Norman Dunfield

Da gab es auch noch Tante Elli

Tante Elli war die Schwester von meinem Opa und eine bekennende Kunsthonigbrötchenesserin.
Sie wohnte ebenfalls bei uns im Haus. Ihre frömmelnde und knöcherige Art hatte dazu beigetragen,
dass sich niemals ein Mann für sie interessierte. Meine Oma sagte immer "Die alte Jungfer" oder
"Das lange Elend". Das herzliche Verhältnis der beiden hielt sich in überschaubaren Grenzen.

Jeden Samstag schritt Tante Elli zum Zeremoniell der Waschung. Dazu stieg sie in eine
alte graue Zinkwanne, die bei uns in der Waschküche stand. Das heiße Wasser bereitete
sie sich vorher im Waschbottich zu und schöpfte es dann in ihr Reinigungs-Utensil. Anstatt
der damals üblichen Fichtennadel-Badetabletten benutzte sie flüssige Schmierseife. Hinterher
roch sie immer wie eine frisch geputzte Kellertreppe. Das Fenster der Waschküche ließ sie stets
einen Spalt geöffnet. Dahinter spannte sie dann eine Schnur mit einem alten Laken als Sichtschutz.
Schließlich hätte es sonst passieren können, dass ihr ein Spanner aus der Nachbarschaft einen
Heiratsantrag macht.

Als ich während einer solchen Badeaktion wieder einmal in unserem Garten unterwegs war,
fing ich dort eine recht große Ringelnatter, die sich auf einem Stein sonnte. Ohne Schlange
ist das Paradies schließlich nur halb so schön. Ich schob das Tier unter der Waschküchentür
hindurch und...;
...Riesentheater, so richtig Achterbahn. Tante Elli war vor Schreck mitsamt ihrer Zinkwanne
umgekippt. Die Mäuse im Kellerflur trugen Schwimmflügel und mein Opa hatte das Gefühl,
mich beschimpfen zu müssen; aber auch das habe ich überlebt. Etwas später war die Wanne
wieder aufgestellt und ich durfte beim Aufwischen des Bodens helfen.

Nach dem Bad wickelte Tante Elli ihre alte Haut in ein riesiges Badetuch und ging dann in
ihre Wohnung. Sie knüpfte ihr langes graues Haar zu einem riesigen Knoten zusammen und
verwöhnte ihre Körper mit billigem Lavendelduft, um den Geruch der Schmierseife zu überdecken.
Dann rührte sie einen Teig an, um Eiserwaffeln zu backen. Diese wurden zuerst gerollt und
anschließend mit Schlagsahne gefüllt. Die Sahne wurde vorher mit Vanillienzucker gesüßt.
Ich wurde regelmäßig zu diesem Schmaus von ihr eingeladen. Daran konnte auch eine
Ringelnatter nichts ändern. Allerdings musste ich mir nach dem Tischgebet solche heißen
Schallplatten wie "Gerade Du brauchst Jesus, bekenne Dich zu ihm" anhören. Die Melodie
werde ich niemals vergessen, und auch der knackige Schlafwagen-Sound klingelt mir heute noch
in den Ohren.

Tante Elli starb, als ich 8 Jahre alt war. Danach habe ich annähernd alle kulinarischen
Köstlichkeiten der Welt genossen. Nur die selbstgemachten Eiserwaffeln blieben mir seit
damals versagt, und das ist immerhin über 50 Jahre her.

Übrigens...
...wurde die alte Zink-Badewanne nach Tante Elli's Tod entsorgt, damit es im Himmel nicht
zu irgendwelchen Bade-Unfällen kommt.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.03.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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