Heinz-Walter Hoetter

Das Monster ist wieder da

„Ja, ja, die Arbeit. Niemand kann sich ihr entziehen, oder? Vom einfachen Arbeiter, Angestellten, Beamten und Unternehmer bis hin zu den mächtigsten Herrschern dieser Welt. Sie alle müssen jeden Tag ihre Arbeit machen. Habe ich nicht recht, Stella?“

 

Der lange Gang zu den riesigen Fracht- und Lagerhallen, die gleich hinter dem Raumhafen INSPIRION I. lagen, schien einfach kein Ende zu nehmen.

 

Stella Hill ging genervt neben ihrem Kollegen her, dem Gruppenleiter Marc Cliffort und musste sich den unaufhaltsamen Redeschwall von ihm anhören.

 

„Ich hätte doch lieber die Personenbeförderungskabine nehmen sollen“, dachte Stella halblaut vor sich hin und tat so, als ob sie das Gespräch mit Marc Cliffort interessieren würde.

 

„Was hast du gerade gesagt? Ich habe dich nicht verstanden, Stella“, mokierte sich der Gruppenleiter und blieb einfach stehen.

 

Auch Stella hielt abrupt inne.

 

„Ach was, ich habe nur laut gedacht. War nicht so wichtig. Gehen wir lieber weiter, sonst schlagen wir hier noch Wurzeln.“

 

Die Miene Clifforts verzog sich unwillig, er schwieg aber. Dann hustete er ein paar Mal gekünstelt und setzte seinen Weg wieder fort. Die junge Frau zog nach, hielt sich auch weiterhin auf seiner Höhe und hoffte, dass ihr Kollege bald Ruhe geben würde.

 

Ihr war auf einmal warm. Der Geruch irgendeines ätzenden Reinigungsmittels drang in ihre Nase. Die Reinigungs- und Dekontaminationsroboter waren offenbar wieder unterwegs. Außerdem verspürte sie eine leichte Müdigkeit, weil sie in der letzten Nacht schlecht geschlafen hatte und früher zum Dienst angetreten war, als üblich. Dafür gab es einen wichtigen Grund, wie sie wusste.

 

Gerade wollte ihr Gruppenleiter seine Rede fortsetzen, als Stella ihm sofort dazwischenfuhr.

 

„Lieber Marc! Deine philosophischen Allgemeinbetrachtungen in allen Ehren, aber kannst du nicht mal deinen Mund halten?

 

Cliffort blieb abermals stehen und sah Stella jetzt direkt ins Gesicht. Er fragte sich bisweilen, wer hier wohl wessen unmittelbarer Vorgesetzte war. Er oder seine Kollegin hier? Doch Stella war eine bildhübsche junge Frau, noch sehr klug und eigenwillig dazu, die sich nicht so schnell aus der Fassung bringen ließ. Sie verfügte darüber hinaus über eine ziemlich große Portion Selbstbewusstsein, was natürlich bei Männern in der Regel eine gewisse Zurückhaltung auslöste.

 

Trotzdem wollte Marc Cliffort diesmal nicht nachgeben, obwohl er wusste, dass er auch jetzt wieder den Kürzeren ziehen würde.

 

„Was soll das denn schon wieder?“ kam es vorwurfsvoll aus seinem Mund. „Ist irgendwas mit dir, Stella? Mache ich was falsch? Bitte entschuldige, wenn ich dich gelangweilt habe.“

 

„Ich wäre froh, wenn du dich endlich mal auf deine Arbeit konzentrieren würdest..., mehr verlange ich nicht von dir. Wer ist hier eigentlich der Gruppenleiter – du oder ich?“

 

Cliffort blickte etwas pikiert zur Seite und ging ohne ein Wort zu sagen weiter. Stella folgte ihm und sagte ebenfalls nichts mehr.

 

Nach einer Weile betraten sie durch eine kleine Nebenschleuse die riesenhafte Fracht- und Lagerhalle, die heute das Ziel ihrer Inspektionsarbeit war.

 

Die beiden kamen an einer geräumigen Nische vorbei, in der einer dieser robusten Multifunktionsroboter stand. Dieser Robottyp konnte auch als Lade-, Desinfektions- oder Reinigungsroboter in den weitläufigen Lagerhallen eingesetzt werden. Ein Wartungstechniker hantierte in Höhe seines rechten Oberschenkels hinter einer geöffneten Klappe an einer kompliziert aussehenden Elektronik herum. Als er den Gruppenleiter bemerkte drehte er sich schwerfällig herum und musterte Clifforts Uniform der staatlichen Raumfahrtbehörde. Marc und Stella hielten kurz an.

 

„Auf Kontrollgang?“ fragte der Techniker unfreundlich.

 

„Ich suche Morrison. Haben sie ihn gesehen?“ fragte der Gruppenleiter den Mann im eng anliegenden blauen Arbeitsanzug.

 

„Morrison ist wohl nach Hause gegangen. Heute Morgen war er noch da. Er hatte es plötzlich sehr eilig. Seit zwei Wochen redete er nur noch von seiner „neuen Errungenschaft“, wie er sich auszudrücken pflegte. Was er damit meinte, ist mir schleierhaft. Vielleicht hat er ein neues Mädchen kennen gelernt. Wer weiß das schon. Dann würde mich sein seltsames Verhalten nicht mehr wundern.“

 

Der Techniker lachte jetzt schmutzig, drehte sich wieder herum und konzentrierte sich auf seine Arbeit am Roboter.

 

Bevor Marc Cliffort mit seiner Kollegin Stella Hill weiterging, ermahnte er den Techniker, die Lagerhalle rechtzeitig zu verlassen. Wenn erst mal alle Container drin sind, würde die Energiebehörde wenige Sekunden später die Lichter ausschalten, um Strom zu sparen.

 

„Ich weiß Bescheid. Das geht doch hier jeden Tag so. Ich bin sowieso gleich mit dem Auswechseln der Platine fertig. Wenn ihr beide auf mich warten würdet, begleite ich euch bis zur Schleusentür“, sagte der Mann etwas mürrisch, auf dessen Namensschild „J. Smith“ zu lesen war.

 

Ein paar Minuten später gingen sie zu dritt Richtung Ausgang und gelangten an eine große Stahltür, deren Umrisse den Maßen der Laderoboter entsprachen.

 

„Wir sind da“, sagte der Techniker und nahm seine Codekarte aus der Brusttasche. Ein leises Knacken ließ erkennen, dass der Mechanismus der Ausgangsschleuse nun entriegelt war.

 

Cliffort streckte seine Hand aus, um die Tür zu öffnen. Nebenbei bemerkte er, dass der Mann ihm anscheinend noch was sagen wollte.

 

„Was ist?“ fragte der Gruppenleiter den Techniker. „Die Zeit wird knapp. Sie müssen hier raus.“

 

„Keine Panik! Eigentlich wollte ich Sie nur fragen, ob wirklich soviel verschwindet. Na, Sie wissen schon, was ich meine...“

 

Cliffort sah zu seiner Kollegin hinüber, die aber nur mit den Schultern zuckte, sich ganz bewusst zurückhielt und die Ahnungslose spielte.

 

Dann sah er Smith direkt in die Augen.

 

„Wer sagt das?“

 

„Jeder sagt das hier. Ich meine die Sache mit dem geheimnisvollen Energiekristallen. Die Förderung läuft auf Hochtouren, und trotzdem scheint es immer weniger davon zu geben...“

 

„Ich habe ebenfalls davon gehört. Große Mengen des geförderten Energiekristalls verschwinden, aber niemand weiß, wohin. Die beste Gelegenheiten für den Diebstahl der Kristalle wären die Förderstationen auf den Monden selbst oder, was wohl eher unwahrscheinlich ist, nehme ich jetzt mal an, die vielen Fracht- und Lagerterminals hier, für die unsere Teams verantwortlich sind, zu denen Sie ja auch gehören, Mr. Smith.“

 

Der Techniker zuckte plötzlich unwillkürlich zusammen. Cliffort beruhigte ihn gleich.

 

„Es gibt allerdings nicht die kleinsten Anhaltspunkte dafür, dass hier was fehlt. Vielleicht verschwinden die Frachtcontainer von den Transportschiffen während ihres langen Fluges durchs All.“

 

Der Mann nickte heftig mit dem Kopf.

 

„Wir haben hier nichts damit zu tun. Aus diesen Lagerhallen verschwindet nicht ein Gramm von den hier gelagerten Energiekristallen.“

 

"Das glaube ich Ihnen gerne, mein Guter. Dazu wären die Leute aus meiner Abteilung wohl auch nicht fähig. Ich habe großes Vertrauen in meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, auch wenn manche erst seit wenigen Wochen hier arbeiten.“

 

Dabei sah er Stella an, die ihm daraufhin einen bösen Blick entgegen schleuderte.

 

Das Gesicht des Technikers bot nach Clifforts Worten ein Anblick der Erleichterung.

 

„Danke“, erwiderte er, „auf mich können Sie sich immer verlassen. Ich erstatte Ihnen sofort Meldung, sollte ich etwas Auffälliges in dieser Fracht- und Lagerhalle bemerken. Darauf gebe ich Ihnen mein Ehrenwort, Mr. Cliffort.“

 

Der Mann hatte kaum seinen Satz zu Ende gesprochen, da öffnete sich auch schon das schwere Schleusentor. Er huschte durch den sich öffnenden Spalt und verschwand kurz darauf irgendwo auf der anderen Seite im Schatten der hohen Gebäude des Raumflughafens.

 

Marc Cliffort und Stella Hill schauten ihm noch hinterher, bevor sie das Tor wieder mit Unterstützung des hydraulischen Motors schlossen und dann verriegelten. Sie waren jetzt allein in der weiten Fracht- und Lagerhalle.

 

„Hast du genug Energie für die Lampen?“ fragte Stella Hill ihren Kollegen Marc Cliffort.

 

„Keine Sorge“, antwortete der Gruppenleiter knapp, „die Batterien sind randvoll“, sagte er noch und ging zurück in die Halle.

 

Das fahle Licht der weit oben hängenden Beleuchtungsketten, die sich jetzt im Dämmerlichtmodus befanden, tauchte die riesigen Frachtcontainer vor ihnen in einen unwirklichen Schein. Die Laderoboter waren mit ihrer Arbeit fertig und standen wie erstarrte Statuen auf den dafür vorgesehenen Warteplätzen. Nur ihre Augen leuchteten in einem schwachen Rot. Ein Zeichen dafür, dass man sie über Funk abgeschaltet und in den Energiesparmodus versetzt hatte.

 

Zu dieser Zeit herrschte in der kühlen Frachthalle hinter dem gewaltigen Raumflughafen totale Einsamkeit. Unendlich weit schienen die Schritte von Marc und Stella zu hallen.

 

Die explosionssicheren Frachtcontainer waren in zwölf Reihen zu je acht Stück gestaffelt. Obwohl die Halle nur etwa zur Hälfte gefüllt war, versprach es ein gutes Stück Arbeit zu werden, sie alle zu überprüfen.

 

Stella griff seufzend zum Verschluss des Prüfgerätes, das an ihrem breiten Kettengürtel in einer Metallbox hing und das in der Lage war, sehr genau den Inhalt der Container zu analysieren und deren Menge bis auf wenige Gramm Differenz genau zu schätzen.

 

Angesichts des Zeitdrucks überwand sie ihre Unlust und machte sich an die Arbeit. Zusammen mit ihrem Gruppenleiter trat sie an den ersten Großbehälter und richtete das Gerät auf die metallene Außenhaut des Frachtcontainers, dessen Länge an die fünfzig Meter betrug. Seine Breite war mit fünf, seine Höhe mit acht Metern angegeben.

 

Sobald das Prüfgerät damit fertig war, den Inhalt richtig erfasst zu haben, gab es ein akustisches Signal von sich und zeigte auf einem kleinen Monitor die gewonnen Daten an. Gleichzeitig verglich ihr Kollege Cliffort den beim Start von den Monden und bei der Landung eingegebenen Werten mit dem gewonnen Messergebnis vor Ort.

 

Hier beim ersten Container stimmten die Werte, weshalb Marc und Stella gleich weiter zum zweiten gingen. Die gleiche Prozedur wiederholte sich mit nahezu identischen Werten. Wegen der winzigen Gewichtsunterschiede, die durch den Einfluss der unterschiedlich starken Gravitationsfelder der Fördermonde herrührten, von dem Prüfgerät aber zuverlässig umgerechnet bzw. mit einkalkuliert wurden, hatte der Gruppenleiter den Auftrag, nur bei offensichtlich groben Missverhältnissen eine Öffnung des jeweiligen Frachtcontainers durchzuführen.

 

Marc und Stella wollten gerade auf den dritten Container zugehen, als sie plötzlich ein Geräusch hörten. Sie hielten beide inne und lauschten.

 

Wieder hörten sie das Geräusch. Sie konnten sich nicht erklären, woher es kam. Stella schaltete das Prüfgerät ab, als es damit anfing, ununterbrochen nervige Pieptöne von sich zu geben.

 

In der Halle war es auf einmal wieder so still, dass man sogar das leise Brummen der elektrischen Dimmer an der Beleuchtung unter dem hohen Bogendach hören konnte.

 

„Was kann das für ein Geräusch gewesen sein, Stella?“ fragte Cliffort seine Kollegin.

 

„Kann ich nicht sagen. Es ist eigentlich unmöglich, dass sich in der Halle jetzt noch jemand außer uns hier aufhält.“

 

Der Gruppenleiter wurde sich bewusst, dass die Zeit ablief. Er hatte seine Vorgaben und er durfte den Zeitplan nur minimal überschreiten. Cliffort musste sich nun entscheiden, ob er dem vermeintlichen Geräusch nachging oder so schnell wie möglich seine Arbeit zusammen mit seiner Kollegin Stella Hill erledigte.

 

In diesem Augenblick wiederholte sich das Geräusch. Da war also wirklich etwas. Stella befestigte das Prüfgerät wieder an ihrem Gürtel, sah dann mit einem skeptischen Blick auf den Chronometer an ihrem linken Handgelenk und wies Marc darauf hin, dass sie es kaum noch schaffen würden, mit der Inspektion fertig zu werden, wenn sie jetzt nachsehen, was hier los war.

 

„Wir können morgen früh vor Öffnung der Fracht- und Laderäume die restliche Arbeit erledigen“, gab der Gruppenleiter zur Antwort. Seine Kollegin Stella war damit einverstanden.

 

Cliffort lauschte noch einmal nach dem Geräusch, das jetzt wieder in seine Ohren drang. Es kam ihm auf einmal so vor, dass es mehr nach einem schwachen Stöhnen klang. Auch seine Kollegin Hill rührte sich nicht vom Fleck. Vorsichtig machte Cliffort ein paar Schritte mal nach vorne, dann zur Seite und wieder zurück nach hinten, bis er einen weiteren akustischen Anhaltspunkt für die mögliche Richtung bekam, aus der das seltsame Geräusch am deutlichsten zu hören war.

 

Dann gab er seiner Kollegin Stella ein klar sichtbares Handzeichen, dass er jetzt weitergehen wolle.

 

Zusammen bewegten sie sich im Schutz der Frachtcontainer behutsam und lautlos auf das hintere Ende der riesigen Halle zu, das im diffusen Halbdunkel lag. Nur ein paar gelbrote Positionslichter an den hohen Wänden leuchteten die Umgebung schwach aus. Clifforts rechte Hand streifte über die kühle Metallhaut der Container neben ihm, die mit einem Dekontaminationsmittel überspritzt worden waren, was einen weiteren Kühlungseffekt auf der Metalloberfläche zur Folge hatte.

 

Gerade als Marc und Stella vorsichtig die vierte Containerreihe passierten und eine offene Fläche überqueren wollten, vernahmen sie wieder ein stöhnendes Geräusch, das diesmal nur lauter und schmerzvoller klang.

 

Rasch griff der Gruppenleiter nach seiner handlichen Stabtaschenlampe, die an seinem ledernen Schultergurt herunterhing. Er hatte sie gerade von der Halterung gelöst, als sie ihm aus der Hand glitt und mit einem lauten Klappern zu Boden fiel.

 

Mit einer schnellen Bewegung bückte sich Cliffort und tastete den kalten Betonboden nach der Stablampe ab. In diesem Augenblick war das Stöhnen wieder zu hören, aber diesmal schien es näher gekommen zu sein.

 

Clifforts Fingerspitzen jagten jetzt in hitziger Panik über den Boden. Er fing an zu schwitzen und der üble Gestank der Ausdünstungen des Dekontaminierungsmittels machte ihm zu schaffen, das sich wie ein feiner Dunstschleier mehrere Zentimeter hoch über den Hallenboden gelegt hatte. Nur seiner Kollegin Stella Hill schien der Gestank offenbar nichts auszumachen. Er wunderte sich darüber, dachte aber nicht weiter darüber nach. Sie stand noch immer am vierten Container und wartete darauf, dass er die Stablampe endlich finden würde.

 

Da. Seine linke Hand stieß gegen etwas Hartes, das daraufhin noch etwas weiter von ihm weg rollte. Mit hastigen Bewegungen griff Cliffort hinterher und plötzlich schmiegte sich der kalte Stahl der Lampe in seine Hand.

 

Stella verhielt sich weiterhin ruhig. Sie wollte sich anscheinend nicht ehr vom Fleck rühren, bevor Marc den Strahler einschaltete, weil sie sich nur so sicher sein konnte, das sich ihnen nicht irgend etwas genähert hatte. Vielleicht trieb sich doch noch jemand in der Halle herum, der hier nach einer Möglichkeit suchte, an die Energiekristalle zu kommen um sie zu stehlen.

 

Seltsamerweise war jetzt nichts mehr zu hören. Marc ging hinüber zu Stella, die sich eng an seinen Körper schmiegte. Nur mühsam konnte sie ihre Gefühle unter Kontrolle halten.

 

„Verflucht noch mal!“ flüstere ihr Marc leise zu. „In dieser Halle ist irgendwas, und ich hab’ keine Ahnung, was es sein könnte. Es wird wohl besser sein, wir verschwinden von hier und holen Verstärkung.“

 

Stella nickte bestätigend mit dem Kopf und deutete in Richtung des Ausganges, wo sich die schwere Schleusentor befand.

 

Als sich beide gerade umdrehen wollten, begann wieder das schmerzvolle Stöhnen, das sich nach und nach immer mehr in eine schreckliches Gewimmer verwandelte. Nur war es komischerweise weiter entfernt wie vorher. Jedenfalls klang es so.

 

„Wir gehen jetzt, Stella. Bleib’ dicht bei mir und wenn wir an dem Tor sind, deckst du mir den Rücken mit deiner Waffe. Wieder nickte Stella mit dem Kopf. Vorsorglich tastete sie nach ihrer Strahlenwaffe und als sie den schlanken Griff des Handimpulslasers spürte, vermittelte er ihr das wohltuende Gefühl von Sicherheit, obwohl die Anspannung in ihr damit keineswegs abflaute. Jedenfalls würden sie sich notfalls verteidigen können, sollte irgendjemand versuchen, sie anzugreifen.

 

Während Cliffort Stella fest an sich drückte, versuchte er logisch zu denken. Aber in dieser schummrigen Finsternis schienen die chaotischen Gefühle die Kontrolle über seinen Verstand übernommen zu haben. Trotzdem tastete er sich mit seiner Kollegin vorwärts. Er hatte vor, bis zum Ende der belegten Containerstellplätze ohne Licht auszukommen oder es erst dann einzuschalten, bis er genau wusste aus welcher Richtung die Geräusche kamen. Soviel wie er jetzt wusste, wurden sie offenbar von vorne an ihn herangetragen. Also ging er mit Stella zusammen auf die vermeintliche Quelle des Stöhnens zu, die sich irgendwo zwischen ihnen und dem Ausgang befinden musste.

 

Weiterhin vorwärts tastend überwanden sie die leeren Räume zwischen den riesigen Frachtcontainern. Nun standen sie, falls sie sich nicht verzählt hatten, vor dem letzten Container, hinter dem sich der Schleusenausgang befinden musste.

 

Cliffort schob seine Kollegin hinter sich und schaute um die Ecke. In diesem Augenblick waren kurze, schnell aufeinanderfolgende Schreie zu hören, die nur von panischen Versuchen, Luft zu holen, unterbrochen wurden. Dann trat von einer Sekunde auf die andere Stille ein, wie sie unheimlicher nicht sein kann.

 

Marc Cliffort hielt es nicht mehr aus und wollte das Risiko eingehen, den Strahler einzuschalten. Er drückte den Aktivierungsknopf und sofort schoss ein gebündelter Lichtstrahl aus dem breiten Kopfende der Stablampe. Vorsichtig leuchtete er um die Ecke des Containers. Er wusste nicht, was ihn dort erwartete. Er folgte jetzt mit seinen Blicken dem hellen Lichtkegel seiner Lampe, der gerade über einen Schrotthaufen aus irgendwelchen Metallresten wanderte. Von dort aus mussten die Schreie gekommen sein. Marc leuchtete in den Schrottstapel hinein, in dem sich einige abgeschnittene Stahlträger befanden, die kreuz und quer übereinander lagen und kleine Hohlräume bildeten.

 

Plötzlich sah er etwas. Der Lichtkegel seiner Stablampe huschte zurück auf eine Stelle, wo sich scheinbar noch etwas bewegte. Widerwillig lenkte Marc den Strahl seiner Lampe auf einen unnatürlich daliegenden Körper, dessen blutiger Kopf aus dem Metallgewirr heraushing.

 

„Ich habe etwas in dem Schrotthaufen liegen sehen. Vielleicht ist jemand verletzt, Stella. Nimm deine Strahlenwaffe in die Hand und bleib ein paar Schritte hinter mir. Sollte dir oder mir irgendwelche Gefahren drohen, dann zögere nicht abzudrücken. Ich gehe jetzt auf den Schrotthaufen zu und vergewissere mich, ob jemand dort vielleicht dringend Hilfe braucht oder nicht.“

 

„Sei vorsichtig, Marc. Wer weiß, was da zwischen den Metallresten liegt. Wir sollten lieber jetzt gleich Hilfe holen, bevor noch Schlimmeres passiert.“

 

„Trotzdem Stella, vorher möchte ich mich selbst davon überzeugen, was da los ist. Hilfe kann ich dann immer noch holen. Also..., ich gehe jetzt. Bleib’ mit deiner Waffe dicht hinter mir.“

 

Als Cliffort keine fünf Meter vor einem Gewirr aus allen möglichen Metallteilen stand, sah er einen Mann auf einem der wuchtigen Stahlträger liegen. Sein Körper war unnatürlich verkrümmt und an einigen Stellen hatte er tiefe Fleischwunden, sodass man teilweise die nackten Knochen erkennen konnte. Scheinbar hatte sich der Unglückliche noch bis dorthin geschleppt und sich bemerkbar machen wollen.

 

Von Ekel ergriffen lenkte Cliffort den Lichtstrahl von den Stiefeln aufwärts, der gerade auf dem blutigen Brustkorb ein Namensschild passierte auf dem „Morrison“ stand, und dann war ihm plötzlich so, als führe ein heftiger Schlag durch seine Glieder, als er in das Gesicht des Mannes leuchtete.

 

Das gesamte Gesicht war hässlich aufgequollen. Der Hals war mit Blut verschmiert und an einigen stellen waren offensichtlich Adern geplatzt, so dass sich große Hämatome unter der Haut gebildet hatten. Seine Augen waren blutrot unterlaufen und aus den Augenhöhlen getreten. Es sah fast so aus, als hätte man Morrison brutal gewürgt. Erschüttert wandte sich Cliffort von dem Mann ab, der bis vor wenigen Sekunden noch gelebt haben muss, da immer noch frisches Blut aus seinen schrecklichen Wunden floss.

 

Als Cliffort sich umdrehte, stand plötzlich Stella hinter ihm und hielt ihm die Laserpistole direkt ins Gesicht. Er erschrak so heftig, dass sein Hals trocken wurde, und er nach Luft schnappen musste.

 

„Was soll das denn, Stella? Lass’ diesen Unsinn! Willst du mich damit umbringen?“ stotterte der Gruppenleiter fassungslos vor Angst.

 

Cliffort trat instinktiv einen Schritt zurück. Stella folgte ihm wortlos mit erhobener Waffe. Ihr Gesicht sah aschfahl aus und machte einen verzerrten Eindruck auf ihn.

 

Er schluckte und spürte, wie sich seine Speiseröhre zusammenzog, als bekäme er einen Krampf. Die Furcht wuchs bei ihm ins Bodenlose. Die ganze Situation hatte etwas Unwirkliches an sich; etwas, das nicht hierher passte, weil dies die Realität war und kein Platz für Anormales zuließ.

 

Doch der nächste Schock ließ nicht lange auf sich warten. Marc Cliffort erschrak bis in seine Eingeweide. Er wollte weglaufen, doch seine Beine schienen seinem Wollen nicht zu folgen.

 

Stella, seine bildhübsche Kollegin, verwandelte sich schrittweise, fast wie in Zeitlupe, in eine schrecklich aussehende Echsen artige Kreatur mit riesigen Reißzähnen und grüner Schuppenhaut. Im nächsten Augenblick spie das Ungeheuer eine schwarze Flüssigkeit aus, die Cliffort mitten ins erschreckte totenblasse Gesicht traf. Er wollte noch schreien, brachte aber kein Ton mehr über die Lippen. Dann fiel er wie vom Blitz getroffen zu Boden, wo er zuckend nach wenigen Sekunden starb.

 

Das Monster grunzte zufrieden, als es die Leiche des Gruppenleiters gierig in Stücke riss und genüsslich bis auf die Knochen verspeiste. Dann war Morrisons Kadaver an der Reihe, den die Bestie in Gestalt von Stella Hill im Schrotthaufen versteckt hatte, als ein Wartungstechniker überraschend die Halle betrat und sie bei dem Versuch störte, Morrison zu töten um ihn zu fressen.

 

Eine neue Chance erhielt die schreckliche Kreatur, als sie in Gestalt von Stella Hill zusammen mit Marc Cliffort in die Fracht- und Ladehalle dienstlich zurückkehren konnte. Während die Roboter in der Fracht- und Lagerhalle arbeiteten, war jeder Zutritt für menschliches Personal strengstens verboten. Es bestand Lebensgefahr. Nur nach Arbeitsende und bei Wartungsarbeiten, wenn sie sich im Ruhemodus befanden, konnte man die Halle gefahrlos betreten. Und so kam es, dass schließlich das Ungeheuer alleine mit seinen beiden Opfern war, die in dieser Situation dem Monster hilflos ausgeliefert waren.

 

Als die Echsen artige Kreatur ihre Fressorgie endlich beendet hatte, materialisierte plötzlich zwischen den blutverschmierten Klauen ein silbrig glänzender Gegenstand, der aussah wie ein Bumerang. Wenig später drückte sie einige rot leuchtende, kryptische Zeichen auf der metallenen Oberfläche und im gleichen Moment war die blutrünstige Gestalt im Nichts verschwunden, als hätte es sie nie gegeben. Zurück blieb ein Ort des Grauens.

 

 

***

 

Unter den wenigen Passagieren eines gewaltigen interstellaren Großraumfrachters befand sich auch ein hager aussehender Mann in einer schwarzen Raumfahreruniform. In seiner rechten Hand hielt er ein silbrig glänzendes Artefakt, das aussah wie ein Bumerang. Der weite Flug durchs All ging zur Erde.

 

„Persönliches Eigentum“ stand als amtlicher Vermerk auf einem kleinen ovalen Zettel, den eine freundliche Stewardess der intergalaktischen Transportgesellschaft auf den Bumerang ähnlichen Gegenstand aufgeklebt hatte.

 

Als der Mann in seiner Passagierkabine angekommen war, legte er die Rückenlehne seines bequemen Sitzplatzes zurück und verdunkelte den kleinen Raum, um sich vor fremden Blicken zu schützen.

 

Nach einer Weile war er eingeschlafen und manchmal war es so, als würde sich sein menschlich aussehender Körper, wenngleich auch unmerklich für wenige Sekundenbruchteile nur, in die hässliche Gestalt eines Echsen artigen Monsters verwandeln.

 

ENDE

 

© Heinz-Walter Hoetter

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.03.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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