Sylvia Benedek

Schmetterlinge

Dieser Blick... sie hatte zurück gelächelt, diese blauen Augen, seit wann stand sie auf blaue Augen? Die Fältchen um die Augen, freundlich lächelnd das ganze Gesicht. Und da war es wieder, dieses Ziehen im Bauch, das sie schon verloren geglaubt hatte, mit dem sie sich nicht mehr, nie mehr auseinander setzen wollte und jetzt...

Ein Blick in diese Augen, immer lächelnd, klar, sie mussten miteinander sprechen, gab immer wieder etwas, das besprochen werden musste. Er saß an diesem zentralen Punkt, an dem ein unbemerktes Vorbeikommen nie möglich sein würde. Viel zu zentral dafür. Von Anfang an Sympathie, Freundlichkeit, nichts sonst. Und dann diese Viertelstunde, eine einfache, kleine Viertelstunde zwischen hier und dort. Nebeneinander, eigentlich miteinander arbeitend, es hatte ein kleines Problem gegeben, er der vernünftigste und am leichtesten greifbare Problemlöser, man war nebeneinander gesessen, hatte sich über das gleiche Thema, das gleiche Problem mokiert und dann - ein Blick, ein Ziehen, dieses dumme, Schwierigkeiten verursachende, wunderschöne Ziehen im Bauch. Schmetterlinge waren erwacht. Totgeglaubte Schmetterlinge. Unnötige Schmetterlinge, Riesenprobleme verursachende Schmetterlinge.

Zur Hölle mit diesen Schmetterlingen!!!

 

Eigentlich war sie, ja sie war zufrieden. Eigentlich ging es ihr gut. Eigentlich hatte sie alles, was sie sich wünschte – naja, so ziemlich. Eigentlich...
War sie glücklich? Könnte sie das ehrlich bejahen? Nein, wirklich glücklich, hundertprozentig glücklich war sie nicht, nicht mehr? Oder doch? Erkannte es nicht? War nichts himmelhochjauchzend, aber sie hatte sich gut arrangiert im Miteinander mit ihm, an dessen Seite sie lebte und ja, war wirklich zufrieden mit ihrer Situation. Sie hatte sich gut eingerichtet, war dort, wo sie gerne war und auch sein wollte. Mochte ihn, der an ihrer Seite war. Mochte ihn wirklich gerne und fühlte sich wohl. Sagte: „Ich hab dich lieb“ und meinte es ehrlich. Sagte nie, schon lange nicht mehr: „Ich liebe dich.“ Hatte das nur sehr selten gesagt. Konnte es nicht sagen. Wusste nicht, warum nicht, passte nicht. Passte besser: „Ich hab dich lieb.“ Fühlte sich dennoch wohl mit ihm, wohl bei ihm, wohl beim Sex. Das Leben miteinander funktionierte. Mal besser, mal weniger gut, aber war ok. War nicht alles perfekt, aber wo gab es das schon? Gab schon Punkte, die sie sich anders wünschte und die nie anders werden würden. Gab schon immer wieder auch Konflikte, Meinungen, die so weit auseinander liefen, dass jede Diskussion unnötig war, lieber schweigen, Thema wechseln und ja, manchmal wünschte sie... ja was? Alleine zu sein? Wirklich? Oder waren das nur – Hirngespinste, die in der Theorie besser wirkten, als sie in der Realität je sein könnten?
Und jetzt diese Schmetterlinge.

 

Nichts gegen Schmetterlinge, wunderbare Schmetterlinge, Schmetterlinge, nach denen man sich sehnt. Nur der Mann, der sie verursachte, war der falsche!
Was war gegen den eigenen einzuwenden? Warum gab es da keine Schmetterlinge? Waren sie nur versteckt? Hatten sie sich verkrochen? Waren sie jemals da gewesen? Waren sie den Weg alles Irdischen gegangen? Hatten sie sich im Laufe der Zeit durch die immer wiederkehrenden Krisen in Luft aufgelöst, waren davon geflogen? Gab doch immer wieder schöne Momente, schöne Stunden, schöne Tage. War das Gewöhnung? War da noch Liebe? War da jemals wirkliche Liebe gewesen? Hatte so viele Konflikte und Probleme gegeben. Dennoch. Sie hatte an ihm festgehalten, wollte ihn nie verlieren, wollte bei ihm sein, wollte keinen anderen. War trotz aller Probleme und Konflikte immer wieder da geblieben. Hatte geheiratet, überzeugt geheiratet. Doch Liebe? War so warm bei ihm, wenn alles passte, war schön, bei ihm zu sein. War das die eigentliche, die große, die andauernde Liebe? Kein Verliebtsein, keine Schmetterlinge, aber das Vertraut-Sein, das Sich-Kennen, das Zusammen-Sein. Auch ohne Schmetterlinge. Dennoch…
Jetzt war da dieser Blick – nein, nicht nur einer, mehrere, wiederkehrende, Schmetterlinge verursachende. Gerade jetzt, wo es daheim zu funktionieren schien, wo die Schwere des Hauptkonfliktpunktes hoffentlich endlich erkannt worden war, auch die möglichen Konsequenzen. Was, wenn dieser Konflikt wieder akut würde? Hätte sie noch die Kraft, ihn zu meistern? Wollte sie die Kraft dazu überhaupt haben? Oder würde sie den Schmetterlingen eine Chance geben? Diesen hellen blauen Augen, die noch nie ihren Schönheitsidealen entsprochen hatten, dennoch...
Schmetterlinge im Bauch. Gab es Schöneres? Gab es Verstörenderes? Der Reiz des Neuen, der Reiz des anderen, überhaupt ein Reiz, nicht Gewohnheit, nicht Vertrautheit, nein, Nervenkitzel und ja, auch Gefahr. Die Gefahr sich zu verlieren, die Gefahr, in einen tiefen Graben zu stürzen.

Ruhe bewahren, abwarten und Tee trinken, würde sich ja auch mal wieder verlieren, dieser Schmetterlingsausbruch, „nur net ignoriern“. Dann der Blick zurück, beim Verlassen des Gebäudes. Stand er vielleicht so wie heute Morgen am Fenster und winkte heraus? Nein, zum Glück nicht, würde nur den Schmetterlingsausbruch noch einmal durcheinander wirbeln. War schon schlimm genug. Heute Morgen, das Winken, das Plaudern beim Kopieren, fast schon schäkern, dann weiter in der Kaffeepause, ein bisschen flirten. Blaue, helle blaue Augen. Viel zu hell und viel zu blau. Fältchen drumherum. Groß und schlank der Mann, alt genug, mit vollem grauem Haar, nein meliert war nicht mehr viel. Konnte es bei diesen blauen Augen überhaupt dunkle Haare gegeben haben? Wahrscheinlich nicht, oder? Geschieden war er, Kinder hatte er auch. Wie viele? Keine Ahnung. Ärger mit der Exfrau. Ob es eine neue gab? Viel zu wenig bekannt, noch kaum privat geplaudert. Hatte sich so einfach noch nicht ergeben.

Groß, schlank, Haarfarbe nicht mehr erkennbar. Blaue Augen. Helle blaue Augen. Fältchen drumherum. Lachfältchen. Und der Blick.

Verdammte Schmetterlinge...

 

Zufriedenheit zuhause. Kuschelnd, immer wieder einander drückend, immer wieder einander angreifen, Bussis. Ständig. War immer schon so gewesen. Passte auch, war nichts vorgespielt dabei. War schön. Händchenhaltend durch den Park spazierend, plaudernd, manches besprechend, in wohliger Eintracht. Wollte sie das alles wirklich aufgeben? Nur um den Schmetterlingen nachzugeben? War alles so vertraut, auch viel Alltag dabei. Alltag konnte töten. Alltag konnte man beeinflussen, konnte ihn wieder ein wenig aufpeppen. Aber sicher nicht mit Schmetterlingen. Fremden Schmetterlingen. Schmetterlinge waren gefährlich. Wunderschön, aber gefährlich. Lieber vertraut spazieren, Händchen halten und sich wohl dabei fühlen. Sich dem Vertrauten ergeben, funktionierte ja, gab schöne Momente, gab Wohlfühlmodus, gab auch Gemeinsamkeit, genügend, um ein Zusammenleben zu ermöglichen, auf vertrauten gemeinsamen Wegen.

Wozu Schmetterlinge!

 

Dann wieder der Ärger, dumme, verletzende Äußerungen, Worte, die der Sehnsucht nach Schmetterlingen wieder Nahrung gaben. Rückzug in die eigene Gedankenwelt, Rückzug ins innere Ich, wo sind diese Schmetterlingsgefühle? Sich daran wieder ein wenig hochrappeln.

Nein, das konnte keine Lösung sein! Es war keine Option, zu gehen, sich zu trennen. Das kam einfach nicht in Frage. Schon gar nicht, wenn er sich an die Vereinbarung hielt, der Konfliktpunkt nicht akut wurde. Was wäre die andere Seite? Wie lange blieben Schmetterlinge bestehen? Nur kurz, nur am Anfang und dann... der Alltag käme auch da, falls es überhaupt so weit käme. Nein, hier, wo sie war, war es gut, hier konnte sie sein, auch wenn es manchmal mühsam war, konnte sich doch immer wieder behaupten, immer wieder sie selbst sein, wenn auch manchmal nur mühselig.

Schmetterlinge gehörten ins Reich der Phantasie, ins Reich der Gedanken, durften keine Chance erhalten sich zu manifestieren. Abschied nehmen von Gefühlen, die nie ausgelebt werden durften, wollte man die Gegenwart nicht aufs Spiel setzen. Schmetterlinge wurden überbewertet. Schmetterlinge verblassten. Sie wollte keine Änderung, nicht so. Wollte lieber ihren Alltag, ihn vielleicht ein bisschen hübscher machen, wollte lieber das Vertraute, wollte den, der schon an ihrer Seite war, als alles aufs Spiel setzen. Augen verschließen vor den Schmetterlingen. Zukünftiges Lächeln, miteinander sprechen, miteinander arbeiten ohne Flirtfaktor. Ohne Schmetterlinge.

Adios Schmetterlinge!



 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.03.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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