Norman Dunfield

So schwamm der alte Gummischlauch

Die Alternative zum warmgepinkelten Schwimmbad war früher der Badesee,
den man sich mit Hecht und Karpfen teilte. An den Wochenenden suchte man
sich zusammen mit seinen Eltern eine gemütliche Bucht und stellte zunächst
einmal den hausgemachten Kartoffelsalat und die Bockwürstchen in den
Schatten. Pommes-Stationen gab es damals noch nicht. Für den Badespaß
in freier Natur musste man auch kein Eintrittsgeld entrichten.

Mit 5 Jahren war ich ein sehr aktiver Nichtschwimmer. Mein Opa hatte jedoch
einen Gummischlauch aus einem alten Autoreifen für mich aufgepumpt. Dieses
Utensil in sommerlich frischem Schwarz entpuppte sich recht bald als ideale
Schwimmhilfe bei meinen ersten kläglichen Versuchen. Als Gummischlauch-Pilot
legte ich jedoch schon sehr bald recht weite Strecken zurück. Dabei wurde ich
stets von meinem Vater begleitet, während meine Mutter am Ufer stand und
ständig brüllte: "Wenn da die Luft rausgeht..., wenn da die Luft rausgeht...!?!"
Es ist jedoch nie etwas passiert.

Mit 6 Jahren war ich der absolute Schlauch-Profi. Stundenlang taumelte ich mich
im Wasser und lauschte ständig dem Ruf meiner Mutter: "Wenn da die Luft
rausgeht..., wenn da die Luft rausgeht!?!" Irgendwann war ich es jedoch leid.
Was mit dem Schlauch ging, musste schließlich auch ohne Schlauch gehen, zumal
alle anderen auch ohne dieses gummierte Loch im Wasser unterwegs waren.
Ich suchte mir eine flache Stelle und schwamm einfach los. Anfangs war ich noch
etwas überhastet und hatte einige Probleme mit der Koordination der Atmung,
aber zumindest blieb ich an der Oberfläche. Nach etwa einer Stunde hörte auch
das Wasserschlucken auf und das Husten wurde leiser. Mein Wille war stärker,
als der Badesee. Meine Eltern bewunderten meine Ausdauer, und inzwischen
wurde der Kartoffelsalat warm. Ich war stolz darauf, mir selbst und ohne fremde
Hilfe das Freischwimmen verordnet zu haben. Nach einigen Bockwürstchen ging
es frisch gestärkt wieder ins Wasser, um meine Schwimmtechnik weiter zu
perfektionieren. Eine unheimliche Ruhe war eingekehrt, denn das "Wenn da die
Luft rausgeht..." war endlich verstummt. Der Gummischlauch lag vereinsamt am
Ufer.

Noch am selben Tag habe ich zusammen mit meinem Vater den See freischwimmend
überquert. Er warf zwar ständig einen Plastikball als Rettungsanker vor mir her, aber
den benötigte ich gar nicht. 350 Meter Ehrgeiz gaben mir die Kraft, ohne jegliche
Hilfe das andere Ufer zu erreichen. Als gelungene Begrüßung schlängelte sich dort
eine Ringelnatter unter einem Gebüsch durch das Wasser. Nach einer kurzen Pause
schlug mein Vater mir vor, den Rückweg zu Fuß zu gehen. Ich ermutigte ihn jedoch,
dass er die 350 Meter sicherlich noch einmal schaffen würde. Also schwammen wir
zurück. Einige Stunden später fiel ich glücklich und erschöpft in mein Bett.

Meine Ausdauer blieb mir bis zum heutigen Tag erhalten. Ich hätte kein Problem damit,
10 Kilometer am Stück zu schwimmen. Nur Schnelligkeit habe ich dabei nie gelernt.
Jeder Einbeinige kann mich überholen, aber das interessiert mich nicht. Ich kenne
inzwischen 7 Möglichkeiten, um mich über Wasser zu halten, jedoch kenne ich keine
einzige, um abzusaufen. Selbst wenn man taucht, kommt man immer wieder oben an.
Etwas ungünstig ist es eigentlich nur dann, wenn man sich beim Rückenschwimmen
hinsetzt. Aber diese Dummheit überlasse ich gerne anderen.

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Norman Dunfield).
Der Beitrag wurde von Norman Dunfield auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.02.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

halbwertzeit der liebe von Ditar Kalaja



In meinen Gedichten, schreibe ich mir meine eigene Realität, meine Träume auch wenn sie oft surreal, meistens abstakt wirken. Schreiben bedingt auch meine Sprache, meine Denkmechanismen mein Gefühl für das Jetzt der Zeit.

Ich vernehme mich selbst, ich höre tief in mich rein, bin bei mir, hier und jetzt. Die Sprache ist dabei meine Helfershelferin und Komplizin, wenn es darum geht, mir die Wirklichkeit vom Leib zu halten. Wenn ich mein erzähltes Ich beschreibe, beeinflusse, beschneide, möchte ich begreifen, wissen, welche Ursachen Einflüsse bestimmte Dinge und Menschen auf mein Inneres auf meine Handlung nehmen, wie sie sich integrieren bzw. verworfen werden um mich dennoch im Gleichgewicht halten können.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Erinnerungen" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Norman Dunfield

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Die Rückkehr der Toten (Teil 2) von Norman Dunfield (Horror)
Ein Amerikaner in Paris von Rainer Tiemann (Erinnerungen)
Die Hilfe der Sophie von Pit Staub (Lebensgeschichten & Schicksale)