Gherkin

Die Kulturberichterstattung, Teil 1

12 Rezensionen, aus der Musikzeitschrift „Mucke“, aus den Jahren 2012 - 2019

JEDE WOCHE EINE DIESER ARBEITEN, IMMER SONNTAGS

Heute Teil 1 - WANKERCHIEF


Die deutsche reichlich freche Gangsta-Rap-Formation „Wankerchief“ bringt das neueste Werk „Laberfeuer“, ein Doppel-Album, heraus. Die Texte sind in englisch, deutsch und französisch. Der kreative Kopf hinter Wankerchief ist Hannes W. Hanffbaecker. Wankerchief ist eine Verballhornung (morphologische Sprach-Wissenschaft, auch Morphemik) des Wortes Handkerchief (Taschentuch), wird hier zum „Wichser Chef“, abwertend, etwa: Boss aller Wichser, der „Wichserkönig“.

Hanffbaecker wurde in der Jugend oft gemobbt, gedisst und gehänselt, seiner schmalen Gestalt wegen (er wurde stets Haenffling gerufen), und auch, weil der junge Hannes sich kaum wehren konnte. Beinahe jeder Junge aus der Schule oder der Nachbarschaft war deutlich stärker. Ergo wurde Hannes oft verprügelt, „Wichser“ genannt, in bemitleidenswerter Art und Weise schikaniert. Da ja das Taschentuch ein wichtiges Utensil aller exzessiv Onanierender  ist, früher Tuch, heute Einwegtaschentuch, ergibt diese Kombination durchaus Sinn. Hannes W. musste zwangsläufig auf diesen Namen kommen: Von Handkerchief hin zu Wankerchief. Ein logischer Schritt.

Nun, als Gangsta Rapper, der sich hinter Kollegah, Bushido oder Haftbefehl auf gar keinen Fall verstecken muss, nimmt er seinen ehemaligen Diss-Namen und kehrt ihn quasi ins Gegenteil - nutzt ihn als Titel, er ist jetzt der Wankerchief! Spottet somit all derer, die ihn früher beschimpften und seinen Namen beschmutzten (Haenffling!). Auch sehr nett: Die Affinität zur Hanfpflanze, die er, ohne es je versteckt zu haben, ganz offen verehrt, jedenfalls die weibliche... Hanffbaecker gibt zu, täglich zu kiffen. Da ist der Name quasi (Freizeit-)Programm. Blubber.

Hannes W. Hanffbaecker ist heute eine imposante Persönlichkeit. Krafttraining, Yoga und Meditation haben ihn die seelischen Verletzungen aus seiner wenig erfreulichen Jugendzeit vergessen lassen. Man möchte sich heute auf gar keinen Fall mit Hanffbaecker anlegen. 129 beeindruckende Tattoos und mächtige Bizeps lassen erkennen: Hier haben wir es mit einem leicht bis mittelschwer klischeebehafteten Gangsta-Rapper zu tun, dessen Zorn man sich auf gar keinen Fall zuziehen möchte. Hanffbaecker ist mit seiner Formation seit 2004 am Start, einen beachtlichen Erfolg erzielte er mit "Schmetterling", Single-Auskopplung aus seinem Debüt-Album "F.A.R.T." (2005). Jetzt also dieses Mammut-Werk, für das Wankerchief ganze 11 Monate im Studio bei Köln verschwunden waren. Die Formation selbst stammt aus Königsdorf bei Köln. Hannes W.: Die Arbeit an diesem Doppel-Album hat mich 3 Freundschaften, sicherlich mehr als 20 Jahre und entsetzlich viel Kraft gekostet. Die Fans dürfen sich jetzt erst mal nicht auf Live Gigs freuen. Ich brauche nämlich Ruhe!


Die 22 Tracks sind: Schalmeien-Gewitter / Ya gitta hurry up / Headlock-Waltz (Der Schwitzkasten-Walzer) / Wankerchief Rap / Scrappa Scum / Wank Mag Party / So buzz off, Jerk! / Go green for a day / Sneakers Collector´s Prank / Pretty Boy Floyd, Kansas City, 1953 / A.O.K. (Nein, damit ist nicht die Krankenkasse gemeint, sondern „Anger Outburst Karma“) / Die Blindschleiche (ein biografischer Text; hier wird eine Art Alter Ego heftig gedisst und gemobbt) / The Peoria State Hospital Cage Woman Case / First Mover / The influencer Rap / The Breitbart and Alt-Right Problem in the m/f USA / Das ur-ewige Eis / Le voyage mysterieux / Pouvez-vous me parler? / Le personnel gris / Spago Hero (stolze 9:24 min. lang!) plus hidden track, erst ganze 77  Sekunden hinter dem letzten Stück, Spago Hero: This Album got me all jacked up...


Hannes und seine 2 Mitstreiter machen keinen Hehl daraus, die USA und vor allem Trump dafür verantwortlich zu machen, dass (O-Zitat) „diese Welt rapide den Bach runtergeht“. Borniertheit, Weltpolizei-Allüren und die Attitüde Trumps, „alles immer voll im Griff zu haben“, lassen die USA für H. Hanffbaecker & Co. zum Hass-Objekt Nr. 1 mutieren. Dies macht sich in den Titeln Spago Hero, Influencer Rap oder auch The Peoria State Hospital Cage Woman Case bemerkbar, auch Scrappa Scum und vor allem die düstere Rap-Ballade The Breitbart and Alt-Right Problem in the m/f USA sind gute Beispiele dafür. Wir von der Mucke-Redaktion wundern uns, dass gerade der letzte Titel nicht auf dem Index gelandet ist. Kontrovers und auch sehr, sehr böse. Ob da jener arg obligatorische Aufkleber (explicit lyrics) ausreicht? Der ja in Gangsta Rap-Kreisen fast so wie ein Gütesiegel gehandelt wird. Wer das nicht auf seinem Album kleben hat, wird müde belächelt. Aha, ein „Will Smith“-Rapper. Brav, angepasst und sehr lieb. Vor allem aber politisch korrekt: "Gehorche deiner Mama und wasche dir vor dem Essen deine Hände, Junge!" Nonkonformistisch und reichlich bad boy böse ist Wankerchief. Bei mancher Textzeile, die wir uns hier an dieser Stelle zu zitieren versagen, denkt man, errötend: Haben die das gerade wirklich so gerappt? Echt jetzt? Uijegerl!

Hanffbaecker, in seiner ureigenen, ungewöhnlichen Art (geheimnisvoll, humorvoll, leicht chaotisch und mysteriös), zu seinem Doppel-Album befragt: „Eine Brillenschlange, die ihre Brille verloren hat, ist eine Blindschleiche!“ Nun kennen wir immerhin den Lieblingstrack des Künstlers. Vor allem wohl auch der autobiografischen Nuance geschuldet. Wir geben dem Album eine 8,5er Wertung. Mutig sind die Texte, gelungen: Musik & Arrangements (teilweise mit Orchester-Begleitung, so bei The Breitbart and Alt-Right Problem in the m/f USA), hervorragend: Produktion (Siegfried Papst, Frechen, Sultan-Records).



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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.02.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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