Bier- und Wein-Version – also iDrink+ - wird für € 29,99 offeriert. Der Preis für drei einfache Flaschen Wein. Eine Anschaffung, so meine bescheidene Meinung, die sich lohnt und sehr schnell bezahlt macht. Auch das muss an dieser Stelle Erwähnung finden, die Standard-App wird in Kürze eine Erweiterung um Schnäpse und Obstler bekommen; die deLuxe-Version wird um Aperitifs, Digestifes, Longdrinks und Cocktails erweitert werden. Beides natürlich gegen zusätzliche Kosten. Über die Höhe konnte noch keine Auskunft gegeben werden.

Mir fällt abschließend ein kleiner Werbespruch ein, der Ende der 60er Jahre entstand und populär war: Wenn einem soviel Gutes widerfährt, das ist schon einen........wert. Meine Arbeit als Journalist ist hier in Dublin jetzt getan. Das finale Urteil: Die neue App ist genial, sensationell, geradezu revoltionär. Zugegeben, sie wird viele Arbeitsplätze kosten, Menschen um ihren Rausch, um ihre Träume bringen, aber auch viele Leben retten können. Ist vielleicht auch ein kleines Friedensangebot an Rom. Darauf: Ein Prosit!

Dezember 2018

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