Heinz-Walter Hoetter

Das Wesen Ashtar

Mr. Walter Ammon gehörte nicht zu den Leuten, die gleich nach dem Aufwachen die Augen aufschlagen und sofort hellwach sind. Im Gegenteil! Er brauchte immer eine ganze Weile, bis er dazu im Stande war, seine nächtlichen Träume von fernen, unbekannten Welten von der Wirklichkeit auseinander zu dividieren.

 

Endlich schlug er die Augen auf und schaute sich verschlafen im halbdunklen Zimmer um.

 

War da nicht irgend etwas oder hatte ihn sein trüber, verschwommener Blick nur getäuscht? Mr. Ammon drehte seinen Kopf zurück in Richtung Fußende.

 

Also doch!

 

Eine schattenhafte Gestalt stand vor seinem zerwühlten Bett, die einen metallischen Gegenstand in der rechten Hand hielt, den Mr. Ammon leider nicht richtig erkennen konnte, weil nur wenig Tageslicht durch die zugezogenen Schlafzimmervorhänge von draußen hereinfiel.

 

Er kniff seine Augen mehrmals hintereinander fest zu, rieb an ihnen herum und öffnete sie dann wieder, weil er dachte, das Gesehene sei vielleicht nur ein Spuk.

 

Doch diesmal stellte sich heraus, dass der Mann am Fußende des Bettes keine Traumgestalt war und eine gefährlich aussehende Waffe auf Mr. Ammon gerichtet hatte.

 

Der Kerl stand einfach so da, zischte etwas, das allerdings sehr bedrohlich klang, bloß verstand Mr. Ammon kein einziges Wort davon.

 

Wozu auch? Das klobige Ding mit dem spitzen Lauf in der Hand des Unbekannten sprach sowieso ein deutliche Sprache. Es war eine dieser absolut tödlichen Strahlenwaffen, genannt Destruktoren, die nur von einer ganz bestimmten Spezies im Universum benutzt werden durften – den so genannten Zeitjägern. Er kannte diese Typen.

 

Mr. Ammon erschrak jetzt doch ein wenig, als er sich schlagartig der gefährlichen Situation bewusst wurde, in der er sich befand. Trotzdem blieb er nach außen hin so ruhig wie möglich und versuchte angestrengt sein hektisches Denken und seine verworrenen Gefühle schnell wieder unter Kontrolle zu bringen. Nach einem kurzen Moment der Konzentration hatte er sich wieder voll im Griff.

 

Eine Menge Gedanken jagten jetzt durch sein pulsierendes Gehirn. Es waren jene Art von Gedanken, die sich, wie von einer fremden Macht gesteuert, hinter seiner hohen Stirn zu einem gewaltigen Energiezentrum zusammenballten und telekinetische Kräfte unvorstellbaren Ausmaßes freisetzen konnten – wenn er es nur wollte.

 

Dann sah Mr. Ammon so unauffällig wie möglich hinüber zu dem bewaffneten Mann am Fußende seines Bettes und musterte ihn von oben bis unten mit argwöhnischen Blicken.

 

Der bullige Kerl trug eine schwarz glänzende Lederjacke, die eher den Eindruck einer Uniform machte. Er war sehr groß, leicht korpulent und hatte welliges, schwarzes Haar, das streng nach hinten zu einem Zopf zusammen gebunden war. Unter seinen wachsamen Augen stülpten sich faltige Tränensäcke hervor. Offenbar schien er nicht mehr der Jüngste zu sein oder seine menschliche Maske machte ihm Schwierigkeiten.

 

Noch immer hatte der Zeitjäger diesen gefährlichen Destruktor in der Hand, dessen nadelförmiger Lauf drohend auf Mr. Ammon gerichtet war.

 

Sind Sie Mr. Walter Ammon?“ fragte der Mann in der schwarzen Lederjacke unvermittelt.

 

Ich sage Ihnen gar nichts. Das müssen Sie schon selber rauskriegen. Was wollen Sie überhaupt von mir? Wer hat Sie eigentlich in meine Wohnung gelassen?“

 

Das ist unwichtig, Mr. Ammon. Oder sollte ich doch lieber Geist von Ashtar zu Ihnen sagen? Ich habe den Auftrag, Sie unter allen Umständen nach Sumercoord X zurück zu bringen, wo eine hermetisch abgeriegelte Zelle auf sie wartet. Leisten Sie Widerstand gegen Ihre Festnahme, muss ich leider sehr unangenehm werden und rücksichtslose Gewalt anwenden. Sie sind eine große Gefahr für das gesamte Universum. Wir wissen ganz genau Bescheid über Sie, wozu Sie fähig sind und was sie mit Ihren mentalen Kräften anstellen können. Sie greifen willkürlich in das bestehende Raum-Zeit-Gefüge ein, was wir auf keinen Fall hinnehmen können. Es haben schon genug Erschütterungen auf allen Zeitebenen stattgefunden. Ergeben Sie sich also! Jetzt sofort! Auf der Stelle!“

 

Panik schoss durch den Körper von Walter Ammon wie glühendes Feuer, als der Mann erneut die schwere Strahlenwaffe hob und möglicherweise sogar abdrücken wollte. Das Geistwesen Ashtar, das sich in der Welt des Menschen Mr. Ammon nannte, hob abwehrend die Bettdecke, eine hilflose Geste, die eine instinktive Schutzreaktion war. Jedes Lebewesen würde das so machen, auch wenn der Körper nur ein künstlicher war und als Wirt diente.

 

Man hatte ihn also entdeckt. Aber wie war das möglich gewesen? Er dachte sich auf dem Planeten Erde doch so sicher. Hier kannte ihn niemand. Er war schon fast ein Mensch geworden, zumindest rein äußerlich. Und jetzt das. Unruhe erfasste sein inneres Wesen, das nicht menschlicher Natur war und sich Ashtar nannte.

 

Dann geschah es, ganz ohne Vorwarnung.

 

Mr. Ammon atmete tief durch, presste die Lippen zusammen und stieß kurz darauf die Luft in seiner Lunge explosionsartig wieder aus.

 

Ein fürchterlicher Knall erfüllte das stille Schlafzimmer und wie aus dem Nichts erschien direkt hinter dem Rücken des bewaffneten Zeitjägers eine über zwei Meter große, hässlich aussehende pechschwarze Öffnung, durch die fauchend die Luft aus dem Zimmer entwich, alles aus seiner unmittelbaren Nähe in sich hinein reißend.

 

Mr. Ammon konnte gerade noch sehen, wie der Zeitjäger den automatisch um sich schießenden Destruktor verlor, seine beiden Arme blitzartig hochriss, um sich in einem verzweifelten Rettungsversuch an den pulsierenden Rändern des schwarzen Loches festzuhalten. Doch sein massiger Körper hielt den gigantischen Saugkräften des Wurmloches nur für wenige Sekundenbruchteile stand. Dann wurde er Stück für Stück in großen Fetzen auseinandergerissen, bis er schließlich in der gähnenden Öffnung verschwand. Der Zeitjäger kam nicht einmal mehr dazu, einen Schrei auszustoßen. Nur ein Schutzanzug vom Planeten Sumercoord X hätte ihn vor der eigenen Vernichtung bewahren können.

 

Als das tosende Wurmloch wieder verschwunden war, beugte sich Mr. Ammon vornüber aus dem Bett und erbrach sich auf dem bunt gemusterten Teppich des Schlafzimmerbodens. Ashtars menschliches Verhalten war verblüffend weit fortgeschritten und wirkte überaus echt.

 

Dann holte er tief Luft, legte sich entspannt zurück aufs Bett und starrte mit leerem Blick rauf zur Decke.

 

Das war knapp, ich muss hier weg“, sagte er zu sich selbst. „Es kann nicht lange dauern, bis sie den nächsten Zeitjäger schicken, um meiner habhaft werden zu können. Sie werden niemals damit aufhören, mich zu jagen, diese dreckigen intergalaktischen Söldner, die sich als Zeitjäger ausgeben. Sie haben es in Wirklichkeit auf meine besonderen telekinetischen Fähigkeiten abgesehen, um sie für sich selbst nutzbar zu machen. Jetzt, da sie wissen, wo ich mich aufhalte, bleibt mir nur noch die Flucht. Ich werde meine Sachen packen und so schnell wie möglich von hier verschwinden. Eigentlich schade, die Erde des Menschen hat mir gut gefallen. Es war ein schöner Ort zum Leben.“


***


 

Eine Stunde später.

 

Mr. Walter Ammon, oder das außerirdische Geistwesen namens Ashtar in ihm, stand in seinem hermetisch geschlossenen Schutzanzug mitten im leergeräumten Wohnzimmer und konzentrierte sich mit geschlossenen Augen per Gedankenkraft auf einen imaginären Punkt im Raum. Die Energie dazu kam vom Geistwesen Ashtar.

 

Quantenfluktuationen stellten sich plötzlich ein.

 

Es dauerte nur wenige Sekunden, als der hölzerne Fußboden und die Zimmerwände heftige Wellen schlugen, sich biegend verformten, um schließlich schlagartig in der Mitte des Zimmers ein stabiles Wurmloch zu erzeugen, das im fertigen Endstadium einen Durchmesser von knapp zwei Meter aufwies. Die zusammenfließende Quantenenergie war gewaltig und das Wurmloch sog alles in sich hinein, was in seine Nähe kam.

 

Mr. Ammon machte einen Schritt nach vorne und wurde noch im gleichen Augenblick in das schwarze Loch hineingerissen, ähnlich einer winzigen Ameise, die vom Sog eines Staubsaugers erfasst worden ist.

 

Die Zeit schien still zu stehen.

 

Doch dann kollabierte das temporäre Wurmloch unter heftigen Energieentladungen plötzlich und fiel mit donnerndem Grollen in sich zusammen.

 

Das fremdartige Geistwesen, mit seinen gewaltigen telekinetischen Kräften, war zu diesem Zeitpunkt bereits schon wieder unterwegs in eine neue Welt, die irgendwo da draußen in den unendlichen Weiten eines unbekannten Universums lag und vielleicht sogar intelligentes Leben beherbergte.

 

Das Wesen Asthar wusste aber auch, dass seine Flucht vor den Zeitjägern nie enden würde, solange es existierte – und das tat es schon eine Ewigkeit.

 

 

 

ENDE

 

© Heinz-Walter Hoetter

 

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